Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Seite 391 Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. Hilfsprediger wählen. Ueber einen conservativen Rabbiner hat sie sich in vier Jahren nicht einigen können. Doch den „liberalen" hat sie gefunden: Sie hat mit vier gegen drei Stimmen beschlossen, Herrn Dr. Warschauer als Hilfsprediger und Leiter einer Gemeindereligionsschule in Vorschlag zu bringen. Herr Warschauer könnte in jeder freireligiösen Gemeinde Sprecher werden. Mit dieser Wahl würden die „Liberalen" die jetzt in der Gemeinde herrschen und ein vollständiges Cliquenregiment führen, ihre wirklichen Absichten demaskiren. Die Gemeinde wird sich das nicht in allen Theilen gefallen lassen, sondern sich zur Wehre setzen. Das Cliquenregiment offenbart sich auch äußerlich ohne alle Scheu. Vor jeder Repräsentantensitzung versammeln sich die liberalen Repräsentanten und beschließen über ihre Abstimmungen. Die Verabredungen und Vorschläge der Ausschüsse spielen dabei keine Rolle, finden keine Berücksichtigung. So war es beispielsweise auch heute: In das Curatorium des Waisenhauses sollte ein Mitglied delegirt werden. Es ist seit je Brauch, einen Arzt zu delegiren. Da Professor L e w i n die Mitgliedschaft niedergelegt hatte, empfahl die vorberathende Commission den Professor B a g i n s k i. Die Liberalen aber verabredeten sich in aller Stille, ihre Stimmen nicht dem conservativen Professor B ag i n s k i, sondern dem radicalen Oberlehrer Professor B l a s ch k e zu geben. Und so geschah es. Ein solches Verfahren kann nicht dauern, ohne eine starke Reaction hervorzurufen. Wenn nichts sonst hilft, so wird man dazu greifen müssen, die Berliner Gemeinde, die territorial über die Grenzen Berlins weit hinausgeht, territorial abzugrenzen. Die Handhaben dazu sind vorhanden. Die Algierer Judenfragc vor -er Kammer. Paris, 15. Mai. Die seit Monaten erwartete, aber stets aufgeschobene Debatte über die Judenfrage in Algier hat endlich am letzten Dienstag begonnen. Der Soeialist R o u a n e t und der radicale frühere Arbeitsminister Barth ou waren es, die auf die Eröffnung einer Discusfion über ihre Interpellation gedrungen haben, und die antisemitischen Deputirtcn verschiedener Couleurs D r u m o n t, M o r i n a u d, Firmin F a u r e und L a s i e s haben sich beeilt, auch ihrerseits Interpellationen nachzutragen, von denen sie selbst für sich nicht viel erwarten. Denn Rouauet, der sich trotz seines schweren Leidens schon unzählige Male aus Toulouse fpeciell für den Tag der Debatte hergeschleppt hat, verfügt über ein sehr interessantes Material, das die ganze Verworfenheit der antisemitischen Hetze in Algier illustrirt. Barth ou^hat schon im Februar 1868, anläßlich der Algier-Debatte die Antisemiten gehörig abgeführt. D r umont holte sich bei der letzten Debatte im Dezember 1898 sehr wenig Lorbeeren und bleibt auf der Tribüne eine komische Figur. Sonst ist er auch wenig siegesbewußt, denn die fortwährenden Vertagungswünsche des zweideutigen Dupuy fanden stets bei ihm und seinen Genossen die eifrigste Unterstützung. Nun hat die Debatte am Montag begonnen und sie dürfte noch die ganze nächste Woche ausfüllen. Alle Blätter, besonders die ernsten, veröffentlichen eingehende Betrachtungen über die Verhältnisse in Algier, die nicht mehr eine Juden frage, sondern eine französische Frage bilden. Die Lage der Juden in Algier, das geben die meisten Blätter zu, ist eiue unhaltbare, sie ist geradezu eine Schmach für Frankreich. Die reichen Juden sind bereits fort und es blieb nur das Proletariat, das boycottirt und brutalisirt wird. Die „Aurore" citirt eine Reihe von Anzeigen aus antisemitischen Zeitungen, in denen alle Christen, die bei Juden kaufen oder jüdische Arbeitskräfte beschäftigen, unter Angabe ihrer vollen Wohnungsadresse denuncirt und „vorläufig^ verwarnt werden. Der „R a p p e l" gibt folgende Statistik der Juden in Algier: „Gegenwärtig gibt es dort ungefähr 55.000 Juden. Darunter finden wir keine zehn Millionäre und keine sechs Großrealitätenbesitzer, sondern höchstens 3000 wohlhabende Familien, d. h. solche, deren Oberhaupt 5—6 Francs täglich verdient, die Uebrigen leben, wovon sie nur können, zumeist auf Kosten der Wohlthätigkeitsanstalten". Ein soeben erschienenes Bullft) vom Advocaten L 6 v y bringt noch weit ausführlichere Daten als Belege, daß unter den Juden in Algier Noth und Elend herrschen, daß die reichen Juden längst das Land verlassen haben und nur das Proletariat zurückgeblieben ist, das lediglich von seiner Hände Arbeit lebt und nunmehr ausgehungert und noch obendrein am Leben bedroht wird. Nach den Mittheiluugen L 6 v t/s sind unter der jüdischen Bevölkerung : 2 Percent reich, d. h. Besitzer eines arbeitslosen Einkommens; 30 Percent „wohlhabend", d. h. die durch ihre Arbeit mindestens 1 Franc täglich verdienen, aber 58 Percent a r m, und darunter 80 Percent, d i e n u r v o n U n t e r st ü tz n n g e n lebe n. Ihrer Beschäftigung nach sind: 7 Percent Kaufleute, davon 2 Percent Exporteure, 5 Percent Angestellte, 5 Percent Dienstboten, 15 Percent Arbeiter. Und gerade gegen diese Leute von Beruf richtet sich der ganze Ingrimm der Algierer Antisemiten. Wer sind denn diese Leute? Sie sind zumeist selbst keine Franzosen. Eine neue Race wächst jetzt in Algier auf, die eine Mischung von Einwanderern aus Italien, Spanien und. Malta mit Sen Franzosen soviel gemein haben, wie die Cubaner mit den Spaniern. Die Statistik der Einwohner von Algier beweist dies am besten. Die Bevölkerung besteht aus: Einheimischen (Arabern). 3,797.769 Juden. 55.000 Franzosen. 355.600 Fremden. 211.100 Ein solcher Fremdling ist beispielsweise R 6 g i s Milano, der Hanpthetzer gegen die Juden, der von italienischer Abstammung ist. Hinter der Judenhetze steckt also viel mehr; es ist das Bestreben der L o s t r e u n u n g von Frankreich, nachdem die Juden die Vertreter des französischen Regimes, ans dem Lande verdrängt oder zumindest ihrer politischen Rechte beraubt werden. Denn das ceterum censeo der algerischen Antisemiten ist stets: Aufhebung des Decret Cremieux vom Jahre 1870, womit die Juden die politische Emancipation erhalten haben. Ob es dazu kommen wird, ist sehr zweifelhaft. Die Antisemiten nehmen den Mund sehr voll, aber das energische Eingreifen der Regierung, die sich endlich aufrafft und jetzt R e g i s in Haft hält, hat sie doch kleinlaut gemacht. Auch scheinen ihnen die Dinge, die sie von Rouanet zu hören bekommen werden, nicht sehr angenehm zu sein. Tenn er wird ihren Terrorismus rücksichtslos brandmarken. Was das Ende der Debatte sein wird, läßt sich eigentlich schon heute sagen: die Einsetzung einer E n q u c* t e. Vor Beginn der Montagssitzung haben nämlich die Deputirten La Porte und B 6 r a r d einen solchen Antrag gestellt und Ministerpräsident Dupuy hat sofort seine Bereitwilligkeit erklärt, diese Enqmte durchzuführen, falls sich die Kammer nach Schluß der Debatte dafür aussprechen sollte. Es wird aber noch vieles abhängen von der Zusammensetzung dieser Enqrwte-Commission, die aus 22 Mitgliedern bestehen soll. Tie Erceffe in Nikolajew. Wien, 15. Mai. Ueber die am g r i e ch i s ch e n O st e r m o n t a g in N i k o l a j e w stattgehabte Judenverfolgung liegt in den heute hier eingetroffenen „Petersburgskija Wjedomosti" der erste ausführliche Bericht vor. Wenn auch die russischen *) L e s Juifs en Algerie par Rene Lev y, Ancien Advocat ä Constantine, Paris 1899.