Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Eeüe 388 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 20 sich daselbst nebst dem Vorstande und den Mitgliedern des Vereines auch der Oberrabbiner Dr. Güdemann, die Vorstandsmitglieder der israelitischen Cultus gemeinde, Vicepräsident Dr. Alfred Stern, Baurath R. v. Goldschmidt, Dr. Berger, R. v. Mises, Bezirksschulrats Dr. Spitzer, der Secretär kaiserlicher Rath Dr. Lieben, die Vorstandsmitglieder der verschiedenen israelitischen Wohlthätigkeitsvereine, insbesondere aber die der Frauenvereine, des Fcauenhort, des Lehrmädchenhort, des Handwerkervereines, des Vereines für Arbeitsnachweis, der B'nai Brith rc. :c. eingefunden. Der Präsident Baurath W. Stiaßny begrüßte die Versammlung, dankte insbesondere der Cultusgemeinde und den Delegirten der Vereine für ihre lebhafte Theilnahme und gab die brieflichen und telegraphischen Glückwunschkundgebungen, darunter auch die des Präsidenten Klinger bekannt. Hierauf hielt er die Festrede, in welcher er mit außerordentlicher Belesenheit und Sachkenntniß unter Anführung der interessantesten Details ausführte, wie sehr die Arbeit unter den Juden geschätzt war, deren namhafteste Gelehrte Handwerker waren. Wenn man die Arbeit schätze, müsse man auch den Stand er, halten, und namentlich jetzt müsse der unter der Ungunst der Zeiten so schwer leidende Stand der israelitischen Handwerker und Gewerbetreibenden mit allem Nachdruck aufrecht erhalten werden. Es gelte nicht, Almosen zu geben, sondern die Erhaltung der Erwerbsähigkeit, die der Moral und der Humanität am meisten entsprechende Form der Unterstützung. Dieser Aufgabe werde der Verein allezeit dienen, und er bitte daher die Vereinsmitglieder, treu auszuharren, und die Glaubensgenossen bitte er, sich in möglichst großer Zahl dem Vereine anzuschließen. (Lebhafter Beifall.) Oberrabbiner Dr. Güdemann — mit anhaltendem Beifall begrüßt — gab in geistreicher Weise eine biblische Exegese über die Arbeit und pries in trefflichen Worten das Wirken des Vereines, dem er das beste Gedeihen wünschte. Der Schriftführer Dr. B<lla T a u s s i g verlas den Geschäftsbericht über das zehnjährige Wirken und erläuterte die Thätigkeit des Vereines, der sich nun das weitere Ziel setze, im Vereine mit dem B'nai Brith einen unentgeltlichen Arbeitsnachweis ins Leben zu rufen, dessen eifrigste Förderung und Benützung er allen Anwesenden ans Herz legte. (Beifall.) Anknüpfend an den Jahresbericht drückte der Vicepräsident der israelitischen Cultusgemeinde Dr. Alfred Stern dem Vereine die vollste Anerkennung aus und begrüßte besonders beifällig die Organisirung des Arbeitsnachweises, der unter den jetzigen Verhältnissen eine unentbehrliche. Institution sei, welche eine allseitige Förderung verdiene. (Beifall.) Auf Antrag des Herrn Obmannes des Vereines zur Förderung der Gewerbe, S. B r o d, wurde der Bericht zustimmend zur Kenntniß genommen und nach dem Bortrage des Berichtes drr Censoren durch Herrn Steiner von der Versammlung das Absolutorium ertheilt. Oberbourath S. T a u s s i g widmete den vielfachen Verdiensten des Präsidenten Baurath Stiaßny anerkennende Worte und hob dessen unermüdliche aufopferungsvolle Thätigkeit seit Begründung drs Vereines hervor, worauf er mit dem Wunsche schloß, daß diese unersetzliche Arbeitskraft dem Vereine noch lange Jahre erhalten bleibe. Ebenso gedachte er in sympathischer Weise der Förderung, welche die Vereinsthätigkeit durch die Gattin des Präsidenten Frau Julie Stiaßny erfahre. Seinen Dankesworten gab die Versammlung durch lebhafte Zurufe einmüthige Zustimmung. Nachdem noch der besonderen Verdienste gedacht war, welche sich Herr Bernhard Kohn s. A. um den Verein erworben und das Beileid über den Tod der Ehrenmitglieder, Stifter, Gründer und Mitglieder durch Erhebenvon den Sitzen ausgedrückt worden war, wurde der von Herrn Steiner vorgetragene Bericht der Censoren einstimmig genehmigt. Dann hielt kaiserlicher Rath Johann L i ch t e n st a d t einen Bortrag über verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten in ftemden Ländern, namentlich solcher, die auf Hebung von Moral und Arbeit abzielen. Er erwähnte, daß auch hier solche Vereine bestehen, wie der israelitische Handwerker-Verein, der Verein zur Hebung der Gewerbe, der Frauenhort, die Frauenvereine, der Mädchen-Unterstützungsverein, das Ferienheim, der Lehrmädchenhort. Alle diese Vereine machen sich die Förderung der Erwerbsfähigkeit zur Aufgabe. Es fehlte, nur sie auszubauen und zu vervollkommnen, indem ihnen noch Institutionen angegliedert werden, welche die Arbeitsgelegenheit fördern. Eine solche Institution werde der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis sein, deffen Unterstützung er den Anwesenden wärmstens an-- empfehle. Er führte dann als Beispiele werkthätiger Unterstützung, der Arbeitsgelegenheit die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, die Einrichtung von Arbeitercylonien, die Hebung des landwirthschaftlichen Unterrichtes die Fürsorge für Frauen und Mädchen an, um ihnen Schutz und Hilfe angedeihen zu lassen und trat mit Eifer für ein concentrisches Vorgehen ein. Lebhafter Beifall folgte seinem Vortrage. Schließlich wurde die Wahl der Vorstandsleitung vorgenommen, der nun wieder die Herren Baurath Wilhelm Stiaßny als Präsident, Oberbaurath Hafenbaudirector Sigmund T a u s s i g und Advocat Dr. Arthur K u r a n d a als Vice-Präsidenten, Alfred P o l l a k Ritter v. R u d i n als Rechnungsführer, Dr. Bela T a u s s i g als Schriftführer und als Vorstandsmitglieder die Herren Max Fleischer, Gustav Frankl, Philipp Frankl, Maurice G r u b e r, kaiserlicher Rath Moriz Hirsch, Emil Horner, Emil Jelinek, Ignaz Zolles, Jacob Kann, Sal. Kohn berge r, kaiserlicher Rath Joh. Lichten st adt, Commercialrath Alois Reich und Gemeinderath Karl Tagleicht angehören. Ein gemeinschaftliches Abendessen vereinigte später einen Theil der Gesellschaft im Restaurant K h u n e r bis zur Mitternachtsstunde in froher Stimmung. PräsiAit Stiaßny toastirte auf die Mitglieder und Gäste des Vereines. Dr. Josef Bloch, Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", hielt eine vortreffliche Ansprache, in welcher er „Arbeit und Liebe" in humorvoller Weise zum Gegenstände seiner Auseinandersetzung machte. Es folgten dann noch Toaste von Herrn B r o d auf die Frauen und von der Vorsteherin des Vereines im VIII. Bezirke, Frau Julie Beck, auf den Präsidenten. Mit dem Wunsche, daß auch das 25jährige Vereinsjubiläum alle anwesenden Mitglieder vereinige, schloß der Präsident Stiaßny das Fest. * Wien. Drei sensationelle Morde beschäftigten durch die Brutalität ihrer Ausführung die Oeffentlichkeit in den letzten Tagen: Die Ermordung einer Prostituirten auf der Landstraße, die Schändung und Tödtung eines Kindes auf dem Salzburger Friedhofe und die Tödtung eines Beamten durch einen zur Waffenübung eingerückten Reservisten. In diesen drei Fällen waren die Thäter ihres Zeichens Fleischhauer. Dieser Umstand erinnert mich an Ausführungen, die ich seinerzeit von Herrn Lector M. Friedmann hörte und welche sich auf den Vergleich eines gewöhnlichen Metzgers mit dem jüdischen Schächter bezogen. Man sehe sich doch nur diese Fleischerknechte an, wenn sie mit ihrem Wägelchen durch die Straßen rasen! Starke Leidenschaft und Roheit ist bei den meisten ausgeprägt. Man weicht ihnen gerne aus. schreibt ihre Gemüthsart dem blutigen Handwerke zu und entschuldigt sie damit. Wieso kommt es aber, daß der jüdische Schächter, der dasselbe Metier betreibt, ganz, anders geartet ist? Hier findet man keine Spur von Gewaltthätigkeit; der jüdische Schächter zeichnet sich vielmehr meistens durch außerordentliche Herzensgüte aus, durch Führung eines streng moralischen Lebenswandels, zu dem er verpflichtet ist, er ist ein musterhafter Familienvater, oft ein stiller Wohlthäter und überrascht sogar manchmal durch große Gelehrsamkeit. Woher kommt dieser Unterschied? Die jüdischen Ritualvorschriften, welche den Genuß des Thierblutes mit den schärfsten Strafen belegten, größte Schonung für das Thier geboten, haben auch Rücksicht darauf genommen, daß das weiche jüdische Herz durch: die nothwendige Tödtung der zum Genüsse bestimmten .Thierenicht verrohe. Das jüdische Kind durfte es nicht vor sich sehen, daß die. Mutter, welche für den Juden die Verkörperung aller Herzenstugenden ist, Blut vergießt, daß sie, wie bei anderen Völkern, anderen Lebewesen, einer Taube, einem Huhn, den Tod gibt. Die Tödtung der Thiere mußte stets von dazu bestimmten und dafür geschulten Personen vollzogen werden. Und wie schützte man diese Leute, die sich mit Blutvergießen beschäftigen mußten, vor der Verrohung? Dadurch, daßman ihnen strenge Moral zur Pflicht machte, dadurch, daß jeder Verstoß gegen die Sittlichkeit sie für ihren Beruf untauglich machte, dadurch, daß man von ihnen Kenntniß aller einschlägigen Vorschriften verlangt, Kenntnisse, welche langes, ernstes Studium und große Intelligenz vvraussetzten, dadurch endlich, daß die Religion die Tödtung der Thiere von einem höheren Gesichtspunkte betrachtete. Die jüdische Religion, welche die Tödtung der Thiere wohl am liebsten ganz verboten hätte, wenn die Ausführung möglich gewesen wäre, stellt sie als