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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-19 · 20 (19.5.1899) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
20 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 386 Vr. Bloch's Wochenschrift» 2h. 20 am k. k. Taubstummeninstitute in Wien, Dr. F. H. C z e ch. und schon nach einer kurzen Unterredung war dieser in der Lage, Deutsch „als einen von Gott zu diesem Lehramte berufenen Mann" zu bezeichnen. Bon C z e ch erhielt Deutsch eine allerdings nur oberflächliche Anleitung für den Taubstummenunterricht. Was Deutsch aber in der Folge geleistet hat, das verdankt er keinem Vorbilde, das hat er vielmehr aus seinem reichen Innern geschöpft. Die Methode, die Deutsch von allem Anfänge an wählte, und die er in der vollen Ueberzeugung von ihrer Richtigkeit oder Zweckmäßigkeit mit Consequenz festhielt, war jene, welche Samuel H e i n i ck e im letzten Viertel des XVIII. Jahrhunderts und, soweit sich auch aus manchen schriftlichen AUttheilungen erkennen läßt, unser Glaubensgenosie Jrcob Rodriguez Per ei re schon im XVII. Jahrhundert in Anwendung brachte. Es ist die Methode, die man heute „die deutsche" nennt, und welcher die fast gleichzeitig von Abbe <lr l'Epee geübte „französische Methode" gegenübersteht. Die beiden Methoden unterscheiden sich darin, daß nach der ersteren, mit Ausschluß der Geberdensprache, die Lautsprache nicht blos Unterrichtsgegenstand, sondern auch Unterrichtssprache ist, während nach der letzteren die Wortsprache ausschließlich durch die Schrift gelehrt wird, der Geberdensprache aber die Bedeutung als Unterrichtssprache zukommt und, soweit cs die Aufgabe erheischt, die sie zu erfüllen hat, auch einen Unterrichtsgegenstand bilden muß. Es ist selbstverständlich, daß die für den Taubstummenunterricht epochemachende Neuerung Heinicke's — das vermuthlich ähnliche Verfahren Pereire's war durch dessen eigene Schuld in Vergessenheit gerathen — an den Taubstummenanstalten, die allmälig entstanden, nicht unbemerkt vorübergehen konnte, allein der Gegensatz zwischen den beiden Methoden war ein zu gewaltiger, als daß zaghafte Geister den Uebergang von der bekannteren und leichteren „französischen Methode" zur „deutschen" gewagt hätten. So bildete sich eine gemischte Methode, die sogenannte „Wiener Schule", die im k. k. Tanbstummeninstitute in Wien ihren Ursprung hatte, und von hier aus allmälig in österreichische und deutsche Anstalten überging. Die erste Anstalt in Oesterreich nun, in welcher die „deutsche Methode", auch „Laütsprach-Methode" genannt, in ihrer vollen Reinheit zur Anwendung gelangte, war das israelitische Taubstummeninstitut, und der Mann, der mit zielbewußter Energie diesen kühnen Schritt unternommen und sich hiedurch unvergängliche Verdienste um das Taubstummenbildungswesen in Oesterreich erworben hat, war Deutsch. Im Wiener Jahrbuche für Israeliten, 1. Jahrgang, 1854, spricht er sich über die leitenden Grundsätze wie über das Verfahren, das er von allem Anfänge an eingeschlagen hatte, in folgender Weise aus: „DieGrundsätze der Taubstummenbildung fordern Einfachheit, naturgemäße Entwicklung, Entfernung alles Künstlichen, was den Taubstummen mehr für die Schule als für das Leben bildet. So werden in dem hiesigen Institute das Handalphabet (Fingersprache), die künstliche Mimik und Gederdensp rache ausgesch lasse n". Die gewählte Methode reifte die herrlichsten Früchte. Neidlos wurde dies auch von Fachgenossen anerkannt. So rühmt der erwähnte Czech in einem „Zeugnisse" vom 7. Jänner 1845 „das rasche Fortschreiten der Zöglinge in der Bildung bei der unermüdeten Thätigkeit und dem zweckmäßigen Verfahren ihres Lehrers I. Deutsch". Rühmlicher noch ist das Urtheil, das der hervorragende und einsichtsvolle Lehrer am k. k. Taubstummeninstitute, I. B. F i s ch b a ch, über die Leistungen Deutsch' fällte, und bemerkenswert sind die Schlußfolgerungen, die er aus denselben zog. Er sagt: „Ist solch' ein Resultat, klar und unbestreitbar, wie es vorliegt, nicht eine wahre Ironie auf den, man sollte es kaum glauben, sich noch in unseren Tagen mit einer gewissen Selbstgefälligkeit geltend machenden Grundsatz, daß der Taubstumme nur durch die Geberdensprache deutliche Begriffe erlangen könne, und daß ohne diese an einen gedeihlichen Unterricht dieser Unglücklichen gar nicht zu denken sei? ... . Ich meines Theils gebe der frohen Ueberzeugung Raum, daß das, was Deutsch gelei st et, auch für die armen Gehörlosen des christlichen Bekenntnisses in unserem theuern Baterlande nicht verloren gehen, sondern langersehnte segensreich e Früchte tragen werde. Möge sohin den Leistungen eines denkenden, willenskrästigen Mannes, der, weil er frei wählen durfte, nicht das Zunächstliegende, sondern das Vernünftigere und Bessere gewählt hat, mit Gottes geistiger Fügung als einer ernsten, bedeutungsvollen Mahnung auch Rechnung getragen werden . . . ." Man muß bedenken, daß Deutsch bei seinem unterrichtlichen Verfahren keinem Vorbilde folgen konnte, und daß er darum genöthigt war, dasselbe vom Grunde aus zu construiren. Und wenn die moderne pädagogische Wissenschaft Einzelnes in seinem didactischen Vorgehen nicht billigen wird, wer wollte Deutsch darum tadeln, der, ein ideales Ziel erstrebend, von einer fast elementaren Gewalt dem Höchsterreichbaren entgegengetrieben wurde. So riß er aber auch seine Schüler mit sich fort, wenn sie ihm gegenüberstanden und, die Worte von seinen Lippen ablesend, in hoher Geistesspannung das entgegennahmen, was er, tief in ihrer Seele lesend, in unvergleichlichem Feuereifer ihnen geben wollte. Konnte es bei einem so gestalteten Unterrichte an herrlichen Resultaten fehlen? So verlockend es wäre, die zahllosen Zeichen der Anerkennung und Ehrung zu erwähnen, die Deutsch während seines 44jährigen segensreichen Wirkens empfangen hat, so müssen wir es uns doch versagen und begnügen uns anzuführen, daß es einzig und allein ihm zu verdanken ist, wenn der Ruhm des israelitischen Taubstummeninstitutes weit hinaus über die Grenzen unseres Vaterlandes gedrungen ist, und daß mancher Taubstummenlehrer am israelitischen Taubstummeninstitute die Richmng gewonnen hat, die er später, zur Leitung einer ähnlichen Anstalt berufen, einschlug und verfolgte. Beachtenswerth ist, daß Deutsch die Frage der Taubstummenbildung auch vom social-politischen Standpunkte aus betrachtete. Ihm ist die Erziehung der Taubstummen kein „Act reiner Barmherzigkeit", sondern weit mehr „ein culturelles und national-ökonomisches Moment", indem hier eine Unsumme geistiger Kraft, die aus Mangel an Pflege verkommen müßte, der bürgerlichen Gesellschaft nutzbar gemacht und eine beträchtliche Anzahl von Staatsangehörigen in den Stand der Ecwerbsfähigkeit gebracht und für den Staatszweck verwerthet wird." Deutsch sagte dies angesichts der beklagenswerthen Lage, in welcher sich zahllose Taubstumme bei dem Mangel an ausreichenden Bildungsstätten für diesen befanden, und er machte auch Vorschläge, wie diesem trostlosen Zustande einigermaßen gesteuert werden könnte. Und wenn auch diese Vorschläge keine Verwirklichung gefunden haben, so bleibt doch die hervorragende Bedeutung unbestritten, die Deutsch sich in der Geschichte der Taubstununenbildung Oesterreichs errungen bat. Das Bild des Verewigten dürfte kaum besser und treffender gezeichnet werden können, als es durch die Worte geschehen ist, die der selige Prediger Mannheimer im Jabre 1852 gelegentlich der feierlichen Begrüßung der nach Wien übersiedelten Anstalt sprach und die hier am Schluffe wiedergegeben sein mögen. „Der Mann da," sagte er, indem er auf Deutsch wies, „ist für seinen Beruf von Gott geschaffen. Es tritt da der Fall ein. dem wir so selten begegnen, daß des Menschen Neigung und Stimmung mit seiner äußeren Stellung, das waltende Geschick mit der inneren göttlichen Begabung in Einklang ist und übereinstimmt. Da ist es so: man sagt von dem Dichter und Sänger — es gilt vom Künstler und Denker auch — er wird es nicht, wenn er's nicht von Haus aus ist, dazu geboren ist, von der Natur bestimmt, von Gott begabt, wenn nicht der Finger Gottes ihm die Seele hat berührt; sehen Sie, der Mann da ist für das heilige Werk, das Gott ihm hat anvertraut, von Gott geschaffen und mit seltenen Gaben ausgerüstet und ausgestattet. Er hat dem göttlichen Rufe und Berufe Folge geleistet, war mit Herz und Seele dabei, hat die Gaben in sich entwickelt und ausgebildet, stand seinem Amte unermüdet, unverdrossen in Treu' und Eifer vor, und so hat Gott das Werk gelingen und gedeihen lassen in seiner Hand." Director Dr. M. Brunner. Correspondenzen. Oeffentliche Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cuktusgemeinde. Donnerstag den 11. Mai 1899. Vorsitzender — in Abwesenheit des durch Unwohlsein verhmderten Präsidenten — I. Vice-Präsident Dr. Alfred Stern. Eingelaufene Spenden für das Siechenhaus: Von Ernst Hirsch.fl. 50.— und von Markus Bondy.„25.— Von Gottlieb Kuffner's Erben, für Arme . . . . „ 10.— „ Frau Leontine Bardach Edle v. Chlumberg, für Ausspeisung von Schulkindern..„ 48.—

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