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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-19 · 20 (19.5.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
20 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 884 De. Bloch's Wvchrnschrrft. Nr. 20 Das also war die zweite große That Herzl's, die Herabsetzung der jüdischen Volksidee zu einer Posse. Und dann folgte das dritte große Werk: Die Colonialbank. Die Idee der Bank ist zweifellos eine gesunde. Jede sociale Strömung bedarf des Geldes und eines Instrumentes, um das Geld klug und gerecht zu verwalten. Es handelt sich nur um das Wann und Wie und da zeigt sich die ganze Schablonenweisheit unserer Führer. Ist eine Bank großen Styles schon heute nöthig? Ich antworte: nein! Was wir heute brauchen, ist eine genossenschaftliche Bank, die den Colonisten und kleinen Fabrikanten in Palästina kleine Darlehen bei allmäliger Amortisation zu billigen Zinsen bietet. Das wäre sehr leicht zu erreichen, denn sämmtliche Colonisationsvereine und Wohlthätigkeitsinstitute würden ein solches Unternehmen gerne unterstützen. Man brauchte also nicht Himmel und Erde in Bewegung zu setzen und einen allgemeinen Landsturm hervorzurufen. Auch als geschäftliches Unternehmen hätte eine solche Creditanstalt eine Zukunft. Die Voraussetzung aber wäre, daß die Kleincolonisation und die Kleinindustrie fortgesetzt werden. Stellt man sich aber auf den Herz l'sch e n Standpunkt, daß die Kleincolonisation ein Unglück ist, dann bleibt für die Bank absolut kein Feld übrig. Vollends für eine Bank großen Styls fehlt heute jedes Bedürfniß und jede Grundlage. Würden die Macher der Bank die 50 Millionen Francs bekommen, was gänzlich ausgeschlossen ist, dann wären sie in der größten Verlegenheit, was sie mit dem Gelde beginnen sollten. Die Herren sind so naiv, von einem Vergleiche mit der „Chartered Companie" zu sprechen. Sie vergessen dabei nur das Eine: Diese Gesellschaft ist gegründet worden, nachdem man Gold in Transvaal entdeckt hatte. Das Herzlgold aber wird wahrscheinlich als Bezeichnung für Talmi stets gelten. Und da bildeten sich die Herren ein, für eine solche Spielerei die Finanzwelt zu gewinnen! Ja, diese verhaßten Reichen, die man leider doch nicht entbehren kann, müßten doch ihr Geld freudigen Herzens entgegentragen, wenn sie die welterschütternde Thatsache vernehmen, daß Herzl vor dem Kaiser gestanden habe. In Frankfurt am Main trug man sogar eine gewisse Depesche triumphirend herum und versicherte allen Ernstes, Staatsminister v. Bülow sei bereit, nach Frankfurt zu kommen, um alle Geheimnisse zu bestätigen. Aber die Finanzmänner blieben hart wie Stein und — lachten über diese Märchen. Merkwürdig, im Herzl'schen Lager erhält Alles ein romantisches Aussehen. Ein Bankprospect ist gewöhnlich ein prosaisches trockenes Ding. Der Prospect der Colonialbank liest sich wie ein Schauderroman. Mein Gott! was wollen diese Leute nicht alles thun! Eisenbahnen, Dampfschiffe, Bergbau, Großindustrie, Großcolonisation, Straßen, Wege, Tramways, Brücken, Viaducte, Wasserleitungen, Hafen, Docks, Rheden, Reservoirs, Wasserläufe, Wasserwerke. Eindeichungen, hydraulische Werke, Telegraphen, Telephone, elektrische Werke für Kraft- und Beleuchtungszwecke, Sägemühlen, Schmelzwerke, Hochöfen, Fabriken, Waarenhäuser, Hotels, Börsen, Münzwerke, Transport- und Postdienst, Vorrathshäuser, Geschäfte, Synagogen und andere gottesdienstliche Gebäude, Bäder, Waschhäuser, Erholungs- und Unterhaltungsorte, Ruheasyle, sowie andere Werke und Anstalten. Alles das und noch viel mehr soll geschaffen werden. Und das Alles für 50 Millionen Francs! Ein glänzendes Geschäft für das jüdische Volk. Es wäre Selbstmord, ein solches Glück von sich zu weisen. Und zwischen den vielen Zeilen all' dieser 31 Paragraphe spukt stets der Geist Herzl's: Concessionen, diplomatische Verhandlungen. Wie groß ist denn das Aequivalent, daß sich die Türkei herbeilassen könnte, Concesiionen zu machen? Wer bürgt uns überhaupt für die Möglichkeit? Welche Vorbereitungen sind getroffen worden? Das ist keine Realpolitik, sondern blauer Dunst. Und für solche ungesunde Pläne nimmt man das Geld der Aermsten der Armen, Man nimmt dem armen Juden seine so sauer erzielten kleinen' Ersparnisse und gibt ihm dafür Actien auf ein Nebelreich. Man berauscht ihn mit Versprechungen und Hoffnungen, die sich nie erfüllen können und spielt mit ihm wie mit einem Kinde. Eine Bolksbank wollen diese Leute gründen. Was wissen sie vom Volke? Das Volk ist ihnen ja doch nur ein Mittel zur Befriedigung ihrer Eitelkeit. Und dann das Wie. Die Methode der Propaganda verräth jene einigermaßen abgegriffene aber noch immer wirksame Bühnentechnik, der es glückt, durch unauffälligen Costümewechsel überraschende Effecte zu erzielen und hübsche Coups auszuführen. Wie man zur Audienz beim Deutschen Kaiser mit einem Photographie-Album der jüdischen Colonien sich ausrüstete, so wurden in den zahlreichen zu Gunsten der Colonialbank veranstalteten Agitationsversammlungen die hohen Sympathien für die Colonisationsidee an- und aufgerufen; es war ein seltsames Schauspiel, Einladungen zu solchen Versammlungen von Männern gefertigt zu sehen, die den politischen Zionismus als schädliche Verirrung, als eine hirnverbrannte Idee geißelten, denen man es aber einzureden wußte, daß die zu zeichnenden Beträge zur Förderung der Colonisation die Bestimmung haben, als ein Hilfswerk für die bedrängten Brüder in Galizien. Diese Ungenirtheit in der Auswahl der Mittel begleitet den Werdegang dieser Bank und ihr angebliches Fortschreiten von Schritt zu Schritt. Es ist ein Labyrinth von Widersprüchen und sophistischen Verdrehungen. Manche Berichte sind so dick aufgetragen, daß auch der Blinde es merken muß. Man lese. nur die Depeschen und Stimmungsmachereien in der „Welt" und frage sich, ob das jüdisch, ob das zionistisch ist. Aus einer so kleinen Stadt wie P i n s k werden nicht weniger wie 120.000 Actien, also rund 3 Millionen Francs, gemeldet. Muthet man uns wirklich zu, an solche Münchhausiaden zu glauben? Und die so unerträglichen Phrasen! Die Bank soll die größte That der Diaspora sein. Eine größere Beleidigung des jüdischen Volkes könnte' auch ein Drumont nicht erfinden. Ein gutes Buch der jüdischen Literatur ist dem jüdischen Volke mehr werth als alle Thaten Herzl's. Interessant ist es auch, sich die Schöpfer dieser Bank anzusehen. Es sind fast durchwegs Leute, die vom Bankwesen nichts verstehen, die aber in ihrem unersättlichen Streberthuni immer mehr Titel und Ehren haben wollen. Der Hauptmacher ist ein liebenswürdiger Gesellschafter, aber ein Flachkops allerersten Ranges. Seine hohe Intelligenz hat er in Basel dadurch bewiesen, daß er den originellen Antrag stellte, das Wort „social" dürfe auf dem Congresse nicht erwähnt werden. Ein Bankdirector wurde nicht angestellt, sondern nur ein Generalsecretär, damit der Vorsitzende des Verwaltungsrathes, der nicht einmal in London wohnt, der eigentliche Director bleibt. Es werden so alle Begriffe des Bankwesens auf den Kopf gestellt, um nur der Eitelkeit der Führer Rechnung zu tragen. Wahrlich, B e r n a r d Laz are hat nicht Unrecht, wenn er diese Bank als das furchtbarste Instrument zur Unterdrückung und Demoralisation bezeichnet. Das heutige Actionscomitä ist ein Reactions- C 0 11t i t e. Und da wagt Herzl noch zu behaupten, daß diese Bank mehr werth ist, als die „Jewish Colonisation Association" mit ihren 3OO Millionen! Und da wagt man noch, die Gegner dieser Bank als Feinde des jüdischen Volkes zu verschreien und sie mit lächerlichen Drohungen einzuschüchtern! Die Bank in ihrer heutigen Gestalt ist ein Unglück für den Zionismus, denn sie demonstrirt durch lebendige Thaten, wie wenig der Regierungszionismus großer Actionen fähig ist. Die Bank ist ein todtgeborenes Kind, und mit ihrem Ruin reißt sie die ganze Bewegung mit. Wer davor warnt, erweist dem Volke einen guten Dienst. Die Zionisten befinden sich heute noch im Zustande des Rausches. Aber sie werden einst erwachen und einsehen, daß mau die heiligste Idee des Volkes zu einem modernen Sport verzerrt hat. Sie werden dann das Heer der Streber von sich abschütteln und sich durch eigene Kraft, durch Erkenntniß und That, den Weg zur Zukunft bahnen. (Ein Schluß-Artikel folgt.) Die Juden in der österreichischen Industrie. m. Wien, im Mai. Einen für den heimischen Handel sowohl, als auch für den Exportverkehr höchst wichtigen Industriezweig haben österreichische Juden geschaffen. Es ist dies die fabriksmäßige Erzeugung von Herren- und Damenwäsche, K r ä g e n und M a n ch e t t e n. In der guten alten Zeit — laudatur temporis acti gehört derzeit wohl schon zu den überwundenen Standpunkten — bedurfte es eines hochnotpeinlichen Verfahrens, passende Hemden von moderner Ausstattung anzuschaffen. Krügen und

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