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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-19 · 20 (19.5.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
20 (19.5.1899)
Date
1899-05-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 383 schlossenen Thüren neue Bestimmungen zur Beschränkung der Wahlfreiheit getroffen hat. Der Oeffentlichkeit werden diese Reformen wahrscheinlich erst vier Wochen vor dem Congreß übergeben, um einen etwaigen Protest unmöglich zu machen. Eine Commission hat über ein gemeinsames Vorgehen aller Colonisationsvereine berathen. Das wäre ja ein Feld, auf dem man segensreich wirken könnte. Man hat aber seit dem Congreß über diesen eminent wichtigen Punkt nie ein Wort gehört. Man hat in Basel ein besonderes Comite für Culturfraqen eingesetzt und sogar einen besonderen Generalsecretär für dieses Fach gewählt. Als Erzeugniß dieses so wichtigen Comitss haben wir aus der Feder des Partei-Maggid Dr. L. Kahn einen sehr geschraubten Aufruf eims hebräischen Schulvereines für Oesterreich. Ist denn das Hebräische der einzige Punkt der jüdischen Cultursragen? Soll dieser Aufruf die ganze Thätigkeit des Comites ausmachen? Wo bleibt der so eifrige Kämpfer für Cultursragen, Herr Dr. Ehrenpreis? Ist sein Muth ganz erlahmt, weil er das Rabbinat Sofia als Belohnung nicht erhalten hat? Was hat also das Actionscomite auf all' diesen Gebieten in den letzten acht Monaten gethan? Nichts, ablolut nichts. Die Herren konnten, wollten und sollten gar nichts thun, denn ihr Herr und Gebieter, H e r z l, wollte es nicht. Ein russischer Gouverneur hat keine geringere Achtung vor dem Volkswillen, als er. Er hat dem Congreß sein Aussehen gegeben und er leitete nach dem Congreß den „Zionismus" wie er wollte. Sein Hauptziel, wohin er seit zwei Jahren arbeitet, war ja: Die hohe Politik. Seit dem Frühjahre 1898 wurde stets bedeutungsvoll hingewiesen, daß bald der Vorhang aufgehen und die Herzl'sche Schöpfung sich in ihrem Glanz zeigen wird. Man flüsterte sich einander Geheimnisse zu und in der Werkstätte der Geschichte, in der Rembrandtstraß-', arbeitete man eifrig, die Spannung zu schrauben und die Erwartung zu steigern. Und im zionistischen Lager träumte und phantasirte man von europäischen Congreffen zu Gunsten der Juden, von diplomatischen Actionen für Israel und von einem „neuen Cyrus". Der große Herzl vermag schließlich Alles. Er scheute auch keine Mühe, lief in Süddentschland von Hof zu Hof, um eine Audienz beim Deutschen Kaiser zu erzielen. Diese Sphärenmusik dauerte monatelang. Endlich kam die Heilsbotschaft, die Führer Zions sollen sich bereit halten, nach Constantinopel zu gehen, um sich da die definitive Antwort zu holen. Welch' ein Jubel! Zwei Nullen vom Rheine und zwei von der Donau wurden auserkoren, die Trabanten Herzl's auf dieser gewaltigen Reise zu sein. Es waren drei Minister: der Finanzminister, der Cultusminister und der Minister für öffentliche Arbeiten. Für Einen, der so unbedeutend ist, daß man ihm auch im Reiche der Nullität kein Ministerium anvertrauen könnte, schuf man den originellen Titel: ..Präsident der deutschen Zionisten." Diese Figuren bildeten das Relief zur schönen Statue des Judenfürsten der Zukunft. So reiste man, in Geheimniß gehüllt, nach Constantinopel und holte sich am türkischen Hofe den Bescheid, daß der Sultan nichts dagegen habe, wenn die Deputation vom Deutschen Kaiser empfangen werde. Herzl behauptet, daß er schon da ganz allein in Mldiz-Kiosk eine lange Unterredung mit Kaiser Wilhelm hatte. Bodenheimer schildert uns anschaulich im Stile der Töchterschule die Bedeutung dieser Tage, in denen der längst verrostete Apparat der jüdischen Geschichte wieder in Bewegung gesetzt wurde. Die Schwingen des Zeitgeistes berührten die Herren von der Deputation, sie spürten den Hauch der Zukuft und der jüdische Adler schwebte über ihren Häuptern. Tropfenweise wurden diese großen Erfolge weiter verbreitet und in den officiellen und officiösen Kreisen des Herzlismus herrschte eine Spannung, als wenn Messias vor der Thüre wäre. Die Aufregung übertrug sich auf alle Beamten der „Welt", vom Redacteur bis zum Laufjungen. Man wartete auf den großen Ruck. Ich kenne ein Mitglied dieser Kaiserdeputation, das thatsächlich glaubte, mit dem Patent der „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte" nach Hause zurückzukehren. Es ist dieses charakteristisch für die geistige Reife unserer Führer. Ist Herzl wirklich in Constantinopel von Kaiser Wilhelm empfangen worden? Ich gestatte mir, daran zu zweifeln, solange nicht der Beweis für diese Behauptung geliefert worden ist. Wohl aber ist es sicher, daß er beim deutschen Botschafter, Freiherrn v. M a r s ch a l l, eine Audienz nachsuchte und eine lange Nase erhielt. Es war auch zu läppisch, M a r s ch a l l's Gunst zu verlangen, nachdem man um die Gönnerschaft Eulenbur g's, seines größten Gegners, gebettelt hat. Aber große Männer achten auf solche Kleinigkeiten nicht. Das Wetter war ja prächtig und nun fuhr man glückstrahlend nach dem gelobten Lande. Und da, wo ehemals so viele Wunder geschehen sind, geschah auch das große Wunder, daß die Deputation vom Kaiser empfangen worden ist. Ein merkwürdiges Ereigniß. Ein tiefes Geheimniß, und doch eine ganz öffentliche Angelegenheit! Als was sind diese Auserwählten Israels empfangen worden? Ich antworte bestimmt: nur als Vertreter der Colonisationsidee. Sie überreichten ja auch ein Album mit Abbildungen der jüdischen Colonien. Sie prunkten also mit Dingen, die sie nicht geschaffen haben, ja, die sie bekämpften. Was gab ihnen der Kaiser zur Antwort? Er habe nichts gegen die Förderung der Colonisation, sofern sie unter voller Anerkennung der türkischen Souverenetät geschehe. Das klingt thatsächlich einer Berurtheilung des politischen Zionismus sehr ähnlich. Freilich behaupten die Herren mit diplomatischer Geschmeidigkeit, der allgemein veröffentlichte Wortlaut des Kaisers sei nicht der wahre. Alle Zeitungen inclusive „Welt" haben also gelogen. Ja, aber was hat denn der Kaiser gesprochen? Das darf man eben nicht verrathen. Der Kaiser, der mit seinem Liebling Herzl noch Großes vor hat und der sogar jeden Samstag beim Morgenkaffee die „Welt" liest, hält eben darauf, daß das geheim bleibt. Und was war der Erfolg dieser Parade? Sie hatte nur den einen Zweck, daß die Leutchen sich rühmen konnten, vor dem Deutschen Kaiser gestanden zu haben. Der Byzantinismus freilich wurde dadurch größer. Und mit welchem Rechte widmete man 16.000 Francs aus der Casse der ärmsten Partei der Welt für eine rein decorative Sache? Es i st nichts erreicht worden? Nein, es konnte gar nichts erreicht werden, weil der ganze Plan ein widersinniger war. Zunächst steckt der Zionismus noch in den Kinderschuhen und ist noch nicht reif für diplomatische Verhandlungen. Und dann müßten Verhandlungen wegen Palästina doch mit der Türkei und nicht mit Deutschland beginnen. Und diese Herren, die ihre Unreife ad oculos demonstriren, verlangen noch, daß das jüdische Volk ihnen ans den Knieen für diese große That danken soll! Ist es denn ein so großes Kunststück, beim Deutschen Kaiser eine Audienz zu erhalten? Wer diesen Monarchen kennt, der weiß, wie leicht zugänglich er für Jeden ist, aber auch, daß ihm eine kleine Kohlenstation in Asien mehr werth ist, als das ganze jüdische Volk. Den Mißerfolg könnte man diesen Führern noch verzeihen. Erfolge und Mißerfolge sind, solange Macht und Recht keine identischen Begriffe sind, selten Beweise für die Größe einer Idee. Allein, daß man die Komödie noch fortsetzte, nachdem man Fiasco gemacht hat, ist eine Versündigung am jüdischen Volke. Ein ehrlicher Mann muß den Muth finden, umzukehren, wenn er sieht, daß der Weg nicht zum Ziele führt. Man veranstaltete Feste mit Trompetenklang und Jubelgesang und man schwelgte in Wonne, nachdem man eine große Idee lächerlich gemacht hat. Man muß die innerlich und äußerlich geknechteten russischen Juden kennen, um zu wissen, was das heißt, der Zionismus sei hoffähig geworden, er habe vor dem Kaiser eines großen Reiches gestanden. Die Führer selber aber waren innerlich nicht entzückt, und wer ihre Gesichter studirte, der konnte ihre Ernüchterung lesen. Keinem vernünftigen Menschen konnte diese Komödie imponiren, das fühlten sie instinctiv. Sogar innerhalb des Actionscomites wurde von vielen Seiten über die wunderliche Politik Herzl's geklagt. Man konnte den Unzufriedenen nur die eine Entschuldigung anführen: „Das jüdische Volk bedürfe des Rausche s". Selbst Max Nordau warnte vor diesem gefährlichen Mittel, und seine Reden in der Sitzung des großen Actionscomitßs in Wien im Jänner dieses Jahres klangen sehr revolutionär. Diese Reise nach Palästina war nicht blos eine Lächerlichkeit, sondern ein politischer Fehler schlimmster Art. Denn alle europäischen Mächte müssen ja Verdacht schöpfen gegen eine Bewegung, die unter den Fittigen des Deutschthums Schutz sucht. Der Sultan selbst muß sich ja sagen, daß der Zionismus eine deutsche Politik treibe. Sie wissen ja Alle nicht, daß unsere Führer Narren und keine gefährlichen Diplomaten sind.

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