Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 382 Dr. Bloö^s Wochenschrift» Nr. 20 Humanitätsprincip von dieser Loge wieder abgeschafft. Vermutlich sah Kaiser Friedrich eine solche reaktionäre Unduldsamkeit voraus, als er der ganzen altpreußischen Freimaurerei eine sehr trübe Zukunft prophezeite. Der Großmeister der Großloge Royal Aork, der Reichstagsabgeordnete Prinz Heinrich zuSchöuaich-Carolath, ebenso wie der zugeordnete Großmeister Professor Dr. F l o h r, haben eine W i e d e r w a h l a b g e l e h n t. Es ist begreiflich, daß sich alle Männer, die einen Funken von Liberalismus in sich fühlen, mehr und mehr von den altpreußischen Großlogen zurückziehen und sie ihrer geistigen Verödung überlassen. Es wird vielfach erwartet, daß infolge dieser Strömungen die übrigen Großlogen ihre Verbindungen mit den drei altpreußischen Großlogen aufgeben, insbesondere auch die humanistischen Großlogen Deutschlands ihren Austritt aus dem Großlogenbund erklären. Opfer der Dreyfus-Assaire. Aus Paris schreibt man der „Frankf.-Ztg.": „Die „Aurore" veröffentlicht ohne Namensnennung folgende rührende Geschichte: Ein junger, ausländischer Schriftsteller israelitischer Herkunft, der Paris bewohnt, verkebrte viel in der katholischen Familie eines ehemaligen Ministers. Die schöne und sehr reiche Tochter des Exministers verliebte sich in den jungen Philosophen, dessen Talent allseits anerkannt wird, und man begann bereits, von der Hochzeit zu sprechen. Da erklärte der junge Mann, er sei zwar Freidenker, aber israelitischer Herkunft, und es scheine ihm unter den augenblicklichen Verhältnissen moralisch unmöglich, eine reiche Katholikin zu heiraten. Der ehemalige Minister führte seine Tochter nach dem Süden, aber auch dort vermochten die Herzenswunden des jungen Mädchens nicht zu heilen. Sie hat sich vor drei Tagen das Leben genommen, nachdem sie dem Geliebten folgenden Brief hatte zugehen lassen: „Seit Ihrer Weigerung, mich zu heiraten, achte und liebe ich Sie nur noch mehr. Ich bewundere Ihre moralische Feinheit und Ihre Willenskraft. Da ich zu schwach bin, das Leben zu ertragen, gehe ich in den Tod und meine letzten Worte sind: „Ich liebe Sie!" — Dagegen gibt es Jemanden, dem die Dreyfus-Affaire Glück gebracht hat. Der bekannte Hauptmann Lebrun-Renault, der Mann mit den angeblichen Geständnissen des Dreyfus, hat nämlich, wie der „Figaro" mittheilt, in den letzten Tagen eine Witwe geheiratet, die ihm nicht weniger als 110.000 Francs Rente in die Ehe mitbrachte. Man sieht also, daß die „Affaire" nicht für Alle Unheil im Gefolge hat, meint die „Fcankfurterin". Wie wenn mit diesen 110.000 Francs Rente das Glück von Lebrun-Renault besiegelt wäre! Cardinal Krementz. Dem Wirken des verstorbenen Cardinalerzbischofs Krementz ist es zum großen Theile zu verdanken, daß am Rhein der Antisemitismus nicht so Wurzel gefaßt hat, wie in anderen Gegenden. „Die Fciedenssaat, die der Kirchenfürst in Millionen Herzen gesät hat", so schreibt das in Köln erscheinende „Israelitische Gemeindcblatt", „wird gute unvergängliche Früchte tragen und sein Name wird auch in Dankbarkeit in der jüdischen Geschichte genannt werden." Erzbischof Krementz zeigte sich stets als warm fühlender Beistand der Bedrückten, so besonders auch im Jahre 1892, als viele Tausende russischer Juden aus ihrer Heimat flüchten mußten. Damals schrieb er dem Rabbiner der Synagogengemeinde Köln, Dr. Frank: „Köln, den 10. Jänner 1892. An dem traurigen Lose Ihrer verfolgten Stammesgenossen nehme ich umso herzlicheren Antheil, als wir Katholiken die unablässige grausame Bedrückung unserer polnischen und ruthenischen Glaubensgenossen dortselbst auf das Schmerzlichste empfinden. Ich kann den edlen Bestrebungen des Cornites, welche den aus ihrer russischen Heimat indirect Vertriebenen ein anderweitiges Unterkommen zu beschaffen sich bemühen, nur den besten Erfolg wünschen. In hochachtungsvoller Ergebenheit Dr. Ph. Krementz, Erzbischof von Köln." Im Frühjahr 1893, als die Rabbiner und die Vorsteher der Synagogengemeinde dem Erzbischof die Glückwünsche der jüdischen Glaubensgemeinschaft zu seiner Erhebung zum Cardinal aussprachen, dankte der Kirchenfürst mit freundlichen Worten und sagte, er werde nach wie vor ein Schirmer des Friedens unter den Konfessionen sein und suhr fort: „Mögen wir in unserer religiösen Ueberzeugung auseinander gehen, das mag jeder Mensch mit seinem Gott abmachen, aber dieMenschen sollen inWerken der Nächstenliebe und Tugend w e t teifern und in Ruhe und Frieden trotz verschiedener religiöser Anschauungen miteinander leben." Der Zionismus am Scheidewege- Von H. Mabit. II. Der Regierungszionismus hat nach seinen zweijährigen Irrfahrten Station gemacht. Er hat, wie die sechseckigen Herren sich ausdrücken, eine wichtige Etappe erlangt. Es wird daher wohl angebracht sein, Rückschau zu halten und sich von dieser Höhe aus das ganze Wirken Herzl's, seine concreten Schöpfungen anzusehen. Sie tragen ja alle seinen Charakter und sind mit ihm innig verschmolzen. Seine erste That war: Der Congreß. Er hat ihn geschaffen und er hat ihn zu einer bestehenden Einrichtung in Israel gemacht. Das ist etwas, was ihm beinahe ein Ruhmesblatt in der jüdischen Geschichte hätte sichern können. Denn das jüdische Volk bedarf einer Stätte, von wo aus es. seine Schmerzen verkünden und zur ganzen Welt sprechen kann. Es bedarf einer Weltbühne, um seine ewige markerschütternde Tragödie den Völkern vorzuführen. Die Judenheit bedarf auch eines einheitlichen Bandes. Nicht in dem Sinne, daß die Individualität verkümmert wird, sondern in dem Sinne, daß sich über allen Juden der gemeinsame nationale Himmel in seinerganzen Herrlichkeit ausspannt, daß sie alle einsehen, daß ihre Stärke nur im Zusammenhalten beruht. Die Idee war also eine gesunde. Aber was hat Herzl aus diesem Congreß gemacht? Eine Paradeversammlung, um zu imponiren. Alles wird Herrn Dr. Herzl zu „Theater" und er kann nichts thun, ohne theatralischen Tamtam und heroischen Gesten. Der Congreß war das vollendetste Bild eines Parlaments, wie es — nicht sein soll. Ich spreche nicht vom I. Congreß — er war ja nur eine Improvisation —, sondern vom II., so lange vorbereiteten Congreß. Alles war nur auf Schein und Decoration zugeschnitten. Lauter lange schöne Reden der Führer und keine sachlichen Diskussionen. Ein eingedrillter Chor sorgte für die Stimmungsmacherei, schöne Frauen und starke Hände vermehrten die Begeisterung. Aber eine Klärung der Meinungen wurde auch nicht über einen einzig:n Punkt versucht. Ja, die wichtigsten Fragen blieben ungelöst und die Resolutionen wurden durchgepeitscht. Der Volkswille, mit den man doch stets kokettirt, kam hier nie zur Geltung. Das Präsidium regierte und die Delegirten gehorchten. Delegirte? Das Wort berührt fast komisch, denn auch die elementarsten Bedingungen des parlamentarischen Lebens wurden nicht erfüllt. Es ist Thatsache, daß viele Herren mit mehreren Mandaten nach Basel kamen und daß man mit Einwilligung H e r z l's diese Mandate weiter — verschenkte. Der Wahlprüfungscommission wurde dieses unerhörte Gebühren einfach verleugnet. Um die parlamentarische Komödie zu vollenden, wählte man auch Specialcommissionen. Man hatte so die Gelegenheit, die artigen Freunde mit einem Amte ausznzeichnen. Man brauchte ja Nichts zu befürchten. Die Beschlüsse der Commissionen blieben ja doch nur Theorie. Schon die Art, wie diese Commissionen zusammengesetzt waren, zeigte, wie ernst man die Sache nahm. Von dem sogenannten Permanenzausschuß, der gewissermaßen das Hausministerium H e r z l's bildete und in dem die Wahlen fabricirt wurden, will ich schweigen. Für diesen Ausschuß, in dem ein Architekt als Hofnarr waltete, kann man keine andere Bezeichnung als Mumpitz finden. Aber auch die anderen Commissionen boten ein komisches Licht. In der Programmscommission saß der Liebling Herz l's, der Mann mit Tertianerbildung, Herr W o l f f s o h n, der jedenfalls eher verschiedene Holzsorten als politische Begriffe auseinanderhalten kann. Auch einer Frau Professor wurde diese Ehre zutheil, weil sie das Verdienst des langen schwarzen Schleiers hatte. Von den Theoretikern und Schriftstellern des Zionismus war keiner darin. Nicht einmal ein Birnbaum wurde für würdig dazu erachtet. Im Organisationsausschuß war auch nicht Einer, der sich praktisch mit dieser Frage befaßt hat. Die Herren Bambus, Dr. Birnbaum, Schach und Reich fehlten. Aber die Commissionen waren nun da und sie bemühten sich redlich, Etwas zu schaffen. Sie brüteten Stunden und Tage über ihre Aufgaben. Was ist nun aus diesen Berathungen und Beschlüssen geworden? Die Organisationscommission hat einen ganzen Plan entworfen. Man hat aber nie wieder etwas davon gehört. Dagegen vernimmt man, daß das „große Actionscomite" hinter ge-