Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Date
- 1899-05-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 Vr. Bloches Wochenschrift. Seite 379 Weise informirt. So hat dieser Manu dem Hofrath Z e ch u e r gegenüber erklärt, daß in Boryslaw überhaupt keine Arbeitslosigkeit herrsche und daß er a l l e n A r b e i t e r n, d i e sich n u r beiihmmelden, Arbeit gebe. Die Kenntniß davon verbreitete sich auch bald in ganz Boryslaw und führte zu den Excessen vom 9. und 10. Mai, indem sich die Arbeitslosen vor den Länderbank-Gruben ansammelten und Arbeit verlangten. Die Antwort, die sie darauf erhielten, bestand darin, daß sie von den Gendarmen und requirirten Soldaten auseinandergetrieben und zum Theil in Ketten geschlagen und an das Bezirksgericht eiugeliefert wurden. Und Herr Z e ch n e r'? Mit den Informationen, die ihm eben Leute ä la Szumski und dessen College und Gesinnungsgenosse, der getaufte Jude Werber, geliefert haben, versehen, kam er zurück. Er hat bereits ein Memorandum a u s g e a r b e i t e t und es der Negierung v o r g e l e g t. Darin wird der Standpunkt vertreten, daß an den einmal herausgegebenen Bergb a u v o r s ch r i f t e u n i ch t d a s m i n d e st e g e ä n d e r t werden darf. Selbst die 60 Meter Entfernung der einzelnen Schächte von einander, die ja an und für sich mit dem Schutze der Arbeiter gegen Erstickungen und Explosionen absolut nichts zu thun hat und die selbst von der polnischen Presse heftig bekämpft wird, soll aufrechterhalten werden. Der Verfasser des Memorandums leistet sich auch den geradezu capitalen Satz, daß in Boryslaw durch die neuen Bergbau Vorschriften gar keine Verschlimmerung der A r b e i t e r l a g e e i n getreten sei (?!!) Wer den Herrn Z e ch n e r so informirt hat, das haben ja schon die Arbeiter errathen, indem sie in Hellen Haufen vor das Directionsgebäude der Länderbank zogen, um von Herrn Szumski Arbeit zu verlangen. Von Herrn Rechner, der auch in Galizien sein reformatorisches Talent bethätigen möchte, bewährt sich in diesem Falle wohl das Sprichwort, daß man das gerne glaubt, was man wünscht. Ueber die Giltigkeit dieser Polizeiverordnungen, die es der Länderbank und galizischen Creditbank ermöglichen, die kleineren Grubenbesitzer um ihr Eigenthum zu bringen, wird gegenwärtig der Verwaltungsgerichtshof entscheiden. Das Elend der Arbeiter ist so groß und es sind so viele Existenzen bedroht, daß in Boryslaw der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes mit begreiflicher Spannung entgegengesehen wird. Wenn aber die Vorschriften starrsinnig aufrecht erhalten bleiben, wie denkt die Regierung der Katastrophe von Boryslaw ein Ende zu machen? Denkt sie überhaupt daran? Wie es heißt, denkt Herr Z e ch n e r, den Arbeitern „anderweitig" zu helfen. „Es soll für sie etwas geschehen" — meinte er. Ueber das „Wie" dürfte er sich wohl selbst noch nicht ganz klar sein. Vorläufig werden alle Arbeiter, die nicht nach Boryslaw zuständig sind, wohl der größte Theil, per Schub in ihre Heimat expedirt. So hat es der Herr Bezirkshauptmann von Drohobycz in einer Zuschrift an das Bürgermeisteramt in Boryslaw angeordnet. Die Arbeiter haben also die Wohlthat, daß sie nicht in Boryslaw, sondern auf dem Pflaster ihrer Heimatsgemeinde, die sie vielleicht nie gesehen haben, wohin sie aber „zuständig" sind, verenden können. * * * Mit aufrichtiger Freude begrüßen wir die Thatsache, daß der Verband der Israel. Humanitätsvereine B'nai Brith für Oesterreich seine Thätigkeit einer Hilfsaction für unsere im tiefsten Elend schmachtenden galizischen Glaubensgenossen zuzuwenden beabsichtigt. Der am 30. April d. I. in Wien abgehaltene Verbandstag hat, wie wir vernehmen, in dieser Richtung beschlossen: 1. Die Gründung einer die weitesten Kreise umfassenden Vereinigung behufs Einleitung einer Rettungsaction im großen Maßstabe. Derselben soll vorläufig folgendes Programm vorgelegt werden: ch Gründung von jüdischen Lehrerseminarien und Lehrkanzeln für hebräische Literatur; b) Emigration; c) Innere Colonisation; ch Vorschußcassen; e) Hausindustrie mit Centralverkaufsstellen im westlichen Galizien; k) Stipendien für Handwerkszöglinge und Bestellung von Wanderlehrern. 2. Eine uiöglichst genaue statistische Aufnahme der Verhältnisse der galizischen Juden: 3. Die Gründung einer in hebräischer, theilweise auch jüdisch-deutscher Sprache erscheinenden, Aufklärung verbreitenden Wochenschrift. Die zur Durchführung vorstehender Beschlüsse erforderlichen, nicht unbedeutenden Mittel werden die Humanitätsvereine B'nai Bcith aus Eigenem aufbringen. Wir zweifeln nicht daran, daß dem Rufe der B'nai Brith, die trotz ihres kurzen Bestehens in Oesterreich schon so Hervorragendes auf dem Gebiete der Humanität und der Förderung jüdischer Interessen geleistet haben, von allen Seiten freudig Folge geleistet werden wird. Wenn irgend eine Körperschaft, so ist der Verband der B'nai Brith vermöge seiner Verbreitung über ganz Oesterreichs ganz besonders aber vermöge der vielfach hervorragenden Position seiner Mitglieder, deren Opferfreudigkeit und Energie, dazu berufen, die Führerrolle auch in der galizischen Actiou zu übernehmen. Soweit uns bekannt, bestehen B'nai Brith-Bereine bisher in: Bielitz, Krakau, Troppau, Brünn, Reichenberg, Prag, Karlsbad, Pilsen und Wien. Präsident des österreichischen Verbandes ist Herr Dr. Moriz Hamm er schlag, Advvcat in Prag. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. „Man könnte beinahe sagen, so etwas ist nur in Oesterreich möglich, wo das gesammtstaatliche Bewußtsein auf ein so tiefes Niveau herabgesunkeu ist". Wir citiren hier eine Stelle aus der Rede, die Herr Dr. Lueger im Landtage gegen den Verwaltungsgerichtshof gehalten hat. Dieser Mann wagt es, von einem gesammtstaatlichen Bewußtsein in demselben Augenblicke zu sprechen, in welchem er selbst gegen eine der wichtigsten Grundlagen des Staates, gegen die Justiz, das Volk aufzuwühlen sucht. Damals hatte Herr Dr. Lueger bereits alle Veranstaltungen für die große Katzenmusik getroffen, die dem Verwaltungsgerichtshofe dargebracht werden sollte. Bei keinem früheren Anlasse noch ist das von den Christlich-Socialen eingeführte System der politischen Erpressung in so ausgedehntem Maßstabe wie diesmal zur Anwendung gelangt. Auf der einen Seite richteten sich die Drohungen und Einschüchterungen gegen die Juden, weil derjenige, der die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes anrief, zufällig ein Jude ist. Auf der anderen Seite gegen den Verwaltungsgerichtshof, dessen Mitglieder persönlich beschimpft und verdächtigt wurden. Die ganze Action war durchdrungen vom Geiste der Lüge und der Heuchelei und nichts als eine gewissenlose Irreführung der Bevölkerung. Ihr eigentlicher Zweck aber wurde uns in der Rede des Prinzen Liechtenstein, sowie in einem Resumö des „Vaterland" verrathen. Prinz Alois L i e ch t e n st e i n, zog gleich allen anderen Rednern in den 17 Versammlungen