Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 374 Dr< Blach's Wochenschrrfk. Nr. 19 Steine anstatt Kartoffeln hineingelegt? Nein, es sind Kartoffeln, er fühlt es, wie sie ihm die Knochen quetschen. Aber warum sind sie denn jetzt schwerer als früher? Die Augenlider fallen ihm zu. Es ist ihm nicht möglich, weiter zu gehen. Die Füße versagen ihm den Dienst. . . . Da erblickte er einen kleinen grasbedeckten Hügel, auf dessen Abhang sich ein Eichenstumpf befindet. Der Hügel lädt ihn fo liebenswürdig ein, daß er ihm nicht widerstehen kann. Und ehe er selbst wußte, wieso es geschah, hatte er den Sack abgelegt und ruhte auf dem Baumstumpf aus. Es ist ja noch Zeit. . . . Die Sonne beginnt ja erst die Sttahlen durch den Nebel zu senden. ... Er wird ja noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang nach Hause gelangen. . . . Er denkt wieder nach. Warum hat Gott dem Menschen Füße gegeben, die ermüden? . . . Antwort: Dafür gab er ihm aber einen so edlen Verstand. ... Er denkt weiter. Gott ist weise und gibt einem Jeden das Seinige, das, was er am nothwendigsten braucht. Der Factor z. B. hat kerngesunde Fuße. Er läuft den ganzen Tag herum und würde nicht ermüden, wenn der Tag zweimal so groß wäre; dafür wäre der Factor um nichts in der Welt im Stande, etwas zu nähen oder eine Woche zu durchwachen. . . . Der Eine besitzt Talent, der Andere Gesundheit. Jndl besitzt Talent. Er beginnt in Gedanken die Kaftans zu zählen, die er in der letzten Zeit genäht hatte. . . . Was hat wohl Beile für heute Nacht gekocht? Ach, der Schabbes, der Schabbes, was für eine gute Einrichtung das ist! Da kann man essen, trinken, Gott loben. . . . Wie klug ist das von Gott. ... Da fühlt er sich mit einem Male wieder sehr schwach ... es ist ihm nicht besonders gut.... Der Kopf sinkt ihm langsam auf die Brust.... Der Rücken krümmt sich . . . und der Flickschneider schlief ein. Zwei Krähen erblickten aus luftiger Höhe den schlafenden Juden und ließen ihr Gekrächze durch den Nebel ertönen. Glaubten sie, daß er todt sei? Die Sonne sinkt. Da kommt ein Wagen herangerollt, von drei Pferden gezogen. Auf dem Wagen sitzt Herr Jacenty, der Oekonom, und sein Knecht kutschirt. Die werden wahrscheinlich eine Maschine aus der Stadt holen, denn der ganze Wagen ist mit Heu, ausgebettet. — Halt, Grzela, ruft Herr Jacenty, wer liegt denn da? — Niemand, Herr, es ist nur ein Jud. — Ist der Kerl besoffen oder krank? — Mir scheint, Herr, er ist todt. Lassen wir ihn, wir könnten sonst Unannehmlichkeiten haben. — In der That. Vielleicht lebt er noch? Wir könnten ihm dann ein Plätzchen auf dem Wagen anweisen. Ist er aber tödt, so machen wir uns auf und davon. Grzela sprang vom Wagen. — Herr! Das ist ein Loschitzer Jude, er lebt. — Jude! rief Jacenty, wach auf! Es ist ja bald Schabbes, Du Bestie! Der Flickschneider erwachte. Seine blutunterlaufenen Augen konnten sich gar nicht orientiren. — Sitz auf! Du Bestie, rief Grzela, wir führen Dich nach Loschitz! Der Jude dankte, sich bis zur Erde verneigend. Auf dem Wagen erzählte er dem Oekonom, woher er kommt. — So auf der Landstraße zu liegen, sagte der Oekonom, ist ja gar nicht menschlich. — Entschuldigen, gnädiger Herr, bei uns geht ein Sprichwort: Eine Henne — kein Vogel, eine Ziege — kein Vieh, ein Schneider — kein Mensch. — Kein Mensch? Und was bist Du? — Er ist wohl ein Mensch, aber nicht wie alle Menschen ... er ist nur ein Schneider. . . — Plausch nicht, Jud. Wozu hast Du denn vier Nächte hintereinander gearbeitet? — Wozu? Jeder Mensch u.uß ja leben . .. ein Schneider muß auch leben . . . und wenn er leben will, kann er nicht schlafen und wenn er auch schlafen wollte . . . das ist ja sehr einfach. — Das ist ein Speculant, bemerkte Grzela, der hat immer seine Ausreden, die Bestie! Nach Verlauf einiger Stunden saß der Flickschneider bereits bei einem weißgedeckten Tische in Gesellschaft seiner lieben Familie. Frau Beile trug festliches Gewand, eine gelbe altmodische Haube mit zahlreichen Bändern geschmückt, und reichte dem Ge> mal die besten Gerichte. Er aber, der Pater Familias dachte sich, wie schön sich die Welt bei einem Teller guter Fische ausnimmt. Der Flickschneider wurde nicht krank. Was könnten Kälte und Nässe einem Manne anhaben, der am Leben so viel Freude hat? Literatur. Wenn wir die großen und ernsten Revuen des Auslandes gerade aus der letzten Zeit durchblättern, so finden wir überall etwas Wissenswerthes und Neues über Juden und Judenthum. Es erstreckt sich das manchmal auf Gebiete, die uns selbst sehr nahe sind und die doch so lange brach lagen, bis ein christlicher Publicist sie durchforschte. Das wäre zu sagen von dem sehr belehrenden Artikel »Essai sur le Proletariat juif en France« (Ein Essay über das jüdische Proletariat in Frankreich), den Paul P o t t i e r im Märzheft der Pariser „Revue desRevues" veröffentlichte. Dieser Artikel, in dem die Zahl der jüdischen Proletarier (20.000 in Paris unter einer jüdischen Bevölkerung von 45.000), ihre Lebensweise und Berussarten ausführlich geschildert sind, zeigt, daß man auch in publicistischen Kreisen zur entsprechenden Würdigung der ungleichartigen Gütervertheilnng unter den Juden gelangt. Sehr eingehend beschäftigt sich in der bekanntesten ökonomischen Zeitschrift Frankreichs „Journal des E c o n omistes" der bekannte Senator und Führer der Friedensbewegung Fredßric P a s s y mit der „wahren Lösung der Judenfrage". P a s s y geht von der Zurücksetzung der Juden in Rumänien aus und beklagt die Ungerechtigkeit, die in der Verletzung der ausdrücklichen Bestimmungen des Berliner Vertrages liege. Seine Anschauung über die Lösung der Judenfrage ist nicht selbstständig. P a s s y verweistvielmehr auf einen Ausspruch des Unterrichtsministers Carp in der rumänischen Deputirtenkammer und erklärte denselben voll zu acceptiren. Dieser Ausspruch lautet: Wollet Ihr die Juden siegreich bekämpfen? Seid arbeitsam. sparsam, ökonomisch wie sie, und Ihr braucht sie nicht zu fürchten. In der Concurrenz der Arbeit liegt die Lösung der Judenfrage". In der „R e v »e S o c i a l i st e", deren Artikel über die Judenfrage unlängst eine ausführliche Würdigung in diesem Blatte erhielt, treffen wir wieder eine Beschreibung der „Juden in Rußland" von Mme. P h a l i p o n. Der Aufsatz enthält im Allgemeinen nicht viel Neues. Bemerkenswerth sind jedoch die ausführlichen auf Grund eigener Wahrnehmung abgefaßten Details über die jüdischen Bauern-Colonien in den Gouvernements Ekaterinoslaw und Cherson, wo bekanntlich in den nächsten Monaten eine neue große Ackerbauschule ans den Mitteln der „Jewish Colonisation Association", und zwar im Dorfe Bobrowy Kut eröffnet wird. Nach den Angaben der Mme. Phalipon bestehen in Cherson 11 große Colonien. Die jüdischen Ackerbauer zerfallen in drei Kategorien. 1. In solchen, die 10—18 Dessatinen Boden besitzen und selbst den Boden bebauen. Ihr Werkzeug ist primitiv, und sie haben nur wenig Hausthiere. 2. Bei Colonisten, die kaum einige Dessatinen ihr eigen nennen und die Werkzeuge sammt Vorspann von ihren wohlhabenden Nachbarn entlehnen müssen, wofür sie dann als Taglöhner arbeiten. 3. Die dritte Kategorie bilden die Pächter von Staatsgrundstücken. Sie bedienen sich der Taglöhner zur Arbeit. In Ekaterinoslaw gibt es schon 17 Colonien. Allein ihre Bauern sind zumeist eingewandert aus Witebsk, Vilna, Podolien, während die in Cherson hier einheimisch sind. „Die Juden haben durch ihre Colonien den Befähigungsnachweis für die Landwirthschaft erbracht. Sie haben in allen Fällen, besonders beim Getreidebau gezeigt, daß sie den russischen Bauern keineswegs nachstehen." Interessant ist die Beschreibung eines jüdischen Bauernzimmers : „Die Häuschen der Juden sind lediglich aus Holz. Sie bestehen aus zwei Zimmern, die eine Wand scheidet. Selbst im leersten Zimmer findet man mehrere Möbelstücke, einen Tisch, einen Kasten, und auf den Wänden die Bilder des Kaiserpaares, sowie des Baron Hirsch und den Plan von Jerusalem; in einem Winkel die Gebetbücher. Das Häuschen ist rein und nett".