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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-12 · 19 (12.5.1899) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 19 Dr. Vlvch's Wochenschrift. Seite 37:; — Hol' Dich der.Gut, Du sollst soviel Kartoffel bekommen, wieviel Du selbst wirst ertragen kö men, aber fertig soll er werden. Ich werde Dich auch den Nachbarshöfen anempfehleu. Die letzten Worte des Herrn Ouufry richteten den Schneider auf und flößten ihm neuen Muth ein. Sehr gerne wird er noch eine Nacht opfern. Bekommt er ja außer dem bedingten Lohn noch Kartoffel und neue Arbeit! Und er nahm sich zur Arbeit mit Energie und großer Lust. Als sich aber der goldene Streifen im Osten zeigte mid die Arbeit bis znm Hereinnähen der Aermel gediehen war, da ward ihm nicht gut . . ., verschiedenfarbige Räder begannen sich ihm vor den Augen zu drehen und wurden mit einen! Male schwarz. . . . Er wendete gegen das Nebel das bekannte Mittel an. Er schlürfte langsam vom Branntwein und nahm dazu ein Stückchen Brot mit Zwiebel. Und als er wiederum zu sich kam und sich an das Pressen heranmachen wollte, da erhob sich bereits Brigitta von ihrer Lagerstätte und legte ein Feuer an. Auch die gnädige Frau ist munter geworden. — Das ist ein schlauer Jud', waren ihre ersten Worte. Wie das nur verdienen will! Noch immer bei der Arbeit. — Der Dales (Armuth) ist schlau, antwortete der Jude, und weil der Dales so schlau ist, wird der gnädige Herr den Paletot fertig haben. Er soll darin aussehen wie seine Excellenz der hochwohlgeborene Herr Graf .... So eine Arbeit kriegen Sie nicht oft zu Gesicht! Die gnädige Frau erhob sich von ihrem Lager und besah das Kleidungsstück. Sie hatte hie und., da etwas auszusetzen, bemängelte das Nähen, doch war sie im Innern ganz entzückt über das Prachtstück. Sie warf einen verstohlenen Seitenblick auf den schlauen Inden, ob er sie auch nicht durchschaue, da gewahrte sie sein blasses, blutloses Gesicht und seine rothen übermüden Augen. — Möchtest Du nicht etwas essen? Du siehst angegriffen aus. — Gott segne Sie für Ihr gutes Herz, gnädige Frau. Aber was kann ich da bei Ihnen essen? Was Sie essen dürfen, ist mir verboten. Die Pani Onufrowa pflichtete dem Juden bei. - Religion — sagte sie — bleibt Religion. Dann öffnete sie den großen Schrank, entnahm ihm eine Flasche Branntwein und reichte davon ein Gläschen dem Schneider mit wohlwollender Miene. — Das darfst Du ja trinken, nicht wahr? Der Alkohol und die Hitze der Stube versagten nicht ihre Wirkung. Jüdl wird lustig, sein Gesicht röthet sich. Er probirte dem Schlachciz das Kleidungsstück an. Und da wagte er es sogar, einige Witze zum Besten zu geben. — Nun, was sagst Du, mein Weibchen, fragte der Schlachciz seine Frau. — Es ist nichts da, was zu sagen. — Schade, daß der gnädige Herr nicht seinen Rücken sehen kann, sagte der Schneider, indem er die Falten mit seinen Handflächen glättete. Das liegt ja Alles wie angegossen! Ich habe mir meinen Lohn ehrlich verdient. — Ich breche nicht mein Wort. Du sollst nächste Woche Deine Kartoffel zu Hause haben! — Erst nächste Woche! Nu ja, es geht ja nicht anders. Aber sollen, gnädiger Herr, bis dahin meine kleinen Kinder zu Hause hungern? Geben Sie mir jetzt ein bischen Kartoffel mit! Die Kinder werden sich freuen und die Arbeit ist es werth! Der Schlachciz ergriff den Juden an der Hand und führte ihn zu einer Wanne, in der sich die Kartoffel befanden und schüttete hierauf dem Schneider ein gutes Viertel in den Sack. Dann bezahlte er ihm die 4 Rubel und verabschiedete sich von ihm in herzlicher Weise. Das Schlachcizenpaar fuhr in seiner neuen Ausstattung in die Stadt, um den Feiertag festlich zu begehen. Jüdl ging zu Fuß. Auf dem Rücken trug er den Sack, in dem außer den Kartoffeln noch die beiden Preßeisen lagen. Der Weg war schlecht, kothig und steil. Ueberdies lagerte noch ein dichter Nebel auf der Erde, der Jüdl's Augen ganz untauglich machte. Bis in die Stadt waren noch zwei Meilen zurückzulegeu. Er wollte noch zur rechten Zeit nach Hanse zu kommen, und der Samstag rückte immer mehr heran. Er verließ sich ans seine Kräfte und auf das Metermaß, das ihm den Wauderstock ersetzte. Er glaubte auch, auf dem Wege einer Bauernfnhre zu begegnen, die ihn nach Hanse brächte. Er steckte die Enden seines Kaftans in den Gürtel, um sich das Gehen zu erleichtern^ Der Kaftan erhielt demnach die Gestalt eines Fracks, dessen L-chöße sich im Straßenkoth nach' schleppten. Das Gehen wurde ihm immer beschwerlicher. Doch der Flickschneider war von innerer Zufriedenheit ganz erfüllt. Sv eine gute Woche hat er schon lange nicht gehabt. Holz, Kartoffel, Geld. . . . Er begann nachzndenken und nachzurechnen. Was wird er für die 4 Rubel Alles kaufen können? Was für einen Werth repräsentirt die Fuhre Holz? Und die Kartoffel? Seine Schritte beflügelten sich, während fein Kopf arbeitete. Da spürte er plötzlich eine Müdigkeit in seinem ganzen Körper, und an seinen Füßen hing es ihm wie Blei. Sein Gesicht war flammenroth und die Lungen arbeiteten schwer. Er mußte innehalten. Er legte den schweren Sack auf die Erde ab und nahm eine Prise ans seiner Tabaksdose. Dann strengte er seine überwachten Augen an und blickte nach einer Fuhre aus. Es war nirgends etwas zu erblicken. Er merkte nicht, daß er kaum 2 Kilometer zurückgelegt hatte. Er wartete noch eine Weile. Zwei Bauernwagen. die ihm entgegenkamen, fuhren in die entgegensetzte Richtung. Dann kam ihm ein lahmer Bettler entgegen, der ein ausgelassenes Lied vor sich hinbrummte. Er erinnerte sich an das kurze, mit der gnädigen Frau geführte Gespräch. Er begann an dasselbe in Gedanken anzuknüpfen und spann es also weiter: Es ist wahr, daß der Dales schlau ist . . . und weil er es ist, haben die reichen Leute immer schön anfgenähte Gewänder .... Der Dales ist eine häßliche Sache .... Der Hunger ist wie eine Peitsche, er haut einem auf den Nacken. . . Das Pferd des Wasserträgers in seiner Heimatsstadt kriegt auch viele Peitschen, deshalb schleppt es so viel Wasser .... und kriegt Heu . . . Und ich mache dennoch ein schlimmeres Geschäft als das Pferd.Denn das Pferd braucht ja nur ein wenig Heu und hat für Frau und Kind keine Sorge zu tragen, es hat weder für den Schabbes zu sorgen, noch eine Tochter zu verheiraten. Er war auf Dem besten Wege, das Pferd zu beneiden, da fiel es ihm noch rechtzeitig ein, daß es eine Sünde sei. . . . Seine Gedanken schlugen plötzlich eine entgegengesetzte Richtung ein. Was? Ein Pferd beneiden? Ein Pferd bleibt doch ein Pferd, ein Thier, er aber ist doch der erste „Warschauer Schneider von ganz Loschitz und Umgebung." Und hat er nicht 5 Jahre int Cheder des Loschitzer Melamed verbracht? Hat er sich dort wenig Bildung angeeignet? Das Pferd fressen die Hunde nach dem Tode, er aber wird ganz bequem in seinem Grabe liegen, über dem sich ein schöner Grabstein befinden wird. . . Und seine Seele im Paradiese! Auch ein Flickschneider darf nicht ein Pferd beneiden, zumal er, der diese Woche so viel verdient hat! Jüdl erhebt sich und geht weiter. Er ist zwar nicht mchr müde, aber er hätte große Lust zu schlafen. Er hat keine Kraft mehr, in den Nebel zu blicken, und seine Schritte werden immer langsamer, immer langsamer. Und die Füße werden ihm immer träger, als hätte er sie mit beiden Preßeisen beschwert. Die Kniee schlottern und zittern . . . Er überlegt etwas. Wie leicht könnte ein Fremder, der des Weges einherschreitet, glauben, er sei betrunken! Doch Jüdl weiß es, es ist nur Müdigkeit. . . . Wie oft hatte ihn schon eine solche Müdigkeit geplagt! Dann geht's vorüber. . . . Es ist ja nur so eine Schlafanwandlung, die Kopfweh und Gliederreißen im Gefolge hat und dann vorübergeht; sie ist ganz belanglos. Namentlich für ihn, der sich schon daran gewissermaßen gewöhnt hat. . . . Wenn schon einmal eine Fuhre ankäme! Die Hälfte des Weges war znrückgelegt. Der Sack wird ihm aber immer schwerer und schwerer. Hat nicht der Schlachciz

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