Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 368 Dr» Bloches Wochenschrift« Nr. 19 An seine Stelle wurde Dr. Gotthard Deutsch, Religionslehrer an den Brünner Mittelschulen berufen, dessen Thätigkeit hier eine sehr segensreiche war, und mit Bedauern sah die Gemeinde diesen Mann scheiden, als er einer Berufung als Professor an das Rabbiner-Seminar nach Cincinati Folge leistete. Die vacant gewordene Stelle wurde Herrn Dr. Adolf B i a ch verliehen, der segensreich in unserer Gemeinde seit circa sieben Jahren wirkt und es durch seinen lauteren Charakter und der Gewissenhaftigkeit in der Ausübung seines Amtes zu allgemeiner Beliebtheit und Ansehen nicht nur seiner Glaubensgenossen, sondern auch der übrigen Bevölkerung unserer Stadt brachte. Der mit den Verhältnissen Unvertraute wird sich wundern, daß trotzdem Brüx heute zu jenen Gemeinden gehört, in denen das Gemeindeleben und alle Einrichtungen geradezu mustergiltig sind, doch daselbst in 25 Jahren fünf Rabbiner thätig waren und dadurch die erwünschte Stabilität in diesem Posten unmöglich war. Die Brüxer Gemeinde hat von Anfang an darauf gesehen, auf den Rabbinatsstuhl bedeutende Männer zu berufen, und es darf deshalb nicht Wunder nehmen, wenn diese einer Berufung auf besser dotirte Posten und an einen größeren Wirkungskreis Folge leisten. Uebrigens hat die Gemeinde in ihrem Statut, daß der Rabbiner nach einer Reihe, von Jahren definitiv angestellt wird, und hofft hiedurch eine Stabilität herbeizuführen. Möge dies mit ihrem jetzigen Rabbiner Herrn Dr. B i a ch gelingen, und dieser hier das 50jährige Jubiläum der Besetzung des hiesigen Rabbinerpostens in voller Rüstigkeit einst feiern. Horic, 3. Mai. Bereits im Laufe des Monates April wurde? wie jetzt alljährlich, eine Gährung unter den hiesigen Fabrikswebern bemerkbar, und wurde selbe durch systematische Aufhetzung der hiesigen antisemitischen Bewohnerschaft, welche wöchentlich den Verdienst der Weber per 8000—9000 fl. genießen, zur Einstellung der Arbeit animirt. Am 26. April stellten zuerst die Weber der mechanischen Weberei, von „Brüder Goldschmied" die Arbeit ein und verlangten eine 35percentige Lohnerhöhung nebst anderweitigen Begünstigungen, welches Verlangen abgewiesen wurde; dagegen wurde ihnen eine 5percentige Lohnerhöhung, Einrichtung eines Arbeiterinvalidenfondes mit dem Gründungsfonde Per 2000 fl. angeboten. Damit stellten sich die Arbeiter nicht zufrieden und zogen zu den übrigen drei Fabriken der Hirsch-Söhne, Goldschmied u. Comp, und Em. Feuerstein und bewogen die Weber, die Arbeit einzustellen, welches ihnen auch bis zum nächsten Tage gelungen ist. Die Gendarmerie, welche normal bei einer Einwohnerschaft von 8000 Einwohnern und circa 3000 Webern, nur mit 3 Mann postirt ist, wurde sofort auf 20 Mann verstärkt. Herr Bezirkscommissär Pirchan und der Herr Gewerbeinspector aus Königgrätz trafen sofort ein, um mit den Streikenden und Fabrikanten eine Vereinbarung zu treffen, welche jedoch nicht erzielt wurde. Die weiteren Verhandlungen, welche drei Tage dauertenbrachten keine Vereinbarung zu Stande, zumal die Weber noch zum Streike und Beharren ihrer Forderung von einem großen Theil der Einwohner animirt wurden. Bemerkenswerth ist, daß bei einem hiesigen Buchhändler die Illustrationen der Nachoder Plünderung im Schaufenster ausgestellt waren, was von den Polizeiorganen gestattet wurde. Montag den 1. Mai wurde schon in frühester Arbeitsstunde von sämmtlichen Maurern, Zimmerleuten und Steinmetzen aus allen benachbarten Steinbrüchen die Arbeit eingestellt und von den Baumeistern eine 30percentige Lohnerhöhung und eine Stunde weniger Arbeitszeit gefordert, welches ebenfalls von den Arbeitgebern abgelehnt wurde. Zudem kam noch um die 12. Mittagsstunde ein Redacteur eines socialistischen Blattes aus Prag und meldete sich beim Bezirkscommiffqx, um den Arbeitern einen Vortrag zu halten, was ihm jedoch untersagt wurde. Darüber aufgebracht, ließ er einige ungebührende Worte fallen, welche seine Arretirung zur Folge hatten. Darüber entstand bei den Arbeitern und Anhängern der socialistischen Partei eine derartige Entrüstung, daß sie das Bezirksgerichtsgebäude erstürmten und die Freilassung des Redacteurs beanspruchten. Nachdem ihnen dies nicht gelang, nahmen die Arbeiter eine drohende Haltung ein, so daß der Bezirkscommiffär um Militär nach Königgrätz telegraphirte, welches bereits seit zwei Tagen dort marschbereit war. Fast drei Stunden hielten die 20 Gendarmen unter Commando des Herrn Bezirkscommiffärs die Menge mit größter Anstrengung zurück. Herr Bürgermeister Dr. Tamsa und Polizeirath Dr. Para nahmen sich die größte Mühe, das Volk zur Ruhe zu bringen, Mes blieb jedoch erfolglos. Um halb 4 Uhr Nachmittags kam mittelst Exlrazug eine Compagnie des 21. Infanterie- Regimentes an, räumte sofort die Gassen und stellte die Ruhe her. Tarnow. (Der Brief eines Colonisten aus M a ch n a j i m.) Dem „A h a v a s Zi o n" in Tarnow ist aus einer Colonie in M a ch n a j i m ein sehr interessanter Brief von einem Colonisten in den letzten Tagen zugekommen. Aus demselben spricht eine ungeheuere Pietät zum heiligen Lande und eine psychologisch merkwürdige, geradezu schwärmerische Liebe zur Natur, die erst der Boden Palästinas in dem ja für Naturreize sonst sehr wenig empfänglichen Herzen dieses galizischen Juden erweckt hat. Braucht da erst gesagt zu werden, warum gerade in Palästina die jüdische Colonisation so große Erfolge aufzuweisen hat? Der Brief, der im Jargon geschrieben ist, lautet: „Eine Stärkung der Seele brachten uns die süßen Worte aus der Tiefe Eurer Herzen, die von Liebe zu unserem heimatlichen Boden und zu Euren Brüdern erfüllt sind. Kaum einige Wochen sind verstrichen, seitdem ich an Euch meinen ersten Brief gerichtet habe und wie hat sich Alles schon geändert. Wir hatten damals noch nicht den Boden gesehen, der für uns bestimmt war und wir arbeiteten auf fremder Scholle. Heute haben wir bereits einen großen Theil unserer eigenen Erde beackert und besäet und bald werden wir sie auch vertheilen. Eine große Fläche ist bereits für Pflanzungen von Olivenbäumen abgegrenzt, ein anderer Theil wieder für Tabak bestimmt, der hier gut gedeiht und leicht an den Mann gebracht wird. Seitdem Herr Bromberg (der Verwalter) von Sichron zurückgekehrt ist, wo er den Baron gesprochen hat, erwacht unsere Colonie zu neuem Leben. Der Baron hak seine Freude darüber ausgedrückt, daß galizische Juden diesen Boden anbauen, da sich bisher keiner von ihnen im Lande unserer Ahnen ansiedeln wollte. Er befahl in Gegenwart des Herrn Bromberg allen seinen Verwaltern, daß sie ihn mit Rath und mit ihren Erfahrungen unterstützen und uns speciell den türkischen Behörden gegenüber moralisch beistehen. Wir haben auch einen Arzt,, eine Apotheke und sonst Nöthiges. Der Baron hat einen seiner Beamten nach Beyrut geschickt, damit wir Concessionen zum Häuserbau erhalten. Ich habe die meisten Colonien besucht und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß keine der unsrigen in Bezug auf die Lage und die gute Last gleicht. Ringsum erheben sich mächtige Berge, allen voran der schneebedeckte Hermon. Dieser Berg ist zwar 10 Stunden weit, allein da er mit seinem Gipfel den Himmel zu berühren und mit seinem Fuß in den Wolken zu liegen scheint, so glaubt man, daß er nur um einige Meter entfernt ist. Es bietet sich da ein imposanter Anblick unseren Augen dar! In der Mitte unserer Colonie sprudelt eine Quelle hervor, und es wird uns daher weder im Sommer noch im Winter an Wasser fehlen. Unsere Arbeit bereitet uns auch eine große moralische Freude und unaufhörlich segnen wir unsere Wohlthäter und Brüder aller Länder, die uns unterstützen. Möge Gott, der auf Zion thront, sie stärken, auf daß das begonnene Werk vollendet werde und unser Auge Zion und Jerusalem erlöst sehe. Mit größter Hochachtung Euer liebender Bruder Berl Großberg. Drohobyez, 9. Mai. Unsere Stadt betrauert das Hinscheiden eines ihrer verdienstvollsten Männer, des allgemein hochgeachteten Herrn Hirsch Goldhammer, welcher im 73. Jahre seines dem öffentlichen Wohle gewidmeten rastlos thätigen Lebens am 3. d. M. gestorben ist. Seit dem Bestände der Autonomie vom Vertrauen seiner Mitbürger in die Stadtgemeinde-, Bezirks- und Cultusgemeinderepräsentanz berufen, stellte Goldhammer seinen ganzen Mann in führender Stellung dem Dienste der Oeffentlichkeit, als Bice-Bürgermeister und Cultus-Präsident, als Mitglied des Bezirksausschusses und Director der städtischen Sparcasse, als Obmann des Drohobycz-Boryslawer-Localcomites der Baron Hirsch-Stiftung und Mitglied der Lemberger Handelskammer, bis eine schwere Krankheit vor drei Jahren ihm zum allgemeinen Bedauern den Ruhestand aufnöthigte.