Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 367 Wien, 5. Mai. „Sehr geehrter Herr Redacteur! In der Nummer 18 Ihrer sehr geschätzten „Wochenschrift" vom 5. Mai l. I., in der eine kurze Biographie des verstorbenen kaiserl. Rathes Joel Deutsch enthalten ist, heißt es: „Sein pädagogisches Talent zeigte sich noch im Vorjahre, als sein Nachfolger, Dr. Brunner, nicht in der Lage war, eine wichtige Feier für eine verstorbene Wohlthäterin des Institutes selbst abzuhalten. Bereitwilligst übernahm der schon seit einiger Zeit im Ruhestande lebende Director Deutsch die Leitung des Festes . . ."Um jedem Mißverständ niste vorzubeugen, beehre ich mich, Ihnen mitzutheilen, daß Herr Director Dr. Brunner die bezeichnete Feier seit 10 Jahren alljährlich am 27. October leitete und nur am 27. October 1896 durch eine längerandauernde Krankheit an der Abhaltung derselben verhindert war und vom Director Deutsch vertreten wurde. Mit der ergebenen Bitte um gütige Aufnahme dieser Zeilen in die nächste Nummer der „Wochenschrift" zeichnet ergebenst Joses F r i e d l, Lehrer am österr.-israel. Taubstummen-Justitute." Brünn. Vor Kurzem feierte der hiesige „St. Josef Frauenverein" das Jubiläum seines fünfzigjährigen Bestandes. Zahlreiche Juden gehören diesem Vereine an und noch zahlreicher sind die Juden, deren Beiträge und Spenden mit dazu dienen, die Zwecke des Vereines zu erfüllen, welcher sich die Unterstützung verschämter Armer ohne Unterschied der Confessio n und Nationalität zur Aufgabe gestellt hat. Diese Devise „ohne Unterschied der Confession" kam aber bei der Jubiläumsfeier keineswegs zum Ausdruck. Abgesehen davon, daß die Feier unter den Auspicien des hohen Clerus abgehalten wurde und daß sie einen fast kirchlichen Charakter hatte, fehlte es nicht an einer directen Verhöhnung und Beleidigung der Juden, über welche unwürdige Behandlung man freilich nicht erstaunen wird, wenn man erfährt, daß Pater Abel als Festredner austrat. Bei diesem Herrn kann man immer und bei jeder Gelegenheit auf Tactlosigkeiten gefaßt sein, und es kann im Interesse der Menschlichkeit und des edlen Vereinszweckes nur bedauert werden, daß man diesem hinlänglich gekennzeichneten Manne die Gelegenheit zu Aufregungen bot, welche die jüdischen Wohlthäter zu verletzen geeignet sind. Dem Berichte über den Verlauf der Feier entnehmen wir folgende Einzelnheiten: Die Präsidentin des Vereines, Frau Gräfin W i ck e n b u r g, eröffnete die Versammlung, begrüßte die Erschienenen, insbesondere den Bischof Bauer und?. Abel und ertheilte sodann dem Consulenten des Vereines, P. Kolisek, das Wort zur Erstattung des Tätigkeitsberichtes des Vereines während seines 50jährigen Bestandes. Diesem Berichte entnehmen wir Folgendes: Nach den Wirren des Jahres 1848 zeigte sich allenthalben das menschliche Elend in größerem Maße, aber auch die Mittel zu dessen Abhilfe wurden mannigfaltiger, so gründeten einige edelgesinnte Damen im Jahre 1849 einen „Verein wohlthätiger Damen" der es sich zur Aufgabe machte, durch Unterstützung verschämter Armer menschliches Elend zu lindern. Vor Allem suchte der Verein sich verlassener, armer Kinder anzunehmen. Anfangs wurden diese Kinder in Privathäuser untergebracht, aber bald wurde der Entschluß gefaßt, ein eigenes Heim für die armen Schützlinge zu gründen. Frau Aloisia Braun unterstützte die Bemühungen des Vereines, indem sie im Jahre 1855 das Haus Obrowitz Nr. 64, jetzt Zeile 84, zur Unterbringung der Waisenmädchen schenkte. Außer der Sorge um die Kinder ist der Verein aber besonders bestrebt, seinen Hauptzweck zu erfüllen, und sich der verschämtenArmen anzunehmen. Den thätigen Mitgliedern werden arme Familien zugewiesen, für die sie zu sorgen haben. Der Verein kennt da keinen Unterschied der Nationalität und Rel i g i o n, wo die Armuth und Noth am größten, dort sucht er zu helfen und zu retten, soweit seine Mittel reichen. Gegen 40.000 Arme nahmen seit dem fünfzigjährigen Bestände die Hilfe des Vereines theils in größerem, theils in kleinerem Maße in Anspruch. In der äußersten Vorstadt, in Gassen, deren Namen vielen Bewohnern Brünns ganz unbekannt sind, spielt sich die Hauptthätigkeit des Vereines ab. Am deutlichsten drücken Zahlen die Thätigkeit desselben aus. Die Ausgaben desselben betrugen in den 50 Jahren 225.400 fl. Der Bericht schließt mit Dankesworten an die Wohlthäter, Gönner und Förderer des Vereines. Der Bericht wurde beifällig zur Kenntniß genommen, worauf Pater Abel die Festrede hielt. Er schilderte in seiner bekannten „derb-humoristischen" Art die Thätigkeit der Frauen-Wohlthätigkeits vereine im Allgemeinen, erzählte verschiedene Beispiele aus seiner „Armenpraxis" und forderte die thätigen Mitglieder des Vereines auf, nicht allzu weichherzig zusein,'da Armuth erfinderischmacht und die armen Leute oft lügen und ihrElend greller dar stellen, als es in Wahrheitist. Die Damen sollen die Armen in ihren Wohnungen besuchen, die Verhältnisse genau prüfen, aber den Geldbeutel „zu Hause" lasten, um nicht in ihrer Weichherzigkeit Unwürdige zu unterstützen. Redner gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die „thätigen" Mitglieder des Vereines alle einer Confession angehören; was jedoch die „unterstützenden" Mitglieder anbelangt, so brauche mau nicht aus die Confession zu sehen. Ob Katholik, ob Protestant, ob Jude, wer etwas geben will, ist willkommen; edle Menschen gibt es in jeder Confession. Redner fordert ferner die Damen auf, sich eine „harte Haut" anzuschaffen und sich durch Undank in ihrem wohlthäligen Wirken nicht abschrecken zu lasten. Schließlich fleht er den Segen des Himmels auf das weitere Gedeihen des Vereines herab. — Sodann nahm Bischof Bauer das Wort. Er besprach das Thema der christlichen Nächstenliebe an der Hand zahlreicher Beispiele aus der biblischen Geschichte und unter Citirung zahlreicher Bibelstellen. Zum Schlüsse ertheilte er den Versammelten den bischöflichen Segen, wobei die Anwesenden im Saale niederknieten. Damit war die Feier beendet. Die Auseinandersetzungen des Pater Abel machten einen höchst befremdlichen Eindruck. Es ist jesuitische Moral, welche lehrt von Andersgläubigen zwar Geld zu nehmen, sie aber in ihren Rechten, die ihnen aus diesem Titel zustehen, zurückzufetzen. Die energische Mahnung zu ganz besonderer Vorsicht den Armen gegenüber, entspricht wohl ebenfalls nicht den Grundsätzen wirklicher Wohlthätigkeit und Menschenliebe. Prag, 8. Mai. „Sehr geehrte Redaction! Die in Ihrem Berichte (Nummer 18 vom 5. d. M.) über die Generalversammlung des Vereines „Ahavas Zion" in Tarnow enthaltene Mittheilung, daß auch von mir eine Zustimmungskundgebung eingelaufen sei. bedarf der Richtigstellung. Der genannte Verein lud mich ern. in dessen Vorstand einzutreten. Um jedem Mißverständnisse und insbesondere meiner bei der kurz bevorstehenden Generalversammlung möglicherweise beabsichtigten Wahl vorzubeugen, antwortete ich sofort in dem Sinne, daß ich die mir zugedachte Ehre dankend ablehnen müsse, da ich einerseits die Statuten des Vereines nicht kenne, andererseits aber schon vermöge meiner Stellung als Präsident des Verbandes der israelitischen Humanitätsvereine Bnai Brith für Oesterreich von vornherein einem zionistischen Vereine nicht angehören kann. Dies hindere mich jedoch nicht, den c o l o n isatorischen Bestrebungen des Vereines im Interesse unserer armen galizischen Glaubensgenossen vollen Erfolg zu wünschen. Indem ich bitte» dieser Berichtigung in der nächsten Nummer Ihrer geschätzten Wochenschrift Raum zu geben, zeichne ich hochachtungsvollst Dr. H a m m e r schla g." Brüx. Man feiert in unserer Zeit die verschiedensten Jubiläen von wichtigen und minderwichtigen Ereignissen. Wenn auch keine Feier veranstaltet wird, so wollen wir doch ein für unsere Cultusgemeinde wichtiges Ereigniß nicht unerwähnt vorübergehen lasten. Am ersten Schewuothtage des heurigen Jahres wird es 25 Jahre, seitdem in unserer Gemeinde Rabbiner seelsorgerisch wirken. Die Brüxer Gemeinde gehört zu den jüngeren Gemeinden Böhmens. Erst im Jahre 1868 gelang es nach vielen Mühen, hier eine Gemeinde zu gründen und schon 5 Jahre später ward der Tempel der Benützung übergeben. Am Pfingsttage des Jahres 1874 bestieg als erster Rabbiner dieser neuen Gemeinde Herr Dr. Alex. Kisch, jetzt Feldprediger und Rabbiner an der Meiselsynagoge in Prag die Kanzel itn$ wurde sofort als Prediger und Rabbiner angestellt. Seine Thätigkeit hier war nur eine kurze, da er bald einem Ruse nach Zürich folgte. Als sein Nachfolger wurde Herr Dr. S. Bloch aus Kobylin berufen, und wenn dieser Mann früher als erster Streiter und Verfechter des Judenthums so segensreich als Reichsrathsabgeordneter, und jetzt als Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" in Wien erfolgreich wirkt, so darf die Gemeinde Brüx stolz darauf sein, diesen Mann als erste richtig beurtheilt und nach Oesterreich gebracht zu haben. Nach ihm war Dr. Jacob Tauber mehrere Jahre als Rabbiner thätig und kam nach Prerau, woselbst erZ den Titel eines Oberrabbiners führt.