Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021297--08837-3033236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 366 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 19 „Unsere Maulhelden und Volksbeglücker, sie sollten nur Herkommen oder hingehen, wohin sie wollen, in die weite Welt, um zu sehen, wie weit sie unser Vaterland heruntergebracht haben! Nur von der Ferne sieht man die Sachen, wie sie sind. Und hier in Rio de Janeiro geht es unseren Landsleuten exactamente so, wie es Ihr Correspondent I—r aus S. Paulo unter der Rubrik „Der Oesterreicher in Südamerika" dargestellt hat, dank der Schule und der Erfahrungen, die sie aus der Heimat nicht — mitgebracht haben. Unsere Colonialgesellschaft ist seit 1894 redlich bemüht, das Ansehen unseres Vaterlandes im Auslande zu heben, die Auswanderung in geregelte Bahnen zu lenken, Verbindungen mit den im Auslande lebenden Landsleuten anzuknüpfen und zu erhalten und unseren Export zu heben. Alle diese Ziele sind sehr lobenswerth und sollten von jedem patriotischen Landsmann unterstützt werden — und trotzdem ist es nicht so leicht, unsere Schlafhauben aus dem Kaffeehause herauszubringen, zu bewegen, die Fabrik selbst zu beaufsichtigen, Reisende zu schicken, besser zu packen, solid auch das zweitemal zu bedienen, fremde Muster nachzuahmen oder auch neue zu erfinden. Unsere Leute wollen a Hetz' und meinen, daß die Welt im Prater anfängt und beim „Guschelbauer" aufhört. Darum diese Niederlage, darum diese Armuth. Die „Handels- und Verkehrszeitung" stellt es sich zur Aufgabe, unseren Handel und Export zu beleben. Ein sehr löbliches Unternehmen! Besser später als niemals!" &Hen, 8. Mai. (Einen Ritual mord um jeden Preis!) Man schreibt der „Neuen Freien Presse": Die Antisemiten von der Blut-Couleur des Mechanikers Schneider wollen durchaus einen jüdischen Ritualmord zu Stande bringen — sie brauchen eine tatsächliche Bestätigung ihres Blutmärchens. Es wurden doch leider in letzterer Zeit so viele grausame Morde verübt, die allgemein Entsetzen und Entrüstung erregten — aber bei keinem wollte es trotz der eiftigsten Bemühungen gelingen, ihn zum Ritualmorde zu stempeln. Der Mädchenmord bei Polna schien allerdings die günstige Gelegenheit zu bieten, und Alles war bereits vorbereitet — in den antisemitischen Blättern wurde schon der angebliche Mörder mit Namen genannt und die Volkswuth'gegen chn aufgestachelt; die Schächter von Kolin und Goltsch-Jenikau wurden als Mitschuldige bezeichnet, obgleich keiner von ihnen zur Zeit der That auch nur in der Nähe von Polna war, und der ganze zum Ritualmord nöthige Thatbestand war bereits construirt — da machte die Prager Polizeidirection den Antisemiten einen Strich durch die Rechnung, indem sie den Handschuhmachergehilfen I a n d a verhaftete, auf den alle Umstände als den Mörder Hinweisen. Es war also wieder nichts mit dem Beweise des Blutmärchens. Kaum hatte sich die Kunde von der Auffindung der Leiche der kleinen Mizzi Winter im Keller des Hauses Nr. 5 der Payergasse verbreitet, da eilte Mechaniker Schneider hinaus nach Ottakring, um alle Umstände des Verbrechens sorgfältig zu erheben, aber bevor er noch hinauskam, war der Thäter bereits verhaftet, und aus Joses Kopetzky ließ sich beim besten Willen kein Ritualmörder machen. Aber es muß doch einen solchen geben — die Antisemiten brauchen ihn dringend nothwendig. Da wurde denn in der Mordchronik zurückgeblättert, um nachträglich einen geeigneten Fall zu finden. In der That wurde ein solcher entdeckt. Vor einigen Wochen wurde bekanntlich im Leichenhause des Centralfriedhofes in Salzburg die Leiche eines noch kindlichen Mädchens mit durchschnittenem Halse aufgefunden, und die gerichtliche Untersuchung ergab, daß an dem armen Opfer ein Lustmord verübt worden war. Es wurde auch ein der That verdächtiger Mann verhaftet, der aber wieder freigelaffen werden mußte. Da hatte man also einen Mord, dessen Thäter noch nicht entdeckt ist und der daher die Gelegenheit bot, daraus einen Ritualmord zu machen. Das ist auch schon geschehen, aber auffallenderweise in keinem der einheimischen antisemitischen Blätter, sondern die Entdeckung wird aus benachbartem reichsdeutschen Gebiet importirt. Das in Traunstein in Bayern erscheinende Wochenblatt brachte vorgestern eine Correspondenz aus Salzburg, worin kurzweg erklärt wird, es könne keinem Zweifel unterliegen, daß man es bei dem Morde auf dem Salzburger Centralfriedhofe mit einem Ritualmorde zu thun habe. Nach Aussage des Arztes Dr. B r e b i ß sei die Todeswunde des armen Opfers ein ganz regulärer Schächterschnitt gewesen. Wer dieser Dr. Brebiß ist, wird nicht gesagt, auch wird nicht beigefügt, welches Gutachten der obducirende Gerichtsarzt abgegeben. Dagegen wird noch beigefügt, zwei Personen wußten sich bestimmt zu erinnern, „daß sie kurz vor der kritischen Zeit auf dem Friedhofe einem Juden mit einem Talmud begegnet sind". Dieser Blödsinn müßte, wenn er nicht so widerwärtig wäre, Heiterkeit erregen. Man will glauben, daß der Jude, der den angeblichen Ritualmord im Leichenhause verübt haben soll, sich zu diesem Zweck mit einem Talmud — mit einem Werke, das aus etwa fünfzehn starken Bänden besteht — versehen habe. Aber für die antisemitische Heerde ist bekanntlich nichts dumm genug, um nicht geglaubt zu werden, und wenn das Schlagwort vom Ritualmorde einmal ausgegeben ist, findet es rasch seinen Widerhall von allen Seiten. Man muß sich auch die Quelle des neuesten Blutgerüchtes etwas genauer ansehen. Das „Traunsteiner Wochenblatt" ist . nicht etwa ein privates antisemitisches Winkelblättchen, sondern es bezeichnet sich selbst stolz als das „Amtsblatt für das k. Amtsgericht und den Stadtmagistrat T aunst-ün". Also das Amtsblatt eines königlich bayerischen Amtsgerichtes, das Organ einer reichsdeutschen Justizstelle, hält sich für berechtigt, solche aufreizende Gerüchte in das benachbarte österreichische Gebiet zu importiren. Aber auch der übrige Inhalt des sauberen Blättchens läßt erkennen, daß es ganz vom bayrisch-clericalen Geiste erfüllt ist, und daraus erklärt sich auch die Salzburger Hetzcorrespondenz von selbst. Zum Morde in Polna. Die Vertretung des unter durchaus erfundenen Details von dem „Deutschen Volksblatt" der Mordthat im Walde bei Polna beschuldigten Schächters Moriz Kurzweil in Goltsch-Jenikau hat der Präsident des „P o l i t i s ch e n B o l k s v e r e i n e s", Hof- und Gerichtsadvocat Dr. F i a l l a in Wien, übernommen und bei dem hiesigen Landesgerichte die Strafanzeige wegen Vergehens der Ehrenbeleidigung gegen Herrn August Schreiber, den verantwortlichen Redacteur, und gegen den Herausgeber des genannten Blattes, Erast B e r g a n i, überreicht. Die Confiscation der betreffenden Nummer war schon früher infolge des incriminirten falschen Berichtes seitens der Staatsanwaltschaft von Amtswegen erfolgt, während die über klägerischen Antrag bewilligte Hausdurchsuchung nach dem Manufcripte erfolglos vorgenommeu wurde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß, falls die erfundene Beschuldigung zu einer gerichtlichen Nachforschung gegen den Beschuldigten führen sollte, die Ehrenbeleidigungsklage im Sinne des Strafgesetzes sich zu einer Verfolgung wegen Verbrechens der Verleumdung umgestalten werde. Wien. (Kais. Rath Deutsch.) Donnerstag den 4. d. M. wurde der ehemalige Director des Allgemeinen österreichisch-israelitischen Taubstummeninstitutes Herr kais. Rath Joel Deutsch zu Grabe. getragen. Unter den außerordentlich zahlreichen Trauergästen, die sich in der Wohnung des Dahingeschiedenen eingefunden hatten, bemerkte man Herrn Hofrath Professor Dr. Grube r, die Mitglieder des Cultusvorstandes: I. Vicepräsidenten Gemeinderath Dr. A. Ster n, Gemeinderath W. S t i a ß n y, Th. Ritter v. Goldschmidt und S. Cohn, die Mitglieder des Vorstandes des israelitischen Taubstummeninstitutes, die Herren: Dr. Arthur K u r a n d a, Em. K o l l i s ch, M. von P o r t h e i m und Paul-S ch i f f, die Damen Aurelie Weiß, Josephiue Paul-Schiff und Caroline von G o m p e r z - B e t t e l h e i m, die Herrn Director Dr. Brunner mit dem gesammten Lehrkörper und einer Anzahl von Zöglingen des genannten Institutes, Ortsschulrath 5. Heit und Schriftsteller Em. Baumgarten. Auch eine Deputation des Lehrkörpers des k. k. Taubstummeninstitutes war erschienen. In der Ceremonienhalle auf dem Centralfriedhofe verrichtete Obercantor G o l d st e i n die rituellen Gebete, worauf Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n in formvollendeter Rede die hohen Verdienste schilderte, die der Verblichene sich um das Taubstummenbildungswesen in Oesterreich erworben hatte, und ihn als zärtlichen Vater und treuen und verläßlichen Freund pries. Am offenen Grabe hielt der Präses des Jnstitutsvorstandes, Herr Dr. A. K u r a n d a, dem Dahingeschiedenen einen trefflichen ergreifenden Nachruf. Nachdem noch der Vertreter des Chonen-Dalimvereines, Herr G. K ö n i g, im Namen dieses Vereines gesprochen hatte, verrichtete ein Zögling des Taubstummeninstitutes das Kadisch-Gebet. Wir behalten uns vor, unseren Lesern in einer der nächsten Nummern eine eingehendere Darstellung der bedeutungsvollen Leistungen des Heimgegangenen zu bieten.