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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-12 · 19 (12.5.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 364 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 19 ärmste Mädchen aus dem Volke eine der letzten Mode angepaßte Joppe oder Schürze anschaff^> ebenso wie die feinste Dame Toiletten fürs Haus und die Repräsentation. Es sind durchwegs Firmen von gutem Klang, die sich das Verdienst vindiciren -können, in dieser Richtung bahnbrechend gewesen zu sein u. zw. falS Gründer: Herling, Knopp, Zerner, ferner: Au- ' spitz, Bleier, Deutsch, Engel, Frankl, Strauß, Grünhut, Koppel, Kempner, Loebel, Mautner, Schwoner, Singer, Wagner, Ratzersdorftx^J, Unsere Großmütter und Mütter denken noch mit Gruseln und Beklemmung an die großen Sorgen, welche ihnen die Besorgung der^Brautausstattungen und der Trousseaus machten. Auch hier ftvaren es Juden, welche in dieser Richtung einen neuen Industriezweig in Oesterreich gründeten, indem sie die Anfertigung von Ausstattungen, die Besorgung von Trousseaus und die Lieferung von Kinderwäsche für Wöchnerinnen industriell inscenirtes-i Alle Classen der Bevölkerung, von der bescheidensten Bürgerssrau angefangen bis zu den höchsten Hofkceisen, lassen sich von diesen jüdischen Industrielle» bedienen, finden hiebei ihre Rechnung, sind großer Mühen überhoben und ersparen noch an Geld und Zeit. Für das reelle uud solide Gebühren der jüdischen Industriellen dieser Brauche spricht zur Genüge der Umstand, daß sich die Clientel derselben in Bürgerfamilien von Mütter auf Töchter und Enkelkinder vererbt und daß sie für die höchsten Herrschaften und allerhöchsten Hofkreise ständige Lieferanten sind und vielfach mit dem Hoftitel ausgezeichnet worden sind. Von betreffenden Firmen seien erwähnt:/Baier, Braun, Großmann, Mieselbach, Oser, Scho st al u. Härtlein, Stieglitz u. Ungar u. A.*) f - Eduard Beer. Rabbinismus. Der Rabbinismus ist der. Inbegriff aller religiösen, moralischen, culturellen Offenbarungen des jüdischen Jntellects seit der Auflösung des zweiten jüdischen Staatslebens bis heute. Er umfaßt somit einen Zeitraum zweier Jahrtausende: Von der Gründung des Lehrhauses in Jabneh durch Rabbi Jochanan b. Saccai bis auf unsere Tage. Der Rabbinismus ist die unmittelbare Fortsetzung des Mosaismus oder, wenn man will, dessen erläuternde Ergänzung. Er bildet die Wurzel, welche dem jüdischen Stamme immer neue Säfte und Kräfte aus dem Boden der ältesten Wahrheit und Weisheit aus der Bibel zugeführt. Und deshalb hassen ihn alle Diejenigen, welche an dem Lebensbaum Israels so gerne rütteln möchten. Aber auch aus unserer eigenen Mitte wenden sich viele von den rabbinischen Ueberlieferungen wie von etwas Schädlichem, Unheimlichem ab. Sie haben eben die tiefe Moral, die erhabene Welt- und Lebensanschauung, welche das rabbinische Schristthum enthält, niemals kennen gelernt. Den Rabbinismus begreifen, heißt ihn schätzen. Wer ihn daher gegen seine Verächter hüben und drüben warm und liebevoll vertheidigen will, der verfährt am besten, wenn er dessen edle Grundsätze selbst für die Lauterkeit desselben sprechen läßt. Sie sind gewissermaßen das Alibi des geschmähten Rabbinismus gegen seine Ankläger und verkünden gleichsam vor aller Welt: Eine Glaubensgemeinschaft, deren Weisen solche Anschauungen verbreiten, kann unmöglich jener entsetzlichen Handlungen fähig sein, deren man sie beschuldigt. Hören wir, wie einer der berühmtesten Vertreter des Rabbinismus — der nicht etwa eine Ausnahme, sondern die gewöhnliche Regel seines Standes repräsentirt — Rabbenu Ascher b. Jechiel (Ascheri 1250 —1327) über Ethik und Moral dachte. In seinem „Orchoth C h a j i m" **) lesen wir die schönsten Sitteusprüche, die je ein Menschenherz empfunden. Einzelne Proben aus demselben seien hier in nachfolgender Anordnung angeführt: Ueber Rechtschaffenheit im socialen Verkehr: „Entferne Dich mit aller Macht vom Hochmutb; ebenso von Lug und Trug, von Spottsucht, Falschrederei und Zorn . . . *) Die Verzeichnisse der in den erwähnten Industriezweigen angeführten Firmen machen selbstverständlich auf Vollständigkeit keinen Anspruch. **) Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Sittenbuche des Eleazar b. Isaak aus Worms (1050). Wir citiren aus der uns vorliegenden Edition: Anhang zu einer „Tefillah", Sulzbach, 1712. Sitze nicht gemeinsam mit Müßiggängern und nicht im Kreise der rohen Menge. Sprich nicht unnütze Rede und sei bestrebt, Nachts in der Lehre zu forschen, bis daß Du darüber einschlummerst, nicht aber übermäßiges Gerede." „O r ch o t h C h a j i m" 1 f. „Das Geheimniß Deines Nächsten enthülle nicht. Selbst Dinge, welche man Dir nicht als Geheimniß anvertraute, birg' in Deinem Innern. Und hörtest Du auch das Gleiche von einem Dritten, so erwidere nicht: Ich hörte dies bereits, und vor der in Deinem Busen Ruhenden (Seele) bewahre Deine Lippen." Das. 41. „Maße Dir kein Selbstlob an und überschätze nicht Deine Person in Deinen Augen; Vielmehr (taktin*) unterschätze Dich." Das. 97. „Niemals erschlaffe in Deinem Bemühen nach Vermehrung der Anzahl Deiner Freunde und Gönner und nicht unterschätze auch nur einen Feind." Das. 98. „Geselle Dich nicht einem bösen, sündhaften, jähzornigen Menschen, nicht einem Thoren, damit er über Dich nicht Schmach bringe." Das. 105. „Gewöhne nicht Dein Herz an Neid, denn dieser ist eine böse Krankheit, die keine Heilung findet. Meide die Gewohnheit, bei Deinem Leben zu schwören, ja selbst auf eine wahre Sache nicht." Das. 113. Ueber die Würdigung moralischer Güter: „Weise ab von Dir die Stütze des schwankenden Rohres, die Stütze des Menschen und wandle sittenrein vor Deinem Schöpfer uud setze nicht Deine Hoffnung auf Gold. Denn dies ist der Anfang des Götzendienstes ..." Das. 29. „Schlafe nicht, wie die Trägen, einen langen Schlaf. Gewöhne Dich, mit dem Morgengrauen zu erwachen, und zugleich mit der Stimme des Vogels erhebe Dich von Deinem Lager." Das. 70. Ueber Toleranz, Glaubensduldung. „Erzürne Niemanden, auch einen Andersgläubigen nicht... Laß' nichts Lügenhaftes Deinem Munde entfahren und Vertraue Jedermann, selbst einem Andersgläubigen. Zögere nicht, den Friedens grüß Jedem zu bieten, selbst einem Nichtjuden, auf daß der Friede hierin gefördert werde." Das. 130. Man beachte wohl, so lehrte ein Rabbiner, der selbst ein Opfer des fürchterlichsten Glaubenshasses war: Rabbenu Ascher mußte infolge der wahnsinnigen Fabel von dem Blute einer zerstoßenen Hostie mit seiner Familie Haus und Hof verlassen ,ind nach Spanien flüchten. Vgl. Graetz, Gesch. d. Jud., Bd. VII, 252 f. Doch hören wir weiter das Urtheil unseres Rabbiners über Gottinnigkeit. „Uebe nichts im Verborgenen, wovor Du Dich öffentlich schämen müßtest; sprich aber nicht: Wer sieht mich?" Das. 109. „Bete stets nur mit Herzensandacht und mit Würde, damit Dein O h r es wahrnehme." Das. 72. „Erkenne den Gott Deiner Väter und Deine Worte wiege auf gerechter Wage. Ein ehrliches Maß sollst Du haben. Leichter sei in Deinen Augen die Veräußerung Deines Geldes, als die Deiner Worte ..." Das 30. Ueber rechte Lebensanschauung: „Gedenke stets des Todestages und sammle Vorrath für die Wanderschaft ins Jenseits. Halte beständig diese Beiden vor Augen, auf daß sie Dich am Tage des Scheidens bereit finden. Netze Dein Lager mit Thränen und laß Dich erschüttern durch den Hinblick auf Rabbi Jochanan's Bewegung bei seinem Gedanken an die letzte Stunde." Das. 32. Dies bildet nur eine knappe Auswahl der ethischen Lehren des Rabbinismus, jenes Rabbinismus, der das Prioritätsrecht besitzt auf den humanen Grundsatz: „Kol ma d’ssani loch, l’cliawrocli io ta’bod“ „Alles was Dich schmerzt, füge auch Deinem Nächsten nicht zu!" Wie erbärmlich, wie armselig klingt doch solch' hehren Gesinnungen gegenüber die unglückselige Fabel von Kindesmord und Blutritual!! Doch man könnte einwenden, dies sei der Rabbinismus im Frieden. Allein angesichts der feindlichen Angriffe, der Grau^ *) Unterschätzung bedeutet aber keineswegs Selbstvergessenheit.

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