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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-12 · 19 (12.5.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 362 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 19 Partei, mit dem Dr. Lueger an der Spitze, auf dem Gewissen. Sie haben Unfrieden in der Bevölkerung gestiftet, dir Gewerbegesetzgebung im reactionären Sinne beeinflußt, den Brodneid anfgestachelt, den Haß gegen Wissenschaft und Bildung gezüchtet, zur Verachtung des Rechtes und zur Geringschätzung der Rechtspflege angeleitet. Die Stadt Wien war eine herrliche, große und schöne Stadt, auch ohne den Vergani'schen Antisemitenhof, und ihre prachtvollen Bauten bedürfen nicht der Bereicherung durch ein Lueger-Denkmal, welches der Herr Bürgermeister sich schon derzeit selbst zu setzen geneigt erscheint. Wenn Dr. Lueger zufällig Bundespräsident in der Schweiz geworden wäre, so hätte er mit demselben Rechte, mit welchem er die Aera seiner Bürgermeisterschaft als eine Glanzepoche der Stadt Wien darstellt, sich den Dank und die Anerkennung des Schweizer Volkes für den Sonnenaufgang am Rigi votiren lassen. * * * In der Agitation Herrn Dr. Lueger' s gegen den Verwaltungsgerichtshvs, in welcher er nunmehr auch die „christlichen Frauen" zur Ueberprüfung einer Rechtsentscheidung der obersten Instanz für competent erklärt, hat der Outsider Dr. W e i s k i r ch n e r sich an die Spitze des Rudels gestellt. Er fällt über die einzelnen Mitglieder des Verwaltungsgerichtshofes her und meint, man soll den Verwaltungsgerichtshos lieber zusperren. Herr Dr. Lueger secundirte ihm mit der Bemerkung: „Das ist ein echter Dr. Burkhardt". So sprechen juristisch unterrichtete, wenn schon nicht gebildete Menschen, so sprechen der Chef und ein Beamter der politischen Behörde erster Instanz in Wien, deren Pflicht und Beruf es ist, innerhalb ihres Wirkungskreises das Recht und das Gesetz zu vertreten. Herr Dr. Weiskirchner ist Magistratsbeamter und nebenbei eine jener Eintagsfliegen, welche dem Antisemitismus eine durchaus unverdiente öffentliche Carriöre zu danken haben. Die Anmaßung, die in seinem Auftreten gegenüber dem Verwaltungsgerichtshofe liegt, ist umso unerträglicher, je unbedeutender dieser Herr selbst ist, eine sociale, geistige und politische Null, einer jener oberflächlichen Schwätzer, welche derzeit in Wien das große Wort führen, um nicht zu sagen, das große Maul. ♦ * * In einem Wiener Vororte ist ein fünfjähriges Mädchen ermordet worden. Unmittelbar nachdem das Verbrechen bekannt geworden, schnüffelte Ernst Schneider in dem betreffenden Hause herum, erkundigte sich nach den Umständen des Falles und fragte insbesondere die Hausbewohner aus, ob das Kind viel mit Juden verkehrt habe und ob viele Juden im Hause wohnen. Welche Absicht Ernst Schneider damit verfolgte, liegt auf der Hand; wenn möglich, sollte der Verdacht der Täterschaft auf Jude» gelenkt werde», und wenn sich herausgestellt hätte, was ja immerhin möglich war, daß ein Jude der Thäter gewesen, dann hätte der „Ritualmord" vou Polna ein Seitenstück gefunden in dem Ritualmorde in Ottakring. Es hätte sich aber auch ereiguen können, daß der Thäter überhaupt nicht ausgeforscht wird; in diesem Falle hätte der Sechshauser Verleumder erst recht dafür gesorgt, daß „die Juden" als muthmaßliche Thäter gelten. Nun befindet sich der Mörder bereits in Haft, und das „Deutsche Volksblatt" widmet dem Falle einen Artikel „gegen die Verrohung." Dasselbe Blatt, welches als eine Hochschule der Roheit und der Pöbelhaftigkeit wirkt, beklagt die mangelhafte Herzensbildung, die der Jugend in den Schulen zu Theil werde, als die Ursache der Möglichkeit so entsetzlicher Verbrechen, und macht, um diesem Mangel abzuhelfen, „allen Ernstes", wie es ausdrücklich betont, den Vorschlag, die Freiheitsstrafen durch Prügelstrafen zu verschärfen. Wenn Prügel wirklich geeignet wären, die Gemüthsroheit zu bannen, dann läßt sich vermuthen, daß B e r g a n i niemals geprügelt worden ist. Seine publicistischen Leistungen anläßlich des Polnaer Falles können nur von einem Lesepublicum geduldig hingenommen werden, welches seit Jahren systematisch zur Roheit erzogen worden ist und die bewußte Lüge täglich als erlaubtes Kampfmittel gebrauchen sieht. Zwischen den Morden in Polna und Wien besteht eine gewisse Ähnlichkeit. Perverse Veranlagung des Verbrechers scheint in dem einen wie in dem anderen Falle zu der entsetzlichen That geführt zu haben. Der Mord in Ottakring ist noch abscheulicher, als der in Polna, weil dort ein erwachsenes Mädchen, hier ein wehrloses Kind dem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Dürfen aus dem einen wie aus dem anderen Falle Verdächtigungen gegen Personen oder Bevölkerungsschichten abgeleitet werden, die weder mit dem Verbrechen noch mit dem Thäter in irgend einem Zusammenhang stehen? Der Mörder von Ottakring war zufällig ein Christ. Haben die „Christen" ein Interesse daran, den Fall zu vertuschen? Und warum sollen „die Juden" ein Interesse daran haben, die Erforschung der Wahrheit zu hindern, falls der in Polna verhaftete Jude wirklich der Thäter sein sollte? Das ist eine so einfache und selbstverständliche Erwägung, daß es geradezu ärgerlich ist, sie Vorbringen zn müssen. Es muß aber darauf hingewiesen werden, weil die antisemitische Schandpresse, worunter in erster Linie, um kein Mißverständniß aufkommen zu lassen, das „Deutsche Volksblatt" gemeint ist, es immer von Neuem unternimmt, den Glauben zu verbreiten, die Frage der Schuld oder Nichtschuld eines unter dem Verdachte des Mordes verhafteten Juden sei eine Angelegenheit des Judenthums. V e r g a n i spricht die wissentlich erlogene Beschuldigung aus, „die Juden" hätten es versucht, die Behörden auf eine falsche Fährte zu lenken, und es habe „das freche Jntriguenspiel der Juden mit Janda gebrandmarkt". Beim Abdrucke des Berichtes aus einem czechischen Blatte, in welchem von dem verhafteten H ü l s n e r die Rede ist, fügt das „Deutsche Vvlksblatt" iu einer Klammer bei: (D e r I u d e. Die Schriftleitung des „Deutschen Volksblattes".) Nicht einen Augenblick darf das „christliche Volk" daran vergessen, daß der Verhaftete in Polna ein Jude ist. Falls er wirklich den Mord begangen haben sollte, was man bisher nicht weiß, dann war es nicht ein einzelner Verbrecher, nicht ein lasterhaft und verbrecherisch veranlagtes Individuum, sondern der Jude. Der Mörder in Wien, mit dem ist es etwas Anderes. Dem fehlte es an der Herzensbildung; er ist nicht rechtzeitig geprügelt worden. * * * Das Schlesinger'sche Volksgeld, die Prügelstrafe und der Schub bilden das christlich-sociale Recept zur Heilung aller Uebel, von welchen die menschliche Gesellschaft bedroht wird. Da hatte unlängst der Herr Bezirksausschuß Lichtblau im zweiten Bezirke Erhebungen bei „sechs polnischen Juden" zu Pflegen, welche ihre Wohnungen an ihre „aus Galizien eingewanderten Glaubensgenossen vermiethen". Die gewöhnliche Obliegenheit eines solchen Bezirksausschusses ist es nun, nachzuseheu, ob sanitäre Uebelstände vorhanden sind, und falls er solche vorfindet, die competente Behörde zur Beseitigung derselben zu veranlassen. Bei einem antisemitischen Bezirksausschuß geht das Pflichtgefühl natürlich noch weiter; er benützt den Anlaß zu einem Abstecher in das Gebiet des Antisemitismus. „Dank seines liebenswürdigen Entgegenkommens", wie das „Deutsche Volksblatt" mit Nachsicht der Grammatik sichausdrückt, konnte die ausgezeichnete Schriftleitung dieses Organes seinen Lesern „ein geradezu schauderhaftes Bild unterbreiten". Herr Lichtblau schildert also das Grausen, welches ihn beim Anblicke der sanitätswidrig überfüllten Wohnräume erfaßte, und wir zweifeln auch nicht an der Richtigkeit seiner Schilderung. Es sind offenbar blutarme nothleidende Menschen, die da in schlechten Wohnungen zusammengepfercht sind, und man sollte von dem öffentlichen Functionär, der das sieht, einen vernünftigen Vorschlag erwarten. Herr Lichtblau ist aber vor Allem Antisemit und da sagt er denn: „Es drängte sich uns bei diesen Erlebnissen unwillkürlich die Frage auf: Bon was leben die sich in Wien massenhaft herumtreibenden polnischen Juden und warum werden dieselben von keiner Behörde zur strengen Ausweisleistung verhalten? Warum werden solche Häuser, die doch der Polizei bekannt sein müssen, nicht öfter inspicirt und die Inwohner, wenn dieselben den Beweis eines ordentlichen Verdienstes oder Beschäftigung nicht erbringen können, s ch u b i r t? Für was brauchen wir in Wien ein solch' schmutziges, arbeitsscheues und mit verschiedenen ekelhaften Krankheiten behaftetes Gesindel?" So lautet der Bericht eines Wiener Bezirksausschusses über eine von ihm vorgenommene Amtshandlung. Für die unglücklichen Menschen, die er in Wohnungen antrifft, welche er selbst als „Pesthöhlen" darstellt, gehört vor Allem nicht Brod, nicht Obdach, nicht Anshilfe, sondern der Schubwagen. Sie sind nicht arme Teufel, sondern ein schmutziges Gesindel, und Herr Lichtblau, der Socialpolitiker, weiß es auch, daß sie arbeitsscheu sind. Herr Lichtblau, der Hygieniker, weiß auch, daß die Krankheiten, mit denen diese polnischen Juden behaftet sind, ansteckend sind, und die beste Heilanstalt für solche Kranke ist natürlich abermals der Schubwagen, und auch diese Kranken sind ein Gesindel. Das ist ein böses Wort, Herr Lichtblau, und auf Menschen, die sich nichts Anderes haben zu Schulden kommen lassen, als daß sie in Noth

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