Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021297--08832-3033231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. .19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Veite 361 schen Streberthum wurde ein zionistisches. Die Stimme der Vernunft mußte im Zionistenlager verstummen, beim man berauschte die Leute durch Phrasen und Versprechungen. Sie waren stets im Zustande der Extase. Der ernste Zionist aber mußte sich sagen, daß dieser Herzl schon in zwei Jahren mit seinem Latein gänzlich fertig sein wird. Und er ist schon heute mit seinem Zionismus zur Neige. Die Bewegung hat den Entwicklungsgang ihres Führers mitgemacht. Sie ist in den letzten zwei Jahren stets flacher und seichter geworden. Sie hat die Breite auf Kosten der Tiefe gegewonnen. Ein theuerer Preis. Sie hat auch alle grotesken Sprünge Herzl's mitgemacht und verzehrte den letzten Rest von Einsicht. Der ideale frische Zug ist ihr beinahe gänzlich verloren gegangen und sie ist schon heute im Grund genommen eine Wohlthätigkeitsbewegung, die Mitleid erregen will und mitleiderregend ist. Es wird bald, wie nach jedem Rausch, eine Erschlaffung und ein Katzenjammer eintreten. Es mußte so kommen, weil Herzl gar keine Volksbewegung in gesundem modernem Sinne wollte. Er tödtete mit schlauer Berechnung jede Creditfähigkeit, entfernte alle reifen Elemente, machte aus einer Idee eine Carricatur, ein geistiges Gigerlthum, und thront nun stolz auf den Trümmern. Ich will keine Namen nennen, ich kämpfe nur gegen Ideen. Aber man sehe sich die heutigen zionistischen Führer in Oesterreich, Rumänien und Deutschland an und frage sich, wie viele darunter vorhanden sind, die aus dem Dutzendmaß hervorragen. Ja, die meisten von ihnen haben keine Ahnung von einer rationellen Parteiorganisation und wollen nicht einmal arbeiten. Und diese Leutchen glauben, gerade für die größten Aufgaben der Geschichte gut genug zu sein. Dabei werden sie Alle wie die Figuren im Puppentheater vom Wiener Quirinal aus am Schnürchen geleitet und oft gefoppt. Es ist ein absichtlich geschaffenes Chaos, aus dem das Bild Herzl's hervorschaut. Und man fährt immer weiter auf dieser abschüssigen Bahn, bis Alles vertilgt ist, was irgendwie mit Freiheit und Vernunft in Verbindung steht. Von Kritik und Einsicht ist heute schon in der Partei keine Rede mehr. Wer es wagt, eine eigene Meinung zu haben und die Unfehlbarkeit Herzl's anzuzweifeln, der wird als böser „Antizionist" verschrien, und es beginnt eine Hetze und ein Jntriguenspiel abscheulicher Art. Jedenfalls wird die „Welt" nicht versäumen, auch mich zum Zionistenfeind zu stempeln. Ich erkläre daher: ich war Zionist, bevor noch Herzl wußte, was dieses Wort bedeutet, und ich werde es noch sein, wenn er längst in seine Salons zu seinen echt arischen Liebhabereienzurückgekehrtsein wird. Ich bin niemals nach irgend einer Richtung hin ein Gegner des Zionismus gewesen und ich werde es trotz aller Erfahrungen niemals werden. Die jüdisch-nationale Idee ist so sehr mit meiner ganzen Individualität verschmolzen, daß ich jeden inneren Halt verlieren würde, wenn ich an die Zukunft meines Volkes nicht mehr glauben sollte. Ich bin auch kein Gegner der Person des Herrn Dr. Herzl. Ich habe nie inr Leben Differenz e n p ersönlicherNaturmitihmgehabt. Wohl aber bin ich Gegner des Systems Herzl's. Für mich ist der Zionismus unzertrennbar von der Idee der Freiheit und der Wahrheit. Ich bekämpfe daher die hohle Phrase, die Lüge und Heuchelei, die heute in der Partei das Scepter führen. Ich betrachte das heutige System des Regierungszionismus als ungesund, unvernünftig und ungerecht. Ungesund, weil es auf falschen Voraussetzungen, auf Schün und Trug aufgebaut ist. Unvernünftig, weil man mit Spielereien noch nie ein Volk erlöst hat. Und ungerecht, weil man. dadurch die Ghettofehler noch steigert und lauter Halbheiten und Kleinlichkeiten erzeugt. Ich weiß es, ich werde vorläufig die compacte Masse nicht zur Vernunft bringen. Wenn ich aber einen sittlich und geistig gesund beanlagten Menschen zum kritischen Denken anrege, so ist dieser für die Zukunft mehr werth, als das ganze Heer der Kriecher und Schleicher, die Herzl sich großgezogen hat. Als Volksbewegung hat der Zionismus nichts leisten können, weil kein Klärungsproceß vor sich gegangen ist, weil die inneren Vorbereitungen noch fehlten. Gelingt es nun, eine kleine Gruppe ehrlicher, charaktervoller Zionisten zu organisiren und aus ihnen Führer zu machen, dann ist der Zionismus wenigstens für die Zukunft gerettet. Ans den Trümmern des Herzlianismus wird sich dann die jüdische Volksidee erheben. Das ist der Zweck meiner Betrachtungen. Warum ich unter einem Pseudonym schreibe? Nun, weil die Ideen sür sich sprechen sollen. Meine Person geht Niemand an. Und daun will ich meinem Berufe leben und mich nicht unnütz Verfolgungen ausfetzen. Warum schreibe ich in der „Oesterreichischen Wochenschrift"? Nun, weil wir ein unabhängiges „zionistisches" Organ nicht besitzen. Wir haben nur eine Zeitschrift zur Pflege des Herzlcnltus. Die „Oesterr. Wochenschrift" wurde vom „Actiencomite" mit dem großen Bann belegt, trotzdem oder weil sie unentwegt das Colonisationswerk förderte. Ich erschüttere die Autorität. Mag sein. Weun die Autorität dazu mißbraucht wird, Sklaveuseelen zu erzeugen, dann ist es verdienstvoll, die Götzenanbeterei zu beseitigen und an ihrer Stelle die Idee walten zu lassen. (Fortsetzung folgt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die Fliege und das Pferd. — Ein Lueger-Denkmal. — Bon Weiskirchner und ähnlichen Lappalien. — Der Mord in Dttakring. — Dergani als Erzieher. — Bei sechs polnischen Juden. — Die Canalräumer des Antisemitismus. — Der Landtag und die Lehrer.) Der glücklichste Bürgermeister in Europa ist Dr. Karl Lueger. Er ist von sich selbst entzückt, bewundert seine Genialität und steht hoch in seiner Meinung. Man könnte sagen, er sei sein eigener „Zeitgenosse", neben welchem alle anderen Menschen in dem Nichts der Alltäglichkeit und der Unbedeutendheit verschwinden. Unter einem solchen Bürgermeister ist es nur selbstverständlich, daß Wien „die erste Stadt der Welt" werden muß. Dazu bedarf es nur noch der Vollendung der städtischen Gaswerke, der Zuleitung der Admonter Quellen und — noch einiger anderer Dinge. Für die Feder eines Boz wäre die Selbstgefälligkeit des Dr. Lueger und das Eigenlob, das er sich täglich unter dem tosenden Beifalle seiner Parteigenossen spendet, ein dankbarer Gegenstand humorvoller Schilderung. Eine sinnige Fabel erzählt von einer Fliege, die auf dem Halse eines edlen Rennpferdes saß und stolz war auf deffen Sieg. Herr Dr. Lueger ist stolz auf die Größe und auf die Schönheit seiner Vaterstadt, aber nicht etwa wie jeder andere Bürger, der an ihrem Emporblühen freudigen Antheil nimmt, sondern wie Einer, welchem diese Größe und diese Schönheit geradezu zu verdanken ist. Die Großmachtstellung der Monarchie, die geographische Lage der Stadt Wien, ihre Bedeutung als Industrie- und Handelsstadt, ihr Ansehen als eine Stätte der Bildung und der Wissenschaft, als Theater- und Musikstadt, wem sonst haben wir das Alles zu verdanken, als ihm, dem Einzigen und Unvergleichlichen, unterstützt von Biehlolawek und G r e g o r i g, von Ernst Schneider und Alexander Purscht? Die große alte Kaiserstadt ist erst durch die christlich-sociale Parteiherrschaft zum Range einer Weltstadt vorgerückt, der alte Steffel und der Kahlenberg, der Donaustrom und der herrliche Wienerwald, sie verkünden alle den Ruhm und die Größe des Doctor Lueger. Alle die Vorgänger des Dr. Lueger: Dr. Zelinka, Dr. Felder. Dr. Prix und Dr. Grübl, sie hatten eine viel geringere Meinung von sich selbst und ihrer eigenen Bedeutung. Sie waren bemüht, ihrer Vaterstadt nach Kräften zu nützen, ihre Angelegenheiten bestens zu verwalten, die pfauenhaste Eitelkeit, die lächerliche Ruhmredigkeit war ihnen fremd, und sie haben vielleicht doch mehr geleistet, als daß sie rechtzeitig sich „aus die Westbahn aufgesetzt" und nach Admont gefahren sind. Wir können uns auch nicht daran erinnern, daß der eigentliche Schöpfer der Wiener Hochquellenleitung, Professor Sueß, sich jemals selbst der unvergänglichen Verdienste gerühmt hätte, welche er sich um die Stadt Wien erworben hat. Dagegen erinnern wir uns allerdings daran, daß dieser Mann von der Partei des Dr. Lueger als der „liberale Wassermacher" verhöhnt und beschimpft wurde, und daß die antisemitische Bürgerschaft sich ihm gegenüber des gröbsten Undankes schuldig machte. Es ist ein widerliches Schauspiel, zu sehen, wie ein politischer Jongleur die jahrelange Arbeit Anderer nicht blos ignorirt, sondern verleugnet, um sein eigenes Haupt mit einer Gloriole zu umgeben, die ihm nicht gebührt. Wenn es ein günstiges Schicksal fügen sollte, daß unser Wien wirklich zur ersten Stadt der Welt sich emporschwingt, so hat die christlich-sociale Fliege, die ihm derzeit auf dem Halse sitzt und sich an seinem Blute gütlich thut, nicht den allergeringsten Antheil daran. Was nur irgend gethan werden konnte, um das Gedeihen dieser Stadt zu hindern, das hat die christlich-sociale