Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Date
- 1899-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021297--08831-3033230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 360 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 19 seinem Volke. Düster ist sein Aussehen und voll Ingrimm seine Sprache. In der „Welt", die er zum Ruhme Israels und seines einzigen berufenen Führers geschaffen hat, wüthet und poltert er, der ewig Sanftmüthige, wie ein zürnender Gott. Er scheint instinctiv zu fühlen, daß seine carnevalistische Herrlichkeit immer mehr zur Neige geht. Ach, der böse Aschermittwoch mit seinem Katzenjammer lauert im Hintergründe. Der falsche Hermelin fällt, die Schellenkrone verliert ihren Glanz und das königlichprophetische Pathos ermüdet. Und es war doch so schön, ein Großer zu sein und Geschichte zu machen. Und in seinem heiligen Zorn wird dieser Bolksführer nach dem Modejournal nicht allein immer ungerechter, sondern auch unklüger und unvornehmer. Ja, wenn der Zionismus eine Idee ist, die veredelnd und vergeistigend auf die Judenheit wirken soll, so wird man sie nicht danach messen dürfen, wie sie auf ihren ersten Träger gewirkt hat. Wer den Entwicklungsgang Herzl's psychologisch verfolgt hat, wird es wohl wahrgenommen haben. Er ist in den letzten zwei Jahren stets flacher, stets wunderlicher und komischer geworden. Es ist dies eine nicht überraschende Erscheinung. Sie zeigt sich überall da. wo Männer, die weder Geister noch Charaktere sind, zu einer schwindelhasten Höhe erhoben werden. Mit dem Amte steigt nicht die Kraft der Intelligenz, wie das dumme Sprichwort behauptet, sondern sie wird allmälig ganz aufgezehrt. Und dann kommt die Leere, die geistige Impotenz und die persönliche Schlaffheit. Daß er überhaupt erster Führer der Zionisten werden konnte, das ist eine Ironie der Geschichte. Der Culturhistoriker der Zukunft wird es kaum begreifen. Und doch ist die Genesis dieser Führerrolle sehr einfach. Herzl war nie ein großer schöpferischer Geist, nie ein tiefer Denker. Das wußten wir. Aber er war ein feingebildeter Mann, er befaß vornehme Manieren und war eine bezaubernd liebenswürdige Persönlichkeit. Und er kam zu uns mit einem inneren Drange, zu wirken. Unser Zionismus bedurfte eines Führers, und er schien uns der richtige Mann, Leben und Schwung in die Bewegung zu bringen. Wir begrüßten seine erste Schrift trotz ihrer kindlich-naiven Pläne mit Freuden, und wohl nie hat ein Volksführer einen größeren Fond von wahrer Begeisterung und inniger Dankbarkeit bei seinem ersten Schritte gefunden. Sein Zionismus war ein spontan entstandenes Product, aber es waren edle, wenn auch keine tiefen Motive, die es erzeugten. Ec fühlte sich zurückgesetzt durch den lärmenden und vornehmen Racenuud Classenhaß, angewidert von der Feigheit und Niedrigkeit derjenigen Stammesgenoffen, mit denen er verkehrte. Er suchte mit feiner künstlerisch angehauchten Natur bei uns eine neue Ideenwelt, ein neues menschliches Feld. Wir glaubten, er würde sich innerlich zu einer vertieften jüdisch-nationalen Weltanschauung bald hinaufringen, und willig räumten wir ihm die erste Führerrolle ein. Aber bald zeigte es sich, daß es nur eine conventionelle Ehe war, die der Zionismus mit ihm einging. Das Bündniß gestaltete sich immer mehr verhängnißvoll für den Zionsgedanken, denn er wurde seinem eigentlichen Wesen, seinem Urelement gänzlich entfremdet.» Herzl war gerade wegen seiner gesellschaftlichen Talente, wegen ferner einschmeichelnden Art der unseligste Führer, den diesso segensreiche Bewegung sich aussuchen konnte. Herzl machte Fehler, andere Führer auch. Aber die Fehler, die er gemacht, sind keine zufälligen, sie entspringen seinem eigentlichen Wesen. Die systematischen Fehler sind die gefährlichsten. Es gibt einen Unsinn, der das Resultat eines Nachdenkens ist. Man kennt ja die Schlauheit des Küsters Müller, der nicht wußte, ob Herr Schulz den Platz Nummer 26 oder 36 in feiner Kirche gepachtet hat. Er brachte den Betpult an Nummer 26 und den Namensschild an Nummer 36 an. Der gemeinsame Zug, den man in allen Schritten Herzl's findet, ist die Nachahmung einer fremden Schablone, das Arbeiten nach berühmten Mustern. Er will national wirken und begreift gar nicht, wie wenig national, wie wenig individuell er ist. Ihm mangelt jede Kenntniß der jüdischen Geschichte und des jüdischen Lebens. Er ist absolut unfähig, die Regungen der jüdischen Psyche wahrzunehmen. In ihm ist mit dem Zionismus keine innere Wandlung vorgegangen, er ist der moderne Salonmensch geblieben. Jüdisch an ihm ist nur fein wehmüthig-träumerischer Blick, feine ganze Persönlichkeit hat sonst kein jüdisches Gepräge. Er könnte also beim besten Willen nicht Führer einer jüdischen Volksbewegung sein. Ec opferte einen großen Theil seiner Zeit der Bewegung, aber sie war ihm nur ein edler Sport, nie Herzenssache. Er erstrebt einen Zionismus nicht für sich, sondern für die russischen und galizischen Juden, von denen er nur weiß, daß sie arm sind, deren Seelenleben ihm aber vollständig fremd ist. Wem aber die Idee, deren Anwalt er ist, nicht ein Theil seines Jchs ist, der wird niemals ein berufener Führer sein. Ein Volksführer ist kein Beamter. Er ist es nicht zu gewissen Stunden und untergewissen Bedingungen, sondern er ist es stets und immer. Er ist wie der Prophet von Niemand ernannt, er ist für seinen Beruf geboren, er ist von einem inneren Drang getrieben, sein Beruf ist sein Leben. Wenigstens können wir Juden nur solche Führer gebrauchen. Wer die ersten Briefe Herzl's gelesen hat, der wird stets darin die Phrase gefunden haben: „Ich vollbringe das und das, und dann ziehe ich mich zurück." Das ist charakteristisch. Ihm war es, als wenn ein Staatsmann einmal eine That zu Gunsten einer fremden Nation vollzieht. Er selbst bleibt auf seinem Posten. Erst durch die erfahrenen Angriffe wurde ihm der Zionismus zu einer Ehrensache. Aeußere Verhältnisse haben ihn in die Fluthen der Bewegung hineingepeitscht. Und auch nach einer anderen Seite hin ist die citirte Wendung ein Charakteristik^ Herzl's. Er dachte sich stets die Erlösung Israels als einmalige That durch einen Mann, ein Messiaswunder in moderner Gestalt. Herzl ist seinem ganzen Wesen nach mehr Künstler als Politiker, ihm fehlt jeder staatsmännische Weitblick. Er faßte das jüdische Volk nicht als einen lebendigen Organismus auf, der sich nach inneren Gesetzen entwickeln muß. Ec sah niemals ein, daß jede jüdische Bewegung in erster Reihe Culturbewegung ist, und ihm fehlte jegliches Verständniß für die sociale Seite der Judenfrage. Er wollte eine Nation aus der Erde stampfen und durch ein diplomatisches Kunststück einen Judenstaat schaffen. Dahin ging sein ganzes Trachten. Eine sehr naive Auffassung. Aber für die Juden, das unpolitische Volk auf Erden, speciell für die Juden des Ostens, nicht zu naiv. Sie haben Jahrhunderte auf den wunderthätigen Messias gewartet und sie sahen nun in dem Wiener Helden ihre Sehnsucht verkörpert. Freilich reitet er nicht nach talmudischer Verheißung auf einem Esel, sondern auf seinem Steckenpferd umher. Darin wird aber auch der Historiker der Zukunft die Erklärung für die Erfolglosigkeit dieser Bewegung finden. Herzl fand vor sich ein Heer von Leuten mit den edelsten Herzen und unklarsten Köpfen. Statt ihre Meinungen zu klären, tödtete er die Individualität und drängte der ganzen Bewegung sein Dogma auf. Ec, der neue Moses, unterbrach den natürlichen Proceß der Gährung, wie einst unsere Väter, als sie in düsterer Nacht aus Egypten zogen. Es blieb ein unfertiges Product und er machte Mazzoth daraus. Mazzoth aber bildet keine gesunde Nahrung für's ganze Leben. Die R^action des Volkswagens wird und muß folgen. Entsprechend dieser wunderlichen Auffassung waren auch die Mittel, die er wählte, und die Männer, die er sich aussuchte. Man begreift es kaum, wie ein ernster Mann sich einbilden kann, mit solchen Spielereien die nationale und sociale Zukunft eines Volkes zu erkämpfen. Herzl hat eine Schwärmerei für den deutschen Kaiser. Dagegen läßt sich nichts sagen. Aber der höchste Gipfelpunkt der Thorheit ist es, zu glauben, daß Kaiser Wilhelm Israel erlösen wird. Herzl hat eine besondere Vorliebe für effectvolle Schaustellungen. Also mußte der Zionismus darauf bedacht sein, in erster Reihe zu imponiren. Und er imponirt — Frauen beider Geschlechts und Kindern verschiedenen Alters. Herzl liebt es, sich mit einem geheimen Nimbus zu umgeben. Die ganze Partei mußte daher jeden Tag neue Geheimnisse fabriciren und zum diplomatischen Himmel aufschauen. Herzl liebt das Sanfte, Weiche. Folglich mußte die Bewegung einen weiblichen Charakter annehmen. Und die Männer, die er sich aussuchte! Man staunt, wie ein Mann von ästhetischem Geschmack — von Charakter gar nicht zu reden — Freude an dieser Umgebung finden kann, er fühlte sich, wie es scheint, von jedem geistig begabten Manne, von jedem conseqnenten Denker und reifen Politiker abgestoßen. Er umgab sich mit einem Stabe von Nullen, Strebern und Kriechern, die schon äußerlich einen peinlichen Eindruck machen. So wurde dieser Zionismus, der erhebend und neubelebend auf Israel wirken sollte, zum Asyl des Streber- und Protzenthums. Wer eine reiche Frau hatte, wer einen leidlichen Titel besaß, wer schmiegsam und gefügig war, wer vor Allem von der bösen Kritikkcankheit frei war — wurde zu Ehren und Aemter erhoben. Der Fortschritt war nicht zu verkennen: aus dem assimilatori-