Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Blvch's Wochenschrift Seite 355 So viel sich Jüdl erinnern kann, saßen an dem schmalen Tisch seines Vaters drei bis vier-magere Gestalten mit gekrümmten Rücken und eingefallenen Brüsten, die mit großer Lust und Zufriedenheit den ganzen Tag nähten. Bei einem zweiten, etwas größern Tische Pflegte sein Vater zu stehen und mit einer großen, stumpfen Scheere „zuzuschneiden". Dieselbe pflegte einen eigenen Ton von sich zu geben, den Jüdl gewöhnlich unter dem Tische vernahm, wo er die Tuchabfälle aufklaubte, die sein Spielzeug bildeten. Sein Vater war gut und wehrte ihm nicht. Doch auch Batergüte ist nicht unendlich, und wenn Jüdl ein größeres Stück Tuch, das wohl zum Flicken verwendet werden konnte, in die Tasche steckte und dabei ertappt wurde, so nahm es ihm der Vater weg und gab ihm dafür eine Tracht Prügel über Kopf und Rücken . . . Dann lief er gar gewaltig schreiend zur Mutter und versteckte sich hinter ihre Schürze. Dort fand er immer Trost. Die Mutter verstopfte ihm mit der einen Hand den Mund mit einem Kartoffel, mit der anderen versetzte sie ihm einen Stoß gegen den Rücken und transportirte ihn aus dem Zimmer. „Fort, Du Mistbub!" Das hat geheißen: Geh' mein Liebling! Lab' Dich an dem Kartoffel und schöpfe draußen frische Luft!" Der Kartoffel pflegte gewöhnlich sehr beruhigend auf seine Nerven zu wirken, namentlich, wenn Jüdl draußen im Hofe einige Altersgenossen fand, mit denen er aus zusammengelesenen Spänen Häuser baute, wobei soviel geschrien und gezetert wurde, als würde es sich um die Einnahme von Jericho handeln. Und so entschwanden alle seine Jugendjahre, eines dem andern gleich. Winter wärmte ihn der Ofen, Sommer die Sonne. Auch seine Nahrungsmittel blieben immer dieselben, zu allen Jahreszeiten Kartoffel. Brot und Rettig. Hatte er sich nicht geziemend betragen, so schlug ihn der Vater mit dem Sammtkäppchen und die Mutter mit was immer, das ihr unter die Hand kam. Als er fünf Jahre alt wurde, begann der Vater über seine „Erziehung" nachzudenken. Der Anfang dieser Erziehung kam über Jüdl wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Eines schönen Morgens kamen nämlich zwei etwa dreizehn Jahre zählende Jungen, bemächtigten sich des nichtsahnenden Knirpses und entführten ihn. Sie thaten's gerade so, wie zu Nikolais Zeiten die „Soldatenräuber". Aber diesmal war es nicht die Kaserne, wohin Jüdl geschleppt wurde, es war dies vielmehr das C h e d e r. Zur Ehre Jüdl's muß gesagt werden, daß er sich wie ein Held benommen und gewehrt hatte. Er schlug mit den Füßchen und fuchtelte mit den Händchen herum, daß es nur so eine Art hatte. Aber nee Hercules contra plures. Sie waren eben zwei und er einer. Und sie schleppten ihn durch Gassen und Gäßchen, bis sie ihn in eine dunkle Stube hineinstießen, in der es von kleinen Kindern wimmelte, die mit neugierigem Auge und offenem Munde den Neuangekommenen angafften. Am oberen Ende eines besonderen Tisches saß der Melamed (Chederlehrer) in eigener Person. Vor ihm lag ein dickes Buch, dessen Blätter schmutzige Fingerspuren in großer Anzahl aufzuweisen hatten. Es waren dies die Ueberreste vieljähriger Generationen, die sich aus diesen Blättern die ersten Grundlagen der nationalen Sprache angeeignet hatten. Er selbst, der Allmächtige in diesem Reiche, hatte ein griesgrämiges Gesicht. Wenn er einen Blick aus seinen großen, schwarzen Augen in die Stube warf, überlief es kalt alle die kleinen Rücken. Zwei große rothe Pees (Schmachtlocken) hingen ihm zu beiden Seiten herab, und sein Bart bedeckte ihm fast die Brust. Aus seinem Munde wich nie die langröhrige . Pfeife, die ihm einst ein Kaufmann, dessen Sohn mit großem Erfolge in diesem Cheder seinen Studien oblag, als Zeichen der Anerkennung direct aus Danzig brachte. Die bläulich-dunklen Wölkchen, die der Pfeife entstiegen, trugen das ihrige zur Reinheit der Chederatmosphäre bei. Jüdl's zitternde Blicke schweiften vom Bart des Melamed auf dessen lange Pfeifenröhre, die bei der Erklärung des Aleph- Beth's so eine große Rolle spielte. . . . Und er mußte auch bald zur Ueberzeugung kommen, daß die Pfeifenröhre oft einen, größeren Erfolg hatte, als die Erklärungen des Lehrers. Denn das System der Chedererziehnng ist einfach, ganz primitiv. Der Melamed appellirt direct an den K o p f . . . . * * * Der so viel genannte und bekannte Loschitzer Melamed Rabbi Jone Pflegte langsam, laut, mit singender Stimme vorzutragen, wobei sein Oberkörper in immerwährender pendelnder Bewegung sich befand. Und alle Knaben sagten das Gehörte unisono nach, wobei sie ebenfalls ihren kleinen Körper in dieselbe Bewegung setzten. Das Cheder hatte kein Schild. Das ungeheuere Geräusch und Gepolter, das auf die Straße drang und auf hundert Schritte hörbar war, verkündete weithin, daß hier oas Cheder des Loschitzer Melamed sich befindet, wo die jüdischen Kinder ihre erste Bildung genießen. In diesem Cheder verbrachte Jüdl fünf ganze Jahre. Und er hatte wirklich was erlernt! Der N i g u n war ihm geläufig und beim Lernen hat er sich so zu „schaukeln" verstanden, daß man glauben konnte, es befände sich irgend eine Springfeder im Innern seiner Hirnschale. Er ward älter. Das wußte nur er und seine nächsten Bekannten. Die fremden Leute sahen es ihm gar nicht au: denn seine magere Gestalt und sein blutloses, fahles Gesicht blieben sich immer gleich. Nur die großen, offenen, etwas an gelaufenen Augen zeugten von seinem Leben. Für einen zukünftigen Schneider war bereits Jüdl's Bildung zu groß. Das merkte auch sein Vater, der den Sohn sofort von der Chederauf die Schneiderbank übersiedeln ließ. Und so saß er von nun an bei jener berühmten Werkstatt, an der sein Großvater den blauen, silberknöpfigen Frack genäht hatte, von dem die ganze Stadt zu erzählen weiß. Jüdl verließ das Cheder ohne große Kränkung und nahm sich zur Arbeit ohne große Lust. Er traf ins Nadelöhr, nähte Knöpfe an und verstand recht hübsch zu flicken. Und es ging immer aufwärts. Er verstand es sogar, recht geschickt mit beiden Handflächen über de» Rücken des anprobirenden Bauers zu fahren, so daß die Falten des Rockes auf einige Augenblicke immer verschwinden mußten. Und sein Schnitt! Es war eine Freude anzusehen ... Im Auslande macht man es nicht beffer. Und beim Nähen begann sich sein gerader Rücken allmälig, zu krümmen und seine linke Schulter etwas zu senken. . . Und es war ja sein Glück. Sonst hätte man ihn ja gewiß affentirt und er müßte gegen seinen Willen in die Schlacht ziehen und Heldenthaten vollbringen. Ja, gegen seinen Willen! Denn schon in seiner früheste» Jugend zog er die Nadel dem Gewehre vor, und ein vorüberziehendes Bataillon Soldaten pflegte ihm immer Schrecken einzuflößen. Nach sechs Lehrjahren war er bereits ein heiratsfähiger junger Mann. Er besaß schon eine schöne Kapote für die Feiertage (natürlich eigenes Fabrikat), einen Seidengürtel und ein Paar Stiefel. Den Hut trug er hoch von der Stirn weg. wie es damals in den großen Städten Mode war. Man sah ihm an, daß er bereit wäre, eine Reise um die Welt zu unternehmen. Und er unternahm sie auch. Das heißt, nicht um die Welt, aber er fuhr von Loschitz nach Sokolow. Denn erstens fühlte er in sich schon die Kraft, mit seinem Vater auf den Markt fahren zu können, und zweitens sollte er von Sokolow heiraten. Er hat zwar seine Braut, die schöne Beile Goldwasser, noch nicht gesehen, aber hat denn das was zu sagen? Was hätte es ihm auch genützt? Würde er dafür mehr Mitgift bekommen, wenn er sie früher gesehen und kennen gelernt hätte? Oder hätte s i e, die schöne Beile, irgend einen Nutzen davon ziehen können? Gewiß nicht. Also wozu solche Vorspiele? Die Hochzeitsgäste empfingen ihn mit Musik und Gesang. Mit einer Fidel, einer Flöte und einer Tamburine bestrebten sich dieselben ihr Bestes zur Verherrlichung des Tages beizutragen. ... Was das Alles nicht gekostet hat! Man führte das Brautpaar mit freudigem Herzen zur glücklichen Stunde unter die „Chuppe" (Baldachin). Alles vollzog sich nach dem althergebrachten Ritus der Sokolower Judenschaft und Beile Goldwasser wurde Jüdl's Frau. Sie entledigte sich ihres rothen Kopftuches.und erstrahlte vor ihrem Genial in ihrer ganzen Schönheit. . . . Ihr Gesicht war roth, mit Sommersprossen besät, ihr Körper stark und fest gebaut. Ihre Schönheit war ja stadtbekannt. Doch wäre sie so schön wie Sulamith im „Lied der Lieder", was hätte er davon gehabt? Er war noch damals so jung, so ungeschickt. Sein ästhetischer Sinn vermochte noch nicht das Schöne vom Häßlichen zu unterscheiden. Seine Heirat war ein ganz gewöhnliches Geschäft, das zwischen seinem und ihrem Vater Samuel Goldwaffer, dem „ersten Schneider von Sokolow und Umgebung" abgemacht wurde. Bedingungen: Beide Väter geben ihren Kindern