Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 856 Dr. Blvch^s Wochenfthrist Nr. 18 je 30 Rubel Mitgift; die ersten drei Jahre beköstigt sich Jüdl sammt seinem Weibe (eventuell Kindern) bei seinem Schwiegervater, bei dem er seine Lehrjahre fortsetzt, und nach Ablauf der drei Jahre fährt er mit seinem Gesinde zu seinen Eltern nach Loschitz, wo seiner weitere drei Jahre der Beköstigung harren. Dann erhält er die Mitgift von beiden Seiten ausgefolgt und legt sich eine selbstständige Werkstatt an. Die Jahre verschwanden ganz programmgemäß. Sie lebten mit einander ganz gut, das heißt, sie zankten und haderten nie. Dazu gab es auch keine Gelegenheit Er saß den ganzen Tag über an seinem Arbeitstische und ihr verstrich der Tag in dcr Küche, an der Wiege und auf dem Markt, wo sie kleine Geschäftchen zu machen pflegte. Als Jüdl aus Sokolow nach Loschitz zurückkam, sah er ganz und gar wie ein Sokolower Bürger aus. Er trug eine um mindestens zwei Zoll kürzere Kapote, pflegte sich hie und da die Stiefel zu putzen und ließ über dem Fenster seiner Werkstattstube ein Aushängschiid anbringen mit der Inschrift: „Jüdl, der Warschauer Schneider". Ganz unwahr war ja diese Inschrift nicht. Denn hat auch Jüdl seine Kunst in Warschau nicht erlernt, so stand sie nichtsdestoweniger zur alten Polenstadt in einer gewissen Beziehung. Ich will hier die Sache ganz genealogisch erklären, um den „Warschauer" Schneider nicht Lügen zu strafen. Jüdl schneiderte in den letzten Jahren bei seinem Schwäger Samuel Goldwaffer in Sokolow. Samuel erlernte seine Kunst bei Herschel Bialer, Herschel bei Jacob Pinkua in Schedlitz, Jacob wieder bei dem berühmten Gelbfisch in Lublin, dieser bei Baruch Woldawer in Praga, und dieser Baruch Woldawer war ein Schüler des Tabaksblum, der, abgesehen davon, daß er ein Schneider in Warschau war, anch als Theilnehmer eines stadtbekannten Confectionsgeschäftes auf dem „Platz Krasinski" fungirt hatte. Also stammt doch Jüdl's Kunst aus Warschau, und diese berechtigt ihn vollständig zur -Aushängung dieses Schildes. Im Fenster aber prangte eine Nummer des „Modeblatt" aus dem Jahre 1846. Leider war ihm aber trotz seiner großen Mitgift und der noblen Kundschaft das Glück nicht hold. Der Vater starb, er selbst kränkelte m einemfort. seine Haare ergrauten immer mehr, und der Husten überfiel ihn von Tag zu Tag mit größerer Wuth. Nur einmal in seinem Leben war er glücklich, und zwar während einer recht kurzen Spanne Zeitt... Ec hatte nämlich einmal einen Obstgarten gepachtet — ein wahres Paradies! Er ließ seinen Schneidertisch in den Garten tragen und nähte unter Gottes freiem Himmel, daß es nur so eine Lust war. Und jeden Sonntag führte er einen Wagen Obst nach der Stadt. Damals führte er ein Leben, geradezu in Saus und Braus. Von den Aepfeln, die frühzeitig vom Baume gefallen, bereitete seine Frau herrliche Suppen, Zwiebeln durften nie auf dem Speisetische fehlen, Kartoffeln waren etwas ganz Gewöhnliches und Rettige gab es in Hülle und Fülle. Ein solches Leben war des Lebens werth! Damals pflegte er oft vor sich herzusingen. Namentlich pflegte er es Samstag Abends zu thun, wenn der Ruhetag zu Ende ging. Da stand er vor dem kleinen Fenster, sah hinaus auf die weithin sich ausdehnende Wiese und betrachtete den Nebel, der wie ein feiner Schleier über der Erde lagerte. Er hielt dann inne inmitten seines Gesanges; denn es bangte ihm vor seinem Glücke. Und es dauerte auch nicht lange. Der Garten konnte das Haus nicht erhalten. Der Wind verursachte Schaden, die Obstpreise fielen, und die Felddiebe thaten das ihrige. Von der Mitgift besaß er keinen Groschen mehr; man darf nämlich nicht vergessen, daß er bereits zwei Töchter verheiratete und sie nach hergebrachter Manier mit ihren Männern beköstigte. Zu seinem Unglück ließ sich im Städtchen ein „Petersburger" Schneider nieder, der ihm den letzten Bissen vom Munde wegriß. Der Petersburger war ein emerirter Soldat, der schon Vieles gesehen hat, da er sogar einmal mit seinem Regimente zu Brisk in Garnison lag. Er brachte einen neuen „Schnitt", der den Jüdl's an Schönheit übertraf. Diese Concurrenz versetzte ihm den Todesstoß. Die „feinern" Kundschaften wendeten ihm den Rücken, Alles strömte zum „Petersburger". Jüdl beschränkte sich nur auf die Bauern, aber anch diese kamen immer seltener. Also entschloß er sich, ein wandernder Dorfschneider zu werden. Und er wanderte von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof, und suchte Arbeit. _ (Schluß folgt.) Herausgeber: Dr. Josef S. Bloch. — Verantwortlicher Literatur^. Soeben erschien der z w e i t e Band der bekannten ansgezcichneten literarisch-wissenschaftlichen Vierteljahresschrist „H a e s ch k o l", herausgegeben von Dr. I. G n n 31 g und I. S. F u ch s, unter Mitwirkung der hervorragendsten Gelehrten und Schriftsteller. Der zweite Band des „Haeschkol" enthält unter Anderem gediegene Aufsätze und Essays von den Herren: Prof. Dr. D. Kaufmann, Dr A. Friedemann, Dr. S. Rubin, Dr. Eppenstein, S. Buber, R. Brandes, Dr. M. Berdiczewski, S. M. Lazar, D. Prischmann, Dr. A. Kaminka. S. L. Citron rc. Der Preis des zweiten Bandes (20 Bogen stark) ist fl. 1.30, 1.20 Rubel, 3 Franks sammt Porto. Zu beziehen durch die Redaction : Dr. I. G ü n z i g Biala bei Bielitz (Oesterr. Schlesien). Briefkasten. F. H. Pfarrer Deckert, für den die durch die Folter erpreßten Geständniße soviel historischen Werth besitzen, sollte Gott danken, daß er, so oft er vor Gericht erschien, nicht mehr unter denk Drucke dieses mittelalterlichen Gerichtsverfahrens anssagen mußte. I. B. Da auch ehrenwerthe und fortschrittlich gesinnte Männer die goldene Salvator-Medaille besitzen, so sollten für die antisemitischen Parteigrößen, die sich einst für den Denuncianten P f i st e r so sehr begeisterten, eigene Pfister-Medaillen bestehen. M. B—r. Die Erfahrungen, welche jüdische Gelehrte mit den Freunden Luther's machten, die sie in das Studium der hebräischen Sprache und Literatur einführten, waren nicht immer erfreuliche. W. F*. Ueber diesen Gegenstand können Sie Näheres aus den Schriften K a i s e r l i n g's über die Geschichte der Juden in Portugal und Spanien erfahren. Ignatz M. Das ist leeres Geflunker von den Herren. Die Leute, die einen Mechaniker Schneider nicht nur in ihrer Mitte dulden, sondern ihn wiederholt zu ihrem Wortführer in wichtigen Fragen machten, stehen auf keinem höheren sittlichen Niveau als er. H. L. (Preßburg.) Wenn der ungarische Ministerpräsident mit solcher Geringschätzung über die Rede des Dr. Lueger zur Tagesordnung hinweggeht, dann können die Ungarn über die blöde Behauptung Schneide r's, die Juden hätten in der Affaire von Tißa-Eßlar die Minister bestochen, lächeln. F. S. V e r g a n i hat als Abschreiber großartige Erfolge errungen. Sogar die Schulden, die auf seiner Besitzung ruhten, konnte er abschreiben lassen. H. G. M a n i n, der zu den gefeiertesten Gestalten Italiens zählt, war jüdischer Abstammung. I. L. Wenn Gregorig sich rühmt, er und seine Freunde hätten die Kirchen gefüllt, dann wird er doch nicht gerade an seinen Intimus Purscht gedacht haben. A. W. Krakau. Wir sind gerne bereit, jeden einzelnen Fall zu besprechen, wenn uns das Material zur Verfügung gestellt wird. L. L. Ohne Angabe des Datums können wir die Nummer nicht heraussuchen. __ Giselaverern zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen. Durch die überaus günstige Bilanz pro 1898 hat der Giselaverein die ihm schon seit Langem gebührende hervorragende Stellung unter den österreichischen Versicherungs-Instituten noch mehr befestigt. Die Verwaltung derselben erweist, was Umsicht und rastlose Thätigkeit auf dem Versicherungsgebiete in verhältniß-' mäßig kurzer Zeit zu schaffen vermag, und so wurde ihr denn auch von der am 29. April stattgehabten Generalversammlung der gebührende Dank votirt. Nach einer der Bilanz beigegebenen graphischen Darstellung ist im Laufe des letzten Decenniums die Prämieneinnahme von 0*84 (1889) auf 5*48 (1898), also um 4*64 Millionen Kronen, der Prämienreservefond von 2*5 (1889) auf 26*2 (1898), also um 23*7 Millionen Kronen, der Versicherungsstand von 13.900 (1889) auf 89.500 (1898), also um 75.600 Polizzen und von 18*4 (1889) auf 113*4 (1898), also um 95 Millionen Kronen gestiegen. Die Neuproduction des Jahres 1898 allein beziffert sich auf 16.961 Polizzen mit 20,575.574 Kronen Versicherungscapital. Der Reingewinn per 302.963 Kronen findet seine Verwendung ausschließlich im Interesse der Versicherten zur Dividendenvertheilung an dieselben, sowie zur Dotirung verschiedener nützlicher Fonde. Von dieser sei in erster Reihe der Fond zur Ausstattung armer Mädchen gedacht, der im Berichtsjahre 91 armen Mädchen die Eheschließung ermöglichte, und zwar vorwiegend Bräuten, welche im Kindesalter bei dem Vereine versichert waren und deren Eltern verarmten. Damit übt der Giselaverein gemeinnützige Acte von hoher Bedeutung und bewirkt gleichzeitig, daß die Versicherungsnahme bei ihm jedem Versorger, die Beruhigung bietet, auch im Falle der Verschlechterung seiner materiellen Lage die Zukunft seines Kindes wenigstens theilweise gesichert zu sehen. Eine in der Generalversammlung vorgenommene Statutenändemng hat die Einführung einer neuen Versicherungs-Combination, sowie einige sonstige Modificationen zum Zwecke, welche jedoch sammt und sonders die materiellen Interessen der Versicherten unberührt lassen. So wurde entsprechend dem vergrößerten- Geschäftsumfange ein aus 2 Mitgliedern bestehendes Direktorium eingeführt. Dasselbe ist zufolge Beschlusses des Verwaltungsrathes derzeit gebildet aus dem Generaldirektor Arnold Marek und dem Direktor Richard K ö n i g sb e r g e r. mr: Robert Wolf. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VIII.