Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 347 loses Geschöpfchen leicht unterzubringen. Wir dürfen eben auch hier nicht aufhören, zu bitten, immer wieder zu bitten! So hätten wir denn im abgelaufenen Jahre die Kinderzahl 400 erreicht, ja sogar überschritten, für die wir an 10.000 fl. verausgabten. Wir können damit das stetige Fortschreiten unserer Vereinsthätigkeit constatiren. Mögen Förderer und Gönner uns treu zur Seite stehen, das große Kinderetend zu lindern; es ist eine Cultura u f g a b e, die der Gesammtheit zum Heile gereicht! Ein weiterer Appell sei an unsere Freunde auch dahin gerichtet, uns ihre Unterstützung angedeihen zu lassen, damit ein eigenes Dach endlich den schönen Vereinszweck schütze." Ein eigenes Capitel des Jahresberichtes ist dem Mädchenc omite gewidmet, welches dem Vorstande zur Seite steht; demselben gehören an die Damen: Jda F r e y b e r g, Präsidentin; Karoline Schneider, I. Vicepräsidentin; Sofie Hirsch, II. Vicepräsidentin; Elsa D ö r y, Cassierin; Paula Kahanö, Schriftführerin; Jda Fischer, Laura Goldenberg, Irma G r ü n w a l d, Mary Kahan 6, Lina K a h a n e, Erna Krauß, Jeanette L a b i n, Helene L ö w y, Valerie Lichtenstern, Charlotte May er, Bertha Neub auer, Elsa Pollak, Jda Pollak, Fanni Simon, Elsa Spitzer, Harry Stern und Julia Wilhelm. Dem Vorstande des „Ferienheim" gehören folgende Damen an: Frau Sofie G r ü n f e l d, Präsidentin; Julie F i a l l a, Vicepräsidentin; Antonie Graf, Schriftführerin; Emma Frankl, Casseverwalterin; Clara Berger, Rosa Freyberg. Adele Fried mann, Philippine Gelbhaus, Jda Güdemann, Rosa Hildesheimer, Reqine Heit, Helene Horner, Antonie P as s auer, Regine Reichel, Caroline Rosenbaum, Jenny Schnabl, Antoinette Schwarzmann, Amelie Strauß, Vorstandsmitglieder; Fräulein Karoline Schneider, Delegirte des Mädchencomites. Als Beiräthe fungiren die Herren: Gustav Frankl, Theodor Ritter v. Goldschmied, Moriz Graf, S. Heit, Adolf R o s e n b a u m, Dr. Alfred Berger, Dr. Hermann Fi a lla, Docent Dr. Josef Grünfeld, Dr. I. Schnabl, Dr. Julius Zappert, Friedrich F a n t o, W. F r e y b e r g, kaiserlicher Rath N. S ch e f f t e l. Besitzen wir originale Synagogen- Melodirn?') Nein! So oft auch schon darauf hingewiesen wurde, daß die Synagoge nicht eine einzige Melodie besitzt, die allen Juden der Welt geläufig wäre, immer wieder begegnen wir unter den mannigfachsten Auf- und Ueberschriften als: hebräische Gesänge, altsynagogale Gesänge, jüdische Gesänge, hebräische Melodien rc. dem leichtfertigen Bestreben, unsere jeweilig landesüblichen Synagogengesänge als Zeugen classischer Alterthümer hinzustellen. Wir anerkennen es ja gerne, daß jene Klänge, die uns in frühen Jugendtagen aus unserer Heimatssynagoge entgegenrauschten, noch heute die Herzen der gereiften Männer ebenso tief ergreifen, wie der nach Jahrzehnten uns gebotene. Anblick des kleinen Häuschens, wo unsere Wiege stand, uns mit pietätvoller Liebe erfüllt; allein, wem von uns könnte einfallen, diesen von uns geliebten heimatlichen Jugendstätten die Signatur classischer Bedeutung verleihen zu wollen? Zudem wären es strittige Objecte, welchem von uns verehrten Ideale der Preis höherer Bedeutung zuerkannt werden möge; der von Dowidel Brod gesungene Weschomru erfüllte die Zuhörer ebenso andachtsvoll wie der von Kanarik oder Kaschtan vorgetragene Mechalkel chajim rc. So klar und deutlich auch diese Thatsachen zu uns sprechen, ebenso kühn und muthig treten Einzelne von uns für die Heiligkeit der von ihren Ahnen gehörten und ererbten Synagogen-Melodien ein, und obgleich alle Anderen, die nicht das Glück haben, in directer Linie von diesen Ahnen abzustammen — demnach auch in ihrer Jugend diese Gesänge nicht gehört — beim Anhören derselben ziemlich gleichmüthig, ja kalt bleiben, sind jene, von irgend einem seinerzeit beliebten alten Chasen abstammenden modernen Cantoren unablässig bemüht, diese ihre Gesänge *) Gelegentlich des Erscheinens der Haenle'schen hebräischen Melodien. geradezu als Schliemann'sche Ausgrabungen altsynagogaler Musik hinzustellen; es nützt weder der Hinweis, daß wir keinerlei Auszeichnungen als Anhaltspunkte für solch' kühne Behauptungen besitzen, noch die tatsächliche Bemerkung, daß diese ihre Gesänge nicht einmal das Jntervallengepräge unseres wirklich alten Chasonus aufweisen — ihre sogenannten alten Gesänge bleiben einmal antik, verehrungswürdig, heilig. Angesichts solch' kühner, doch aus der ganzen Linie fachmännisch unhaltbarer Behauptungen müssen alle besser denkenden und ehrlich strebenden zeitgenössischen Vertreter des Synagogengesanges stets beobachtend und warnend gegenübertreten. Hiedurch gelang es, erträumte Scheingebilde wirkungsvoll zurückzuweisen, und thatsächlichen Vorkommnissen gebührende Anerkennung zu verschaffen. Um das Letztere zu ermöglichen, stellen wir uns für einige Zeit aus den gegnerischen Standpunkt; wir vermögen dies umso eher, als wir ja die Wirkung solch' sogenannter alter, mit schöner Stimme gut vorgetragener Gesänge beim jeweiligen Gottesdienste anerkennen und würdigen, geradeso, wie der Sulzer'sche Schma Jisroel seine erschütternd andächtige Wirkung in den jüdischen Gotteshäusern übt, ohne den Anspruch auf die Clafficität des Alterthums zu erheben. Gewiß! der in der Jugend gehörte meellalkel edafim wird auch dem alten Manne, am Rosch-Haschonoh und Jom-Kippur an heiliger Stelle vorgetragen, wie ein Gruß aus der goldenen Jugendzeit entgegentönen und ihn andächtig durchschauern. Bei dieser Wirkung möge man sein Genügen finden, und wenn man es für nöthig erachtet, derartige Kleinodien auch an die Nachwelt zu vererben, so wird auch die Veröffentlichung derselben in einem sogenannten Synagogen- Gesangswerke, gleich denen von Sulzer, Lewandowsky, Weintraub rc. einwandfrei angenommen werden. Allein die arme, sogenannte „synagogale Melodie" erfuhr im Laufe unseres nun zu Ende gehenden Jahrhunderts die denkwürdigsten Wandlungen. In den Dreißiger- und Vierziger-Jahren als unwürdig aus der modernen Synagoge verbannt, mußte dieselbe oftmals minderwerthigen neuen Melodien weichen, weil das neue Judenthum gleich seinen Verlangen nach modernen Kleidern anch in seinen Gotteshäusern neue Gesänge beanspruchte, und lediglich in den orthodoxen Synagogen wurden von mehr oder minder berufenen Chasanim der traditionelle Gesang in mehr oder minder zulänglicher Weise gepflegt. Dank dem wackeren Eintreten einiger beherzter und fachmännisch bedeutsamer Männer ist es nun endlich gelungen, dem altehrwürdigen Synagogen- Gesangsstile (Chosonus und Steiger) endlich auch Eingang in die moderne Synagoge zu verschaffen. Dieses Vorkommen erachten wir als eine große Errungenschaft, mit der man sich wohl zufrieden erklären könnte; in der Kirche wird kirchlich, in der Synagoge soll synagogal gesungen werden. Wie allenthalben, io auch hier sprießen leider auf diesem Gebiete Auswüchse hervor, die, wie jedes Unkraut, die eigentlichen zarten Pflänzchen zu vernichten drohen. Anstatt den oben angedeuteten *) Synagogen- Gesangsstil zu pflegen und zur allgemeinen Werthschätzung auszugestalten, treten immer wieder neue sogenannte „alte Melodien" in den Vordergrund, und werden, als von den Ahnen ererbt, nicht allein in den Gotteshäusern gesungen (das wäre noch nicht so arg), vielmehr mit den mannigfachsten, marktschreierischen Aufschriften versehen, unter das Volk geschleudert. Außerdem, daß jene alten Melodien gar nicht harmonisch und rhythmisch gedacht sind, werden dieselben zwangsweise mit einer Clavierbegleitung und selbstredend auch mit einem Tacte versehen, welche dieselben zu Zerrbildern gestalten. Abgesehen von diesen musikalischen Bedenken liegt in diesem Vorgehen geradezu ein frevelhafter Angriff auf "unsere wirklichen Heiligthümer. Besitzen wir wirklich synagogale Melodien, nun so bewahre man dieselben für die Gotteshäuser und laffe sie nicht, Blättern im Winde gleich, hinausflattern ins Getriebe des Lebens. Man wird uns einwenden, diese „altjüdischen Gesänge" mit Clavierbegleitung seien ja nur für den Salon bestimmt, allein vom Salon-Piano bis zum Wirthshaus-Clavier ist ja nur ein Schritt. Wie dürfen heilige Melodien auf unheiligem Boden ertönen? „Ech nosohir es sHtir adonai a! ailmas neclior?* Obercantcr Singer. *i Siebe die Tonarten deo traditionellen S'.inacroge'.:-<tzc'auge-:-