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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-05 · 18 (5.5.1899) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 346 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 18 nunmehr den Zeitpunkt für geeignet erachteten, die anwesenden Deutschnationalen zu provociren. Anfänglich ignorirt, wurden sie in der Feinbeit ihrer Ausdrücke immer ch r i st l i ch - s o c i a l e r, und die nun folgende, den Wiener Gemeinderathssitznngen aufs Genalleste nachgebildete Scene warf ein grelles Licht auf das Bildungs- und geistige Niveau dieser drei berufensten Vertreter des „dummen Kerls von Wien". Daß diesen Herren die Anwesenheit zahlreicher Damen keine Zurückhaltung im Gebrauch der örgsten und ordinärsten Schimpfwörter auferlegte, wird den Kenner christlich-socialer Umgangsformen nicht Wunder nehmen. Nach einer patriotischen Entrüstungskomödie, hervorgerufen durch die Weigerung des Fahrleiters, die Kaiserhymne nach dem Belieben Strobach's und Genossen spielen zu lassen, legte sich die allgemeine Erregtheit, vorübergehend einem etwas gemäßigteren Meinungsaustausch Platz machend. Diesem verdankten die Betheiligten mehrere werthvolle Aussprüche, unter Anderem, daß die „katholische Volkspartei eine H ... Partei fei", wofür sich diese bei Herrn Bielohlawek bedanken möge. Die Behauptung, daß die Schönerer-Partei die Geschäfte der Juden und Freimaurer besorge, wurde von den Umstehenden mit stürmischer Heiterkeit begrüßt. Nachdem Herr S t r ob a ch für eine echt christlich - social - clericale Unwahrheit ohne Widerspruch seinerseits sich den Vorwurf gefallen lassen mußte, daß er ein b e w u ß t e r Lügner sei, gingen die Wogen der Erregung immer höher, um im Bahnhofe von Riva ihren Höhepunkt zu erreichen. Der heftig gesticulirende Strobach, der docirende und christlich-sociale Weisheit verzapfende Bielohlawek, der mangels genügender Standfestigkeit aus dem Hintergrund schimpfende Schneider ergaben zusammen ein Bild, das sich dem Gedächtniß der Theilnehmer jener „Vergnügungs"-Fahrt unauslöschlich einprägen dürste. Für einen glanzvollen Abgang glaubte Herr Strobach sorgen zu müssen, indem er eine w a h r e F l u t h von Schimpfwörtern ausstieß und sodann im Bewußtsein, für diesen Tag das Seinige gethan zu haben, hocherhobenen Hauptes, Arm in Arm mit Freund Schneider, zum Zuge und sodann in Gregorig'schen Schlangenlinien dem Hotel zuwanderte." Ferienheim. Unter den zahlreichen, edler Menschenliebe gewidmeten Vereinigungen, welche auf die Sympathie aller guten Menschen Anspruch machen dürfen, ist der Verein „Ferienheim" einer der populärsten und beliebtesten in Wien geworden. Seiner Wirksamkeit ist es zu verdanken, daß jährlich vielen Hunderten armer jüdischer Kinder in den Ferien die unschätzbare Wohlthat eines Landaufenthaltes zu Theil wird, daß viele Hunderte Kinder armer Eltern aus der Hitze und dem Staube der Großstadt hinausgebracht werden in erquickende Wald- und Gebirgsluft, wo sie Erholung und Kräftigung finden. Der unermüdliche Eifer, die Gewiffenhaftigkeit und die Umsicht, mit welcher die Vorstandsdamen des „Ferienheim" ihre Aufgabe durchführen, ist geradezu sprichwörtlich geworden, und so erfreut sich denn der Verein immer wachsender Theilnahme und Popularität. Der soeben erschienene Jahresbericht des Vereines widmet der dahingeschiedenen Kaiserin Elisabeth einen Nachruf, in welchem eine für die Herzensgüte der Dahingeschiedenen bezeichnende Episode — ihr Besuch in der israelitischen Feriencolonie zu Nauheim — erzählt wird. Der Bericht bringt ferner das Porträt der dahingeschiedenen Baronin Clara Hirsch, die den Schützlingen des „Ferienheim" ein herrliches Asyl in Rossitz gewidmet und das künftige Heim des Vereines in hochherziger Weise fundirt hat. Im vergangenen Sommer find 403 schulpflichtige Kinder in die Vereinscolonien entsendet worden. Nicht allein die Beschaffung des nöthigen Capitals, welches für die Verpflegung und Erhaltung der Colonren erforderlich ist, bildet die Aufgabe, vor die der Vorstand des Vereines gestellt ist. Ist auch die Nahrungsfrage gelöst, dann bleibt noch immer die Wohnungsfrage, denn es ist begreiflich, daß die Unterbringung einer Colonie von durchschnittlich 60 Köpfen an einem Orte, der allen Anforderungen, welche man an einen Ferialaufenthalt für schwache, schlecht ernährte Kinder stellt, entsprechen soll, mit den größten Schwierigkeiten verbunden ist. Die sanitären, die Verkehrs- und Verproviantirungsverhältnisse bieten oft unüberwindliche Hindernisse bei der Wahl dieses oder jenes Ortes, und es bedarf erfahrener Sachkenntniß, Berücksichtigung aller Umstände, will man ein paffendes Object finden. Und wenn der Vorstand in den Frühjahrsmonaten alljährlich die Colonialorte auswählt, drängt sich immer die bange Frage auf: Und wenn in einem dieser Orte eine Masern-, eine Keuchhustenepidemie herrscht, wohin mit unseren armen Kindern? Da das Project des eigenen Heims leider noch immer Project ist, ist diese Frage begründet durch die gewissenhafte Sorge um das Wohl der fremden, der Fürsorge des Vereines anvertrauten Kinder. Deshalb stellt sich die Nothwendigkeit eines eigenen Heims immer dringender heraus, schon aus dem Grunde, weil ein vollständig geeignetes Miethobject zur Unterbringung einer größeren Kinderanzahl nirgends zu finden ist. Der Baufonds des Vereines ist eben noch zu gering, als daß bereits die Auswahl eines passenden Terrains in Angriff genommen werden konnte. Es ist zu wünschen, daß neue Gönner den Baufonds des „Ferienheim" durch Zuwendung größerer Beträge stärken mögen. Freunde unseres Vereines haben auch in dem abgelaufenen Jahre ein schönes und nachahmenswertes Beispiel gegeben, indem sie anläßlich freudiger und trauriger Familienereignisie des „Ferienheim" gedachten. Besonderer Dank gebührt den Herren Vereinsärzten: Dr. Emil Berggruen, Dc. Julius D r e y, Dr. Josef Friedjung, Docent Dr. Josef G r ü n f e l d, Dc. Gustav Sch reib er, Dr. Heinrich Wolf, Dr. Julius Z a p p e r t und Dr. dtorbrrt Kanitz. Ferner Herrn Dr. A u f f ä r b e r in Straßnitz für die ärztliche Ueberwachung der Colonie in Petrau, sowie den Herren Dr. Hruby und Dr. Franz in Rossitz, ferner den Herren Curärzten Dr. Josef Schwarz in Baden, Dr. Hermann Schuber in Bad Hall und Dr. Wilhelm Degre in Jodbad Darkau, welche sich der kleinen Schützlinge in liebevoller und uneigennütziger Weise angenommen haben. Die Vicepcäsidentin des Mädchencomites, Fräulein Caroline Schneider, hat auch heuer nahezu die ganze Ferialzeit die Colonie in Roffitz beaufsichtigt. Die unermüdliche Schriftführerin des Vereines, Frau Antonie Graf, schildert in eineni ausführlichen Artikel die Feriencolonien in Roffitz und Petrau, die Pflege, Behandlung und Beschäftigung der Klnder. Die Mädchengruppen waren von je zwei Lehrerinnen, die Knaben von je drei Lehrern begleitet, die ihre ganze Aufmerksamkeit sowohl der körperlichen Pflege der Kinder als auch ihrem Betragen und der angemessenen Beschäftigung während der Ferialwochen widmeten. Der liebe Gott schenkt den Kleinen in dieser herbeigesehnten Zeit Sonnenschein und gute Luft, der Verein sorgt für gesunde, kräftige Ernährung, und durch dieses Zusammenwirken wird alljährlich das angestrebte Resultat erreicht. Die kränklichen, bleichen, anämischen Kindergesichter, deren Anblick jedes fühlende Herz ergreift, füllen sich, die Wangen werden röther, frischer, Fröhlichkeit, Munterkeit blickt aus den früher matten Augen, und Helle Kinderstimmen klingen hinaus in Feld und Flur! Diese sichtliche Erholung der Kinder findet in der Körperzunahme den beredten Ausdruck. Wir konnten im letzten Sommer eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 2'64 Kilogramm constatiren, worunter einzelne Kinder mit 4, 5 und sogar 9 Kilogramm figuriren. Die Colonie in Roffitz blieb auch im verfloffenen Jahre der Mittelpunkt des Interesses nicht nur der Roffitzer Einwohner, sondern auch der Familien der Umgebung, und erwarb sich ganz besonders in Brünn warme Freunde. Der Gottesdienst wurde jeden Freitag Abend in feierlicher Weise mit den üblichen Gesängen und Gebeten abgehalten. Er fand auf der sogenannten Loggia, einer gedeckten Halle, statt. Und wer demselben auch wiederholt anwohnte, war stets von Neuem aufs Tiefste ergriffen: diese einfache, würdige Feier ließ einen unvergeßlichen Eindruck zurück. Der Gottesdienst wurde Samstag Vormittags durch eine Exhorte fortgesetzt. In einer dichtbelaubten Allee des Parkes bildeten die Knaben ein Carr«, und der Colonienleiter oder der Commandant hielt laut Bibelabsatzes seine Predigt, deren Inhalt auf Gemüth und Charakter der Kinder nachhaltig einwirken sollte. Geburtstage der Kinder, Barmizwas, wurden stets durch Ansprachen festlich begangen und den Kinderherzen durch die schöne Erinnerung daran eine nicht zu unterschätzende Gabe verabreicht. Die Barmizwa-Knaben erhielten zum Angebinde ein Gebetbuch. Das System der Freiplätze, welches in Berlin so schön gedeiht und Hunderten schwächlicher Kinder auf so einfache Art Ferienerholung bietet, will bei uns so schwer Eingang finden. In den Provinzstädten und Städtchen, in kleinen Ortschaften, wo die Raumverhältniffe nicht so beschränkt sind, wie in den Landwohnungen der Großstädter, wäre so ein kleines, anspruchs-

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