Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Br. Bloches WochrnfchrlsL. tllr. 18 eite 345 außerdem gab cs tausend Umstände, welche die Grundlosigkeit der Aussagen des Moriz Scharf bewiesen. Warum machte er alio btcic Aussage? (Sr war nicht kränklich, nicht blöd, auch nicht von Bisionen geplagt. Während der Gerichtsverhandlung war er ein wohlgenährter, rothwangigcr, lustiger Junge, — man sah ihm an, daß er gut genährt ward. Seine Mutter habe ich nicht gekannt. Das Weib seines Vaters war seine Stiefmutter. Seinen Vater beobachtete ich genau; auch dieser war ein kräftiger, gesunder Mann nnt rothen Backen. Ein gemüthlicher jüdischer Feldarbeiter mit gutem ungarischen Humor, wie ich deren noch wenige gekannt habe. Sein eigentliches Handwerk war die Flickschusterei, weil aber diese wenig abwarf, verdingte er sich als Feldarbeiter. Gemüth und Humor lassen auf eine unverdorbene Seele und auf gesunden Verstand schließen. Ter kleine Mori; glich, was die Gesichtszüge und die Gestalt betraf, ganz seinem Vater. Aber auch separat forschte ich Moriz auf die Kraft seines Geistes aus. Die war gar nicht schwach. Seine Geisteskraft überragte entschieden diejenige dreizehnjähriger Knaben. Woher also stammte die Aussage? Nebenher bemerke ich, daß es mir beim Studium der Blntbeschnldigungs-Processe anffiel, daß die belastenden Zeugen häufig Judenknaben waren, und zwar in der Weise, daß der betreffende Knabe festgenommen und von den Juden abgesondert wurde; nach einem gewissen Zeitrau > e. sagte dann der Junge ans, daß es eine Art hatte. So geschah es im 1794er Perer Proceß, und lvenn ich mich nicht irre, auch im 1764er Saroser Processe. Ganz genau so geschah es auch im Eßlarer Processe. Mein Verdacht konnte kein anderer sein, als daß man den kleinen Moriz für die Aussage absichtlich vorbereitet habe. Die Gerichtssprache nennt dies „Präpariren". Kein vereinzelter und auch nicht der erste Fall in weltberühmten Processen. Tie Zeugenaussage des französischen Dauphins, des Sohnes der guillotinirten Königin Marie Antoinette ähnelt diesem vollständig. Auch der kleine Dauphin war von der Welt völlig abgeschlossen. Auch ihn reizte man gegen seine eigene Mutter auf. Auch ihm träufelte man eine solche Aussage ins Gehirn, gab man eine Aussage in den Mund, welche vollständig unwahr und unglaublich war. Einmal, wenn es meine Zeit gestatten wird, will ich das Seelenleben dieser beiden Zeugen auf physiologischer Basis vergleichen. Dasjenige des Dauphins und das Moriz Scharf's. Bei Moriz ging die Vorbereitung nicht leicht, wenigstens nicht rasch. Ein Jahr lang war er gefangen. In der ersten Hälfte dieser Zeit legten Zwang und Furcht ihm die Worte auf die Lippen. In der zweiten Hälfte bezeichnet«: er bereits leichthin, keck, tollkühn, ja prahlend seinen Vater und die übrigen Inden als Mörder. Vorerst machte man ihm die Inden hassenswertb. Sodann machte man ihm seinen Vater hassenswcrth. Sein Fühlen und Denken wurde widernatürlich. Großmannssucht, Ruhmbegier, die sichere Hoffnung, den Herrn spielen zu können, erfüllten sein Herz — all' das. wenn man die Inden verurtheilte. Und dann machte man ihn hinwieder glauben, die Juden würden ihn todtschlagen» wenn sie die Freiheit wieder erlangen. Für all' dies lieferten Untersuchung und Verhandlung viel Material, zahlreiche Beweise. Sein Vater, Josef Scharf, wollte absolnt nicht daran glauben, daß sein Sohn aus aufrichtigem Empfinden spreche. Unter den Angeklagten war auch ein älterer Jude mit langem, grauem Barte, eine schöne, patriarchalische, biblische Gestalt. Eines Tages sagte Joses Schars vor Gericht zu seinem Sohne: — Lieber guter Sohn, sieh' Dir diesen alten Mann an, seinen grauen Bart, sein ehrliches Gesicht. Was hat dieser Mann Dir zu leide gethan? Warum willst Du diesen ehrlichen greisen Mann an den Galgen bringen? Ter Knabe blickte den Greis an. Sein Antlitz wurde roth, irgend ein.Gefühl trieb sein Blut auswärts. Allein er zuckte dann die Achseln und antwortete: — Was kümmert es mich, was immer mit dem gemeinen Juden geschieht! Sein Vater fährt ihn an: — Was sprichst Du da, bist denn Tu kein Indes — Gewiß nicht. Will auch keiner sein. Und wandte sich von seinem Vater ab. Ter alte Scharf wankte zu seinem Sitzplatze. Er sprach nicht mehr. Er setzte sich. Aber den Kragen seines Rockes faßte er und zerriß ihn mit eiserner Hand. Ter Präsident, durch das Knirschen des Stoffes aufmerksam geworden, blickte hin: — Scharf, was thun Sie da? Ter Vater schaute nicht einmal hin nach dem Präsidenten. Mit der großen, rauhen Taglöhnerhand verdeckt er das thränenüberströmte Antlitz und sagt langsam: — Ich habe einen Todten und zerreiße darum mein Kleid. Im Saale waren 230 Menschen anwesend. Fast Jedem traten Thränen in die Augen. Der Vater beweint seinen Sohn, der für ihn gestorben war, seinen Sohn, der gestorben ist, weil er gegen seine Race und sein Geschlecht von Haß erfüllt wurde und den Gott seiner Väter verleugnetc. Der Sohn aber bewegt seinen Kopf gleichmüthig von rechts nach links und summt leise ein Spottlied. Nie habe ich eine mehr seelenerschütternde Scene gesehen. Und solcher Scencn gab es stbr viele in diestnu Proceß, welcher der größte Proceß der Well war. Tie Trevms-Affaire beginnt ihm von Weitem zu ähneln. Wenn ich einmal die wahre Geschichte dieses Processes »'erde schreiben können, dann wird die Welt staunen und zugleich Vieles lernen. Und sie wird den ungarischen Richterstand hochachten dafür, daß er vor der öffentlichen Meinung der Welt nicht zurückschrack und sich ihr nicht beugte, sondern Gerechtigkeit übte und die Unschuldigen freisprach. Ich habe diesen kleinen Moriz bedauert. Ich zürnte Denen, die ihn ein Jahr lang gefangen hielten. Aber unter dem fürchterlichen Truck der öffentlichen Meinung konnte ich ihn nicht befreien. So sehr ich es auch bedauerte: ich habe über die Angelegenheit nie mit ihm gesprochen. Ich habe den Ursprung, die Entwicklung, die Befestigung seines Geständnisses klar gesellen. Ich wollte meinen klaren Blick nicht durch ein Privatgespräch mit ihm stören lassen. Wer seine Lehrmeister waren, darnach forsche ich nicht, (beschickt und glücklich waren sie nicht. Tenn sie faßten sein erstes großes Geständnis schriftlich ab, ließen es ilm einlernen und oft hersagen, so daß er, als er vor den Gerichtshof kam. seine Rede so ableierte, als ob er schon des häufigen Hersagens seiner Lection übersatt wäre. Deshalb habe ich den Präsidenten gebeten, er »löge den Zeugen auffordern: _ — Könnten <c\c ihr Geständnis; nickt in Versen hersagen? Tie Wulh der „öffentlichen Meinung" hat mich bei diesen Worten umrobt. Aber durch den tobenden Lärm Hörle ich sehr gut, wie das kleine Heer der wahrheitliebenden Geister in allen Theilen der Welt anflachte. Damals war diests Heer ein kleines, jetzt ist es grenzenlos. „R«bbi Bloch und Pater Scheicher. Wir lesen in der „Floridsdorfer Zeitung" : Die christlichsocialen Lehrsätze haben in der letzten Zeit wieder bemerkenswerthe Bereicherungen erfahren. Die älteren Floridsdorfer werden sich noch des früheren hiesigen allgemein geachteten Rabbiners und nachmaligen Reichsrathsabgeordneten Doctor Bloch erinnern, der mit dem später verstorbenen Ligneurfabrikanten Zimier befreundet war. Nach dem Tode Zimier's glaubte Doctor Bloch, der Witwe seines Freundes einige Hilfe angedeihen lassen zu wollen, indem er an Bekannte, die zugleich Kunden des Z i m i e r'schen Geschäftes waren, die Bitte richtete, der Witwe die Kundschaft nicht zu entziehen. Eine schlichte That. zu der Dr. Bloch durch seine Religion sich verpflichtet fühlte, die den Schutz von Witwen und Waisen b ef i e h l t und das Erforschen des Glaubens der Bedrängten verbietet. Für die Allgemeinheit ist dies eine unwesentliche Episode, an der man ohne Sang, ohne Klang und ohne Dank vorüberziehen mag, wenn nicht antisemitische Berthiertheit das Schützen einer Witwe begeifern möchte. Das „Deutsche Volksblatt" und sein Floridsdorfer Ableger bringen nämlich den Abdruck einer diesbezüglichen Visitkarte des Dr. Bloch und knüpfen daran, indem sie aus der christlichen Witwe Zimier in gewohnter Verlogenheit für ihre Leser eine Jüdin machen, Bemerkungen, die so recht die Gedankencanäle der antisemitischen Pest ausdecken. Diese Blätter fragen am Schluffe, was man sagen würde, wenn Monsignore Scheicher für die Witwe eines Schnapsjuden das thäte, was Dr. Bloch für die Witwe Zimier gethan hat. Daraus antworten wir, daß Monsignore Scheicher unter den biblischen Vorschriften steht, welche ihm den Schutz von Witwen und Waisen an befehlen und ihm das Forschen nach dem Glauben der Bedrängten verbieten. Wenn also Monsignore Scheicher einer verwaisten jüdischen Familie Hilfe Leisten würde, so hätte er nur seine Christen- Pflicht erfüllt. Strobach am Gardasee. Strobach, Bielohlawek und Schneider haben zu Ostern einen Ausflug an den Gardasee gemacht. Wie da diese drei einander würdigen Herren „repräientirt" haben, schilderte das „Tiroler T a g b l a t t". „Es war am Ostermontag, an Bord des italienischen Vergnügungsdampfers „Tcvreris", auf der Rückfahrt Deienzano- Riva. Heiß brannte die Nachmittags'onne auf das Verdeck, ohne dadurch die frohe Stimmung der Paffagiere und deren Freude an den herrlichen südlichen Landfchaftsbildern zu beeinträchtigen. Vom Vorderschiff ertönten heitere Weilen der Musikcavelle, und namentlich wurde das „Heil dir im Siegeskranz", das einem alten Brauche gemäß bei der Borüberfahrr vor den reichsdeulfchen Eolonien gewielt wurde, von den zahlreich anwesenden Reichsdeutschen und ädrigen Reifenden mit Jubel begrüßt. Schon auf der Hinfahrt Bormittags hatten drei Herren das allgemeine Interesse auf sich gezogen; es waren dies der V i c e- Bürgermeister v o n W i e n, S r r o b a ch, s o w i e di e beiden Abgeordneten Schneider und B i e l o hl a w e k. Tiefes Interesse wurde zur allgemeinen Entrüstung, als die Ehristlich-Socialen, die sich w e g e n reichlich genossenen ^.8ti spumante in kehr radaulustiger Stimmung befanden.