Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 Vr. BLoch's Wochenschrift. Sette 343 verdient erwähnt zu werden, daß in diesem verhältnißmäßig kurzen Zeiträume sieben Tempel theils erbaut, theils begonnen und theils finanziell sichergestellt wurden. Von den Mitteln, welche diese Vereine heute zu Cultuszwecken aufbringen, erhalten Sie eine Vorstellung, wenn ich erwähne, daß der Bethausverein im IX. Bezirk, im Jahre 1898 exclusive der Subvention der Cultusgemeinde 19.000 fl., d. i. 63 fl. pro Mitglied, gegen 3700 im Jahre 1888, die polnische Synagoge gar 20.000 fl., d. i. 140 fl. pro Mitglied, gegen 3150 fl. im Jahre 1887 für Cultuszwecke aufbrachte. Gewiß ein Zeichen der noch immer vorhandenen Opferwilligkeit. Im Unterrichts wesen wurde die jüdische theologische Lehranstalt ins Leben gerufen, die wohl ihren Zweck erst erfüllen wird, bis sie durch ein Gymnasium nach unten ausgebaut sein wird, wozu uns freilich ein Spender, wie Wahrmann in Budapest, fehlt. 62 Wohlthätigkeitsvereine bestanden im Jahre 1888. Seither hat sich deren Zahl um 30 vermehrt. Und wie wohl manche von ihnen ein recht beschauliches Dasein führen, sind wieder andere, wie z. B. der Verein „Ferienheim", der „Frauenhort" u. A. mit Fug und Recht zu großem Ruf und Ansehen gelangt. Auch der Cultusgemeinde-Vorstand ist nicht unthätig geblieben. Er hat das Versorgungshaus errichtet und vergrößert, ein Siechenhaus gegründet, die Heranbildung von Krankenpflegerinnen unternommen, überhaupt vielleicht mehr gethan, als einer Cultusgemeinde zukommt. Der „Politische Bolksverein" hat sich unter anderen Zwecken die wichtige und nicht minder dankbare Aufgabe gestellt, den Gemeinsinn zu heben, das Interesse am Gemeindeleben zu wecken, um alle schlummernden Kräfte zum Wohle der Gemeinde und dadurch des Judenthumes überhaupt zu heben und zu verwenden. Mit großem Geschicke hat es der„Politische Volksverein," dnrch seinen ausgezeichneten und energischen Präsidenten unternommen, die Nachtheile unseres Gemeindestatutes aufzudecken, wie zum großen Theile unsere veraltete und durchaus reactionäre Gemeindeverfassung an dem Darniederliegen des öffentlichen Geistes die Hautpschuld trägt, indem durch sie der Contact der Gemeinde mit dem Vorstände aufgehoben wurde. Der „Politische Volksverein" hat insbesondere Allen^klar gemacht, wie übel berathen die Gemeindevorstehung ist, wenn sie in den Tempelvereinen auf Schwächung der Gemeinde losgehenve Rivalen sieht, anstatt in ihnen ihre Pionniere, ihre Kerntruppen zu suchen. In dieser Richtung hat der „Politische Volksverein" auch tatsächlich sehr große Erfolge erzielt; denn wir alle wissen, daß die vor drei Jahren aufgestellten und im jüngsten Herbste erweiterten Postulate dieses Vereines von nahezu allen Candidaten des Cultusvorstandes acceptirt wurden. Ich bin gewiß, daß der „Politische Volksverein" nicht früher rasten wird/als bis die Statuten unserer Gemeinde im Sinne dieser Wahlprogramme und in wirklich liberalem Geiste umgeändert sein werden. (Allseitige Zustimmung) Erst wenn dies geschehen ist, wird unsere Gemeinde wieder wie einst die Führerin der Judenheit sein, und jeder Einzelne sich dann freudig dem Ganzen unterordnen. Hoffen wir, daß die Zeit nicht mehr ferne ist, wo wir von unserem Volke und Glauben sagen können: Israel gleicht dem brennenden aber niemals verzehrten, blühenden und seine Angreifer verwundenden Dornbusch. (Lebhafter Beifall.) Ich besitze kein Mandat der Tempelvereine. So weit ich sie aber kenne, darf ich gewiß die Ueberzeugung aussprechen, daß dieselben den „Politischen Volksverein" in seinem Streben, das Wahlprogramm zu verwirklichen, bis ans Ende unterstützen werden. (Allseitiger, lebhafter Beifall.) Der nachfolgende Redner, Herr Religionslehrer B uxb a u m, vertritt im Gegensätze zu jedwedem zionistischen Begriffe, zumal es auch einen katholischen und protestantischen Zionismus gebe, den Standpunkt, daß das Judenthum nur eine confeffionelle Gemeinschaft und keinerlei Nationalität sei und begrüßt dankend den durch Förderung des Colonisationszweckes zu realisirenden Gedanken der Rettung unserer Brüder aus Noth und Bedrückung. Herr Bezirksausschuß W a l d st e i n ereifert sich gegen den politischen Zionismus, von dem er keinerlei Heil erwarte und verweist insbesondere auf den Bortrag Max N o r d a u's, der nach allen Seiten hin geschmäht, keinem Menschen aber Belehrung gebracht habe; Redner fürchtet, daß diese Art von Zionismus noch eine „Los von Israel" - Bewegung Hervorrufen werde. Herr Moriz Baum spricht über die rühmliche Thätigkeit der Tempelvereine und über die programmatische Forderung des' Politischen Volksvereines betreffs der Neuorganisation der Wiener Cultusgemeinde. Eine Centralstelle sei für die jetzige territoriale Ausdehnung der Gemeinde ungenügend; der Contact zwischen Funktionären und Publicum 'gehe verloren, die Rabbinnen kennen letzteres nur bei Hochzeiten und Begräbnissen; die E h e w r a Kadischa, dieser edelste Verein, habe heute genau so viele Mitglieder — circa 1000, in Budapest das Achtfache — wie vor zwanzig Jahren, darum sei der Ruf nach Decentralisation, nach Autonomie der Organe sehr gerechtfertigt. (Großer Beifall.) Herr Dr. K a d i s ch verweist auf die stetige Zunahme der nationaldeutschen Bewegung, welche dem Racenantisemitismus huldigt, während bei uns der Antisemitismus zunächst als Parteiorganisation entstanden sei; den Juden empfehle es sich, fern zu bleiben dem nationalen Hader der Anderen, gewiß aber auch nicht selbst in Form des politischen Zionismus nationale Fragen zu schaffen, deren jede eine Ungerechtigkeit in sich schließe, während den Juden nur Friede und Gleichberechtigung, in erster Linie der Bölkerfriede helfen könne. Herr Dr. Marcell Hoffman n begrüßt und verkündigt seinerseits freudig das Wort der zionistischen Colon i s a t i o n, der nun auch in Wien eine besondere Organisation gewidmet werden solle und reclamirt energisch für die Judenheit den Begriff und das Wesen einer Nation, die in Palästina ihr altehrwürdiges und geheiligtes Ideal erblicke und, stark genug zur Selbsterhaltung, nicht in anderen Völkern unterzugehen brauche. (Allseitiger Beifall.) Nach mehrfachen Erwiderungen und Richtigstellungen wird die Debatte geschloffen und der vom Bereinspräsidenten Herrn Dr. F i a l l a erstattete Jahresbericht unter Kundgebungen des Dankes an den Präsidenten und den gesammten Vorstand einstimmig genehmigt; desgleichen der vom Cafferevisor Herrn Baum erstattete Revisionsbericht, welcher die Beschaffung der dem Vereine jeweils erforderlichen, nicht unbeträchtlichen Geldmittel besonders lobend anerkennt. (Beifall.) Bei den folgenden Neuwahlen wird der Präsident Herr Dr. F i a l l a mit Acclamation und Applaus, und der gesammte, aus den Herren Hermann Beck, S. B r o h, kaiferl. Rath Moritz Hirsch, Advocaten Dr. Marcell H o f f m a n n, Carl K o h n, Director B. Langbank, kaiserl. Rath Dr. Joh. Lichten st ad t, Commercialrath A. Marek und Heinrich T e l t s ch e r bestehende Vorstand, sowie die Herren M. Baum und Bezirksausschuß W a l d st e i n als Cafferevisoren mittelst Stimmzettel einhellig wiedergewählt. Nach einer Dankesäußerung seitens des Vorsitzenden für seine und seiner Vorstands collegeu ehrende Wiederwahl wurde die Generalversammlung in vorgerückter Nachtstunde geschloffen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Der Antisemitismus und die Justiz. — Schneider's Interpellation. — Der Schächter von Go lisch-Jenikau. — Don der Handelsschule Patzelt.) Die Schmutzwellen der antisemitischen Brandung umspielen bereits die Justiz, und die Unabhängigkeit des Richters, gewährleistet durch das Staatsgrundgesetz, wird durch den Terrorismus des Pöbels bedroht. Wie die Aasgeier auf ein Stück gefallenes Wild, so stürzen sich die antisemitischen Bolksbetrüger auf jeden jüdischen Verbrecher, um ihn als Typus des richtigen Juden hinzustellen und der Bevölkerung zu sagen: „Seht so sind die Juden!" Ein Jude wird unter dem Verdachte des Mordes verhaftet, und während sonst bei jedem Verbrechen das Untersuchungsgericht ungestört und unbeeinflußt seiner Aufgabe nachgeht, die Wahrheit zu erforschen, sehen wir hier die Agitatoren von Beruf bei der Arbeit, nicht blos Beweismittel für die Schuld des verdächtigten Juden, sondern auch Argumente für dieselbe herbeizuschaffen, der Bevölkerung den Glauben an die Schuld des Verhafteten zu suggeriren und so eine „Bolksstimme" zu fabriciren, die Zeugen zu bearbeiten und die Richter im Vorhinein zu verdächtigen und mit weiteren Verdächtigungen zu bedrohen.