Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Weite ALL Dr. Bloches Woürenschrifk. Nr. 18 Wahlthätigkeit anderer Comitäs und Verbände wiederkehrten, während der Versuch eines oppositionellen Comitös, die Wahl unter dem Zeichen oder Schlagworte der Aufrechthaltung der iaterconfessionellen Schule beeinflußen zu wollen, an der unbestrittenen Selbstverständlichkeit dieses Postulates alsbald scheiterte. (Heiterkeit.) Unser ursprüngliches Programm nach Maßgabe zweijähriger Erfahrungen ausgestaltend und erweiternd, verlangten wir rücksichtlich der Organisation der Gemeinde, daß dem derzeitigen Cultusvorstaude, als dem alleinigen Vertretungsuud dem centralen Organe der Verwaltung behufs Ermöglichung einer intensiveren und Durchführung einer prompteren Administration, zweckmäßig abgegrenzte Be zirksausschüsse beigegeben werden, für deren Bildung die größeren, ohnedies Functionen des Cultus an Stelle der Gemeinde ausübenden Tempelvereine mit ihren Tempeln die natürliche Grundlage zu bilden hätten, und denen neben der Bethausleitung bestimmte locale Verwaltungsagenden, speciell auch im Armenwesen und in Steuersacheu zu übertragen wären. (Allseitige Zustimmung.) Nach wie vor unerläßlich erschien uns im Interesse der Gerechtigkeit, sowie der dringenden Vermehrung der Einnahmen der Gemeinde eine Reform des B esteuerungssystems in dem Sinne, daß in Zukunft die Cultussteuer nach einem progressiven Quotienten der bei uns jetzt geltenden Personal-Einkommensteuer festgesetzt werde, wodurch zugleich der derzeitige 10 fl.- Census beseitigt würde, der unter Anderem auch im Widerspruche steht mit den demokratischen Grundsätzen des Judenthums. (Anhaltender Beifall.) Der Reform der Armenpflege widmeten wir die Forderungen, daß dieselbe die Verhütung der Verarmung, die wirksame uud rasche Unterstützung der Armen und die Verhinderung der mißbräuchlichen Ausnützung der Wohlthätigkeit als ihre Endziele ansehe, indem wir zugleich als wirksame Mittel zur Erreichung dieser Ziele die Errichtung eines centralen Arbeitsvermittlungsamtes, die bezirksweise Bestellung von Armenpflegern und Armenpflegerinnen aus der Mitte der Glaubensgenossen und die Cooperation der Gemeinde-Armenpflege mit sämmtlichen Wiener jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen nachwiesen. Die Organisation der österreichischen Judenschaft bezeichneten wir neuerlich als eine überaus wichtige und hochbedeutsame Aufgabe, welcher der Vorstand allerdings durch die unter seiner Führung vollzogene Gründung des Oesterreich isch- Jsraelitischen Gemeindebundes uähergerückt sei, welch' letzterer selbst aber noch kein sichtbares Lebenszeichen von sich gegeben und der Oeffentlichkeit noch als Mysterium erscheine. Nicht minder seien die Anforderungen bezüglich der Gemeindeorganisation, ebenso wie die gerechten Wünsche der Tempelvereine unerfüllt, während der Ruf nach Steuerreform in der vorgenommenen Erhöhung des Steuerm axim um s keineswegs seine Befriedigung erblicke. (Sehr richtig!) Mit größerer Genugthuung findet der Verein, daß auf dem Gebiete der Reform der Armenpflege seine Anregungen und Bemühungen Früchte getragen haben, indem im Mai 1898 eine umfassende Enquete durchgeführt wurde, deren Resultate allerdings noch nicht veröffentlicht sind, während dagegen die Heranbildung von Krankenpflegerinnen seither unternommen und, worauf wir besonderen Werth legten, ein Verein für Arbeitsnachweis unter dem Patronate des Cultusvorstandes in den letzten Tagen factisch begründet worden ist. (Lebhafter, andauernder Beifall.) Dr. Fi all a erwähnt noch der' großen, gemeinsam mit anderen jüdischen Vereinen wider den, die confessionelle Trennung der Schulkinder in den Schulclasse» anordnenden Erlaß des Bezirksschulrathes am 17. October 1898 veranstalteten Protest- Versammlung, in welcher dem Präsidenten des „Politischen Volksvereines" die Erstattung des Referates Vorbehalten war (Allgemeiner Beifall.), und gelangt nun, auf die Angelegenheiten der jüdischen Gesammtheit übergehend, zur Behandlung der palästinensischen Co lonisationsfrage unter dem speciellen Gesichtspunkte der uns Juden in Oesterreich zunächst in Anspruch nehmenden Noth.lage unserer Glaubensbrüder in Galizien. Redner verweist in erster Beziehung auf den äußerst lehrreichen. kürzlich vor. ebenso glänzendem als zahlreichem Publicum hier stattgehabten Vortrag des Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer aus Berlin, welchen Vortrag der „Politische Volks- Verein" zu dem Zwecke veranstaltete, um hierdurch die Colonisationsfrage das erste Mal in Wien vor einer größeren Oeffentlichkeit besprechen zu lassen und damit zugleich seine eigenen Intentionen zu bekunden, welche dahin gehen, diese Aufgabe und Bestrebung zu der seinigen zu machen und in einer neu zu schaffenden großen Organisation zu verwirklichen. Der Vorsitzende bespricht sodann des Näheren die Voraussetzungen und Mittel einer wirksamen Colonisationsarbeit und deren Zusammenhang mit der entsetzlichen Nothlage unserer Stammesbrüder in Galizien, die keiner Enquete, keiner theoretischen Untersuchung, vielmehr der unaufschieblichen praktischen, effectiven Hilfe dringend bedürfen, die hungernd nach Brod und Erwerb, krank und verschmachtend nach Licht und Luft schreien und Alles dessen entrathen, was selbst nur zur Fristung des dürftigsten, elenden Daseins erforderlich ist. Unter anderen Mitteln der Abhilfe, deren keines ja hintangesetzt werden darf, erscheint die Emigration oder deutlicher die kolonisatorische Verpflanzung auf den geheiligten und ergiebigen Boden Palästinas als eines der zuverlässigsten, durch Erfahrung bewährt, als ein solches, welches die Colonisten nicht blos physisch rettet und zu nützlichen, schaffenden, thätigen Gewerbetreibenden, Bauern und Arbeitern emporhebt, sondern auch moralisch erhebt, beglückt, ihrem Glauben, ihrer Religion bewahrt, daher in jedem Einzelnen den Menschen und den Juden zugleich einem würdigen Dasein, einer sicheren Zukunft zurückgibt. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Hiefür zu sorgen und zu wirken, innerhalb und außerhalb der Grenzen unseres Reiches Mittel zu schaffen und beizutragen zu diesem großen Werke der Bruderliebe, der Hilfeleistung, — alle Kräfte zu vereinigen in diesem Streben, u naufschieblich Linderung und Rettung zu gewähren, dort, wo alle Lebens- und Erwerbsbedingungen unterbunden und abgeschnitten sind, zu rechnen mit diesem Elende und Jammer der Gegenwart und ihm gerecht zu werden mit unaufhaltsamen, ununterbrochenen Leistungen aus den Mitteln der brüderlichen Gesammtheit, — hierin erblickt der Politische Volksverein die nächste, heiligste und dringendste Aufgabe und Pflicht der Judenheit, — ihrer Verwirklichung will er auch dienen durch Schaffung einer diesen Zwecken gewidmeten neuen Organisation, für welche umfassende Vorarbeiten geleistet sind, und welche wohl auf die Sympathien und die werkthätige Mitarbeit jedes einzelnen Glaub ensgenossen in Wien, wie außerhalb dieser Stadt rechnen zu können hoffen darf. (Langanhaltender, stürmischer, sich erneuernder Beifall.) Nach kurzer Unterbrechung, iu welcher die Darlegungen des Präsidenten mit außerordentlichem Interesse besprochen werden, eröffnet derselbe die Discussion über den erstatteten Geschäftsbericht, und es ergreift das Wort Herr G o t t l i e b Bettelheim, wie folgt: „Meine Herren! Eine Reihe betrübender Erscheinungen, denen wir im täglichen Leben begegnen, erfüllt Manchen mit tiefer Besorgniß um die Zukunft unseres Glaubens und Volkes. Wir bemerken die allgemeine Apathie in religiösen Dingen, die Abneigung, um nicht zu sagen, den Haß zahlreicher Volksgenossen gegen Alles, was jüdisch heißt, wir sehen schmerzerfüllt manche Blüthe vom Baume des Judenthumes abfallen und fragen uns besorgt: „Wohin soll dieser innere Antisemitismus führen?" Gewiß sollten sich unsere Führer ernstlich mit dieser Frage befassen, sollten sich an der Haltung der katholischen Kirchenämter gegenüber der „Los von Rom"-Bewegung ein Beispiel nehmen. Ich glaube Wohl nicht, daß es möglich sein wird, dem Abfall ganz zu steuern, aber man würde doch noch manches Mittel finden, die Uebertritte zu vermindern. An unsere Zukunft brauchen wir aber darum noch lange nicht zu verzweifeln. Es genügt ein Blick in die jüngste Vergangenheit unserer Gemeinde und ein Vergleich mit der Gegenwart, um Muth und Zuversicht zu schöpfen. Redner vergleicht in wirkungsvoller Weise den Bestand und die Thätigkeit der Vereine, wie sie vor einem Decennium in Wien zum Schutze unserer staatsbürgerlichen und Menschenrechte sich entfalteten, mit den diesbezüglichen Verhältnissen der Gegenwart und fährt fort: Was speciell die Tempelvereine innerhalb des letzten Decenniums geleistet, ist allgemein bekannt; dennoch