Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-05 · 18 (5.5.1899) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021296--08809-3033207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 18 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 339 des Vereines beseitigt werden. Denn dadurch unterscheide sich ja eben dieser Verein von allen sonstigen Agitationsvereinen in Oesterreich, daß er nicht Jahresbeiträge einhebe, sondern lediglich ein- und für allemal Antheilscheine verkaufe, die den ärmeren Classen das Recht einräumen, an der Colonistenauslosung theilzunehmen. Tausende von galizischen Juden haben diese Antheilscheine unter den alten Bestimmungen erworben und hüten sie jetzt wie ein Familienkleinod, und es gehe jetzt nicht an, ihnen nachträglich neue Verpflichtungen in der Form von Jahresbeiträgen aufzuerlegen. Redner beantragt daher den Uebergang zur Tagesordnung. Korkis jun. beantragt einen Jahresbeitrag von 2 Kronen. Taubes und Spitz sind für den Antrag Landau. Dieser wurde auch zum Beschlüsse erhoben. Der Vorschlag des Ausschusses, daß die Generalversamm- - lung jedes zweite Jahr stattzufinden hat, wird angenommen. Dazu stellt Dr. Landau den Zusatzantrag, daß die Generalversammlung jedesmal in einer anderen Ortschaft, in der sich eine Vereinsfiliale befindet, abzuhalten sei, und begründet seinen Antrag mit dem Hinweis aus den großen agitatorischen Werth einer Generalversammlung innerhalb eines bestimmten Ortes. Korkis jun. ist dagegen. Der Antrag Dr. Landau's wird aber angenommen. Die weiteren Statutenänderungen sind lediglich formellen Charakters. Hierauf wurden die Berathungen abgebrochen. Ueber Einladung des Vorsitzenden begaben sich alle Anwesenden zu der in der Synagoge stattfindenden Gründungsfeier des neuen zionistischen Jugendvereines „Haschachar". Der festlich beleuchtete Tempel war dicht besetzt mit Angehörigen aller Classen und Berufe. Der junge Verein, an dessen Spitze der bekannte hebräische Schriftsteller Brandstätter steht, hat eine große kulturelle Mission zu erfüllen, und wir wünschen ihm denselben Erfolg, wie ihn bereits der unlängst begründete „Verein jüdischer Frauen" unter der Leitung der rührigen Präsidentin Frau Dr. Salz bereits aufzuweisen hat. Die Gründungsfeier nahm einen sehr schönen Verlauf. Die erste Rede (hebräisch) hielt Redacteur Fuchs (Hamagid), dann sprach Dr. S. R. Landau, das Schlußwort hatte Dr. Salz. Polnische Declamationen und jüdische Nationallieder (vorgetragen vom Jargondichter Boxenbaum) vervollständigten das schöne Programm. Zu Ehren der Gäste veranstaltete der Ausschuß des „Ahavas Zion" ein Banke t, das sehr animirt verlief und bis 2 Uhr Morgens dauerte. Zweiter Verhandlungstag. Der zweite Verhandlungstag sollte eine Ueberraschung bringen. Der erste Tag war den erschienenen Herzlianisten zu ruhig verlaufen, denn keiner von ihnen traute sich, die schöne Stimmung zu stören. Sie telegraphirten daher nach Jaslo um den dortigen Advocaten Dr. Kor »Häuser, einen jugendlichen „Losgeher", von dem jüngst ein Mitglied des Actionscomitäs in Wien erklärt hat, daß er noch vor einigen Jahren vom Judenthum nichts wußte und letzt ein „frommer Jude" geworden sei. Dieser Mann kam Mittwoch Früh hier an und unterzog sich der rühmlichen Aufgabe, die bisher ernst und würdig verlaufene Sitzung zu sprengen. Sofort bei Beginn der Sitzung erbat er sich das Wort in einer „formellen" Sache. Als es ihm gewährt wurde, begann er anwesende Delegirte mit Worten wie „Individuen", „Schurken" u. s. w. zu beschimpfen. Die Angegriffenen überließen es dem Präsidenten, die Jnvectiven zurückzuweisen. Dr. S a l z ertheilte zuerst dem Dr. Kornhäuser eine Rüge, und als er im gleichen Tone fortfuhr, entzog er ihm das Wort. Dr. Kornhäuser appellirte an die Versammlung, ob er sprechen dürfe, und Worte tiefster Entrüstung, gerade aus den orthodoxen Kreisen, erhielt er zur Antwort. Ausschußmitglied Lichtblau rief ihm zu: „Sie haben hier eine Mission zu erfüllen. Sie wollen provociren". Von anderer Seite hörte man die Rufe: „Er will uns terrorisiren." „Wir lassen uns nicht terrorisiren" u. s. w. Die Majorität war eben in der Lage, die Segnungen des „neuen Curses" aus eigener Anschauung kennen zu lernen, und dies blieb auch nicht ohne Einfluß auf die weiteren Berathungen. Nach diesem Zwischenfall schritt der Vorsitzende zur Fortsetzung der Tagesordnung. Er las zuerst die eingelaufenen Telegramme und brieflichen Zustimmungskundgebungen vor. Telegramme sind eingelangt von Bernard L a z a r e, Dr. Hirsch Hildesheimer, Jaques B e h a r, Dr. Vierer (Sofia), Dr. Finkel, Rabbiner Dr. Günzig, Briefe von Oberrabbiner Dr. E h r e n f e l d. (Prag), Rabbiner Dr. B r o d y (Nachvd), Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Fialla (Men), Oberrabbiner Dr. K a m i n k a (Essegg), dem Präsidenten der Bnei Brith - Loge in Prag Dr. H ammerschlag, mehreren „Zion" Vereinen u. s. w. Delegirter Rosmarin überbrachte die Grüße des Rabbiners von Lezajsk. Ueber Vorschlag des Vorsitzenden wird unter großem Beifalle beschlossen, den Gesinnungsgenossen Lazare und Hildesheimer telegraphisch den Dank der Versammlung auszusprechen. Dr. Salz referirte über das „P r o j e c t der Gründung einer zweiten galizischen Colo nie auf genossenschaftlicher Basis". Referent begründet und befürwortet eingehend diesen Plan. Die Colonie „Machnajim" sei gegründet worden aus den Mitteln des Vereines und werde auch vergrößert werden. Allein es melden sich vielfach Leute mit einem kleinen Capital von 1 bis 2000 fl. beim Verein, die im Lande gar keinen Erwerb mehr finden und nach Palästina auswandrrn möchten, um sich dort anzufiedeln, da sie in Galizien dem vollständigen Ruin entgegengehen. Referent erzählt, daß ganze Ortschaften, wie Mikulince, Brody, Kossow, an den Verein herangetreten sind, er möge ihnen bei der Auswanderung nach Palästina lediglich mit seiner moralischen Intervention helfen. Es könnte daher eine Colonie, vorläufig die erste, für 30 Familien errichtet werden, von denen jede circa 2500 Francs beizusteuern hätte. Dann wären nach Maßgabe des Menschenmaterials und der Geldmittel weitere Colonien auf derselben Basis zu begründen. Rosmarin und Hohenfeld verlangen genaue Ziffern. Dr. L a n d a u glaubt, daß die Colonisten nicht einmal den zur Errichtung der Colonie nöthigen Gesammtbetrag würden selbst aufbringen müssen. Sind einmal Grund und Boden angekauft und die Gebäude errichtet, so würde die „Jewish Colonisation Association" ihren Credit den Colonisten gewiß nicht versagen. Der Vorschlag des Ausschusses sei lebhaft zu begrüßen und die genossenschaftliche Form der neuen Gründungen sei ein bedeutungsvolles Symptom der Selbsthilfe unter der galizischen Judenschaft. Redacteur Fuchs knüpft an den Ausspruch der „Hagada" an: „Je mehr man vom Auszuge aus Egypten erzählt, umso mehr ist man lobenswerth" und meint: „Je mehr wir Palästina colonisiren, um so eher gelangen wir ans Ziel". Redner weist nach, wie der Verein „Ahavas Zion" die epochemachenden Arbeiten der ersten Zionisten, der Rabbiner Kalischer und Gutmacher, continuire. Dr. Salz ergreift noch einmal das Wort, um gegenüber Dr. Landau zu erklären, daß keine registrirte Genossenschaft im Rahmen des österreichischen Genossenschaftsgesetzes geschaffen werden soll, wohl aber in Form eines. Notariatsvertrages die genossenschaftlichen Rechte und Pflichten der einzelnen Colonisten statuirt werden und die Oberleitung dem „Ahavas Zion" Vorbehalten bleibt. Hierauf wurde der Antrag einstimmig angenommen. Es folgt ein sehr wesentlicher Punkt der Tagesordnung, der schon an und für sich beweist, wie sehr der „Ahavas Zion" die schreckliche Nothlage der galizischen Stammesbrüder nach keiner Richtung aus dem Auge läßt und nach Maßgabe seiner bescheidenen Mittel helfend einzugreifen bemüht ist. Wie man sich erinnert, ist der zweite Baseler Congreß über die Boryslawer Bergarbeiter zur Tagesordnung übergegangen. Auch jetzt sehen wir noch von keiner Seite eine Hilfsaction, trotzdem endlich die gesammte jüdische Presse die Boryslawer Arbeitsnoth fast zu einer stehenden Rubrik gemacht hat. Die Wiener „Israelitische Allianz" hat einige Tausend Gulden, die ihr Wiener und Pariser Wohlthäter zur Verfügung stellten, bereits vertheilt und das Geld ist schon verbraucht. Was weiter? Der Punkt der Tagesordnung auf „Beförderung von 50 Arbeiterfamilien nach Palästina" will diese Frage wenigstens theilweise lösen. Wie Dr. Salz mittheilt, herrscht auf manchen Colonien ein Arbeitermangel. Da die „Jewish Colonisation Association" in Sedzerah 100 Arbeiter aus den Colonien ansicdelt, so wird sich dieser Mangel noch fühlbarer machen. Es könnten daher mindestens 50 Arbeiterfamilien aus Boryslaw in den Colonien eine Existenz finden. Ueber die Frage der Beschaffung von Mitteln für die Durchführung dieser Action entsteht eine Debatte, an der sich Taubes, Dr. Landau und Sprecher betheiligen. Dr. Landau warnt die Versammlung, sich auf die „Allianz" zu verlassen und von deren Unterstützung die eigene Hilfsaction abhängig zu machen. Sprecher gibt die Anregung, daß man sich an den Lemberger Cultusvorstand wenden möge, der sich jetzt mit der Boryslawer Frage beschäftige. Schließlich wird der vorgelegte Antrag beschlossen und der Ausschuß ermächttgt, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.