Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-05-05 · 18 (5.5.1899) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
18 (5.5.1899)
Date
1899-05-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021296--08808-3033206
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 338 Nr. 18 liche. Die Noth des Bauernstandes trifft sie, die zumeist als Kleinhändler, Makler, Dorfhausirer, Gastwirthe von der Landbevölkerung leben, sehr schwer. Aber die künstlichen Maßregeln der herrschenden Partei versetzen ihnen den letzten Schlag. Und die sind: Die „christlichen" Handelsgesellschaften in den Städten und die „christlichen" Genossenschaften am Lande, dG Salzverschleißmonopol des Landes-Ausschusses und eine Verwaltungspolitik, die, wie die Bergbauvorschriften der Krakauer Berghauptmannschaft für Boryslaw und die Verordnung dB Statthalters Piniuski über die Ertheilung von Concessionen für Schankwirthe am Lande, die bisher nach dem Gesetze keiner Concession bedurften, geeignet ist, die jüdischen Massen ganz brotlos zu machen. Sollen wir noch aufzähleu die Chikanen, die die Juden, und je ärmer umso intensiver, bei der Verleihung von Concessionen, bei Bemessung von Steuern, bei der Ausübung des Wahlrechtes und auch sonst ohne Anlaß zu erdulden haben? Der Fall des Ortsbarbiers Wolf Blau in Nadworna spricht Bände. Den Juden helfen ihre reichen „Glaubensgenossen" ebensowenig, wie den Bauern ihre Stanczyken. So bleibt den armen jüdischen Schichten auch nichts anderes, als sich selbst zu helfen. Eines dieser Mittel der Selbsthilfe ist — die Emigration. Daß das gesammte jüdische Proletariat, das zumindest 90 Percent der galizischen Judenschaft zählt, auswandere, davon form keine Rede sein. Denn auch die Bauern wandern nicht alle aus. Fort gehen nur die jungen, k r ä f t i g e n, die arbeiten können, die Pionniere, die chren Famllien ein besseres Schicksal vorbereiten, und nur aus jenen Gegenden, wo gerade die Noth am größten ist. Wandert ein Theil aus, so gewinnen die Zurückgebliebenen mehr Ellenbogenraum, und dadurch verbessert sich immerhin ihr Los. Eine Mische Emigration in Galizien würde daher das Los der Auswanderer und der Zurückbleibenden um ein Erhebliches bessern. Zwar ist die jüdische Emigration in Galizien eine alte Erscheinung, aber die Auswanderer haben sich sett den letzten Decennien nach Amerika und England begeben. Dort ist jetzt schon Alles abgegrast. Die bisherige Emigration war aber auch planlos, ohne einen leitenden Gedanken, und sie kam lediglich den „besser situirten" Proletariern zu Gute, die noch so viel besaßen, um eine Schiffskarte bezahlen zu können. Wer diesen Preis nicht aufbringen konnte, der mußte bleiben und zu Grunde gehen, oder jene Bettlerlegionen verstärken, die sich schon . jetzt bis au die äußersten Grenzen Deutschlands fortschleppen. Der Gedanke, das jüdische Proletariat in Palästina auzufiedeln, ist daher gerade für Galizien ein erlösender. s-Er bildet nicht das einzige Mittel einer Hilfsaction, aber - doch eines der wichtigsten. Die Colonisation der Juden in Pälästina ist die einzig m ö g l i che jüdische Emigrationspolitik. Damit muß angefangen werden, wenn man überhaupt den gallischen Juden helfen will. Und damü muß sofort begönnen werden, denn die Noth hat bereits ihren Culminaüonspuukt erreicht. Die verschiedenen Pläne einer Hilfsaktion im Innern sind auch von sehr großer Wichtigkeit. Aber sie kommen nur nebenbei und nicht in erster Linie in Betracht. Penn ohne einen Abfluß für das überschüssige Proletariat muß selbst die am reichsten ausgestattete Hilssaction in Stagnation gerathen. Bei der Hilfsaction im Innern bewegen wir uns noch immer im Bereiche der verschiedensten Pläne; das Hilfswerk durch Colonisation in Palästina blickt bereits auf Erfolge zurück. Die Colonisations-Genossenschaft „Ahavas Zion" in TarnW, die beretts die erste galizische Colonie „Machnajim" in Palästina gegründet hat, hielt ihre Jahresversammlung ab Und unsere Leser sind in der Lage, über die erfolgreiche Arbeit dieses Vereines aus dem heute vorliegenden Berichte ein objektives Urtheil zu schöpfen. Der Anfang ist gemacht, auch die ersten Schwierigkeiten sind schon überwunden. Nun hat der Ausbau zu folgen. Dazu braucht es aber der Hllfe und Unterstützung Aller, die sich der moralischen Pflichten aus der Stammesgemeinschaft mit dem jüdischen Proletariat bewußt sind. Die Colonisation muß sofort in großem Maßstabe in Angriff genommen werden. Das soll neuerlich und kann nicht oft genug betont werden. Denn darin lftgt die Unterscheidung von Jenen, die das Proletariat bis zu jener Zeit vertrösten wollen, da sie die türkischen Finanzen geregelt und dafür „diplomatische Concessionen" erhalten haben werden. Und wenn diese auch bemüht sind, das Colonisattonswerk in seinem österreichischen Träger, dem „Ahavas Zion", zu untergraben, so wird dennoch kein aufrichtiger Volksfreund um bte Antwort verlegen sein, wenn man ihn vor die Frage stellt: „Diplomatische" Kunststückchen oder — praktische Emigrations-Politik. Die Generalversammlung des „Nhavas Zion". (Special-Bericht der „Oesterreichischen Wochenschrift".) Tarnowden 28. April. Sett seiner Begründung im Jahre 1897 hielt der Verein für Colonisation Palästinas „Ahavas Zion" seine zweite Generalversammlung ab. Sie hat am 25. und 26. d. M. stattgefunden. Das große Interesse, mit dem alle Freunde der Colonisation dieser Versammlung entgegensahen, und die Erwartungen, die sie an dieselbe knüpften, wurden auch vollauf gerechtfertigt. Eine reiche Tagesordnung, die der Förderung der Colonisation und der Hilfeleistung für das jüdische Proletariat in Galizien galt, wurde erledigt, die Störungsversuche von Gegnern des „Ahavas Zion" — die sogar die Kühnheit hatten, sich „Zionisten" zu nennen — zerschellten an der Würde der Versammlung, und. an der Energie des Vorsitzenden und die Agitation der Feinde scheiterte an dem festen Willen der Leiter des „Ahavas Zion", die ftuchtbare und erfolgreiche Thätigkeit dieses Vereines nicht mit unberechenbaren „politischen" Experimenten zusammenzukoppeln. Die Bethelligung der galizischen Zionisten war groß. 16 Städte waren vertreten. Man sah zumeist Angehörige der orthodoxen Kreise, ein Beweis, welch' mächtigen Anklang bei ihnen der Colonisationsgedanke gefunden hat. Können ja doch diese Leute gar nicht begreifen, wie sich noch heute, angesichts der schrecklichen Noth, in der sie leben, Jemand dem „Jischobh Erez Israel" entgegenstemmen könnte. Die Pietät zum heiligen Lande und ihre entsetzliche Nothlage, die gar keinen Aufschub zuläßt, das sind die besten Erklärungsgründe für die große Popularität des „Ahavas Zion", die keine Agitation zu erschüttern vermag. Er st er Verhandlungstag. Dienstag Nachmittags um 4 Uhr begannen die Verhandlungen. Den Vorsitz führte Dr. Salz. Er begrüßte die Anwesenden und widmete dem verstorbenen Ehrenpräsidenten Rabbiner Feiwel Schreier, dem ersten zionistischen Rabbiner in Galizien, einen sehr warmen Nachruf. Dann wurde der bereits in diesem Blatte ausführlich besprochene Rechenschaftsbericht erstattet und dem Ausschüsse das Absölutorium ertheilt. Eine größere Discussion entwickelte sich bei der „R evis ion der Statuten". Der Verein, der sich bisher aber Galizien erstreckte, soll jetzt über ganz Oesterreich ausgedehnt werden, überall Filialen desselben eröffnet werden. Dieser Antrag wird angenommen. Dadurch hofft der Ausschuß weitere Kreise in ganz Oesterreich heranziehen und die VereiysMttel vergrößern zu'können. Eine Verschiedenheit der Ansichten ergab sich bei dem Vorschläge des Ausschusses, daß die Vereinsmitglieder neben dem Antheilschein von 5 Gulden noch 2 Gulden jährlich zu bezahlen haben. Dr, S. R. Landau sprach sich gegen diesen Antrag aus. Dadurch würden alle wohlerworbenen Rechte der bisherigen Mitglieder gefährdet und der wesentliche Charakter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.