Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 335 hieher, um der so hochgeschätzten Dahingefchiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Unter den zahlreichen Leidtiagenden bemerkte mau viele Christen. Auf dem Gottesacker hielt Herr Rabbiner Dr. Gugenheimer eine ergreifende Rede, in der er das segensreiche Wirken und die ausgezeichneten Eigenschaften der verstorbenen schilderte. Der schmerzgebeugte Gatte betrauert eine hingebungsvolle Gattin, die ihn, da er selber leidend, aufmerksam gepflegt hat und sein Unternehmen umsichtig und unermüdlich geleitet hat. Die Kinder bedauern eine aufopfernde Mutter, die Armen verlieren eine stets hilfsbereite Wohlthäterin. Friede ihrer Asche! Leipnik. „Sehr geehrte Redaction! Ich erachte es als eine Pflicht, die in Nr. 16 Ihres geehrten Blattes erschienene Notiz über das Begräbniß meines Vaters Herrn Dr. Markus Rokotnitz wegen eines Druckfehlers richtig zu stellen, daß nicht ein Herr „Dr. Panher", sondern der Prerauer Rabbiner Herr Dr. Tauber eine schwungvolle Trauerrede hielt, in welcher er das vielseitige, uneigennützige, mehr als 6 Jahrzehnte umfassende Wirken des Verblichenen in ehrendster Weise schilderte. Um Aufnahme dieser Berichtigung ersuchend zeichnet mit dem Ausdrucke größter Hochachtung Dr. Heinrich Rokotnitz, k. k. Notar." Sarajewo. Dem soeben constituirten Gemeinderathe gehören auch folgende Israeliten an. Als Mitglieder: Salomon I. S a l o m, Josef Z. D a n o n, Daniel M. S a l o m; als Ersatzmänner: Dr. Josef G r ü n f e l d, Elias A. Kapo n. Feuilleton. Der Flickschneider. Von Clemens I u n o s z a. Eine trübe Herbstnacht hatte das ganze Dorf in einen tiefen Schlaf gehüllt, die Hütten und die Scheunen standen zerstreut in einem See dichten Kothes. Der Wind blies gewaltig und riß des Oefteren mit einem heftigen Stoße die finsteren Wolkenmassen entzwei, daß hie und da ein kleines Sternlein zum Vorschein kam, vereinsamt und langsam schwimmend, als wollte es eine verbotene Grenze passiren. Im Dorf ist's still; denn die Menschen schlafen. Nur die Windsbraut wacht und raset und ruht nicht. Da fand sie auf offenem Felde eine alte Eiche und die läßt sie die ganze Macht ihres Zornes fühlen. Bald raubt sie ihr einige verdorrte Blätter, bald bricht sie die dürren, altersschwachen Zweige, bald ergreift sie den ganzen Stamm und schüttelt ihn so gewaltig, daß der Baum jämmerlich stöhnt und winselt. Er ist schon so alt! Er hat dem Zahne der Zeit lauge Widerstand geleistet, jetzt ist seine Kraft zu Ende. Ein heftiger Blitzschlag beraubte ihn unbarmherzig seiner Krone und sein Mark begann allmälig zu schwinden. Die schönen, 'vielverzweigten Aeste fielen ab, auch die Rinde begann brüchig zu werden, bis er Alles verlor, was ihn einst geschmückt hatte. Jetzt ein alter hohler Stamm, ist er nur noch das Instrument, auf dem die unholde Windsbraut ihre unheimlichen Weisen spielt. Und im Dorfe unten hört es sich an wie das verhallte Gebelfer einer Meute, wie das Geheul eines hungrigen Wölferudels. Aber die wackeren Bauern lassen sich in ihrem gesunden, tiefen Schlafe nicht stören. Der Hausprophet hatte schon in jeder einzelnen Hütte Mitternacht angezeigt. Die Dorfbewohner liegen seit Langem in ihrem ehrlichen Schlafe. Nur dort am Dorfessaum fallen einige matte Strahlen durch die Fenster eines niedrigen Hofhäuschens. Und durch die Scheiben erblickt man den Schatten eines Menschen, der seine Hand wie ein Automat immer auf und ab bewegt. Die Stube ist ziemlich geräumig und besitzt zwei kleine Fensterchen. Auf dem Herde flackert unruhig ein feuchtes Holzscheit, das stets zu verlöschen droht. In der einen Ecke der Stube steht ein großes, festgefügtes Bett, unter dessen ungewöhnlich großer Decke die Nase der Frau Schlachcizka, ein kleiner Bestandtheil ihres großen ziegelrothen Gesichtes, hervorblickt. Neben dem Herd auf einem Bund frischen Strohes ruht die dicke Brigitta — die rechte Hand der Hausfrau. Der Traumgott scheint ihr etwas Angenehmes vorgegaukelt zu haben, denn sie macht ein glückliches Gesicht und führt dabei mit den Händen Bewegungen aus, als wollte sie eine Heerde auf die Wiese treiben. Auf der Bank, hart an der Wand, schläft ein zwölfjähriger- Knabe, der jüngste im Hausgesinde. Sein Kopf ruht auf einem vierfach gefalteten Pelz. Sein Schlaf ist so lautlos wie sein ganzes Wesen. So liegt er gewöhnlich auch auf der Wiese, wo er inmitten seiner Rinder vor Tagesanbruch den Himmel betrachtet, seine verträumten Blicke nach der Milchstraße wendet, wo — o, er weiß es sehr gut — die unschuldigen kleinen Englein spaziren. Der Herr Onufog aber, der Eigenthümer des Dorfes schnarcht im anstoßenden Zimmer, dessen gelbangestrichene Möbelgegenstände so sehr an den Herbst erinnern. Er schnarcht so gewaltig, als wollte er sein Weib auszanken. Aber es gibt noch ein Wesen in der ersten Stunde, das wir nicht erwähnten, weil es zum Hausgesinde nicht gehört. Es ist dies ein blasser Jude von magerem, schwächlichen Bau und eckigen Gliedern. Ein schwarzes Sammtkäppchen bedeckt ihm das Haupt, zu dessen beiden Seiten an den Schlafen je eine spiralförmig gedrehte Locke herabhängt. Das Tragen von Schmachtlocken ist zwar in Rußland verboten, doch der Jude, der so viele Gebote in seinem Leben erfüllt hat, traute sich schon dieses Verbot zu übertreten. Seine spitzzulaufende Nase trägt eine in Messing gefaßte Brille. Durch die antiken Brillengläser, die wohl schon so manchem Menschengeschlechts zum Sehen verholfen haben mochten, blickt ein schwarzes, stechendes Augenpaar, das hie und da von einem Nebelflor umgeben wird, der dem Manne wie ein Tüllvorhang zwischen den Augen und der Arbeit liegt. Das lange Gesicht endet mit einem spitzen, schüttern Bart, in dem schon silberne Fäden schimmern. Die Brust ist eingefallen, und die schweren Athemzüge legen Zeugenschaft ab von der mühevollen Arbeit der Lungen, die das Leben ihres Eigenthümers zu erhalten haben. Die Arme sind dünn wie Stäbchen. Und das ganze Skelett bedeckt ein zerrissener armseliger Kaftan. Der Mann heißt Jüdl Stlberknopf. „Der erste Warschauer Schneider in ganz L o s ch i tz und Umgebung" wie er sich selbst zu nennen Pflegte. Vor ihm auf dem Tische liegen: Eine Scheere, einige Knöpfe, ein Fadenbündel, ein Stückchen Wachs auf einem Brettchen und endlich eine Lederbüchse voll grünen russischen Tabaks. Von Zeit zu Zeit greift Jüdl mit seinen dürren Fingern in die Lederbüchse, um den grünen Inhalt seiner Nase zuzuführen. Er.thut dies namentlich, wenn jener Nebel sich allzu dicht auf seine Augen lagert und seinen Blick gänzlich zu verfinstern droht. Da steigen ihm große Tropfen in die Augen, laufen rasch die Wangen hinab und klären ihm das Auge. Dann kann er wiederum auf jeden Stich seiner Nadel achten, wie es auch einem Meister geziemt „der einen Ueberrock mit großem Kragen, wie ihn noch kein Graf getragen", verfertigt. Und außer dem Allen präsentiren sich noch auf dem Tische ein Stück Brot, zwei Zwiebel, ein Bischen Salz in einem Papierfetzen und ein Fläschchen Branntwein. Jüdl ist ein praktischer Mann, ein Mann mit Verstand. Jetzt rührt er alle diese Herrlichkeiten nicht an. Er nippt nicht vom Branntwein und kostet nicht die Zwiebel. Denn er weiß, daß nach einigen Stunden, wenn die Arbeit bis zum Hereinnähen der Aermel gediehen sein und dort im Westen zwischen Himmel und Erde ein heller Streifen sich zeigen wird, sich seiner ein Unwohlsein bemächtigen werde. Der Athem wird ihm ausgehen, es wird ihm die Brust drücken und er wird sich kaum auf dem Sessel halten können. Und vor seinen Augen werden sich große Räder in Bewegung setzen, große bunte Räder, zuerstroth, dann grün, blau, golden, dann schwarz, ganz schwarz, und ein Rad wird in das zweite greifen und sie werden sich mit ungeheurer, immer zunehmender Geschwindigkeit drehen, bis es ihm ganz finster vor den Augen wird. . . . Dann wird er glauben, daß Gott (gelobt sei sein Name) ganz arm geworden und nicht ein einziges Atom Licht zu verschenken habe; mindestens für arme Leute nicht. O, er kennt sehr gut solche Minuten, in denen sich seiner solch' sündige Gedanken bemächtigen. Dann bäumt er sich gewaltig, aber sie steigen in ihm immer wieder auf. Deshalb bewahrt er den Branntwein und die anderen Leckerbissen für jene schwachen Minuten auf. O, sie bleiben ja nicht aus, und wenn sie noch so lange auf sich warten lassen. Die grün-goldenen Räder werden schon herbeigerollt kommen . . . Dann wird er sich die Hände waschen, das Gesicht gegen Osten wenden, wo der goldene Streifen sichtbar wird, und „Seinen lieben Namen" danken und sein Morgengebet verrichten: „Gelobt bist Du Gott, daß Du mich nicht ein Weib geschaffen",