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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-28 · 17 (28.4.1899) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 Seite 329 Dr. Bloch's Kidjett und socialen Enterbung, die ihn speciell belastet, nie entgehen. Mit diesem Antisemitismus hat netzt und vorläufig die Majorität Wiens thatsächlich das Interesse für eigentliche politische Momente verloren. Weder sind wir Juden, wir, die verschwindende Minorität, im Staude, diese aus den Fugen gekommene politische Welt wieder einzurichten, noch besteht eine andere vernünftige Partei, der wir uns in dieser Tendenz anschließen könnten. Bunt wirbeln die Parteien durch- und gegen einander, aber — stellen- und fallweise, und sofort sind sie einig, wenn es gilt, unsere Rechte zu schmälern. Unter diesen Umständen müssen wir uns darauf beschränken, die Continuität dieser unserer schwer errungenen Rechte gegen Alle zu wahren, gegen jeden Angriff uns zur Wehre zu setzen, zumindest in jedem einzelnen Falle so laut als möglich zu protestiren. Wir müssen auf diese Weise verhüten, daß nicht etwa durch die widerspruchslos erlittene Wiederholung des Unrechtes dasselbe in der öffentlichen Meinung ein „Selbstverständliches" wird. Es könnte sonst leicht geschehen, daß unsere Rechte schon als verjährt erscheinen, in dem Momente, als der Umschwung endlich eintritt, so daß wir dann gezwungen wären, nochmals zu erkämpfen, was wir dem Rechte nach schon besitzen. Hierin liegt der Sinn und die Bedeutung der Abwehr-Action, das gibt ihr ihre Wichtigkeit. Daß aber dieser Umschwung endlich eintreten wird, erscheint uns als zweifellos. Wir schöpfen diese Zuversicht aus mehreren Quellen. Bor Allem sehen wir, daß die clerical-feudale Coalition einzig in Wien im Stande war, aus dem Antisemitismus an sich das parteibildende politische Motiv zu machen; nur in Wien war dies möglich, weil dasselbe keine Arbeiter- und keine Stadt der Intelligenz, sondern vorzugsweise eine Stadt des „kleinen Mannes" ist, noch dazu eines solchen, welcher unter dem Niveau der bürgerlichen Schichten der Provinzstädte oder gar anderer Großstädte steht. Wie man die Thore Wiens überschreitet, sind' schon für die Politik ganz andere Motive maßgebend. Und nur eine Stunde weiter von Wien beginnt die zweite Reichshälfte, in welcher der Versuch der Clericalen, den Antisemitismus nur als Mauerbrecher zu benützen, ein jämmerliches Ende gefunden. In Deutschland ist er politisch — wenn auch noch nicht social — überwunden. In Frankreich geht die Hauptschlacht zwischen dem Clericalismus und Antisemitismus einerseits — der Moral und der Intelligenz andererseits ihrem Ende entgegen. Nun ist es nicht gut denkbar, daß eine überall versiegte Strömung sich in Wien wie in einer Insel aufrecht erhalten sollte. Gegen geistige Strömungen existirt kein Grenzschutz. Wie wir seinerzeit nicht im Stande waren, das Einströmen des Antisemitismus aus Deutschland zu verhindern, ebensowenig wird sich hinwiederum diese Seuche weiter bei uns erhalten können, wenn ringsum die Gebiete frei geworden sind. Hiezu kommt aber noch der schon ganz klare Bankerott der Antisemiten in der öffentlichen Meinung, sowohl in dem Urtheil über ihre Moral, wie über ihre Verwaltung der Stadt. Nichtsdestoweniger warnen wir vor der Illusion, diesen Zusammenbruch bald zu erhoffen. Die Bewegung strömt im Gegentheile vorläufig noch in die Höhe, jener Höhe und Spitze zu, von welcher ab erst ein Hinabgleiten erwartet werden kann. Wir haben naturgemäß gerade in diesem Stadium noch viel ärgere Stürme zu erwarten, als wir bisher kennen und fühlen gelernt: Die Ereignisse vor zwei Jahren in Wien, gegenwärtig in Nachod und Polna sind hiefür in sehr deutlicher Weise symptomatisch. Und wenn die „Abwehr" unseres Vereines sich bisher als nöthig gezeigt hat, wird sie in den nächsten Jahren — leider — eine verdoppelte Nothwendigkeit sein. Ihr Vorstand, meine Herren, wird sich dieses Moment fest vor Augen halten und weiter das Schwergewicht seiner Thätigkeit auf die energische Leitung der Abwehr legen — wenn nicht, wie wir trocken bemerken, die finanziell mißliche Lage, in welche unser Verein gerade durch die Kosten der Abwehr gelangt ist, uns zwingen wird, dieselbe aufzugeben. Die vorhin erwähnte Corporation hat uns erklärt, die Unterstützung in dem bisherigen bedeutenden Ausmaße ohne Schädigung ihrer eigenen Bereinszwecke nicht mehr gewähren, sondern uns für das laufende Jahr nur einen verhältnißmäßig geringen Betrag zur Verfügung stellen zu können. Die Versuche, für diesen empfindlichen Ausfall Ersatz zu schaffen, sind der Hauptsache nach gescheitert. Von den 13.000 steuerzahlenden Mitgliedern der Cultusgemeinde zählen ungefähr 9 Percent derselben zu unseren Mitgliedern und zahlen den minimalen Betrag von 2 fl. jährlich. An eine obligatorische Erhöhung dies.'s Jahresbeitrages denken wir nicht, weil vielen unserer Vereinscollegen in höherer Betrag nicht genehm wäre. Eine facultative Erhöhung Wochenschrift. statutenmäßig einzuführen, perhorrescirenwir, weil wir in mitunter den Mitgliedern keinen Unterschied macherr wollen. Nicht unseren Mitgliedern, welche diesen Beitrag zahlen, machen wir einen Vorwurf, sondern den 12.000 Mitgliedern der Cultusgemeinde, welche unserem Vereine nicht beigetreten sind. Den Hauptvorlvurf müssen wir aber den reichen Mitgliedern unserer Gemeinde machen, jenen, welche trotz ihrer großen Mittel nach dem Ausdrucke eines derselben: „für solche Zwecke kein Geld habe n." An Aufforderungen haben wir es nicht fehlen lassen. Wir haben wiederholt unsere Rechenschaftsberichte an sämmtliche 13.000 Mitglieder unserer Gemeinde versendet, zum Beitritte aufgefordert, namentlich an diese unsere reichen Glaubensgenossen in Wien den Appell gerichtet, speciell für die Zwecke dieser unserer Abwehraction beizutragen. Der Erfolg in der Vermehrung der Mitgliederzahl war nicht wesentlich — in den drei letzten Jahren sind ungefähr 300 Mitglieder neu eingetreten — und darum von keiner finanziellen Wirkung. Direct für unsere Abwehraction sind aus dem Kreise der Privaten, wie schon oben erwähnt, 100 fl. eingegangen. Wir schleppen ein Deficit von 2000 fl. aus dem alten Vereinsjahr in das neue hinüber, ohne daß wir Aussicht haben, dieses alte und das neu zu gewärtigende aus den Eingängen an Mitgliederbeiträgen zu decken. Wir fühlen uns verpflichtet, Ihnen von dieser p»ni honteuse unseres Gemeinde- und Vereinslebens Kenntniß zu geben, um Sie hiedurch im Voraus über die Ursachen aufzuklären, die uns eventuell zwingen dürften, unsere Abwehraction einzustellen. Umsomehr tritt an Sie die dringende Pflicht heran, Alles aufzubieten, um uns vor der Schmach zu bewahren, eine offenbar zur Nothwendigkeit gewordene Institution nur' aus dem Grunde auflassen zu müssen, weil in dieser großen und reichen Millionenstadt das Ävlidaritätsgefühl unter den Juden nicht so weit gediehen ist, um jene minimale Summe aufzubringen, die denn doch nur den Armen und Bedrängten zu Gute kommen soll. Tragen Sie den soeben gehörten Bericht in die weitesten Kreise hinaus, und es wird Ihnen nicht schwer fallen, unserem Vereine neue Freunde, neue Mitglieder und sohin neue Mittel zuzuführen. Dann darf auch jeder von Ihnen einen Theil jenes Verdienstes für sich in Anspruch nehmen, das Sie unserer Thätigkeit überhaupt zuschreiben." Der Rechenschaftsbericht wurde von der Versammlung mit stürmischem Beifalle ausgenommen, der sich erneuerte, als Herr kaiserlicher Rath Ruöiöka dem Vereinsvorstande für seine bewunderungswürdige Thätigkeit namens der Vereinsmitglieder den Dank votirte. Eine lebhafte Debatte entwickelte sich über den letzten Absatz des Berichtes, der eine Einstellung der Abwehrthätigkeit in Aussicht stellt, für den Fall, als die Bemühungen des Vereins- Vorstandes, die entsprechenden Mitteln zur Bestreitung der hiemit verbundenen Kosten aufzubringen, erfolglos bleiben sollten. Während ein Theil der Redner für eine Erhöhung des Jahresbeitrages der Vereinsmitglieder plaidirte, vertrat der andere Theil die Ansicht, daß es Pflicht der berufenen Körperschaften, sowie der vermögenden Glaubensgenossen sei, dem Vereine die nöthigen Geldmittel zur Verfügung zu stellen. An der Debatte selbst betheiligten sich die Herren: Kais. Rath Ruüioka, Weiser, Dr. Zins, Bielitz, Heinrich Steiner, Dr. El i a s, Fl e i s ch e r, M a r c u s, T ew e l e s, Docent Dr. Grünfeld, Dr. Max Str ans ky, Au spitz, die auch die Boycottirung jüdischer Aerzte durch die Meisterschafts- Krankencassen besprachen. Hierauf erfolgte die Neuwahl des Bereinsvorstandes. Zum Präsidenten wurde Herr kaiserl. Rath Wilhelm Anninger per Acclamation wiedergewählt. In den Vereins- Vorstand wurden mittelst Stimmzetteln die Herren : B. K a n i tz, Dr. S. Elias, Landesgerichtsrath Dr. I. K o h n, Dr. Philipp Meitner,Adolf Rosenbaum, JacobIaiteles, Sigmund Mayer und Dr. Sigmund Zins wieder-, und an Stelle des Herrn Dr. Marcus Spitzer, welcher eine Wiederwahl infolge Ueberhäufung von Berufspflichten entschieden ablehnte, Herr Universitäts-Docent Dr. S. Ehr m a n n neugewählt. Die Versammlung schloß gegen Mitternacht.

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