Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 328 Br. Bloches Wochenschrift. Nr. 17 nicht äußern zu können, zumal die Darstellung der „Union" sich in wesentlichen Punkten von den osficiellen Berichten unterscheide. Der Ministerpräsident gab seinem Bedauern über die Zügellosigkeit der antisemitischen Presse Ausdruck und ertheilte in der Polnaer Affaire beruhigende Zusicherungen. Die Nachoder Ereignisse beweisen neuerdings, wie dringlich die Erledigung der von uns schon anläßlich der Prager Plünderungen an das Abgeordnetenhaus gerichteten Petition wäre, in welcher wir um gesetzliche Haftbarmachung des Staates, respective der Gemeinden sür alle durch öffentliche Unruhen verursachten Verletzungen und Schäden baten. Das im Vorstehenden entrollte Bild der Thätigkeit unseres Rechtsschutz- und Abwehrbureaus kann auf Vollständigkeit noch lange keinen Anspruch erheben. Wir konnten nur das Wichtigste herausheben und müssen, wenn wir Ihre Geduld nicht mißbrauchen wollen, davon absehen, Ihnen die zahlreichen Fälle vor Augen zu führen, in denen wir einzelnen in ihren Rechten gekränkten Glaubensgenoffen, oder ganzen Corporationen wirksamen Schutz, sei es durch Berichtigung der gegen sie ausgestreulen Verleumdungen, sei es durch Vertretung ihrer Rechtsansprüche bei den Gerichts- und Verwaltungsbehörden gewährten. Im Ganzen hat unser Bureau innerhalb des Berichtsjahres in 231 Fällen, seit seinem Bestände in 313 Fällen intervenirt. In 54 Fällen haben wir die antisemitische Presse zur Aufnahme von Berichtigungen oder Widerrufen gezwungen, in 33 Fällen haben wir juristischen Beistand vor Gericht gewährt, in 27 Fällen sind wir bei politischen Behörden für die berechtigten Interessen einzelner Glaubens genoffen eingeschritten. Die Zahl der erledigten Geschäftsstücke betrug im Berichtsjahre 1019, seit dem Bestände der Bureaux 1421. Es erübrigt uns noch, Ihnen über die sonstigen internen Angelegenheiten unseres Vereines kurz zu berichten. Bei den im abgelaufenen Vereinsjahre stattgefundenen Cultuswahlen waren wir bemüht, solche Candidaten aufzustellen, deren bisheriges Wirken die Gewähr bot, daß sie sich mit Lust und Liebe den großen Aufgaben unserer Gemeinde widmen werden. Die von uns aufgestellten Candidaten haben denn auch die Zustimmung der gesammten Wählerschaft gefunden und freut es uns, dem Vorstande der Cultusgemeinde Männer zugeführt zu haben, die demselben in pädagogischer, finanzieller und philantropischer Hinsicht werthvolle Stützen geworden sind. Zur besonderen Freude gereicht es uns ferner, daß, nachdem der um das Judenthum hochverdiente Herr Baurath Stiaßny eine Wiederwahl entschieden ablehnte, unser Vorstandsmitglied Herr Dr. Markus Spitzer, seit einigen Jahren ein eifriges und tüchtiges Mitglied der Cultus-Repräsentanz, von derselben in den Bezirksschulrath als Vertreter der jüdischen Interessen entsendet wurde. In dem abgelaufenen Vereinsjahre hielten wir 7 Vereinsversammlungen ab, in welchen folgende Herren Vorträge hielten: Am 30. November 1898: Herr Rector Dr. Adolf Schwarz über: „Die Hochschulen in Palästina und Babylon". Am 29. December 1898 : Herr Dr. Friedrich D u s ch e n e s aus Prag über: „Die Stellung der Juden in Oesterreich während der letzten 50 Jahre". Am 14. Jänner 1899: Herr Rabbiner Dr. Berthold Oppenheim aus Olmütz über: „Das Judenthum im Staate". Am 28. Jänner 1899 : Herr Rabbiner Dr. Adolf Kurrein aus Teplitz über: „Judäa und Rom". Am 23. Februar 1899: Herr Siegfried Fleischer über: „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien 1670". Die am 29. October 1898 und 6. November 1898 stattgefundenen Versammlungen waren ausschließlich der Besprechung der Cultuswahlen gewidmet. Der am 30. November 1898 stattgefundenen Versammlung ging eine Huldigungsfeier anläßlich des 50jährigen Regierungs- Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I. voraus, in welcher Herr Dr. Wilhelm Schneeberger die Festrede hielt und Herr Siegfried Fleischer einen Prolog sprach. Wir sagen allen diesen Herren, die selbst aus weiter Ferne unserer Einladung in liebenswürdigster Weise Folge leisteten, hiefür innigen Dank. Ferner sprechen wir jener nicht genannt sein wollenden Corporation, deren Beitrag allein es uns ermöglicht hat, die Rechtsschutz- und Abwehr-Action zu führen, und unserem Mitgliede Herrn Gottlieb B e t t e l h e i m für dessen jährliche Widmung von 100 fl. zu dem gleichen Zwecke, sowie den Herren Dr. Wilhelm Schneeberger, Dr. Max Ornstein, Dr. Oscar Hein, Dr. Sigmund Zins, Dr. Sigmund Kann, Dr. Julius Ofner, die uns in selbstloser Weise ihren rechtsfreundlicheu Beistand liehen, endlich den Herren Alphönse L e v y in Berlin, Reichsrathsabgeordneten Dr. Emil B Y k und David M a s ch l e t in Lemberg, Prof. Dr. Josef R o s e n b l a t t und Jacob B o b e r in Krakau, Dr. Friedrich Duschenes in Prag, die uns in unseren Erhebungen eifrigst unterstützten, unseren innigsten Dank aus.- Unser „Kalender für Israeliten" erschien in siebenter Auflage und hat im vorigen Jahre bereits einen kleinen Reinertrag abgeworfen. Aufrichtige Anerkennung und herzlichen Dank sagen wir an dieser Stelle den Herren Dr. I. S. B l o ch, Docenten Doctor S. E h r m a n n, Gemeinderath Theodor Ritter von Goldschmidt, Dr. Josef G r ü n f e l d, S. Heit, Ignaz Kantor, Landesschulrath Doctor Gustav K o h n und Commercialrath Zucker, welche unserem Vorstande als Beiräthe in dem abgelaufenen Vereinsjahre zur Seite standen. Bevor wir diesen Bericht schließen, gestatten wir uns noch derjenigen Mitglieder zu gedenken, die uns durch Tod entrissen wurden. Es sind dies die Herren L. Großmann, Eduard G e r stl, Arnold T r e b i t s ch, Hermann Klein, D. W achtl, Josef Schiff, Samuel Schlesinger, Ignaz Ney, Alois Käs, Leopold Fried, Bernhard K o h n und Lazar S t u ck a r t. Letzterer, durch eine Reihe von Jahren ein treues Mitglied unseres Vereines, hat seinen Jahresbeitrag unserem Vereine für alle Zeiten testamentarisch sichergestellt. Wir werden dem Dahingeschiedenen stets ein treues Andenken bewahren. Meine Herren! Wenn Sie sowohl den Ihnen eben vorgetragenen Bericht, wie auch jene der letzten Jahre näher betrachten, so wird Ihnen sofort ins Äuge fallen, daß die Thätigkeit unseres Vereines nahezu ganz von der Action seines Rechtsschutz- und Abwehr- Bureaus ausgesüllt worden ist. In dieser Thatsache sehen Sie eine nothwendige Folge der gegenwärtigen Sachlage. Nicht nur, daß so vielfach von Eiuzelnen, deren Recht verletzt wurde, unsere Hilfe direct angerufen wird, daß wir weiters selbst so häufig durch eclatante unserer Gesammtheit angethane Rechtsverletzungen einzuschreiten veranlaßt werden, sondern hauptsächlich aus einem tieferen und mehr allgemeinen Grunde. Die „Oesterr.-Jsrael. Union" ist allerdings ein „politischer" Verein. Wenn und insoweit aber überhaupt von einer speciellen jüdischen Politik die Rede sein darf, kann in der actuellen Situation diese letztere nur eine Politik der Abweh r sein; sie kann nur in der Abwehr der Angriffe auf unsere Rechte bestehen. Wir Juden sind durch Tradition, durch nüchterne Auffassung der merklichen allgemeinen Volksinteressen professionelle Vertreter einer rationellen innerlich gesunden politischen Entwicklung. Die gesammte innere politische Bewegung Cisleithaniens ist aber schon seit Jahren aus ihrem normalen Geleise herausgerathen, sie erscheint förmlich wie aus ihren richtigen Angeln gehoben. Nicht der politische und nicht der wirtschaftliche Fortschritt, nicht die Ausbildung von wichtigen Wohlfahrtseinrichtungen zum Schutze der unteren Clasien, nicht einmal der Gegensatz der wirklichen wirthschaftlichen Interessen selbst bilden den Gegenstand der Kämpfe, sondern die angestrebte gesetzliche Eroberung dieser oder jener Bezirke für diese oder jene Sprache. Als ob der Machtkreis einer Sprache auf die Dauer von einem anderen Gesetze abhängen könnte, als von jenem der höheren geistigen und wirthschaftlichen Leistung des Stammes, der sie spricht. Speciell aber in unserem Wien steht die politische Bestrebung der großen Mehrheit heute auf ganz kranken, ganz verkrüppelten Füßen. Zum Angelpunkt alles politischen Thuns und Lassens der Mehrzahl unserer Mitbürger ist der Antisemitismus geworden, der Kampf gegen uns Juden, gegen uns, die verschwindende Minorität. Äls ob nicht alle die socialen Uebel und Gegensätze, der Unterschied zwischen Besitz und Nichtbesitz, zwischen Erwerb und Hunger unter uns Juden ebenso grell und noch ungleich greller, wie beispielsweise in Galizien, bestände. Äls ob, wenn von Enterbten der Gesellschaft geredet werden kann, dieses Wort nicht von uns am meisten gälte. Dem besitzlosen Christen kann es gelingen, ein besitzender, ein reicher Mann zu werden, und hiedurch den Unterschied zwischen sich und den Anderen aufzuheben. Der Jude kann jener recht-