Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 322 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 17 Die galtstsche Schulstifitung des Baron Hirsch. Die Noth der Juden in Galizien erregt selbstverständlich Theilnahme und Aufmerksamkeit bei den Glaubensgenossen in allen Theilen Europas, und die jüdischen Blätter des Auslandes beschäftigen sich eingehend mit der traurigen Situation. Leider unterlaufen da zuweilen in der Darstellung Jrrthümer und falsche Auffassungen, die einer Richtigstellung dringend bedürfen. In einem reichsdeutschen Fachblatte hat Herr Dr. Finkel über die galizischen Juden einen ausführlichen Artikel publicirt und dabei über die Schulstistung des Herrn Baron Hirsch eine Darstellung geboten, welche den wirklichen Thatsachen nicht entspricht und geeignet ist, über die Wirksamkeit dieser wohlthatigen Stiftung irrthümliche Anschauungen zu verbreiten. Herr Doctor Finkel ist sonst gut unterrichtet, aber von der Baron Hirsch- Stiftung scheint er weder die Statuten zu kennen, noch je einen Jahresbericht genau und eingehend geprüft zu haben. Nach Artikel V der Sllftungsstatuten des Baron Hirsch ist in den Stiftungsschulen schon von der I.. Classe ab die d e u t s ch e Sprache ein obligatorisch erLehrgegen st and, und wer mit den Schuleinrichtungen dieser Anstalten genau vertraut ist, weiß, daß der Unterricht der hebräischen Sprache durch acht Stunden wöchentlich in jeder Classe in deutscher Sprache ertheilt wird, so daß die Kinder beim Verlassen der Stiftungsschulen neben der Landessprache auch die deutsche Sprache in ausreichender Weise beherrschen und dadurch vollständig exportfähig gemacht sind. Herr Dr. F i n k e l stellt weiters die Behauptung auf, es werde von vielen Seiten darüber geklagt, daß die mit einem Aufwande von vielen Millionen errichteten Schulen leer stünden, „weil die galizischen Rabbiner die schulpflichtigen Kinder zum Schulbesuch nicht anhielten", und deducirt daraus, daß die Baron H i r s ch'schen Schulen in ihrer Leitung zum Theil selbst Schuld tragen, daß sie nicht populär und besonders die Gunst und Achtung der ivömmsten Kreise nicht besitzen. — Nun ist aber das gerade Gegentheil davon richtig. — Die Stiftungsschulen genießen die größte Achtung und das größte Zutrauen der orthodoxesten Kreise und sind so vollgepfropft, daß das Curatorium wegen Unterbringung der immer zahlreicher werdenden Schüler, denn die bestehenden 50 Stiftungsschulen sind von 10.000, sage zehntausend Schülern frequentirt, oft in größter Verlegenheit ist. Oft wenn ein Haus für eine Stiftungsschule gekauft oder aufgebaut wurde, das für alle Zukunft genügenden Raum für die zu erwartende Schülerzahl zu bieten schien, so erwies sich schon nach ein oder zwei Jahren, daß diese Räume dem immer größeren Andrange nicht genügen, und es mußten weitere Räumlichkeiten hinzugemiethet oder angebaut werden. Wir wollen von den Gemeinden, wie Kolomea, Stanislau und anderen, wo jede Stiftungsschule von fast 700 Knaben besucht wird, nicht sprechen und nur auf jene Gemeinden Hinweisen, deren Ultra-Chassidismus allenthalben bekannt ist, und welche von sehr einflußreichen Wunderrabbis beherrscht werden, wie Rawa ruska, wo fast sämmtliche schulpflichtige Kinder, ca. 200, die Schule frequentiren, Sadagora mit 248, Horodenka mit 323, Mikulince — eine Schule, die erst 2 Jahre besteht — mit 155, Tluste, ebenfalls erst seit 2 Jahren bestehend, mit 273, Zablotow mit 132, Boryslaw mit 480, Chrzanow mit 273, Wisnicz mit 122 Frequentanten und viele andere. Diese statistischen, einwandfreien Daten sprechen laut genug, und Jeder mit den galizischen Verhältnissen nur halbwegs Vertraute wird eine solche Frequenz in solchen ultrachaffidistischen Orten richtig zu deuten vermögen. Es ist also vollständig unbegründet, zu sagen, daß die mit einem Aufwande vieler Millionen errichteten Schulen leer stünden. Unrichtig ist auch die Behauptung, „daß das religiöse Verhallen einzelner Lehrkräfte zur Discreditirung der Anstalten beigetragen habe", da gerade in diesem Punkte die strengsten Bestimmungen in den Schulregulativs der Stiftung enthalten sind und die Lehrer sich wohl hüten, nur irgendwie das religiöse Gefühl zu verletzen, schon weil nach den klaren Bestimmungen der Regulative ihre Stellung und Existenz in solchen Fällen gefährdet sind. Es geschieht also in den Stiftungsschulen „das Wunder, daß der strenggläubige Jude keinerlei Befürchtung hegt, seine Kinder könnten durch den Besuch einer solchen Anstalt der Religion entfremdet werden und daß er sie demzufolge der Schule mit dem ruhigsten Gewissen anvertraut". Wir erleben es jetzt alle Tage, daß orthodoxe Gemeinden, die sich ursprünglich aus uraltem, eingewurzeltem Fanatismus gegen die Errichtung von Stiftungsschulen sträubten, nunmehr mitsammt ihren Rabbinen um solche petitioniren, leider ohne viel Aussicht auf Erfolg, da die Mittel der Stiftung bereits erschöpft sind. Durchaus ungerechtfertigt ist auch die Behauptung, daß die Religion in den Stiftungsschulen eine untergeordnete Rolle spiele. Der Religionsunterricht, der nach den Schulgesetzen von einem qualificirten Lehrer, d. h. von einem solchen, der die Prüfung an einer k. k. Lehrerbildungsanstalt abgelegt hat, ertheilt werden muß, wird, um dem Gesetze zu genügen, in der Regel von den Classenlehrern durch zwei Stunden wöchentlich ertheilt. Das Hebräische hingegen wird durch acht Stunden wöchentlich von tüchtigen Hebräern unterrichtet und besteht dieser Unterricht im Uebersetzen der Gebete und der Bibel und in Grammatik. Außerdem wird, da die Erfahrung lehrt, daß die Kinder aus dem Cheder, aus welchem sie in den chassidistischen Gemeinden in die Schule eintreten, nicht einmal die Kenntniß des Lesens mitbringen, von eigenen Lehrern das geläufige Lesen und Beten diesen Kindern beigebracht. Es wird also das Hebräische in allen Stiftungsschulen vollkommen den localen Bedürfnissen entsprechend unterrichtet. Wenn Herr Dr. Finkel behauptet, die Stiftungsschulen dürften zur Erreichung des ihnen vorschwebenden Lehrzieles nicht vier,. sondern sie müßten sechs bis acht Jahrgänge haben, so übersieht er, daß die Stiftungsschulen thatsächlich auf der Basis sechsjähriger Unterrichts stufen aufgebaut sind, schon deshalb, weil die Kinder bis zum 14. Lebensjahre in der Schule gehalten werden müssen, da sie nicht früher dem Handwerke zugeführt werden können. Was die Zuführung von Kindern zur Landwirthschaft betrifft, so sollte Herr Dr. Finkel wissen, daß die Baron Hirsch-Stiftung seit Jahren Absolventen der Stiftungsschulen in Ahlem ausbilden läßt, und daß beim Ankauf von Schulhäusern seit je darauf Bedacht genommen wird, daß mit denselben ein großer Garten verbunden sei. Er hätte übrigens auch schon aus den früheren Jahresberichten der Stiftung entnehmen können, daß wegen Ankaufes eines Schulgutes in Galizien mit der „Jewish Colonisation Association" die ernstesten Unterhandlungen gepflogen werden. Wenn er als Muster für die etwa zu errichtende landwirthschaftliche Schule die von Ahlem hinstellt, so ist zu bemerken, daß Ahlem speciell eine Gärtnereischule, aber keine landwirthschaftliche Schule ist, und daß es schon jetzt sehr schwer hält, die Absolventen der Ahlemer Schule zu placiren, weil sie als Gärtner nur beschränkte Verwendbarkeit haben und wenn sie zur Landwirthschaft übergehen wollen, erst von vorne in die Lehre treten müssen. Bezüglich der von Herrn Dr. Finkel besprochenen Kochschulen hat Frau Baronin von Hirsch im Jubiläumsjahre aus eigener Initiative eine Stiftung für diese Zwecke creirt, für welche die Genehmigung der Regierung in der jüngsten Zeit herabgelangt ist, und sind die Vorarbeiten zur Eröffnung dieser Schulen bereits seit Längerem getroffen, nachdem Frau Baronin von Hirsch für dieselben in mehreren Städten eigene Häuser erbaut hat. Die Schulstiftung des edelherzigen Menschenfreundes ist das einzige kostbare Besitzthum der armen jüdischen Bevölkerung Galiziens. Die Judenfeinde trachten nach Mitteln, ihre Wirksamkeit zu unterbinden, hüten wir uns, jenen Elementen in die Hände zu arbeiten! L. W. Zur Hilfsaktion für die Boryslawer Bergwerksarbeiter. Die Berichte von dem großen Elend, das unter den jüdischen Bergwerksarbeitern in Boryslaw in Galizien herrscht, haben einen in Transvaal lebenden Deutschen veranlaßt, die Auswanderung der leidenden Bergarbeiter nach Transvaal in Vorschlag zu bringen. In der Nähe von Johannesburg sind ungefähr 200 Goldminen, die noch sehr viele Arbeiter beschäftigen können. Die Arbeiter brauchen nicht so angestrengt und schwer zu arbeiten, wie in den europäischen Minen und können von den ihnen zugestandenen Löhnen sehr anständig leben. In einer Zuschrift an die „Jewish Chronicle" führt der Einsender aus, daß der monatliche Verdienst eines Arbeiters zwischen 25 und 50 Pfund Sterling beträgt. Von 10 Pfund Sterling kann ein einzelner Mann leben, da die für Minenarbeiter eingerichteten Pensionen 6 Pfund Sterling für Mann und Monat berechnen. Viele Gesellschaften haben für Arbeiterwohnungen vorgesorgt. Intelligente Europäer bleiben nicht lange bei der Handarbeit, sondern werden bald zur Aufsicht für die eingeborenen Arbeiter