Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 320 Dr. Bloch's Wochenschrift» Nr. 17 Trinken nicht fehlen lassen, aber wenn man den poetischen und prosaischen Unrath in national-antisemitischen Blättern betrachtet, kann man an die Entstehung dieser Dichtung ohne Wahrheit aus dem Speichel nicht zweifeln. Dem Abgeordneten Schneider, der so eifrig den „Ritualmorden" nachspürt, möchten wir aber rathen, nach jedem antisemitischen Gelage nachzuforscheu, ob nichtein Kwasir ermordet wurde, um aus seinem Blute und Speichel die nöthigen Getränke zu brauen. Daß die „strammen" Vertilger von Bier und anderen Getränken nicht viel Zeit zum gründlichen Studium ihrer eigenen germanischen Mythologie und Geschichte haben, ist leicht begreiflich; aber soviel sollten sie doch aus der neueren Deutschen Geschickte, wenigstens aus den Zeitungen wissen, daß die Semiten Bamberger und Lasker nützlicher für das deutsche Volksthum gewirkt haben, als sämmtliche arische Antisemiten Oesterreichs zusammengenommen, und daß das beste nationalste Werk über den Krieg von 1866 von dem Juden Friedjung geschrieben wurde. Fassen wir das bisher Gesagte zusammen, so finden wir, daß der Antisemitismus sowohl dem Katholicismus als dem D.eutschthum moralisch und politisch viel geschadet hat. Der einzige Trost der Antisemiten ist, daß sie den Juden materiell geschadet haben, wobei manche von ihnen auch profitirt haben. Schadenfroh berichten jetzt ihre Zeitungen über die Plünderungen in Nachod. Aber wir glauben auch hier, auf materiellem Felde wird das Resultat dasselbe sein wie auf dem moralischen. Wie man von Beschimpfung und Befehdung des Judenthums und des Alten Testaments zur Beschimpfung und Befehdung des Katholicismus fortgeschritten ist, so könnte man von Plünderung der Häuser und Kaufläden der Juden zur Plünderung von Grafenschlössern und reichen Stiften schreiten — l’appetit vient en mangeant, und vielleicht wird auch eine Eisenbahndirection einen Vorwand finden, um den Transport der Truppen zum Schutze geplünderter Arier zu verhindern oder zu verzögern. Deshalb hat uns auch die Drohung des Gemeinderathes Leopold Steiner keine Furcht eingeflößt. Die Reihe des Geplündertwerdens wird vielleicht andere Leute als die Juden treffen. Aber jedenfalls wäre cs gut, wenn die Behörden sich den Namen dieses Volksvertreters merken möchten. Vielleicht kommt es doch noch zu Judenplünderungen in Niederösterreich, dann wird die Nachforschung nach den Anstiftern erleichtert werden. - M. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Diktator von Oesterreich. — Eine Dergiftungsanstalt. — Vergaui über Nekrophilie. — Verdächtigung eines Untersuchungsrichters. — Die Mörder-Curien. — Kopetzky» der Naderer.) Die Lösung der socialen Frage macht so vielen Socialpolitikern Kopfzerbrechen, und auf das einfachste Mittel, alles Hebel unb alles Unrecht au§ der Welt zu schaffen, sind die Leute bisher nicht verfallen. Ein Ausspruch unseres Bürgermeisters Dr. Lueger hat uns nunmehr den Weg gezeigt. Es war von der Sonntagsruhe der Branntweinschänker die Rede, als Dr. Lueger erklärte: „Wenn Sie mich zum Dictator in Oesterreich machen, werde ich die Branntweinschäuken und andere Bergistungsanstalten beseitigen". Aus diesem Apercu kann man am Besten sehen, welche Meinung Herr Dr. Lueger von sich selber hat, wie der Größenwahn in ihn in Fleisch und Blut übergegangen ist. Nach der Ansicht des Herrn Dr. Lueger sollte der Verkauf von Branntwein nur als Arzneimittel gestattet sein. Man weiß, daß diese Vorschrift in vielen Staaten Amerikas bereits praktische Geltung hat, und daß die Schnapstrinker daselbst mit einer so labilen Gesundheit behaftet sind, daß sie recht viel Arznei bedürfen. Ob also Chicanen beim Verschleiß von Branntwein den Consum verringern und ob sie die Trunksucht bannen,' bleibt dahingestellt; vielleicht haben sie wenigstens einen theilweisen nützliche» Erfolg. Ob sich die Bevölkerung irr einzelnen Ländern an dem Genuß von Branntwein hindern läßt oder nicht, dabei kommen vielerlei klimatische und wirthschaftliche Factoren in Betracht, und die Bekämpfung der Trunksucht ist eines der schwierigsten Probleme. Für Herrn Dr. Lueger bestehen aber keine Schwierigkeiten; um Alles so einzurichten, wie es zum Heile der Menschheit erforderlich ist, genügt es, ihn zum Dictator von Oesterreich zu machen. Die Regierung, die Parlamente, die Behörden, die Communalverwaltungen, sie Alle zusammen wiegen den einzigen Dr. Lueger nicht auf, der Alles kann, Alles versteht und Alles richtet. Bisher war er nur Dictator von Wien und als solcher hat er die Gasfrage und die Tramwaysrage in seiner Art „gelöst". Nun stelle man sich ihn als Dictator von Oesterreich vor, als unumschränkten Gebieter, der alle gordischen Knoten der verschiedenartigsten Fragen mit dem Schwerte seiner Zunge durchhaut. Man mache ihn zum Dictator und er beseitigt nicht blos Branntweinschänken, sondern auch „alle anderen Vergiftungsanstalten". Was läßt sich aber nicht Alles als „Vergiftungsanstalt" definiren in der wirklichen und der übertragenen Bedeutung. Jede Institution, die nicht christlichsocial ist, ist eine „Vergiflungsanstalt", vor Allem die freisinnige Presse und die interconfessionelle Schule. Der Dictator von Oesterreich würde sie sofort abschaffen. Eine so unwillkürlich entschlüpfte Aeußerung gewährt einen interessanten Einblick in den Jdeenkreis, in welchem der vielsprechende Dr. Lueger sich bewegt, wie echt und wie ehrlich gemeint seine Selbstüberhebung ist. Doctor Lueger ist, das muß man ihm zugestehen, nicht unbescheiden und nicht anmaßend, sondern erfüllt von einem naiven Dünkel, der ihn beim Emporsteigen in der eigenen Meinung den Abgrund der Lächerlichkeit übersehen läßt, vor welchem eine kritischer veranlagte Individualität erschrecken würde. * * Vielleicht betrachtet Herr Dr. Lueger auch das „Deutsche Volksblatt" als eine jener Vergiftungsanstalten, deren gemeinschädlichem Wirken seine Dictatur ein Ende machen würde. Zum mindesten ist es eine geistige Branntweinkneipe, deren Lesern der ordinärste Fusel verabreicht wird und deren Besitzer durch schmutzige Geschäfte sich bereichert hat. Der arme Mann, welcher Herrn V e r g a n i für das eigene Geld, das er dem Ehrenbürger voil Mühldorf zinsenfrei geborgt und das er in kleinen Raten zurückerhalten sollte, für den Ausgleich in Barem 5percentige Zinsen vergüten mußte, kann jetzt seinen reichgewordenen Schuldner an jedem Renntag in eigener Equipage mit Gnmmirädern nach der Freudenau fahren sehen, wo Herr V e r g a n i durch seine dickwanstige Erscheinung den Turf verschandelt. Vergant wettet aber nicht, denn er ist bekanntlich ein abgesagter Feind mühelosen Gewinnes; überdies kommt es vor, daß die Pferde gewisser Reunstallbesitzer mit echt jüdischer Vordringlichkeit als Erste das Ziel passiren, und da konnte es Vergant unmöglich über sein in der Brieftasche befindliches Gewissen bringen, die Siegesquote aus ein solches jüdisches Pferd bei der Totalisateurcassa zu beheben. Viel sicherer als durch jüdische Pferde gewinnt der Mann durch die „jüdischen Morde", denen er in seinem Blatte behaglichen Raum gewährt. Abhandlungen über „Nekrophilie" lesen die Leute ebenso gerne, wie Artikel über Vivisection, wenn sie mit anschaulichen und die einzelnen Phasen dieser ungewöhnlichen Passion genau schildernden Details ausgestattet sind. Wir müssen darauf verzichten, die Natur dieser Verirrung hier anzudeuten, und nur durch einen Vergleich können wir die Abnormität derselben klar machen. Man stelle sich einmal vor. Vergant würde eine gerichtlich amortisirte, also werthlose und unverkäufliche Gemeindeobligation desraudiren. Das wäre finanzielle Nekrophilie, und wenn V e r g a n i so etwas thäte, so müßte er es sich gefallen lassen, daß man die Untersuchung seines Geisteszustandes in Antrag bringt. Würde man damit auch schon Herrn V e r g a n i die Hochachtung aussprechen? Gewiß nicht, und doch imputirt das Verganiblatt jenen Zeitungen, welche die Mittheilung brachten, daß der unter dem Verdachte des Mordes verhaftete „jüdische" Schuhmacher in Polna hinsichtlich seines Geisteszustandes untersucht werden soll, sie hätten diesem Menschen ihre Hochachtung ausgesprochen, während sie dieses Gefühl dem ihnen gänzlich unbekannten Jnquisiten'genau so wenig entgegenbringen wie dem ihnen genau bekannten Ernst Vergant. Ob der Schuster Hülsner einen Mord begangen hat oder nicht, das wird erst die gerichtliche Untersuchung ergeben; daß Vergani Obligationen unterschlagen hat, das ist aber bereits