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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-28 · 17 (28.4.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
17 (28.4.1899)
Date
1899-04-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 319 Laien zu verdanken sei und nicht den Ermahnungen und Lehren der Geistlichen, nicht den Predigten des von solcher Pietät für seinen Großvater erfüllten Pater Abel oder des so edlen, von echt evangelischem, menschenfreundlichem Geiste erfüllten Pfarrer D e ck e r t. Würde der Wäschehändler von seiner Religion so viel verstehen, wie von Kragen und Manschetten, so müßte er wissen, daß eine solche Auflehnung gegen die Geistlichkeit, ein solches Anmaßen kirchlicher Functionen seitens eines Laien, etwas ganz Ungehöriges, ja nahezu Sündhaftes ist. Aber auch sachlich that er den Geistlichen Unrecht, denn manche von ihnen haben im Antisemitismus,. was ja gewisse Leute mit „echtem Christenthum" oder Katholicismus vermengen, so viel, wenn nicht mehr, als die G r e g o r i g, Lueger, G e ß m a n n und ihresgleichen geleistet. Hat sich nicht Rohling zu falschem Eid gegen das Judenthum bereit gezeigt, hat nicht Pater S ch e i ch e r gegen Juden gehetzt, hat nicht Pater Deckert den Briman angeworben? Und dann, wenn diese Leute die Urheber und Förderer der Mode gewordenen Kirchlichkeit — aus guten Gründen, sagen wir nicht Religiosität — sind, wenn die scharfe agressive Bethätigung des Katholicismus ihr Werk ist, dann ist auch die ganze „Los von Rom"-Bewegnng das Resultat ihrer Agitation. Darüber beginnt nun auch der höheren Geistlichkeit ein Licht aufzugehen, und clericale Zeitungen stoßen Hilferufe aus, als ob Christenthum oder Katholicismus in Oesterreich wirklich in ernster Gefahr wären, als ob ein neuer Decius oder Julian Apostata erstanden wäre. So lange Leute, die vor dem auf dem Versehgang befindlichen Priester den Hut nicht abnehmen, zu mehrtägigem Arrest verurtheilt werden,' wie es erst vor einigen Tagen wieder in Bozen geschah, kann von einer „Bedingung" oder „Bedrückung" des Katholicismus nicht die Rede sein, so lange von Bewerbern um öffentliche Aemter oder Freiplätze noch die Beibringung des Taufscheines verlangt wird, kann -von Bevorzugung oder „Herrschaft" des Judenthums nicht die Rede sein. Nichtsdestoweniger hat die deutschuational-clericalantisemitische Bewegung viel Schaden gebracht und Gefahren für Staat und Kirche hervorgerusen. Dabei ist aber das Bemerkenswertheste und von Staatsmännern und Prälaten nicht genug Berücksichtigte, daß diese Bewegung vielen einzelnen Juden materiell geschadet, dem Judenthum aber sehr genützt, es religiös und national gestärkt und gehoben hat. Andererseits hat der Antisemitismus einzelnen Christen und Deutschen oder solchen, die sich dafür ausgeben, materiell vielen Nutzen, dem Christenthum aber sowohl als dem Deutschthum moralischen Schaden gebracht. Jahrelang hat man clericalerseits der Beschimpfung des Judenthums und des Alten Testaments ruhig zugesehen, ohne zu bedenken, daß es eines der wichtigsten Grundlagen des Christenthums ist. An zahllosen Stellen des Neuen Testaments beruft man sich auf Moses und die Propheten, stellt das Christenthum und die Vorgänge im Leben seines Stifters als Erfüllung der Weissagungen des Alten Testaments dar. Und ruhig ließ man die modernen Wodansanbeter auf die Bibel schimpfen, ohne zu bedenken, daß die in Nachäffung Voltaire's gegen Bibel und Judenthum geführten Schläge auch das Christenthum trafen. Kaum erhob man einen schwachen Protest gegen die die Wirksamkeit der Taufe leugnende Behauptung: Selbst der getaufte Jude bleibt Jude. Und nicht blos die Wodansdiener. Clericale und Deutschnationale waren ja Anfangs trotz all' ihrer Gegensätze die besten Freunde, als es gegen die Juden ging — „Oftmals habt Ihr mich mißverstanden, Oftmals mißverstand ich Euch^ Doch, als im Kothe wir uns fanden, Da verstanden wir uns gleich." So hat denn auch ein katholischer Geistlicher, ohne von seinem Obern gestraft oder getadelt zu werden, den königlichen Sänger der Psalmen beschimpft, der Psalmen, die einen unentbehrlichen Theil der christlichen Gebete und des Gottesdienstes bilden. Kühn gemacht durch die Duldung, hat er nun auch in gemeiner Weise Luther's Andenken besudelt, was selbst den anständigen Clericalen zu viel war, den protestantischen Antisemiten aber zu gönnen ist. Und ebenso wirft jetzt ein G r e g o r i g keck dem Clerns vor, er habe nichts für die Religion gethan, und nur er allein, der Pfaidler, habe mit dem Advocaten Lueger und ihresgleichen das christliche Volk in die Kirche geführt. Die ich rief, die Geister, Werd' id) mm nicht los! Auf der einen Seite der Uebermuth der „frommen Christen" und clericalen Agitatoren, auf der anderen der Ansturm der strammen Nationalen, die statt Heilo jetzt „Los von Rom!" brüllen. Das ist das Resultat des katholischen Antisemitismus. Und die Deutschnationalen? Sie haben mit ihrem antisemitischen Wüthen nicht blos einen großen Theil der Juden, werthvolle Bundesgenossen, aus dem deutschen Lager vertrieben, sondern auch zwischen den christlichen Deutschen unheilbare Zwietracht geschaffen, das Deutschthum in Oesterreich geschwächt, die Stellung der Czechen gestärkt. Mit ihrem übertriebenen Bismarck-Cultns haben sie gar manchen deutsch-österreichischen Patrioten verletzt, in den regierenden und maßgebenden hohen Kreisen Mißtrauen gegen alle Deutschen erregt. Mit ihrer jetzigen „Los von Rom" - Agitation stoßen sie nun auch die clericalen Antisemiten von sich ab, ohne bei eifrigen Protestanten Zutrauen zu finden; denn man sieht zu deutlich, daß ihrem Abfall vom Katholicismus mehr politische als religiöse Motive zu Grunde liegen. Ja, die eifrigsten „Nurdeutschen", die ent'ants terridlvs der Partei, sagen es offen und deutlich heraus, soweit von Deutlichkeit bei ihrem confusen incorrecten Deutsch die Rede sein kann, daß das Christenthum keine Religion für reine Germanen sei, und predigen offen die Rückkehr zum Wodan - Cultus, wobei es wahrscheinlich auch nicht an Menschenopfern fehlen dürfte. Dabei übersehen diese Leutchen nur, daß ein großer Theil der germanischen Götterlehre der Mythologie der Griechen und Römer und den christlich-jüdischen Legenden entlehnt ist, wie dies in neuerer Zeit von einem gründlichen Fachgelehrten dargelegt wurde. So kehren sie in ihrer Unwissenheit mit ihren Äsen und Wanen zum „semitischen Christenthum" zurück. Freilich wurde beim Uebergang der jüdisch-christlichen Lehren und Legenden zu den damals noch barbarischen Germanen Vieles ihrem niedrigen Culturzustande angepaßt und Anderes mag wohl auch ursprünglich echt germanisch sein. So z. B. die Erzählung vom Ursprung der Poesie: „Die Äsen (Götter) hatten Unfrieden mit den Wanen (einer anderen Art von Göttern); endlich schlossen sie Frieden in der Weise, daß sie von beiden Seiten zu einem Gefäße gingen und ihren Speichel hineinspuckten. Damit dieses Friedenszeichen nicht untergehe, machten sie einen Menschen daraus, den man Kwasir nannte. Der war so weise, daß er auf Alles Antwort zu geben wußte, und fuhr in der Welt herum, den Menschen Weisheit zu lehren. Einst aber, als er zu den Zwergen Fialar und Galar kam, überfielen sie ihn und tödteten ihn. Sein Blut ließen sie in ein Gefäß rinnen und mischten Honig dazu, worauf ein so kräftiger Meth entstand, daß Jeder, der davon trinkt, ein Dichter oder ein Weiser wird. Den Äsen aber sagten die Zwerge, Kwasir sei an der Fülle seiner Weisheit erstickt, denn Keiner war so klug, alle seine Weisheit durch die Fragen zu erschöpfen. Und die dummen Götter glaubten es." Die Wolf und Schönerer können freilich nicht an Ueberfluß von Weisheit ersticken, obwohl sie es am

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