Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 318 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 17 u. dgl. sind, die Schmach, welche auf der ganzen Stadt lastet, wenn ein Theil der Bewohner plündert, stiehlt, raubt, und der andere wohlwollend zusieht. Und warum ist ein solcher Mangel an Ehrgefühl bei uns möglich? Ich muß es lebhaft bedauern, daß ich eine Antwort auf diese Frage nur zu finden glaube, wenn ich mit meinen Bedenken in eine Sphäre hinaufsteige, welcher ich nicht gerne einen Vorwurf mache. Dieses Gefühl der Ehre, das Gefühl der Scham des Einzelnen für das Ganze muß eben von oben ausgehen, muß sich von Oben nach Unten verpflanzen. Hat nun der gegenwärtige Statthalter von Böhmen gerade jenes eminente Gefühl gezeigt, daß seiner Verwaltung eine Schmach angethan wird, wenn unter derselben geraubt wird? Zeitlich Abends hatte in Nachod die Plünderung begonnen, die ganze Nacht hindurch gewährt, und erst morgens 7 Uhr war in Josefstadt ein Militärzug zusammengestellt worden. Die ganze Nacht hindurch hatten die Verhandlungen zwischen Vezirkshauptmannschaft, Statthalterei und Geueral-Commando gedauert, wiederholt war angefragt worden, ob denn Lhatsächlich die Entsendung von Militär nöthig fei! Nicht länger als 40 Minuten hätte eine Escadrou Kürassiere gebraucht, um die Strecke zwischen Josefstadt und Nachod zurückzulegen, und ich bin der bescheidenen Meinung, daß diese Kürassiere auch thatsächlich in diesen wenigen Minuten, und zwar sofort eiugetroffen wären, wenn es sich etwa um eine Revolte der Socialdemokraten gegen die Staatsgewalt gehandelt hätte. Ich kann leider mit meinen Bedenken nicht bei dem Herrn Statthalter stehen bleiben. Die „Oesterreichisch-Jsraclitische Union" hat über den Erfolg des Einschreitens beiden: Ministerpräsiderüeu ein Communiquö versendet, welches damit schließt, daß seine Excellenz „beruhigende Zusicherungen" gegeben. Ja beruhigend, aber für wen? Für uns Juden? Gewiß nicht! Mir will es scheinen: nur für die Nachoder Stadtgemeinde! Das Memorandum der Union verlangt ganz richtig die unnachsichtliche Heranziehung der Nachoder Stadtgemeinde zur Schadenersatzpflicht. Ist doch die Statuirung eines solchen Exempels — und speciell in Böhmen macht das Gesetz ein solches möglich — das einzige Mittel, um weitere Excesse zu verhüten. Auf die Discussion dieser, nach dem Ausdrucke des Herrn Ministerpräsidenten „sehr schwierigen Frage", hat derselbe erklärt, gegenwärtig in keiner Weise daraus eingehen zu können, umsomehr, „als die officielle Darstellung von jener der Union bedeutend abweiche". An diese Abweichung glaube ich selbst ohneweiters. Aber kennen wir denn nicht den usuellen und officiellen Sprachschatz zur Genüge, um nicht zu wissen, was im Munde des Ministers solche Worte bedeuten? Und belehrt uns nicht ein zweites, augenscheinlich officiöses Communique, in welchem selbst constatirt wird, daß die Stadtgemeiude rechtzeitig Hllse verlangt, aber nicht erhalten hat, über, die oben waltende Tendenz? — Nur die Stadt ist nämlich ersatzpflichtig, nicht der Staat. — Scheint da nicht zwischen den Worten des Ministers ein Unausgesprochenes sehr deutlich herauszuklingen.-Können wir d e r I u d e n w e g e n einer Stadtgemeiude, und noch dazu einer c z e ch i s ch e n, e t w a s U n a n g e n e h m e s a n t h u n? Der Juden wegen? Wer und was sind diese österreichischen Juden? Es füllt mir nicht ein, hier Discussion pro und contra Juden zu eröffnen. Angenommen, wenn auch keineswegs zugegeben, daß die Juden specielle Fehler haben, so sind es nicht diese letzteren, welche den Antisemitismus geschaffen haben, sondern umgekehrt ihre Vorzüge, durch welche sie sich aus ihren: früheren jämmerlichen Stande herauszuheben gesucht haben. Aber das Alles gehört nicht hierher. Der österreichischen Staatsregieruug gegenüber möchte ich uur auf ein Moment aufmerksam machen. Dieser österreichische Staat hat noch eine zweite, in keinem Staate Europas sonst gekannte politische Specialität. Er ist der einzige, in welchen: große und mächtige Schichten der Bevölkerung den eigenen Staat nur unter „bestimmter Bedingung" erhalten wissen wollen. Die Deutschen nur, wenn er deutsch ist, die Slaven nur, wenn er slavisch wird, die Clericalen nur, wenn er clerical bleibt. Wir Juden sind in Oesterreich die Einzigen, die ein Oesterreich san8 pürase, ein Oestereich ohne Bedingung und Einschränkung wollen. Und darum, o Du glücklicher, österreichischer Jude! wird das Laster belohnt und die Tugend bestraft. Die Bilan; des Antisemitismus. Sie säen Wind und werden Ungewitter ernten. (Hosea VIII, 7.) Im Sommer des vergangenen Jahres haben die Antisemiten ein Siegesfest zur Feier ihrer zehnjährigen Wirksamkeit veranstaltet. Und hatten sie nicht Ursache, die Erfolge ihrer Thätigkeit, ja wahrhaft goldglänzende Erfolge, zu feiern? Sind nicht allerlei, weder durch große Geistesgaben noch durch gründliche Kenntnisse ausgezeichnete Leute zu einträglichen und einflußreichen Stellungen gelangt? Sind nicht die Protectionskinder der Antisemiten unter Zurücksetzung älterer und verdienterer College:: in Schule und Communaldienst befördert, die den Antisemiten nicht ergebenen Lehrer gemaßregelt worden? Ist nicht V e r g a n i ein steinreicher Mann geworden, der mit Verachtung auf armselige Obligationendiebe herabsieht? Besitzt nicht Dr. G e ß:n a n n als Reichsraths-, Landtagsabgeordneter, Landesausschuß u. s. w. ein recht schönes Einkommen? Ja, bei solchen Erfolgen können wohl die Agitatoren und Demagogen ihr Siegesfest feiern. Fragt man aber, was diese Leute für das Volk, für den „kleinen Mann", dem sie goldene Berge versprochen haben, geleistet haben, so können sie höchstens den Rückgang von Handel und Industrie, die Abnahme des Fremdenbesuches, die Zunahme der Verarmung und Unzufriedenheit als Folgen ihrer zehnjährigen Arbeit anführen.' Andere Erfolge der antisemitischen Wühlerei, die man aber nicht gerne offen eingesteht, sind die Plünderungen in Galizien und Böhmen. Aber die Art, wie antisemitische Blätter darüber berichten, sieht eher einer Belobung als einem Tadel der Plünderer ähnlich. Die „Daitsche Zeitung" findet es sehr unrecht von den jüdischen Fabrikanten in Nachod, daß sie den Arbeitern nicht die geforderte Lohnerhöhung von nur dreißig Percent bewilligen wollten. Wir möchten sehen, was für ein Gesicht der Herr Dr. Wähn er machen würde, wenn seine Drucker und Setzer eine Lohnerhöhung von zwanzig Percent verlangen würden. Aber was sind alle diese Tausende und Zehntausende von Gulden, die in die Taschen antisemitischer Agitatoren und Demagogen geflossen sind, was bedeuten alle diese vergänglichen irdischen Dinge gegen die Verdienste, welche sich die Antisemiten um die Kirche, um den Katholicismus, ja um das Christenthum erworben haben! Mit Stolz rief in: niederösterreichischen Landtage der Wäschehändler von Mariahilf den: Pfarrer B a n ch i n g e r zu: „Daß die Kirchen so gefüllt sind, ist nicht das Verdienst des Clerns, das ist unser V e r d i e n st. Dr. Lueger, meine Wenigkeit und noch vier oder fünf Leute haben die Courage gehabt, uns an die Spitze der Processionen gestellt und uns von den Juden au spucken lassen; *) so haben wir das Volk wieder in die Kirchen gebracht, und der Clerus ist unthätig gewesen und hat gar nichts dazu gethan! " Der Sitzungsbericht verzeichnet hier . „Widerspruch" und wir begreifen, daß solcher von geistlicher Seite kam. Mau darf doch nicht zugeben, daß der „erfreuliche Durchbruch" des Christenthums nur der wüsten Agitation einiger *) Wann und wo ist der Mann mit der gestärkten Henrdbrust von Inden angcspuckt worden? Etwa in einem eliambre separee mit Sodawasser?