Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 17 (28.4.1899)
- Date
- 1899-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 17 D V*■ BlOCh’S Jahrgang XVI. Centrslorgan Kr die gefammten Interessen des Iudenthums. -^- Wien, 28. April 1899. —- - 1 —-—- Erscheint jeden F' r e i t a g. -■»- -4. —3.- Brief-Adresse: Wien, II.. Untere Augarteustraße 1». Telegramm-Adresse - Bloch's Wochenschrift» Wien. A. ft. Nostsparrrlfferr-Nint ElLsringverkehr Nr. 810.976. Nedaction und Administration: w i r n II., Untere Augartenstr. ts.. Telephon*Kr. 6535. *=-——- -=--=* Bezugspreis für Oesterreich: j Halbjährig 4 fl. — 3 StV, i Eiuzeleremplare 25 fc.! Für'« Ausland:! halbjährig 5 fl. — 10 Kr. i j ganzjährig 10 „ — 20 „ i Anzeigen: Die 4mal gespaltene l Petitzeile 12 kr. * - =—y* Inhalts Leitartikel: Judenplünderungen in Oesterreich. — Die Bilanz des Antisemitismus. — B o m Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Die galizische Schnlstiftung des Baron Hirsch. -- Zur Hilssaction für die Borhslawer Bergwerksarbeiter. Dr. Salz, Dr. Herzl, Bernard Lazare, Dr. Kahn und Dr. S. R. Landau. Zum Hildesheimer Banket. Gine Berichtigungsklage. — Die Juden in der österreichischen Industrie. — Zur Lage der Juden in Numänien. — Oesterreichisch- Jsraelitische Union. — Korrespondenzen: Ans der Sitzung der Wiener israelitischen Cultnsgemeinde vom 23. April 1809. Der Nachlaß der Baronin Hirsch. Zur Kolonisation Palästinas. Wien, Antisemitische Lügen. Brünn, Brandeis. Prag, Krakau, Lemberg, Berlin, Breslau, St. Antonio. — Vermischtes: Wien, Wsetin, Hohenems, Baden, Raudnitz, Kolin, Leipnik, Sarajewo. — Feuilleton: Der Flickschneider. — Briefkasten« — Literatur. — ^Judenplünderungen in Oesterreich. Zu diesem aktuellen Thema erhalten wir von einem durch Gesinnung, Leistung und Stellung ausgezeichneten Mitgliede unserer Wiener Gemeinde folgende bezeichnende Zuschrift: „Geehrter Herr R e d a c t e u r! Vor Allem bekenne ich mich puncto des Verhältnisses der Inden zur Politik als einen in der Wolle gefärbten Conservativen. Ich müßte es grundsätzlich als einen Widersinn betrachten, wenn jene 4 Percent Bevölkerung, welche von den restlichen 96 Percenten mehr oder weniger scheel angesehen werden, unter diesen Umständen auch noch der Regierung Opposition machen. Stanke couc1u8u haben die Juden p rincipiell mit der Regierung zu gehen.Wem diese These nicht klar ist, dem bin ich auch nicht im Stande, sie klar zu machen. Aber gerade, weil ich auf diesem Standpunkte stehe, halte ich mich berechtigt, es offen auszusprechen, daß die Haltung der Regierung zu den letzten Nachoder Ereignissen dringend einer Aufklärung bedarf/^ Beginnen wir mit einer Thatsache. Unter den politischen Specialitäten, durch welche sich unser Oesterreich von den anderen Culturländern unterscheidet, erscheint als specialste eine ganz merkwürdige Institution: die I u d en P l ü n d e r u n g. Jahrhunderte hindurch war sie verschollen, seit einem halben Jahrhundert ist sie wieder chronisch geworden, und in den letzten zwei Jahren drängen sich diese Raubzüge in: Westgalizien, Prag, vor 2 Jahren ein Versuch in Wien, in Saaz, Nachod geradezu aufeinander. Außerhalb Oesterreichs hören wir von dergleichen culturwidrigen, tief unsittlichen Vorgängen nur aus der letzten Classe der barbarischen Länder, aus Marocco, Tanger u. s. w. Selbst in dem europäischen Halbasien, in unserem russischen Nachbarreiche, haben sie seit den letzten Decennien aufgehört. In England, Italien und Deutschland sind sie ganz undenkbar. Woher entstammt nun dieser, unser Oesterreich tief beschämende Unterschied? Ist vielleicht unser Pöbel um soviel schlechter? Das bestreite ich ganz entschieden. Die wirthschaftlich und cultnrell höher stehenden Länder haben nur verhältnißmäßig weniger Pöbel, aber der Mob an sich ist immer der gleiche. Ich möchte sogar behaupten, daß, wenn ein Unterschied besteht, er zu Gunsten des unseren ausfällt : der Gedankenlosigkeit der Wiener Schichten zumindest ist eine gewisse Portion Gutmüthigkeit beigemischt, welche beispielsweise dem Berliner Gassenpöbel ganz fehlt. Aber diese Plünderungen, lehrt eine genaue Beobachtung, sind nie von diesem Pöbel selbst geplant, initiirt, organisirt. Immer — wohlgemerkt immer — führen die leitenden Fäden in gewisse Schichten des Bürgerthums hinauf, deren Führer politische oder irgend andere Absichten damit verbinden. Alan legt nur bei uns diese Fäden nicht bloß, man schneidet sie ab, so wie man auf sie stößt, man begnügt sich damit, die Werkzeuge, die Excedenten, schwer zu bestrafen. In Nachod haben jüngst die „besten Bürger" der Stadt mit einer dem Treiben wohlgesinnten Gemüthsruhe, die Cigarre im Munde, stundenlang dem Zerftörungswerke zugesehen, haben es ganz selbstverständlich gefunden, daß man ihre Mitbürger, friedliche Geschäftsleute, wie im Bakonyer-Wald ausraubt. Wäre das beispielsweise in irgend einem englischen Städtchen denkbar? Gewiß nicht! Oder vielleicht nur in England nicht? Gewiß steckt in jedem Engländer ein Stück Gentleman. Aber auch in Deutschland, wo die Gentleman lange nicht so wild auswachsen, wäre ein solches Verhalten von Bürgern gegen Bürger kaum denkbar. Und warum ist dies bei unseren Bürgern nicht nur möglich, sondern stets zu befürchten? Vor Allem fehlt diesen Bürgern das instinctive Verständniß für die wirthschaftliche Solidarität des Besitzes überhaupt, das Verständniß dafür, daß eine derartige Unsicherheit des Besitzes auf die erwerbende Kraft jedes Besitzes schädigend einwirken muß. Wohl, dazu gehört mehr Verstand, als diese Art Leute aufbringen. Aber es fehlt ihnen auch etwas weniger Schwieriges und doch viel Wichtigeres! Jeder von diesen Bürgern würde es als eine Schande empfinden, mit Dieben und Räubern in t irrer Wohnung zusammen Hausen zu müssen. Aber jenes Stadtgefühl, das Gefühl für die Ehre der Stadt, besitzen sie nicht; sie empfinden nicht, selbst wenn sie Stadträthe