Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 16 (21.4.1899)
- Date
- 1899-04-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 306 Dr. Bloch's Wochenschrift, Nr. 16 „Ueber eine zwanglos gefügte, wie von selbst entstandene Grdankenbrücke führt der Weg von dieser weihevollen Ehrung zu dem Zwecke, der uns heute vereinigt. Lassen Sie mich Ihnen vorerst herzlichen Dank dafür sagen, daß Sie in so mächtiger Anzahl der Einladung des „Politischen Volksvere i»e s" zu folgen die Güte hatten, und darin einen aufmunternden Beweis für das Interesse erblicken, welches alle Classen unserer Gesellschaft dem Thema des heutigen Vortrages entgegenbringen. (Lebhafte Zustimmung.) Uns handelt es sich darum, Belehrung zu heischen von berufenem Munde über die Frage der jüdischen C o l onisation in Palästina, welche schon seit etwa drei Decennien die edelsten und besten Geister unseres Stammes erfolgreich beschäftigt und welche in ihrer Allgemeinheit als Gedanke der Colonisationunserer nothleidenden osteuropäifchen Stammesgen offen durch den leider zu früh dahingegangenen Baron Hirsch in grandiosen Dimensionen und mit colossalen Mitteln bethätiget und actuell gemacht worden ist. Niemand schien berufener, uns die ersehnte Aufklärung zu ertheilen, als unser verehrter Gast, Herr Dr. Hi l d es h eim er, der in feinem Namen schon die dreifache Tradition strenger Glaubenstreue, tiefer Gelehrsamkeit und treuester Hingebung an sein Volk repräsentirt. (Stürmischer Beifall.) Und dieser treu bewahrten Tradition fügte er die eigenen Verdienste hinzu; er verstand es, mit jüdischer Gelehrsamkeit, in welcher das »Heilige Land" sein specielles Fach bildet, die umfassendste moderne Bildung zu vereinigen und Beides nebst feinem glühenden, begeisterungsfähigen Herzen dauernd in den Dienst seines Volkes zu stellen, um es erheben zu helfen aus seiner Drangsal und seiner Noth. (Allseitige Zustimmung.) So ist Herr Dr. Hildesheimer der geistige Leiter und thätigste Förderer der jüdischen Abwehrbewegung im Deutschen Reiche geworden, von deren Großartigkeit und nachweisbaren Wirkungen wir uns hier, in unserer kampfdurchwühlten Stadt und in Oesterreich, leider kaum eine Vorstellung zu machen vermögen, — so sei er uns herzlichst willkommen und von mir eingeladen, das Wort zu seinem Bortrage zu ergreifen." (Stürmischer, lanaanhaltender Beifall, welcher sich bei dem Erscheinen des Herrn Dr. Hildesheimer auf der Trrbüne mächtig erneuert.) Dr. Hildesheimer schilderte zuerst die große Bedeutung Palästinas für die jüdische und christliche Welt und erklärte, daß es gerade christliche Gelehrte waren, die sich in letzter Zeit am meisten um die Erforschung des heiligen Landes verdient gemacht haben. Aber auch die geographischen und agronomischen Verhältnisse seien vielen unserer Stammesgenosien und speciell unserer Jugend noch ganz unbekannt. Dann führte uns der Redner mit einer erstaunlichen Sachkenntniß durch die heiligen Stätten, über die Hügel und Ebenen, über die Trümmer und Ruinen, die noch heute einen mächtigen Beweis für die jüdische Cultur bilden. Sehr eingehend schilderte Doctor Hildesheimer die jüdischen Ackerbau-Colonien. Siebenundzwanzig Dörfer sind es, die wie aus dem Boden hervorgezaubert von Hunderten jüdischen Familien bewohnt werden und mit ihrem Weinbau, den Oliven- und Maulbeer-Bäumen ein schönes Merkmal jüdischen Fleißes bilden. Bei den meisten Colonien führte der Redner auch eingehende Details über die Ansiedlerzahl, den Umfang und den Anbau an. Galiläa. M e t u l l e: 900 Hektar, 52 Familien, Getreide und Tabak. I e s s u d : 365 Hektar, 30 Familien. Mischmar: 450 Hektar, 27 Familien. Rosch Pinah: 700 Hektar, 70 Familien. Ain ez Zetun: 450 Hektar. P e k i n i n: Getreide. M e r o n: Olivenbäume. Machnajim: 550 Hektar, 16 Familien. Bei dieser jüngsten Colonie, die erst in letzter Zeit vom Tarnower Colonisationsverein „Ahavas Zion" gegründet wurde, lobte Redner besonders die energische Thätigkeit des Vereinsleiters Doctor Salz, der sich um die Gründung verdient gemacht hat. S a m a r i n. Sichron Jacob: 2000 Hektar, 200 Familien. Chedere: 2700 Hektar, Wein, Getreide, Obst. Pethach Tikrah: 1360 Hektar, 100 Familien. Eine Million Weinreben. I u d a e a. Rischon le Zion: 900 Hektar, 90 Familien 20.000 Maulbeer-, Orangen-, Nuß-, Apfel-, Esrogim- und Mandelbäume. WLdi et Canun: 136 Hektar, Wein, Fruchtbäume. Die Bienenzucht (100 Stöcke) gibt einen Ertrag von 4000 Mark. Ekron: 400 Hektar, Getreide, und zwar Weizen, Gerste, Mais. 16.000 Fruchtbäume. K a t r a: 270 Hektar Getreide, etwas Wein und Fruchtbäume. R e ch o r o t h (bei Ramteh): 955 Hektar, zumeist Weinbau. K a st i n e h oder B e e r T o b i a h erst vor zwei Jahren vom deutschen Colonisationsverbande Esra begründet: 640 Hektar, 3000 Mark Ertrag. In Rischon befindet sich ein Kelter mit allen neuesten technischen Einrichtungen, in welchem 35.000 Hektoliter Wein jährlich gekeltert werden. Eine neue Industrie, die sich in den Colonien entwickelt, ist die Fabrikation von Rosenöl, das jetzt schon einen um 50 Percent höheren Preis erzielt als die rumänischen und bulgarischen Fabrikate. Der Redner fand allgemeine Zustimmung, als er seinen äußerst belehrenden Vortrag, der den meisten Anwesenden eine ganz neue Welt erschloß, mit den Worten beendete: „In Jerusalem, der Stadt der Städte, die Lust der Welt genannt, ertönt heute der Pfiff der Locomotive. Neues Leben blüht aus den Ruinen, und das Morgenroth einer besseren Zeit steigt empor über dem Tempelberge Moriah. Gesegnet sei der Wandel der Zeit. Nirgends tritt er lebendiger zu Tage, als an den Stätten, die der jüdische Fleiß in Gärten umgewandelt. 27 jüdische Dörfer blühen und gedeihen, und wenn bei der Begeisterung für die Colonisation Palästinas einst die Frage aufgeworfen werden konnte, ob nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist, ob die Eignung Palästinas für den Betrieb der Landwirthschast und die Eignung der Juden dafür ein Phantom sei, so ist heute auch der letzte Rest von Zweifel gebannt, ist die Probe gemacht worden in einer kurzen Spanne Zeit. Auch eine oft ausgesprochene Befürchtung ist beseitigt worden. Ist es wirklich wahr, daß die jüdischen Bauern Palästinas in ihrem Leben oder Eigenthum gefährdet find? Kein Unbefangener wird irgend ein Geschehniß anzuführen vermögen, der zu der Bejahung dieser Frage ernsthaft berechtigt. In allen Tonarten wurde die Lügenanklage erhoben, daß dem Juden Eignung und Neigung zum landwirthschaftlichen Betriebe fehle, daß ihm das mühelose Jagen, nach Gewinn eigenthümlich ist. Da sind jüdische Bauern Palästinas, die auf fremder Erde zu fremder Arbeit verpflichtet in der kurzen Spanne Zeit gelernt haben, mit vollendeter Meisterschaft die Pflugschar zu führen, wackere Pionniere ihrer und unserer eigenen Ehre, und darum haben sie ein Anrecht auf die Förderung uno Mithilfe eines Jeden, der sich die Empfindung und den Stolz bewahrt hat für die Ehre unseres Stammes. Wenn es wahr ist, daß in einem östlichen Reiche Millionen unserer Brüder unter tausendfachem Jammer seufzen und daß in der nordöstlichsten Provinz Oesterreichs das Elend hereinzubrechen droht und hereingebrochen ist, dann bleibt es im Vordergründe des jüdischen Interesses, Mittel und Wege zu finden, um den Heimatlosen eine Heimat und den Hungernden Brot zu bereiten, dann müssen alle jüdischen Herzen das Verlangen fühlen, mitzuwirkeu, daß die Verfolgten und Geächteten an der Mutterbrust unseres Mutterlandes Schutz und Zuflucht finden, Heimat und Erwerb nach der Nacht der Armuth. (Beifall.) Wie ein Donnerruf tönt die Mahnung über den Erdball, immer lauter und lauter antwortet der Widerhall thatverheißender Bruderliebe und wenn ich dazu beigetragen haben sollte, auch in den Mauern dieser Stadt die Begeisterung zu entflammen, (Zwischenrufe der Zionisten: Das ist schon früher geschehen!), mitzuwirken an dem Werke der Bruderliebe, dann werde ich die Stunde segnen, in welcher es mir gegönnt war, hier sprechen zu dürfen über die jüdischen Colonien in Palästina. (Lebhafter anhaltender Beifall, der Vortragende wird von allen Seiten beglückwünscht). Das Hildesheimer-Banket. Nach dem fast zweistündigen Bortrage begab sich der Vorstand des „Politischen Volksvereines" mit seinem Ehrengäste