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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-21 · 16 (21.4.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
16 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Bloch's Wochenschrift» Seite 305 Eine jüdische Negerbevölkerung. In einem soeben erschienenen amerikanischen Buche über Cuba, Puerto-Rico und die anderen Inseln von West-Indien widmet der Verfasser auch der vorläufig noch unter englischer Herrschaft stehenden Insel Jamaika eine besonders sympathische Würdigung. Nicht weniger auffallend als die natürlichen Schönheiten der Insel, deren Name aus dem Indianischen übersetzt „Insel der Quellen" bedeutet, ist nach ihm der allgemeine Respect für Ordnung und Gesetz, der in ganz Jamaika zu bemerken ist. Nirgends wird der Reisende von jener Angst vor Uebertretung irgend eines ihm unbekannten Gesetzes gepeinigt, welche ihm in Cuba keine Ruhe läßt, nirgends hat er das Gefühl, belauert zu werden, wie in Puerto-Rico, den Verdacht, eine fremde Hand in seiner Tasche zu fühlen, wie in Mexico, oder die Furcht vor Ansteckung, die jeden Schritt in Martinique, Santo - Domingo und Haiti so peinlich macht. Der Fremde findet eine achtungsvolle gastfreundliche Aufnahme, die Insel wird physisch und moralisch rein gehalten, Diebe werden eingesperrt und angesteckte Kranke isolirt. — Der geringste Neger wie der reichste Pflanzer fühlen sich beschützt. Jamaika soll geradezu ein Muster jener außerordentlichen Colonisationskunst sein, in der England sich von jeher so sehr ausgezeichnet hat. Natürlich konnte der amerikanische Forschungsreisende daselbst, geradeso wie auf allen Punkten des Erdballes, unsere Glaubensgenossen antreffen. Aber in welcher Gestalt? Es gibt außer Kington und Port Antoni noch einige Marktflecken, wo die Schwarzen sich an gewissen Tagen zusammendrängen, um ihr Obst und ihren Jam (was wir Powidl nennen würden) zu verkaufen und ihre bescheidenen Einkäufe in den Läden zu machen, welche gewöhnlich von irgend einem kohlschwarzen Levi oder lederbraunen Jsaaksohn gehalten werden. Hebräische Namen erscheinen auf allen Aushängeschildern der Landkrämereien, und unser Gewährsmann konnte nicht umhin, einige Ueberraschung zu empfinden, wenn er nach dem Eigenthümer fragte, von dem er natürlich erwartete, daß er von jüdischem Typus sei und in dem er nun einen Sohn Timbuktus zu erkennen glaubte. Wie das gekommen ist? Alle alten Familien Jamaikas, auch die reichsten und angesehensten, sind afrikanischen Ursprunges. Natürlich konnten die Einwanderer aller Confessionen auf die Dauer keine Bedenken dagegen haben, sich mit ihnen zu verbinden. So haben auch die Juden, welche die mercantile Classe der Insel bildeten, sich Jahrhunderte hindurch mit der Negerbevölkerung vermischt. Die Nachkommen derselben bilden die Händler, aus denen sich jedoch bereits viele emporgearbeitet haben und in ihren Reihen Kaufleute und Angehörige der liberalen Berufe einschließen, die jedem Lande Ehre machen würden. Die meisten Juden scheinen von Minorca gekommen zu sein, sind also spanischer Herkunft. Da die Christen vonJamaika ganz die Gewohnheiten des fleißigen Kirchenbesuches und die werkthätige Bibelfestigkeit angenommen haben, welche das Product des englischen Sonntags sind, so sind auch die Juden in dieser englischen Colonie, wie in Großbritannien selbst, fromm und den Gebräuchen ihrer Vorfahren ergeben. Ihre Zahl dürfte auf nicht weniger als 50.000 zu schätzen sein. Es wäre nicht uninteressant, aus dem Lande selbst Einiges über ihr Befinden unter englischer Herrschaft zu erfahren. Politischer Volksverein. Bor trag des Seminarprofessors Herrn Dr. Hirsch Hildesheimer aus Berlin über das Thema: „Jüdische Colonisation in Palästina". Seit den zwei noch lange unvergeßlichen Lazarus- Abenden, welche der Politische Volksverein genau vor zwei Jahren mit glücklichstem Erfolge inscenirte, hatten wir über keine jüdische Veranstaltung zu berichten, die so glänzend und, wie uns scheinen will, so reich an Wirkungen und Ergebnissen verlaufen wäre, wie die am 13. d. M. stattgehabte Plenarversammlung desselben Vereines, in welcher Herr Dr. Hirsch Hildesheimer aus Berlin im großen Festsaale des „Hotel Continental" seinen Vortrag über das Eingangs bezeichnte Thema hielt und welchem ein in seinen Kundgebungen sehr bedeutsames Festbanket im Restaurant Khuner sich anschloß. Der geräumige Saal des „Hotel Continental" war zur festgesetzten Stunde von einer überaus zahlreich erschienenen Zuhörerschaft, in welcher wir hervorragende Mitglieder aus allen Gesellschaftskreisen bemerkten, überfüllt und bot durch die Anwesenheit ungewöhnlich vieler Damen einen festlichen, erfreulichen Anblick. Präcise 8 Uhr betrat der Vorsitzende, Herr Dr. F i a l l a als Präsident des Politischen Volksvereines, die Tribüne und eröffnete die Versammlung mit der nachfolgenden, höchst eindrucksvoll gehaltenen, zunächst dem Andenken der verewigten Frau Baronin Clara Hirsch gewidmeten Ansprache: „Hochgeehrte Versammlung! Bevor wir uns dem Thema des heutigen Abends zuwenden, sei es mir gestattet, einer Regung des Herzens und der Pflicht zu entsprechen, die in den letzten Tagen überall dort nach Ausdruck ringt, wo unsere Glaubens- und Stammesgenossen in größerer Anzahl sich zusammenfinden. Dem unerforschlichen Walten der Vorsehung uns beugend, ließen wir die Kunde von dem Dahinscheiden der B a r o n i n Clara Hirsch in unser Herz dringen und hatten wohl Alle das Gefühl, als ob plötzlich eine Sonne erloschen wäre, die nicht blos der Judenheit, sondern allen leidenden Menschenkindern leuchtete. Und wahrlich INoch niemals undnirgends, seitdem und wo immer die Blüthe der Wohlthätigkeit in der Menschen Herzen aufgegangen, hat sie dermaßen überreiche und unvergängliche, so segensvolle und edle Früchte getragen — in bisher unerreichtem Maße mit weiser Wahl und hohem Zielbewußtsein ausgestreut über beide Hemisphären, über alle meerumgürteten Gestade. Wie vielgestaltig auch die Formen und Verhältnisse seien, in welchen des Lebens Leid und Nothdurft uns Menschen heimsucht, — keine Erscheinung, kein Geschlecht, keine Altersgrenze ist zu verzeichnen, die nicht ihrer großherzigen, schier unbegrenzten, für alle Zeiten nachwirkenden Hilfe theilhaft geworden wäre. Die schmerzensreiche Mutter, die inmitten von Noth und Entbehrung den ersten Schrei ihres Kindes vernimmt, welches soeben das Lebenslicht erblickte; das Heranwachsende Kind, der Kleidung, des Unterrichtes, der Erziehung ermangelnd, dem selbst die Mittel der Ernährung nur dürftig zugemessen sind; der gereifte Jüngling, einer unsicheren Zukunft, ja der sicheren Erwerbslosigkeit preisgegeben; zahllose schiffbrüchige Existenzen, denen im Augenblicke des drohenden Unterganges d^e rettende Hand sich darbot; der lebensmüde, arbeitsmatte Greis, der für feines Daseins Rest aus den Schicksalskämpfen nur Elend und Hoffnungslosigkeit heimzubringen vermochte: — sie Alle, Alle finden Zuflucht, Schutz und Labsal in den unvergänglichen Schöpfungen der Nächstenliebe, die von diesem universellen Centrum ausgegangen, gefördert und für alle Zukunft gesichert wurden. — insoweit dies Eines Menschen erhabener Sinn und seine selbst unermeßlichen Bermögensschätze zu bewirken vermögen. Und weit hinaus über die individuelle Noth versuchte ihr und ihres unvergeßlichen Gatten großes Herz die Leiden und Drangsale ihres ganzen Stammes, unseres Stammes, helfend zu umspannen, und diese historische That ist es, die ihren Namen in die Geschichte des Judent h u m s, wie ihre souveräne Wohlthätigkeit ihn in die Culturgeschichte der Menschheit unvergänglich eingeprägt hat. Wo und wann immer von den lichtumflossenen Frauengestalten der Bibel gesprochen werden wird, kann fortan auch der Name jener unsterblichen Frau nicht fehlen, aus deren goldenem Herzen sich ein unversiegbarer Goldstrom über die leidende Menschheit ergoß, und die, selbst tief gebeugt von grausamen Schicksalen, ihre Versöhnung mit dem Leben in der rastlosen Milderung fremden Unglückes suchte und fand. So ehren wir denn das Andenken dieser ewig vorbildlichen Erscheinung, die, ach, nicht mehr unter den Lebenden wandelt, in andachtsvoller Pietät, indem wir uns von unseren Sitzen erheben und ohne Hochmulh, aber mit gerechter Genugthuung uns sagen: „de n n s i e w a r u n s e r!" Nachdem die Versammlung tief ergriffen dieser Aufforderung entsprochen hatte, und nach dem Beifallsstürme, der sich unwillkürlich aus dem Empfinden aller Anwesenden loslöste, fuhr der Vorsitzende, Herr Dr. F i a l l a, fort:

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