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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-21 · 16 (21.4.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
16 (21.4.1899)
Date
1899-04-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 304 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 abwendig zu machen. Und es wurde da erzählt, daß der ehrenwerthe Herr in Galizien selbstverständlich nicht als Antisemit, sondern als liberaler Judenfreund auftrete. Der Ehrenmann nun, welcher das Ableben seines Chefs benützte, um sich durch den Ruin der Witwe zu bereichern, das ist der Schützling Bergan i's, und diese Witwe war es, um die sich Dr. Bloch in der uneigennützigsten Weise angenommen hat. Daß Abgeordneter Pater Scheicher einer jüdischen Witwe nicht in gleicher Weise helfend beigesprungen wäre, glauben wir recht sehr. V e r g a n i hat also seiner „Sache" einen schlechten Dienst erwiesen, indem er eine Geschichte erzählt, in welcher ein christlich-socialer Parteimann eine so traurige Rolle spielt. Was schmutzige Geschichten aus dem Leben antisemitischer Parteihäuptlinge betrifft, so ist bekanntlich die Biographie des Ernst Vergani überreich daran. Aus jener Zeit, in welcher V e rg a n i sein Unternehmen von den Unterstützungen seiner Parteigenoffen fristete, denen er nunmehr mit Anmaßung entgegentritt, erzählt die „Arbeiter-Zeitung" Folgendes: „In jenen vergangenen Tagen der Roth hatte ein Mann, dessen Name vorläufig unerwähnt bleiben möge, Vergani Tausende von Gulden zur Verfügung gestellt. Wie es nun schon manchmal in des Schicksals Launen liegt, verarmte der damals wohlhabende Gönner, und sein Günstling wurde reich. Als B e r ga n i seinen „Antisemiteuhof" ankaufte, schloß er endlich mit dem erwähnten Gläubiger einen Vergleich, mittelst dessen er sich verpflichtete, das erhattene Capital in monatlichen kleinen Raten zurückzuzahlen, selbstredend ohne Verzinsung. Die letzte dieser Raten wird beiläufig nach sieben Jahren fällig werden. Der Gönner B e r g a n i's gerieth aber vor ungefähr einem Jahre, also zu jener Zeit, wo der reich gewordene Herausgeber des „Deutschen Volksblattes" bereits ein zweites Haus in der Hundsthurmerstraße käuflich an sich gebracht hatte, in Verlegenheit und ersuchte seinen „guten Freund Ernst", er möge ihm 1000 fl. seines Guthabens ausbezahlen. Vergani that dies, aber er läßt sich die Summe mit fünf Percent verzinsen, das heißt, er, der das Capital zinsenfrei genießt und es schon längst per Heller und Pfennig hätte bezahlen können, läßt sich vom Besitzer dieses Capitals noch separate Zinsen vergüten. Es gibt ein deutsches Wort, welches in den Spalten des „Deutschen Volksblattes" sehr häufig gebraucht wird, wenn es sich um Geldverleiher israelitischer Confession handelt und welches zur Charakterisirung dieses Vorgehens mit weit mehr Berechtigung angewendet werden kann." Niedergang des Antisemitismus in Sachsen. Mit der antisemitischen Partei — so wird dem „Vorwärts" aus Dresden geschrieben — geht es in Sachsen immer schneller bergab; das kommt vor allem im Stande der antisemittschen Presse zum Ausdruck. Das in Dresden erscheinende Organ „Die Wacht" hat im verflossenen Jahre wieder einen Geschäftsverlust von 186.938 Mk. bei einem Actiencapital von 239.400 Mk. zu verzeichnen. Das reine Vermögen ist bis auf reichlich 52.000 Mk. zusammengeschrumpft. Und das, trotzdem an Gehältern, Redactionskvsten rc. bis aufs Aeußerste gegen früher gespart worden ist. Der Abonnentenschwund ist seit drei Jahren chronisch, die Abonnementsgelder sind von 65.000 Mk. auf 49.000 Mk. gefallen. Bei Umwandlung des Unternehmens in eine Actiengesellschaft sind seiner Zeit den Acttonären goldene Berge versprochen worden. Man hat nun zwar beschloffen, noch eine Weile fortzuwursteln. Nach Lage der Sache ist das Eingehen der „Wacht" aber nur noch eine Frage kurzer Zeit. Damit haben dann die Anttsemiten als Partei völlig abgedankt Eine Stimme aus Rußland. Petersburg. Der bekannte russisch e Jurist und Präsident des deutschen Caffationshofes in Petersburg, Senator I. Sakrewskij, publicirt in den „Petersburgskija Wjedomosti" einen längeren Artikel über die gegenwärtigen Strömungen in Frankreich, welcher in Rußland viel besprochen wird. Senator Sakrewskij wendete sich gegen die antisemitischen und chauvinistischen Tendenzen, unter deren Zeichen Regierung und Gesellschaft in Frankreich stehen, und erblickt darin eine große Gefahr für Wohlfahrt Frankreichs. Sakrewskij schreibt: „Die Dreyfus- Sache habe gezeigt, wie schädlich und gefährlich es ist, die Gerechtigkeit im Namen der angeblichen Staatsraison, vermengt mit antisemitischen und chauvinistischen Tendenzen, zu knebeln. Mit Verletzung der wesentlichsten Formen und Normen der Justizführung ist Dreyfus verurtheilt worden, und nun will man diese Ungerechtigkeit damit bemänteln, daß die Staatsraison die Rehabilitrirung des Unschuldigen nicht zulasse. Für einen Juden dürfe es keine Gerechtigkeit geben, lallen die Antisemiten und die Chauvinisten, und die Menge schenkt allen von dieser Seite ausgestreuten Lügen, von einem angeblichen jüdischen Syndicat u. s. w., vollen Glauben. Die Dreyfus-Geschichte beweist, wie gefährlich es ist, die Grundsätze der Civilisation zu verleugnen, um den Nationalisten, Antisemiten und jenen Pseudo- Patrioten zu folgen, welche, um ihre geistige Armuth und moralische Werthlosigkeit zu verhüllen, gegen die andersgläubigen Elemente im Staate Hetzen, Racenhaß predigen und Wirren entfesseln, die dem Staate und der bestehenden Ordnung tiefe Wunden schlagen müßten." Paris. In der philologischen Schule des Louvre zu Paris legte vor Kurzem ein höchst interessanter Candidat die Prüfung in semitischer Philologie ab, wobei er als These das Buch Daniel behandelte. Der Candidat, Herr G a l l 6, war noch vor einigen Jahren Bäckergeselle, der in seinen freien Stunden in Büchern und alten Scharteken herumstöberte. Seine Kameraden machten sich über diesen Bücherwurm lustig, allein Gallö ließ sich nicht einschüchtern, sondern fitzte seine Studien mit solcher Beharrlichkeit fort, daß Professor Ledrain keinen Augenblick zögerte, ihn unter seine Zuhörer aufzunehmen, als er sich ihm vorstellte. Die unerschütterliche Ausdauer des jungen Mannes machte auf Professor Ledrain einen tiefen Eindruck, und zwischen Lehrer und Hörer entspann sich nach und nach ein freundschaftlicher Verkehr. Dank den Verbindungen Ledrain's gelang es dem jungen Manne, seine Studien fortzusetzen und sie durch die Prüfung abzufchließen. Galle hatte also zum Gegenstände seiner These das Buch Daniel gewählt und es vom philologischen Standpunkte aus sehr eingehend und erschöpfend erörtert. Die Prüfungscommission konnte ihm das erwünschte Diplom mit Auszeichnung verleihen. Der christliche Bezirkshauptmann und der jüdische Barbier. Lemberg, 17. April. Den hiesigen polnischen Blättern wird aus S t a ni s l a u über folgenden scandalösen Proceß berichtet : Das Bezirksgericht in Nadworna verurtheilte den Ortsbarbier Wolf Blau wegen Beleidigung des Nadwornaer Bezirkshauptmannes Ladislaus H a l e c k i zu der ungewöhnlich strengen A r r e ststrafe von zwei Monaten. Infolge der Berufung des Verurtheilten hat das Stanislauer Kreisgericht als Appell-Instanz nachstehendes Erkennntniß gefällt: Mit Rücksicht auf den vollständig erbrachten WahrheitsbeweiswirdBarbier Wolf Blau von der Anklage wegen Verleumdung (§§ 488 und 492 St.- G B), angeblich begangen an der Person des Bezirkshauptmanues Halecki, freigesprochen. Von dem Angeklagten sei dem genannten Bezirkshauptmanne vorgeworfen worden, daß derselbe ihm fünf Jahre hindurch für Frisiren und Rasiren nichts gezahlt habe. Als der Barbier schließlich auf Entlohnung drang und sich weigerte, den Bezirkshauptmann weiterhin unentgeltlich zu frisiren und zu rasiren, habe ihm der Bezirkshauptmann gedroht, er werde ihn durch Steuerdruck und andere Mittel zn Grunde richten. Der Bezirkshauptmann habe auch seinem untergebenen Personal und dem von ihm abhängigen Publicum verboten, die Dienste des von ihm angefeindeten Barbiers in Anspruch zu nehmen. Er habe in halbamtlicher Form dem Bezirksarzte untersagt, Wolf Blau bei chirurgischen Operationen als Aushilfsorgan beizuziehen. Er habe die Steuer-Referenten und die Mitglieder der Steuer-Commission veranlaßt, dem Wolf Blau eine zehnmal höhere Erwerb st euer als die gebührende zu bemessen. Wiewohl dieses unrechtmäßige Steuermaß von der Finanz-Landesbehörde rectificirt wurde, habe der Bezirkshauptmann den betreffenden Bescheid monatelang zurückgehalten, um inzwischen die Einhebung der von ihm durchgesetzten übermäßig hohen Steuer durch widerrechtliche Pfändung der unentbehrlichsten Hausgeräthe und Betten des Barbiers zu verfügen, und er habe sich, wie es zum Schluffe heißt, überhaupt aus unlauteren Motiven einen M i ßbrauchderAmtsgewaltzu Schulden kommen lassen. Hier haben wir ein Schulbeispiel, in welcher Art die Polen von den schlimmen Juden in Galizien ausgebeutet werden.

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