Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021293--08766-3033161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Rr. 15 Wr. »loch', Wochenschrift Gelte 399 Schule und im Bethause erging es mir nicht besser. Ich wurde von allen Leuten gerissen, gestoßen und gezwickt. Man verstand damals nicht, mit Kindern umzugehen. Spielschulen. Fröbel'sche Gärten waren noch unbekannt. Die älteren Bürger unseres Städtchens, die meinen Eltern zeigen wollten, daß sie mich gern haben, pflegten sich mit mir auf folgende Weise zu unterhalten: „Sag' mir, weß' Vater bist Du?" Sie wollten mich in einem verkehrten Talmud lesen lassen oder verstopften mir mit einer Prise Tabak die Nasenflügel und während ich kaum athmen konnte, hielten sie sich ihre Seiten vor Lachen. Zum Glück wurde ich mit Binke bekannt, oder eigentlich war er es, der meine Freundschaft und Bekanntschaft suchte. Binke war der Einzige in der Stadt, der Kinder lieb gewann und sie zärtlich liebkoste. Darum waren auch ihm die Kinder zugethan. Binke spielte mit uns, wie wenn er selbst ein Kind wäre, er sprang mit uns herum, tanzte, wälzte sich im Sand und war entzückt über alle unsere kindischen Einfälle und Späße. Er pflegte uns sehr oft Geschenke zu machen, er schnitzte uns geschmackvolle Spielereien aus Papier oder Holz oder flocht sie aus Weidenruthen. Oft steckte er uns auch Süßigkeiten zu. Aber was uns an Binke fesselte, waren seine wunderbaren, phantasiereichen und merkwürdigen Geschichten, seine Fabeln und Legenden, die er so süß und so sanft zu erzählen verstand, wie ich es in meinem Leben noch nie gehört und noch nie gelesen hatte. Seine Erzählungen waren ganz eigenartig, aber auch höchst interessant und wenn wir, unsere Augen starr auf seine Lippen gerichtet, seinen Worten lauschten, da vergaßen wir an Alles, an das Essen und Trinken und an die ganze Außenwelt. Er wußte Alles beim richtigen Namen zu nennen; oft genügte ihm ein Wort, um einen ganzen Menschen zu charakterisiren. Seine Schilderungen waren voll Leben, Witz und Geist, wahre Kunstwerke der Sprache. Es wußte Niemand, woher Binke stammte und wo er geboren war. Manche hielten ihn für einen Bastard, dessen Abkunft nur den bösen Geistern bekannt war; Andere meinten, Binke sei von großem Jichuth*). Binke selbst sprach nie von sich und von seiner Abstammung. Er hörte gleichgiltig zu. was Andere darüber sagten, und nur manchmal lächelte er bitter. Viele wollten wissen, Binke habe zehn Frauen gehabt, von denen er geschieden sei; es gab aber auch solche, die Gift darauf nehmen wollten, er sei noch ledig. Die Wahrheit konnte Niemand erfahren und selbst die Schlauesten versuchten es vergebens, ihm ein Bekenntniß zu entlocken. Seine Seele hatte einen ganz besonderen Mechanismus, zu dem unsere Seelenmechaniker keinen Schlüssel zupafsen konnten. Binke wollte nie auf die Frage Rede und Antwort stehen: wer er sei, ob verheiratet oder verwitwet, ob geschieden oder ledig. Und nur, wenn er bei guter Laune war, da Pflegte er Wundergeschichten zu erzählen von einer schönen Prinzessin, die ihm ihr Herz schenkte und die er rasend liebte. Da wurde er nicht müde, ihr Bild bis ins kleinste Detail zn malen, ihre funkelnden Augen, ihre rothen Sammtlippen, ihre pechschwarzen Haare und ihre schneeweißen Hände. Wenn unsere Stadtbürger diese Schilderung hörten, da Pflegten sie sich umzudrehen, dreimal auszuspucken und zu sagen: „Alle bösen Träume auf Binke, des Dibeks Haupt. Was der Verrückte Alles zusammenplauscht. Es kann Einem schlecht werden." Binke blieb nie dauernd in einer Stadt, nie schlief er zweimal auf demselben Lager. Ruhe- und rastlos wanderte er stets umher, er schien Etwas zu suchen, Etwas zu verfolgen, oder richtiger, er wollte entlaufen, davongehen. Es schien ihn Etwas zu drücken, zu beunruhigen, und er wollte es bekämpfen, beschwichtigen, betäuben. Heute war er hier und morgen dort, und überall war er wie zu Hause oder eigentlich er war überall fremd, er'war nirgends zu Hause; Binke hatte kein Heim. Binke war naiv wie ein Kind und doch schlau und durchtrieben; er war ein scharfer und tiefer Beobachter. Hielt die Welt Jemanden für »klug", so gab sich Binke Mühe, zu beweisen, daß der Mann dumm sei und mit ihm die ganze Gesellschaft; hielt man Jemanden für „fromm", so zeigte es uns Binke klar, daß er ein Sünder sei; genoß Jemand das allgemeine Vertrauen, so daß ihm Witwen und Waisen ihr Vermögen zur Verwaltung übergaben, dann trug es Binke auf die große Glocke, daß der Mann des Vertrauens unwürdig sei und die Gelder unterschlagen werde. Binke hatte vor Niemandem Respect, vor Niemandem Furcht. Unabhängig, frei wie ein Vogel sprach und that er, was er wollte, wie er Lust hatte, nicht, wie er mußte, wie es die Gesellschaft verlangte. Ihm imponirten keine Autoritäten, nicht einmal der Rabbiner. Auch an diesem hatte er etwas auszusetzen. Nie fand er eine Partie passend. Wie kommt der zu Jener? Denn Binke kannte alle Familienverhältnisse und -Geheimnisse, alle menschlichen Schwächen und Fehler und so hielt Niemand vor seiner strengen Kritik Stand. Er verhöhnte die Reichen und verspottete die Armen; die „Aufgeklärten", die Halbgebildeten waren ihm ein Greuel; mit den Heuchlern, Parasiten, Jasagern führte er den Kampf bis aufs Messer. Eher wollte er Hungers sterben, eher wollte er erfrieren, als daß er am Tische der Reichen sitze und von ihnen Almosen empfange. Binke lebte von dem Erwerbe seiner Hände. Einen eigentlichen Beruf hatte er nicht; er verstand Alles. Er war Uhrmacher und Schlosser, Kunstschnitzer und Müller, und da fand er immer Beschäftigung, daß er so viel verdiente um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Seine Bedürfnisse waren sehr gering. Seine Kleidung war rein, wenn auch von eigener Fa^on. Binke wurde niemals alt, wenn sich auch die ältesten Bürger seiner erinnerten und zu erzählen wußten, daß er vor 30 Jahren ebenso ausgeschaut habe, wie heute. In den arbeitsfreien Stunden, da zog es ihn hinaus ins Freie, wo er Berg und Thal, Wiesen und Felder durchstreifte. Im Sommer war er schon zeitlich Früh auf den Beinen, um von der Spitze des Berges den Sonnenaufgang zu betrachten. Und es machte ihm stets eine Freude, wie wenn er ihn zum ersten Male sehen würde. Dann setzte er sich ans Ufer des Baches, den starren Blick in die monoton rauschenden Wellen vertieft. Des Abends lockte ihn wiederum der Anblick des silbernen Vollmondes an. Kein Vogel, kein Eichhörnchen und kein Käfer im Wald waren ihm fremd, er kannte ihre Lebensweisen und ihre Gewohnheiten und Alles nicht etwa aus Büchern, sondern aus eigener Beobachtung. Er lebte nur für die Natur uno mit der Natur, so mächtig fühlte er sich zu ihr hingezogen. Unsere städtischen Philister konnten das nicht begreifen, und sie schrieben auch das dem bösen Geiste Binke's zu. Wie kann denn ein vernünftiger Mensch — ein Jude, den Wald aufsuchen, wie kann ein vernünftiger Mensch den Berg oder den Mond betrachten oder gar lauschen, wie die Vögel zwitschern und singen? Wird es Einem nicht lästig, so stundenlang die Natur zu betrachten? Nicht ein einziger unserer Bürger wußte, was das heißt, spaziren gehen oder aufs Land fahren. Sie wurden geboren und erzogen in diesen engen, unreinen Gassen, sie hatten gar nicht das Bedürfniß nach frischer Luft, nach dem klaren, reinen Himmel und nach der schönen Natur. Der Städter war noch Gegenstand des Neides für den Dorfbewohner, weil er in seiner Nähe eine Synagoge, ein rituelles Badhaus hatte, weil er doch zwischen Juden, zwischen Menschen lebte, ein jüdisches Wort hörte und im Monat Ellul alltäglich die Töne des Schofars vernehmen konnte. Man hielt in vollem Ernst Binke für verhext. Denn es konnte Niemandem einfallen, daß Binke Berg und Thal nur durchstreifte, weil er die Natur liebte. Was heißt denn die Natur lieben? Unsere Stadtväter wußten gar nicht einmal, wie man ein Mädchen oder gar eine Braut lieben konnte, wie konnten sie nur erst die todte Natur lieben? So war es bei ihnen ausgemacht, daß Binke im Walde mit den bösen Geistern und Hexen, deren Gevatter er sei, zusammenkomme. Man pflegte ihn daher auch oft zu kranken Pferden und Kühen zu rufen, damit er sie durch seine Sprüche heile. Und er heilte sie. Binke duldete nie, daß man einen Hund vergifte, daß man ein Pferd schlage und hetze, ja sogar die Katzen nahm er gegen Unrecht in Schutz. In der ganzen Stadt war er unter uns Juden der Einzige, der mit Hund oder Katze zu spielen pflegte, sie ohne Furcht koste und auf seinen Schoß nahm. Und wenn Binke einen Chasen*) oder das Spiel einer Geige hörte, da kannte seine Freude keine Grenzen. Chaim der Geiger hatte es ihm besonders angethan. Wenn er seiner Phantasie freien Lauf ließ und allerlei Weisen componirte, da saß Binke ernst, ruhig, verschlossen da und blickte starr vor sich hin. Binke schien in höheren Regionen zu schweben, und wenn er sah, daß die Anderen nicht mit derselben Aufmerksamkeit lauschten, dann nannte er sie Narren. „Ihr Narren, was versteht Ihr denn *) Jüdischer Adel. *) Kantor.