Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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6ette 300 Vr. Bloch'« Wochenschrift Nr. 15 vom Talente Chaim's? Seine Geige spricht wie ein Mensch, sie rührt und reißt unsere Seele fort; unser ganzes Innere erweckt sie zum Leben. Wißl's Ihr denn, wie viel Kraft, wie viel Zauber in Chaim's Geige steckt?" Chaim der Geiger war auch der Einzige, den Binke achtete und verehrte. Nur zu ihm sagte Binke Rabbi, denn selbst den Rabbiner nannte er nur beim bloßen Namen. Binke's Gewohnheit, über Alles zu raisoniren, Alles zu verhöhnen, Alles zu verspotten, setzte bald keinen Menschen mehr in Erstaunen. „Was ist denn daran besonders, was der Wahnsinnige spricht" — bemerkten sie, und Binke war auch nichts daran gelegen, irgendwie Zustimmung zu finden. Was die Welt denkt, sagt, thut, daran lag ihm nichts, und wiewohl Niemand den Worten Binke's irgendwelches Gewicht beilegte, wiewohl man ihm kein Gehör schenkte, so lebten doch seine Lieder, Geschichten, Anekdoten, Parabeln, Beispiele und Sprüchwörter in Aller Mund als ,geflügelte Worte". Sie bilden den ganzen geistigen Schatz von Tausenden und abermals Tausenden Menschen. Binke sprach nur jüdisch, andere Sprachen hatte er nie gelernt. Aber sein Jargon war so biegsam und so reich an Bildern, daß er für alle Begriffe die entsprechenden Worte hatte, für alle Nuancen seiner Gedanken die nothwendigen Ausdrücke, Sein Jargon war geradezu ein aus der Tiefe der Volksseele gehobener Schatz, durch und durch jüdisch, volkstümlich, jeder Uebersetzung unzugänglich. Jedes Wort war scharf, spitzig, prägnant, ein Pfeil — und wenn er wollte, so hatte sein Wort auch zwei Seiten wie eine Münze. Man konnte es verwenden, wie man wollte. Wenn unsere Spießer die lebhaften, farbenreichen Schilderungen Binke's hörten, da zuckten sie mit den Achseln und sagten: „Der böse Geist spricht aus ihm". Denn sie konnten nicht begreifen, wieso ein klarer Mensch mit gesundem Verstand so schön sprechen könne. „Was liegt denn daran, wie jenes Weib aussieht, was für eine Nase, was für einen Blick, was für eine Taille sie hat — pflegen sie zu sagen, — Weib ist Weib." Aber wenn Binke ein Weib schilderte, dann wurde es vor Aller Augen lebendig und die Zuhörer pflegten auszuspucken und fortzugehen. Jedes Ereigniß, jeder Vorfall bot Binke den Stoff zu einem Lied oder zu einem Gedicht, das bald Jedermann sang oder sagte. Aber Binke arbeitete daran nicht wie ein moderner Poet, er schrieb nie etwas nieder, sondern improvisirte seine Lieder und Gedichte leicht, ohne zu schreiben und zu streichen, ohne die Stirn zu runzeln und den Rythmus zu schmieden. Seine Lieder entstanden in einem Augenblick der Begeisterung und verbreiteten sich gleich im Volk ohne Binke's Willen und Wissen, ohne daß man auch später erfuhr, wer ihr Verfasser war. Denn Binke lag an seiner Autorschaft sehr wenig. Er schuf nicht, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, denn er hatte keinen; Binke verlangte auch nie für seine Dichtung Geld, denn er brauchte es nicht und beneidete auch Niemanden darum. Wie hätte er denn auch gelacht, wenn ihm Jemand gesagt hätte, daß er seine Lieder, Sprichwörter, Anekdoten mit Geld bewerthe. Er wußte ja selbst nicht, wie sie entstanden. Sie kamen von selbst, wenn fein Herz voll war, weil er das Bedürfniß hatte, seine inneren Gefühle in Worte zu kleiden. Darum betrachtete er sie auch nicht als sein Eigenthum. Sie gehörten Allen. Ohne Studium der Psychologie besaß Binke doch eine tiefe Kennttnß der jüdischen Volksseele; ohne die Geschichte zu kennen, hing er mit allen Fasern an der Vergangenheit des Judenthums. Binke war ein lebendiges Band zwischen allen Städten, die er durchwandert hatte. Wohin er kam, wurde er von den Kindern freudig begrüßt. Alles wurde um ihn lebendig, lustig, Alle kannten ihn und er sie. Ihm entschuldigte man Alles. Es fand sich Keiner, der ihm grollte, denn sie wußten, daß nicht Binke so spreche, handle, denke, dichte, erzähle, schildere, sondern nur der „Dibek". Binke allein sei ein ruhiger, weicher, gutmüthiger Mensch. * * * Binke ist nicht tobt, er ist noch heute irgendwo da, aber wo er hinkam, weiß Keiner, und Keiner wollte es wissen. Die Einen sagten, die Thiere im Walde hätten ihn zerrissen, die Andern meinten, er hätte sich ertränkt .... Briefkasten. Ein Pflegling des israelitischen Altersversorgungshauses. Wir nehmen gerne zur Kenntniß, daß die Pfleglinge der Anstalt so zufrieden sind, und daß der Verwalter, Herr Rudolf Koditschek, und seine Frau ihrem Amte mit solchem Pflichteifer Nachkommen. K. in Wien. Herr S. Fried m a n n hat in Döbling, Hauptstraße 37, eine Koscher-Restauration eröffnet. Eine alte Abonnentin. Anonyme Zuschriften werden nicht beantwortet. M. G—nn. Es kennzeichnet die „Deutsche Zeitung" hinlänglich, daß sie, seitdem die christlich-socialen Parteiführer an allen Ecken für sie „schnorren", an Gemeinheit des Tones mit dem Verganiblatt erfolgreich concurrirt, und das will etwas sagen. Dr. H. B—n. Der Artikel im „P. L." über den Tempelbau in Budapest war aus der Feder Ludwig H e w e s i's. Advocaturscanditat. Aus Libau in Mähren erhalten wir die Mittheilung, daß der dortige Advocat Dr. Siegfried P o l l a k im Juni d. I. in eine andere Stadt übersiedelt. Vielleicht wäre es für ihn Zweckmäßig, sich in Libau zu etabliren. „Nemo". Von den Hunderttausenden, die Baronin Hirsch dem Magistrate der Stadt Wien zur Vertheilung an Arme ohne Unterschied der Eonfession zur Verfügung stellte, dürsten, wie wir fürchten, die Juden beiläufig so viel bekommen, als dem antisemitischen Grundsätze entspricht: „Die Juden haben alles Geld." H. B. Sie haben ganz recht. Dieser Zerboni di Spos e t t i, der zu den Vätern des Wiener Antisemitismus zählt, war nebenbei auch ein Defraudant. Das sind schließlich zwei Eigenschaften, die sich sehr gut miteinander vertragen. Benno H. Schon Spinoza hat in seiner Ethik den Gedanken ausgesprochen: „Es erhellt, daß die Menschen von Natur zu Haß und Neid geneigt sind und die Erziehung befördert dies, denn die Eltern Pflegen die Kinder durch die Reizmittel der Ehre und des Neides anzuhalten. H. B— nn. Die Geschichte, die Luther in seinen Tischgesprächen von dem Juden Abraham berichtet, der in Rom zum Christenthum übertrat, nachdem er dort die Sitten der Geistlichen kennen gelernt, ist schon in Boccaccio's Dekamerone enthalten. Nur citirt Luther seine Quelle nickt. L. Der brave Jacques Vahar bekommt einen Verweis als Verwarnung; man erwartet ihn mit Zuversicht in Canossa. 21. L. Der Mechaniker Schneider wurde von seinem intimen Freunde Lueger selbst als eine Art Lebewesen charakterisirt, das für gewöhnlich an der Kelte gehalten und nur in großen Fällen „losgelassen" werden sollte. Ilona M. Diese ebenso schöne als fromme und gelehrte Jüdin hieß Sarah Copia Süll am. V. H. Alles, was Dr. P a t t a i in dem Prozesse sagte, enthält eine zermalmende Verurtheilung des Herrn P u r s ch t. Warum hat sich auch P u r s ch t seinerzeit von Dr. P o r z e r und nicht von Dr. Pattai vertheidigen lassen? H. B. G r e g o r i g hat bis heute noch nicht gegen die „Freien Lehrerstimmen", die die fürchterlichsten Beschuldigungen gegen ihn erheben, die Ehrenbeleidigungsklage erhoben. Er muß wohl am besten wissen, weshalb er sich mit schweigender — Klage begnügt. I. ' B. Die „Ostdeutsche Rundschau" erzählt von einem frommen Linzer Bäuerlein, das in einer W e ch s e l st u b e erschien und fragte: „Was kostet ein Los — von Rom". Beiläufig auf dieser Höhe des Verständnisses befinden sich die meisten Antisemiten betreffs der Judenfrage. M. R. Wygoda. Sie müssen einen speciellen Anlaß benützen, um über das Wirken des Vereines zu sprechen. Literatur. 8!^ol»v Sehlomim. Die Vorschriften über das Schächten und die Untersuchung der Lunge. In katechetischer Form zusammengestellt von R. I a k o b Beck weil. Rabbinatsprofessor in Leipnik. Neu heraüsgegeben, durch Zusätze ergänzt und mit einer deutschen Bearbeitung versehen von Dr. S. G r o n e m a n n, Landrabbiner zu Hannover. Nebst einer neuen Bearbeitung der Vorschriften über das Entadern und einem die neueren Verhältnisse behandelnden Anhang. Frankfurt am Main. Verlag von A. I. Hofmann 1899. Vorstehendes Werk ist längst als vorzügliches Hilfsbuch für Schächter anerkannt. Durch die neue Bearbeitung, mit welcher Herr Landesrabbiner Dr. Grone mann in Hannover sich ein bleibendes Verdienst erworben hat, hat das Werk an Brauchbarkeit nach vielen Richtungen gewonnen. Auch die Ausstattung ist eine vorzügliche, so daß wir das Werk allen Cultusbeamten auf das Wärmste empfehlen können. 2 Stück starke Stellagen» schön gestrichen, billig zu verkaufen. Auskunft in der Erped. des Blattes. Herausgeber: Dr. Josef S. Bloch. — Verantwortlicher Redacteur: Robert Wolf. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VIII.