Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 298 Dr. Vloch'» Wochenschrift Nr. 15 Verdienste im Kriegsjahre 1866 wurde er vom Kaiser durch das goldene Verdienstkreuz mit der Krone ausgezeichnet. Das Leichenbegängniß fand am 12. d. M., Nachmittags 3 Uhr, in Prerau statt. Prag, 6. April. Der Minister für Cultus und Unterricht hat den Beschluß des betreffenden Profefforencollegiums auf Zulassung des Dr. Moritz W i n t e r n i tz als Privatdocenten für indo-arische Philologie und allgemeine Völkerkunde an der philosophischen Facultät in Prag bestätigt. Prag. Der rührige Weinberger Tempelgesangverein brachte am Sonntag Nachmittags Mendelssohn's bedeutendstes Oratorium „Elias" unter der Leitung des Chordirigenten Tau s si g im Weinberger Tempel zu würdiger Aufführung. Das zur Mitwirkung herangezogene Orchester des deutschen Theaters, der trefflich geschulte Tempelchor, der Orgelspieler K o h o u t und die Solisten wetteiferten, um die großen Schönheiten des Werkes zur Geltung zu bringen. Herr D o b s ch, besten Baß seinen edlen Klang in voller Schönheit bewahrt und das leidige Tremolo fast gänzlich verloren hat, sang den „Elias" kunst- und empfindungsvoll, und auch die Damen Ruzek, Nagel und Reich und Herr L a u b n e r trafen ganz vorzüglich den ernsten, gemeffenen Stil des Oratoriums. Der Erfolg des Concertes war, obwohl er sich nicht in hörbarem Beifall ausdrücken konnte, doch sichtlich ein tiefgehender und wird dem Vereine sicherlich ein Ansporn zu weiterer Kinstlerischer Thätigkeit sein. Brünn. (Wohlthätigkeitsact.) Die am 22. October v. I. in Brünn verstorbene Frau Johanna Rosenthal, Witwe nach dem am 11. Februar 1893 einem Mordattentate zum Opfer gefallenen Fabriksbesitzer Herrn Max R o s e n t h a l, hat in ihren letzwilligen Verfügungen einen Betrag von 150.000 fl. zur Errichtung eines israelitischen Armenhauses gewidmet und überdies angeordnet, daß der nach Bestreitung aller Auslagen und namhafter Legate, für ihre Verwandten erübrigende Betrag des Nachlaßvermögens „für wohlthätige Zwecke" verwendet werde. Die bezüglich der Auslegung der letzterwähnten, strittigen Anordnung und bezüglich der Festsetzung des für diese Zwecke verfügbaren Capitals zwischen den gesetzlichen Erben einerseits und der k. k. mährisch-schlesischen Finanz - Procurator in Vertretung der wohlthätigen Zwecke andererseits bei der Finanz-Procuratur durch eine volle Woche geführten Verhandlungen sind nunmehr zum Abschlüsse gelangt. Auf Grund derselben wurde seitens der k. k. mährisch-schlesischen Finanz - Procuratur im Einverständnisse mit den gesetzlichen Erben und nach eingeholter ministerieller Genehmigung — abgesehen von dem zur Errichtung des Armenhauses gewidmeten Betrage von 150.000 fl. — der Betrag von 5000 fl. zur Erfüllung der oben erwähnten erblasserischen Anordnung mehreren Wohlthätigkeitsvereinen, beziehungsweise wohlthätigen Institutionen zugewendet. Budapest. (Vereins-Jubiläu m.) Der „Leutschauer Chewra-Kadischa"-Verein beging jüngst das Jubiläum seines viertelhundertjährigen Bestandes, aus welchem Anlasse der Vereins-Secretär Nathan Weiß die von ihm verfaßte Geschichte des Vereines vortrug. Effegg. (Hugo Kästenbaum-Stiftu ng.) Zum Andenken an ihren frühzeitig verstorbenen Sohn Hugo hat Frau Therese Kästenbaum unter dem Titel „Hugo Kästenbaumsches Legat" 500 fl. dem Vorstande der Cultusgemeinde mit der Bestimmung übergeben, daß alljährlich am 9. April, als dem Todestage des Hugo K ä st e n b a u m, das Seelenlicht zu brennen habe und die Zinsen des kapitales alljährlich einem kranken jungen Manne oder an ein krankes Mädchen mosaischer Confessio» auszufolgen sind. Taruopol Das Cultuspräsidium veranstaltete am Begräbnißtage der Frau Baronin Hirsch im Tempel der hiesigen israelitischen Hauptschule eine Trauerandacht, welcher die ganze Schuljugend und der Lehrkörper beiwohnte. Nach dem üblichen Choralgesange des 91. Psalm hielt Oberlehrer Herr Philipp Lieblich einen warmen Nachruf, in welchem er das Wirken der dahingeschiedenen Baronin und ihres Gemals schilderte. Darauf sang der Chor das „El mole rachmim". Zborow (Galizien). Am 9. d. M., Vormittags, fand in der hiesigen Synagoge eine Trauerandacht für Baronin Clara v. H i r s ch-G e r e u t h statt, zu welcher zahlreiche Theilnehmer aus allen Schichten der Bevölkerung erschienen waren. Nach Absingung eines Chorals durch die Schüler der hiesigen Baron Hirsch-Stiftungsschule hielt der Leiter derselben, Herr Isidor G e z e l t, der Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf, ierauf ergriff der Lehrer derselben Schule, Herr Juda a b i n e r, das Wort Vnd schilderte den unersetzlichen Verlust, den die Menschheit durch den Tod dieser Wohlthäterin erlitten habe. Nach Verrichtung eines Gebetes für das Seelenheil der Verblichenen wurde die ergreifende Feier geschlossen. Während des Gottesdienstes waren sämmtliche Geschäfte gesperrt und in den Straßen brannten die Laternen. Krakau. (Verlobung.) Herr Dr. Marcell Lauterbach hat sich mit Fräulein Helene Wechsler, Tochter des Landes- und Gerichtsadvocaten Dr. Moritz Wechsler in Krakau, verlobt. Kassel. Ueber den Militärdienst der jüdischen Seminaristen hat das Bezirkscommando I in Kassel auf die Anfrage eines Zöglinges des dortigen jüdischen Lehrerseminars folgende Auskunft ertheilt: „Dem Einsender die Mittheilung, daß das jüdische Lehrerseminar mit den übrigen Seminaren die gleiche Berechtigung besitzt. Es käme also für Sie die Dienstzeit der Volksschullehrer (zehn Wochen und von 1900 ab ein Jahr) in Betracht. Jedoch ist es den Seminarabiturienten (nicht den im Amt befindlichen Volksschullehrern) freigestellt, schon jetzt ein Jahr mit der Waffe bei den Fahnen zu dienen." München. Bürgermeister v. B r u.n n e r widmete in öffentlicher Sitzung des Magistrates der am 1. April in Paris verstorbenen Baronin v. Hirsch, die bekanntlich eine Wöchnerinnenstiftung mit 1,200.000 Mark in München errichtet hat, einen warm empfundenen Nachruf. Das Plenum erhob sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen. Feuilleton. Sinke, der Dibek. *) (Aus dem Leben.) Von N. Brainin. Die Häuser meiner Geburtsstadt waren alle in ihrem Aussehen fast gleich; sie hatten alle dieselbe Höhe, dieselbe Breite und dieselbe Fagade, wie wenn sie ein Baumeister nach einem Plan erbaut hätte. Wie die Häuser, so waren auch die Menschen einander ähnlich, wie wenn sie eine Mutter geboren hätte: gebückte, verdorrte, zusammengeschrumpfte Gestalten. Es bestanden keine Gegensätze zwischen Reich und Arm; der Arme brauchte nichts zu entbehren und der Reiche hatte nichts im Ueberfluß. Ihre Kleider, Wohnungen und Einrichtungsgegenstände hatten den gleichen Zuschnitt und dasselbe Aussehen. Auch die Vergnügungsorte waren Allen gleich zugänglich; selbst das Badehaus und das Beth Hamidrasch. Die Kinder besuchten dieselben Schulen und lernten bei denselben Lehrern. Der Reiche beeilte sich, seine Tochter an den Sohn des Schusters zu verheiraten, der ein gediegener Talmudist war, denn zwischen den Gelehrten und Umwissenden bestand keine gesellschaftliche Kluft. Alle waren sie Juden, Gotteskinder, Mitglieder des auserwählten Volkes. Mit einem Worte, Reich und Arm, die Großen und die Kleinen, sie lebten mit einander in Frieden und Eintracht. Und die sich heute stritten, söhnten sich morgen aus, um dann wieder zu zanken und aufs Neue Frieden zu schließen. Alle Classengegensätze waren da verschwunden. Dieselbe schmutzige Hebamme zog alle Neugeborenen ans Tageslicht und derselbe Schames **) der Chewra-Kadischa ***) bettete die Leichen zur Ruhe. Die grunzenden Thiercben, die den uneingefriedeten Gottesacker oft aufwühlten, verschonten ebensowenig das Grab des Rabbiners, wie des Bademeisters. Nur Einen gab es in der Stadt, der anders war. Man nannte ihn „Binke, den Dibek". Binke war ein origineller Mensch, aus ganz anderem Holze geschnitzt, als die Anderen. Er schien einer ganz anderen Welt, anzugehören. Man hielt ihn für wahnsinnig und glaubte, ein böser Geist fei es, der ihn leite und aus ihm spreche. Meine erste Bekanntschaft mit Binke machte ich als Kind, und ich will gleich gestehen, daß ich ihn sehr lieb gewonnen habe. Ich war ein lustiges, munteres, wildes Kind, hatte gern 'gu lachen, zu springen, zu toben, aber das zog mir von meiner Kindsfrau Verweise, Stöße, Prügel zu. Kaum sprach ich ein lautes Wort, so rief sie aus: „Das ist ein wilder, verhexter Geist und kein Kind, es betäubt mich und verbittert mir das Leben. Gott soll es behüten und beschützen!" In der *) „Unter dem Worte „Dibek" versteht die Volkssage einen bösen Geist, der in einen lebendigen Menschen „hineinfährt", sohin sein ganzes Wesen beherrscht und „aus ihm spricht." Anm. d. Ueb. **) Vereinsdiener. ***) Freiwilliger Leichenbestattungsverein.