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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 15 Wr. Bloch'» Wochrnschrist Seite 391 des idealsten Altruismus! Es gibt keine Judengemeinschaft, keine Judengemeinde, wäre sie noch so klein, in welcher nicht einige Wohlthätigkeitsanstalten ihre humanitäre Wirksamkeit zum Besten der armen Glaubensgenossen in erfolgreicher und rationeller Weise entfalten würden. Arme Wöchnerinnen werden in liebevoller Weise betraut und vor Noth bewahrt, Conficmanden armer Eltern werden reichlich beschenkt, armen Bräuten durch eine Beisteuer zur Mitgift die Eingehung einer Ehe ermöglicht, Kranke und Sieche unterstützt und versorgt, alten Leuten der Lebensabend verschönert und so die Menschenpflicht an den Mitmenschen von der Geburt bis zum Lebensende geübt. In besonders rühmlicher und erhebender Weise werden aber die Pflichten gegen die Todten erfüllt. Unsere frommen Brudervereine, die Chewra - Kadischas, welche sich zur Aufgabe machen, Kranke zu pflegen, denselben beim Hinscheiden beizustehen und die Gebräuche der Religion in uneigennütziger, selbstloser und aufopferungsvoller Weife an dem Verschiedenen zu verrichten, die in keiner, auch der kleinsten Gemeinde fehlen, sind wegen ihrer erfolgreichen Wirksamkeit allbekannt, mustergiltig und für andere Confessionen bahnbrechend. Wer Näheres über die Geschichte und Genesis der Chewra-Kadischas erfahren will, der lese den vorzüglichen Bortrag, welchen unser hochverehrter Seelsorger- Patriarch ad multos annos, Dr. Abraham Schmiedel, in der „Oesterr.-Jsrael. Union" jüngst gehalten hat.*) Die DevisedesJuden ist: homo sum et nihil humani a me alienum puto, sie wird es bleiben, so lange Juden existiren werden, und wir dürfen die Zuversicht nicht anfgeben, daß die hervorstechenden Eigenschaften des Herzens und des Gemüthes, der Sinn für Häuslichkeit, die Anhänglichkeit zum häuslichen Herd und der ideale Altruismus, der uns Alle beseelt, den Juden den hervorragenden Platz in der socialen Stellung wieder erobern werden, welche eine widersinnige momentane Strömung ihnen streitig macht. Eduard Beer. Aus der Berliner jüdischen Gemeinde. Berlin, 10. April. Es war wieder nichts. Als die Repräsentanten gestern zusammenkamen, um in verschwiegener Sitzung darüber zu befinden, ob gemäß dem Vorschläge des Vorstandes Herr Dr. Jacob aus Göttingen würdig sei, an fünfter oder sechster Stelle als Rabbiner an der Berliner jüdischen Gemeinde zu walten, da hatte Herr Dr. Jacob ihnen den üblen Streich ge-, spielt, seine Bewerbung zurückzuziehen, so daß sie ihn nicht einmal ablehnen konnten. Acht Tage vorher war Herr Dr. Jacob anderer Meinung gewesen, hatte er auf einer Antwort bestanden und, als man ihn auf die Möglichkeit eines Mißerfolges hinwies, so stolz, wie richtig geantwortet: er betrachte es nicht als eine Schande, die erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht zu erlangen. Was ihn zu einem Ansichtswechsel bestimmt hat, ist umso schwerer zu errathen, als seine Ablehnung keineswegs feststand. Die Conservativen hätten ihm gern ihre Stimmen gegeben. Was die Liberalen, deren Mann er eigentlich war, gegen ihn eingenommen hat, ist kaum zu sagen; eher schon, wer sie gegen ihn eingenommen hat. Es ist die alte Geschichte: on n’est jamais trahi que par les siens. Es soll sogar Rabbiner geben, die unter Umständen in einem Amtsbruder vor Allem den Concurrenten sehen und für den Ruf der eigenen „Bedeutung" Befürchtungen hegen, wenn sie dem lieben Nächsten eine ähnliche „Bedeutung" zuerkannt sehen. Daß solche oder ähnliche Erwägungen auch bei der Wahl eines conservativen Rabbiners mitsprechen, wird wenigstens erzählt. Möglicherweise sind diese Erzählungen blos daraus entstanden, daß man sich anders den vierjährigen Mißerfolg der Wahlversuche nicht erklären konnte. Der jüngste Bewerber, Herr Oberlandesrabbiner Dr. Mannheimer aus Oldenburg, ist als ein ernsthafter Bewerber aufzufassen. Er wird von den conservativen künftigen Collegen patronisict. Damit ist bewiesen, daß er nicht von erdrückender rabbinischer Gelehrsamkeit ist. Darin könnte man sich übrigens irren. In seiner Oldenburgischen Stellung hat er hinreichende freie Zeit gehabt, die Lücken auszufüllen, die das Hlldesheimer'sche Rabbiner-Seminar bei seiner Ausbildung etwa gelassen. Die Predigt, die er am vergangenen Samstag in der alten Sy ragoge gehalten, hat fast allgemein sehr gut gefallen. Nur mein Nachbar in der Synagoge war unzufrieden, als er so gar kein eifern¬ *) Wien 1899. Druck und Verlag von Weishut & Schwabe I , Nockhgasse 3. des Wort, sondern nur die weichliche Betonung vernahm, was die Parteien eint. Der temperamentvolle Herr hätte eine mehr intransigente Haltung lieber gesehen. „Noch ist er nicht gewählt, und schon sprüht er von Concessionen; brauchen wir uns dazu einen Hildesheimer'schen Bocher zu verschreiben?" Doch wie gesagt, das ist eine vereinzelte Stimme; Dr. Mannheimer ist ein ernsthafter Candidat. Nicht blos die conservativen künftigen Collegen patronisiren ihn, auch die Anderen thun es, die ihr conservatives Herz blos in schweren Wahlstürmen entdecken. Gäbe doch der Vorgang dieser Wahl Muth und Hoffnung, für den liberalen Rabbinerposten einen Schüler der Hochschule zu präsentiren, der noch nicht ganz ausgegohren, aber unzweifelhaft rednerisch begabt, jugendlich radical und ein Schüler Maybaum's ist. Es ist das der Rabbinatscandidat Warschauer, der nicht ohne Grund an den Paffahtagen als Aushilfsprediger in zwei Synagogen fungiren durfte. Doch das Alles schwebt noch in der Luft. Die Repräsentantenversammlung ist nicht mehr so gefüge und willenlos, wie sie gewesen. Gerade die neugewählten Liberalen zeigen Eifer und Energie. Wenn sie darin nicht erlahmen, so werden sie sich nicht täuschen, auch nicht weiter dilatorisch behandeln lassen.. Sie haben am Sonntag in der geheimen Sitzung, ohne einen Beschluß zu fassen, sich über die Beschäftigung und Vertheilung der Cantoren an die einzelnen Synagogen ausgesprochen und waren einstimmig darein^ die Cantoren in Zukunft nicht von Synagoge zu Synagoge wandern zu laffen, sondern ihren Functionen einen bestimmten Platz zuzuweisen. Die Consequenz, auch den Rabbinern eine bestimmte Kanzel zu geben, drängt sich ganz von selbst auf und ist unabweislich. Unsere Rabbiner werden sich darein finden müssen, daß sie aufhören, „Carronffelrabbiner" zu sein. Noch ist das Princip von der Repräsentantenvrrsammlung nicht ausgesprochen, aber es kann nicht ausbleib en, daß es geschieht. Zu guterletzt werden die Herren Rabbinnen selbst einsehen, daß damit ihrer Würde, ihrem Ansehen und ihrem Einfluß am besten gedient ist, daß sie seelsorgerisch zu wirken erst anfangen können, nachdem sie sich eine Gemeinde innerhalb der Gemeinde geschaffen, so daß sie von Sabbath zu Sabbath nicht mehr zu einer neugierigen, sondern zu einer andächtigen Hörerschaft predigend sprechen. Eine der trefflichsten Bereinigungen der hiesigen Gemeinde, der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, hat gestern in seiner 6. Generalversammlung den Etat für das beginnende Etatsjahr festgestellt. Der Verein hat jetzt 23 Schwestern in Thätigkeit, die fast unausgesetzt in Anspruch genommen sind. Die vortreffliche Bewährung der Schwestern steigert die Nachfrage nach ihrer Pflege in solchem Maße, daß nicht überall den Wünschen genügt werden kann, auch nicht denen der Vereinsmitglieder, die übrigens auf eine vorzugsweise Berücksichtigung ihrer Wünsche kein Anrecht haben. Zur Ausbildung für die Schwesterschaft haben sich im vergangenen Jahre 60 Mädchen gemeldet. Nur 13 wurden zur Probe angenommen und 7 davon haben sich bewährt. Man ersieht daraus, wie sorgfältig und streng die Auslese ist, und daraus erklärt sich auch, daß die ausgebildeten Pflegerinnen so ausgezeichnet sind. Im vergangenen Jahre haben die Pflegehonorare und die Verpflegunzsbeiträge für die für auswärtige Rechnung auszubildeuden Schülerinnen fämmtliche Kosten reichlich gedeckt, so daß die Mitgliederbeiträge unverkürzt, sogar mit einem kleinen Zuschläge dem eisernen Fonds zugeführt werden konnten, der damit eine Höhe von 73.000 Mark erreichte. Das scheint rechnerisch ein günstiges Resultat zu fein, ist es aber nicht. Bon den 5205 Pflegetagen, die im vergangenen Jahre geleistet wurden, waren 714 unentgeltlich, 825 zu ermäßigten Preisen. Der Wunsch des Vereines geht naturgemäß dahin, in diesen Zihlen eine Verschiebung nach der Richtung eintreten zu lassen, daß die unentgeltlichen Pflegen zunehmen, damit schwinden natürlich die Einnahmen des Vereines. Man könnte sich damit trösten, daß der Verein nicht mit Ueberschüssen zu arbeiten braucht. Das wäre aber ein Jrrthum. Der Verein übernimmt die Fürsorge fiir die Schwestern im Falle der zeitweiligen oder dauernden Invalidität. Das ist eine materielle Verpflichtung, für die eine entsprechende Capitalsrücklage geschaffen werden muß, nnd diese Rücklage muß steigen, erstens mit dem Alter der Schwester weil die Versorgungspflicht umso näher rückt, zweitens mit der Zahl der Schwestern. Sache der Versicherungstechniker ist es, die hier in Betracht kommenden Summen festzustellen. Die wackeren Männer und Frauen, die diesen jedes Lobes würdigen Verein ins Leben gerufen haben, werden sich beeifern, die Lücke auszufüllen, die

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