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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 288 Br. Vloch', »ochenschrifl Nr. 15 Raeenkunde. In der eben erschienenen Neuausgabe der Werke von Novalis findet sich folgender merkwürdige Ausspruch: „Es gibt drei Hauptmenschenracen: Wilde, civilisirte Barbaren, Europäer. Der Europäer ist so hoch über dem Deutschen, als dieser über dem Sachsen, der Sachse über dem Leipziger. Ueber ihm ist der Weltbürger. Alles Nationale, Temporelle, Locale, Individuelle, läßt sich universalisiren und so canonisiren und allgemein machen. Christus ist ein so veredelter Landsmann. Dieses individuelle Colorit des Universellen ist sein romantisirendes Element. So ist Jeder national und selbst der persönliche Gott ein romantisirtes Universum. Die Persönlichkeit ist das romantische Element des Jchs." Die Nachoder Exreffe. Nachod, 11. April. Die Nachoder Webereien beschäftigen ungefähr 3000 Arbeiter, bis auf zwei sind sie in jüdischen Händen. Vor vier Decennien gab es in Nachod nur wenige Handweber, einzelne jüdische Unternehmer begründeten Webereien in größerem Stile, und durch rastlose Thätigkeit und Energie wußten es gerade diese Juden, von denen an erster Stelle Jsaac M a u t h n e r und Hermann S. D o c t o r zu nennen sind, der Textilindustrie in Nachod ein Heim zu schaffen; die von ihnen errichteten Fabriken wurden ausgestaltet, neben ihnen erhoben sich neue, und heute genießen die Webereien Nachods einen weit über die Grenzen Oesterreichs reichenden Ruf. Dereinst armselige Ort, der Ende der Siebziger- Jahre kaum 3000 Einwohner zählte, hat sich heute zu einer Industrie-Stadt mit 10.000 Einwohnern aufgeschwungen, die jüdischen Fabrikanten haben an diesem Aufschwung hervorragenden Antheil genommen, und die Bedeutung der jüdischen Etablissements für die Stadt und für den Fiscus geht aus der Thatsache hervor, daß die jüdischen Steuerträger 64 Percent der von der ganzen Stadt zu tragenden Steuern decken. Die Prosperität Nachods, zu der die jüdischen Fabrikanten so viel beigetragen haben, ist nicht im Einklang mit dem Schutz und der Förderung, die dem mächtigsten Steuerfactor des durch Juden geschaffenen nordostböhmischen Jndustriecentrums durch die maßgebenden Kreise zutheil wurde. Das geht schon daraus hervor, daß Nachod bis heute noch keine Bezirkshauptmannschaft besitzt, daß die Amtsstunden des Post- und Telegraphenamtes noch bis heute nicht über 6 Uhr verlängert wurden, eine Einrichtung, die geradezu zum Hohn herausfordert. Für die berechtigtsten Interessen der Industriellen fehlte überhaupt geeigneten Ortes jedes Verständniß. Auch wurde bis heute der telephonische interurbane Verkehr — trotzdem alle Städte der Umgebung in demselben eingeschlossen sind — noch nicht bewerkstelligt. Es ist eine unumstößliche Thatsache, daß die Löhne in den jüdischen Webereien die besten sind, die in der ganzen Umgebung gezahlt werden, und die den Arbeitern beim letzten Ausstande gemachten Concessionen legen den Fabrikanten große Opfer aus. — Während ein christlicher Unternehmer im Vorjahre wegen allgemein schlechten Geschäftsganges die Arbeiter einfach entließ, blieben die Fabriken der jüdischen Arbeitgeber im Betriebe; während die jüdischen Fabrikanten beim letzten Streik Lohnerhöhungen eintreten ließen, erklärte einer der christlichen Fabriksherren, daß er eher die Fabrik sperren würde, ehe er irgend eine Concession mache. — Bei den Juden wurde gestreikt, bei den Christen, zu deren Abnehmer vorwiegend wieder Juden gehören, wurde sortgearbeitet. Eine einzige jüdische Firma — Jacob Pickerklärte sich außer Lage, die Forderungen der Arbeiter bewilligen zu können, ' und dauerte der Streik, der überall längst beigelegt worden war, bei ihr sieben Wochen. Dabei ist der charakteristische Umstand zu erwähnen, da die Streikenden auch von Juden Nachods unterstützt wurden, daß die so viel angefeindeten jüdischen Fabrikanten wiederholt namhafte Beträge für humanitäre, gemeinnützige Zwecke gespendet haben, daß auch Stiftungen zu socialpolitischen Zwecken von Juden gewidmet wurden. Wo bleiben die zwei christlichen Fabrikanten Kosnar & Wintera und Barton, die doch auch zu den „Ausbeutern" zählen, wenn es gilt, human zu sein? Die systematische Hetze gegen die jüdischen Fabrikanten Nachods, gegen die Juden, trug ihre Früchte. Wochen vorher befürchtete man den Ausbruch einer Revolte. Wochen vorher wurde geschürt und die Propaganda der That gepredigt, die Behörde selbst gab in ihren Communiques zu, daß gehetzt wurde, die Spatzen vom Dache pfiffen es, daß es losgehen werde gegen die Juden, nnd doch ließ man sich überraschen, ja man bestreitet officiell, daß Ausruhr und Plünderung vorbereitet waren. Die Plünderer waren erwiesenermaßen mit Körben ausgerüstet, man verhaftete Schlosser, die mit Einbruchswerkzeugen ausgerüstet au dem Raubzuge theilnahmen, in czechischen Zeitschriften war es zu lesen, auch der Social-Commiffion dürfte es bekanut. gewesen sein, daß es in Nachod zu etwas kommen werde, man blieb taub und blind, und die Sorglosigkeit der berufenen Factoren wird illustrirt durch die Thatsache, daß der Bezirkshauptmann von Neustadt-a. d. Mettau zur Zeit, als die Vorbereitungen zur Plünderung getroffen wurden, eine Erholungsreise antrat! Der Polizeirevisor kündigte die Ereignisse des Abends Vormittags an, und der Bezirkshauptmann trat eine — Erholungsreise au. Fünf Gendarmen ließ er zurück, fünf von einem harten Dienst Tag und Nacht in Anspruch genommene Gendarmen sollten Meuterer und Plünderer in Schach halten. So fieht's mit dem Schutze aus, der den jüdischen Fabrikanten Nachods, die für die Allgemeinheit, für die Stadt so viel geleistet, die Tausende von Existenzen erhalten zu Theil wird; und wie sieht's mit dem Schutze der jüdischen Kaufleute und Steuerträger aus, die — unschuldig zum Handkusse kamen? Unter Vorsitz des Präsidenten des Verbandes der Baumwoll-Jndustriellen Oesterreichs, Friedrich Freiherrn von Leitenberger, wurde in Anwesenheit zahlreicher NachoderJndustrieller eine Sitzung des Centralausschusses abgehalteu und nach längerer, eingehender Debatte einhellig folgende Resolution beschlossen: „Der Verband der Baumwoll-Jndustriellen Oesterreichs spricht angesichts der bekannten Nachoder anarchistischen Excesse. welche Eigenthum und Leben zahlreicher ruhiger Staatsbürger und Steuerträger in ei ne r unter heutigen Culturverhält nissen unerhörten Weise gefährdethaben und noch weiter gefährden, seine v o l l st e Entrüstung aus. Die Berichte glaubwürdiger Augen- und Ohrenzeugen haben leider erwiesen, daß diese tief bedauerlichen Excesse durch schwere Versäumnisse der Regierungsorgane, welche trotz rechtzeitiger Verständigung die nothwendigsten Sicherheitsvorkehrungen unterließen, mitverschuldet sind. Der Verband der Baumwollindustriellen Oesterreichs richtet daher namens einer der wichtigsten Industrien Oesterreichs an die Regierung die dringende Aufforderung, vorzusorgen: daß 1. die in folge Plünder int g undBeraubung schwer be nachtheiligten Bürger und Industriellen von Nachod und Umgebung seitens der Ersatzpflichtigen voll entschädigt, 2. derartige, eines geordneten Staatswesens unwürdige Ausschreitungen in Hinkunft von berufener und verantwortlicher Seite rechtzeitig verhindert werden." Weiters wurde beschlossen, aus gleichem Anlaß eine ausführliche Denkschrift an maßgebender Stelle deputativ zu überreichen. Gemeindebund der israelitischen Cullusgemeinden Böhmens. Gemeind etag, abgehalten am 19. März 1899. Der Vorsitzende, Herr Dr. Arnold R o s e n b a ch e r, begrüßt die Anwesenden und widmet den verstorbenen Ausschußmitgliedern Herrn Ignaz Roubitschek -Beraun und Herrn Dr. Salomon

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