Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 286 Dr. »loch', Wochrnschrifl Nr. 15 Worie zu hindern versucht hätte. Die „Selbsthilfe" war immer ein Mittel zur Beförderung des antisemitischen Parteiprogrammes, und man darf Herrn Leopold Steiner dankbar dafür sein, daß er den Charakter seiner Partei in so thörichter und unvorsichtiger Weise enthüllt und gebrandmarkt hat, indem' er die Juden für die Geltendmachung gesetzlicher Rechte mit der Verpflanzung Nachoder Gebräuche nach Wien bedroht. Wenn in einem Blatte angekündigt wird, daß wir nunmehr als ein Seüenstück von „Venedig in Wien" ein neues antisemitisches Vergnügungsetablissement in Wien bekommen, nämlich ein „Nachod in Wien", so ist das humorvoll und geistreich, aber nicht zutreffend. Der Stadt Wien, der schönen und herrlichen Mettopole Oesterreichs, wurde durch eine Rotte von Strebern und Speculanten der moralische und materielle Schaden zugefügt, daß sie zum Herde und Ausgangspunkte der antisemitischen Bewegung in der ganzen Monarchie geworden ist. Hier wird mit allen Mitteln der Verleumdung und der Bosheit der Haß gegen die Juden systemattsch gezüchtet, hier wird der „Ausbruch der Volksleidenschaften" vorbereitet, hier wird auf die „Selbsthilfe" hingearbeitet. Ob die Firma Pick in Nachod sich gegen ihre Arbeiter human benimmt oder sie vielleicht in unzulässiger Weife ausbeutet, ist durchaus nebensächlich. Die Profitgier und die Ausbeutung sind nicht jüdisch, sondern eine an kein Glaubensbekenntniß und an keine Nationalität gebundene Ausschreitung des Capitalismus. Wir kennen aus der wirthfchaftlichen Geschichte die schwersten socialen Krisen und Claffenkämpfe, die furchtbarste Ausbeutung der Armen und Elenden durch hartherzige Arbeitwucherer in Ländern und Städten, wo es keinen einzigen jüdischen Fabrikanten gegeben hat. Anttsemitische Bosheit sucht auch in diesem Falle in den Schuldigen nicht die sociale, sondern die confessionelle Ursache und Erscheinung. Die Nachoder Gebräuche brauchen nicht nach Wien verpflanzt zu werden; wir haben sie seit zwanzig Jahren, und die Ehre unserer Stadt hat wahrlich genug dadurch gelitten. Die Plünderung auf der Straße wird freilich nicht betrieben, aber sie wäre ja nur ein äußeres Symptom für die Stimmung, die man erzeugt. Die Grundsätze der Wiener Antisemiten sind in Galizien, wie in Nachod, einfach in die That umgesetzt worden, auf plumpe und unzweckmäßige Art. In Wien sucht man diese Grundsätze auf „gesetzlichem" Wege zu verwirklichen, und deswegen fürchten wir kein Nachod in Wien. Was sich in Böhmen abspielte, das war Wien in Nachod. * ch- * Der Hof- und Gerichtsadvocat und Mitglied des Reichsrathes Dr. Josef P o r z e r hält es für seine Aufgabe, die Entscheidung des Berwaltungsgerichtshofes in Sachen der Kirchenbausubventionen »ad absurdum« zu führen. Auf welche Art das geschehen soll, dafür hat Dr. Lueger bekanntlich vor seiner Abreise nach Rom die ihm paffend scheinenden Weisungen an die Partei erlassen. Alle Subventionen für humanitäre Zwecke sollen sistirt werden, und in der Gemeinderathssitzung am Freitag wurde mit diesem Vorgänge, für welchen aus dem Erkenntnisse des Verwaltungsgerichtshofes nicht die allergeringste sachliche Berechttgung abgeleitet werden kann, der Anfang gemacht. Herr Dr. P o r z e r hat da geradezu gegen sein eigenes besseres Wissen als Jurist gesprochen, und wir möchten wissen, was Herr Dr. P o r z e r dazu sagen würde, wenn öffentliche Functionäre cs für chre Aufgabe erklären würden, ein Erkenntniß des Reichsgerichtes, bei welchem Herr Dr. P o r z e r mitgewirkt hat, ad absurdum zu führen. Wenn ein Rechtsgelehrter so sehr jeden Mangel an Rechtsgesühl bekennt, ja wenn er geradezu den juristischen Anstand so weit verletzt, daß er sich dazu hergibt, gegen eine concrete Entscheidung der höchsten verwaltungsrechtlichen Instanz zu demonstriren. so ist es wirklich unbillig, von Heurigenschänkern mehr Feinfühligkeit und mehr Sinn für Recht und Gesetzlichkeit zu verlangen. In derselben Sitzung gab Herr Josef Strobach wieder eine Probe seiner Anmaßung und Tactlosigkeit, indem er als Vorsitzender einen oppositionellen Redner aufforderte, seinen „Bierschwefel" abzubrechen. Keine öffentliche Körperschaft in der civilisirten Welt würde eine so unerhörte und muthwillige Beleidigung eines Redners dulden. Die christlich-sociale Majorität im Rathhause hat freilich kein Berständniß dafür, welche Entwürdigung dem Gemeinderathe durch die Präsidentschaft eines Individuums von dem Bildungsgrade und dem Benehmen des Herrn S t r o b a ch zugefügt wird. Dieser Mensch protzt förmlich mit seiner Rohhett, als wäre er nicht Vice-Bürgermeister von Wien, sondern jener Gemeindewirth in Hetzendorf, der durch seine Umgangsformen so berühmt geworden ist. Vor seiner Abreise nach Rom hat Herr Dr. Lueger auch in einem antisemitischen Verein eine Rede gehalten, in welcher er die historische Nothwendigkeit des Sieges der christlich-socialen Partei auseinandersetzte. Ihr Untergang wäre, wenn man den Worten des Herrn Dr. Lueger glauben darf, gleichbedeutend mit dem Verfalle der abendländischenCultur. Zufällig glauben wir Herrn Dr. Lueger nichts und ist die abendländische Cultur von etwas älterem Datum, als ihre neuesten christlich-socialen Träger. An Herrn S t r o b a ch gemessen, stünde es allerdings traurig mit dem Werthe der abendländischen Cultur. * * * Der Weg zu Würden und Titeln ist mit alten Hosen gepflastert. Wenn ein ehrgeiziger jüdischer Kaufmann darnach strebt, Commercialrath zu werden, so hat ihm der Abgeordnete Troll das sicherste Mittel hiezu an die Hand gegeben. Herr Troll ist einer der erleuchtetsten Geister, über welche die antisemitische Partei verfügt; er ragt beinahe an Herrn Hawranek hinan. Wie jeder napoleonische Soldat den Marschallstab im Tornister hatte, sagt Herr Troll, so hat jeder Binkeljude den Commercialrath im Binkel. Man müsse daher diesen Leuten die Carriöre so früh als möglich abschneiden. Nur um volkswirthschaftlichen Jrrthümern vorzubeugen, möchten wir uns erlauben, Herrn Troll zu bemerken, daß die statistischen Nachweise mit seiner Ansicht nicht vollkommen übereinstimmen. Es gibt nämlich noch immer, obgleich alte Hosen einen wichtigen Handelsartikel bilden, viel mehr Binkeljuden als Commercialrätde, und das Berständniß für alte Hosen allein reicht erfahrungsgemäß noch nicht hin, um Commercialrath in Oesterreich zu werden. Hiezu bedarf es nebenbei noch vieljähriger Bethätigung im kaufmännischen Leben, commercieller Kenntnisse, welche über den Einblick in den Zusammenhang zwischen alten Hosen und dem übrigen wirthfchaftlichen Getriebe einigermaßen hinausreichen, und eines notorischen Ansehens in der Geschäftswelt. Viel bescheidener sind dagegen die Anforderungen, die man heutzutage an Leute stellt, welche die politische Carriere einschlagen. Zuweilen gelingt es dem bornirtesten Menschen, sich an die Oberfläche des öffentlichen Lebens zu drängen. So mancher Dummkopf ist schon Gemeinderath, ja sogar Landtagsabgeordneter und Reichsrathsabgeordneter geworden, vorausgesetzt, daß er zu antisemiteln versteht. Wir möchten aber daraus noch nicht die optimistische Behauptung ableiten, daß jeder bornirte Mensch auch schon ein Landtagsmandat im Gehirnkasten hat. Die Statistik schützt uns vor dem Fehler, der Prägung eines geflügelten Wortes zuliebe in Uebertreibungen zu verfallen. Die Menschen von beschränktem geistigen Horizont sind nämlich viel zahlreicher, als der kleine Kreis jener Persönlichkeiten, die bei uns im Vordergründe des politischen Lebens stehen. Das Verhältniß dürfte ungefähr dasselbe sein, wie das zwischen den Commercialräthen und den Binkeljuden, denen Herr Troll, wie wir ihm zu seiner Beruhigung mittheilen können, sehr mit Unrecht ihre glänzende Carriere mißgönnt. * * * Das „Deutsche Volksblatt" führt in einer Notiz die Wappensprüche jüdischer Adeliger an, um sich darüber lustig zu machen, daß die jüdische Finanzaristokratie so gerne die Arbeit als Quelle des Segens rühmt. Sehr sonderbar scheint Herrn Vergani namentlich der Wahlspruch eines bekannten Geldfürsten zu klingen: „Concordia, integritas, industria“. Noch der Uebersetzung im „Deutschen Volksblatt": Eintracht, Unbestechlichkeit, Fleiß. Allerdings mag es Vergani höchst lächerlich erscheinen, daß Einer sich anheischig macht, auf dem Wege der Unbestechlichkeit reich zu werden. Umgekehrt ist besser gefahren. Es würde uns interessiren, wie sich Vergani die Wappensprüche vorstellt, welche die antisemitischen Parteigrößen, falls sie die erwartete Carriere machen, wählen würden. Vielleicht finden nachstehende Vorschläge seinen Beifall. Ritter von Vergani: Gorrnptione et delraudatione. Dr. Freiherr von L n e g e r: Variatio deleetat. Edler von S t r 0 b a ch: Arrogantia, Ignorantia, Stupiditas. Dr. von Porzer: Gloria in expensis. Marquis von Bielohlawek: Horror iibrorum. Dr. von Mahner: Pauschalia refero. Conte de Purscht: Macula levis. Edler von Schneider: Nil talsi me alienum puto. Chevalier Mitterm ay er: Minima curat. Baron Greg orig: In separatione castitudo. RobertWolf.