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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 283 Die jüdische Armenpflege in London. Im December 1897 fand eine vonl Wiener Cnltusvorstande einberufene Enquete über die Armenpflege statt. Die Frauen und Männer, die hiezu als Experten geladen waren, dürfen wohl als die auf diesem Gebiete der Wohlthätigkeit Versirtesten betrachtet werden. Ein Experte, an dessen Person ich mich leider nicht mehr erinnern kann, erwähnte als Muster für einen angeführten Fall den Londoner „Board of guardians“. Alle Experten hörten aufmerksam zu. Nur die allerwenigsten wußten, daß es die größte j ü d i s ch e O r g a n i s ation des Armenwesens in der ganzen Welt sei, die er da nannte. Jenen, die an die abgehaltene Enquete nicht vergessen haben und an die ausstehenden Resultate derselben noch immer denken und dem Werke der Wohlthätigkeit dienen wollen — ihnen seien diese Betrachtungen gewidmet. Der vierzigste Jahresbericht des „Board of guardians for tlie relief of the jewish poors“, wie der volle Titel lautet, gibt mir dazu die Anregung. Wenn man das 119 Seiten starke Buch, das ein genaues Studium aller seiner Einzelheiten erfordert, aus der Hand legt, so hat man auch dann erst einen schwachen Begriff von der großen, ganz London umspannenden Organisation, die von Hunderten liebevoller, opferwilliger Menschen geleitet und überwacht wird, btzi der trotzdem Alles genau klappt, und die ganz durchdrungen ist von dem modernen socialpolitischen Gedanken: nicht Schnorrer zu züchten, sondern zur Selbsthilfe anzuregen und neue wirthschaftliche Existenzen zu schaffen. Zahllose Herren- und Damen-Comitos, die collegial berathen und beschließen, freiwillige Armenpfleger und Pflegerinnen, die die Noth an ihrer Quelle aufsuchen, „freiwillige Mitarbeiter", die für Lehrlinge Stellen ausfindig machen und sie dann beaufsichtigen, Sanitätsinspectoren, die dafür sorgen, daß die Wohnhäuser der Armen allen hygienischen und sanitären Anforderungen entsprechen, und dazu ein ganzer Stab von tüchtigen Beamten, das Ist der Apparat, mit dem dieser Verein arbeitet. Es ist nur ein Verein. Alle seine Mittel fließen lediglich aus Beiträgen, Spenden und Legaten, die entweder zur Deckung der lausenden Kosten oder als specielle Fonds dienen. In London gibt es eben noch einen jüdischen Wohlthätigkeitssinn. Wenn wir die zahllose Reihe der „sudsLriders^ überblicken, so überrascht die Menge von unbekannten Namen, die sich mit Beiträgen von 50 oder 100 Pfund Sterling einstellen. Die Jahresbeiträge allein machen 10.048 Pfund Sterling aus, die Jahrzeitspenden 606 Pfund Sterling, und dazu kommen noch allerhand Stiftungen, Zuschüsse zu den verschiedenen Fonds rc. Wie wäre es denn dem Vereine möglich, ein Jahresbudget von 44.091 Pfund Sterling, also ungefähr von einer halben Million Gulden, zu decken! Die Thätigkeit des Vereines besteht in: I. Gewährung von Unter st ützungen. Diese Unterstützungen sind verschiedenartiger Natur. Greise, Witwen, Waisen erhalten dauernde oder zeitweise Zuschüsse, Kranken werden Heilmittel zur Verfügung gestellt, zahlreiche Familien, die in London keine Existenz finden, werden in die Möglichkeit versetzt, auszuwandern oder in ihre Heimat zurückzukehren. 4402 Familien, bestehend aus 16.241 Personen, wurden im letzten Jahre diese Wohlthaten zu theil. Der Aufwand betrug 13.248 Pfund Sterling. Hievon erhielten dauernde Unterstützung 367 Familien. Auf jede entfiel wöchentlich ein Durchschnittsbetrag von 6 Schilling 1 */a Pence (3 fl. 67y2 kr.). 688 Familien wurden repatriirt, 26 nach englischen Provinzstädten, 259 nach' Amerika, Australien und Südafrika geschickt. Das kostete 2461 Pfund Sterling. Natürlich entfällt der größte Theil aller Unterstützungen ans die „Fremden" (foreigners). Das Geld wird jedoch lediglich von den Einheimischen beigesteuert. Wir finden trotzdem im ganzen Bericht kein einziges Wort der Klage über die Einwanderer. Geklagt wird lediglich darüber, daß noch immer viel zu wenig gespendet wird. Es soll aber Städte geben, wo es ganz anders ist. II. Gewährung von Darlehen. Die Darlehen werden nicht aus den einlaufendeu Spenden, sondern aus besonders von Privaten gestifteten Darlehensfonds gewährt. Im Jahre 1898 erhielten 1676 Gesuchsteller Darlehen im Betrage von 7L48 Pfund Sterling. Die Bewerber müssen jedoch eine gewisse Sicherstellung bieten. Nur der „Eleazarfond" im Betrage von 3000 Pfund Sterling dient lediglich für solche Gesuchssteller, die keine genügende Garantie aufweisen und darum aus Darlehen aus den anderen Fonds keinen Anspruch erheben können. Die Erfahrungen, die mit der Rückzahlung dieser Darlehen gemacht wurden, find ebenso günstig, wie in den anderen Fällen. Es wurden nämlich aus diesem Fond seit seiner Begründung im Jahre 1866 3099 Pfund Sterling entlehnt; bis heute wurden davon 2436 Pfund Sterling rückgezahlt. Im Ganzen wurden von den im Jahre 1898 entlehnten 7348 Pfund Sterling im Lause desselben Jahres 3263 Pfund Sterling, d. i. 447, Percent, zurückerstattet. Selbstverständlich ist die Höhe der Darlehen keine einheitliche. Sie betragen von 1—25 Pfund Sterling. Es überwiegen jedoch die Darlehen von 5 Pfund Sterling, denn wir finden sie in 68 t Fällen. Die Leitung der Darlehenscassa befindet sich in den Händen der Darlehenscomites. III. Ausbildung von Handwerkern. Das Jndustriecomits hat die Ausgabe, jüdische Knaben bei Handwerkern unterzubringen, ihre Ausbildung zu überwachen und ihnen, sobald diese vollendet ist, durch Anschaffung von Werkzeugen zur Selbstständigkeit zu verhelfen. Nicht weniger als 136 „visiting guardians“ (freiwillige Beschützer) stehen diesem Comite zur Seite. Ihre Aufgabe ist es, die Lehrlinge zu besuchen, deren Fortschritte zu controliren, Streitigkeiten mit den Meistern beizulegen u. dgl. Im letzten Jahre hat das Comits 230 neue Lehrlinge untergebracht, wodurch sich die Gesammtzahl seiner Schützlinge auf 679 erhöhte. Das Comito äußert sich sehr lobend über seine Erfahrungen mit diesem Material. „Es ist zweifellos — heißt es da —, daß aus den ärmeren Elasten der Juden ein ehrsamer, selbstbewußter und unabhängiger Handwerkerstand hervorgeht, der seinen reichen Brüdern nur zur Ehre gereichen und der würdig sein wird, den englischen Namen zu tragen." Diese Art der Vereinsthätigkeit ist gleichfalls mit großen Kosten verbunden. Blos die Unterbringung eines Lehrlings kostet durchschnittlich 15 Pfund Sterling. Dieser Betrag wird ihm nicht geschenkt, er muß ihn später zurückerstatten. Aber auch dafür bestehen Specialsonde im Gesammtbetrage von circa 5000 Pfund Sterling. IV. Arbeitshaus für Mädchen. Hier erlernen jüdische Mädchen nähen, sticken und allerlei Handarbeiten, und bekommen auch einen Theil des Reinerträgnisses ihrer Arbeiten. Das mit der Leitung betraute Damencomito beklagt sich jedoch über den noch immer zu geringen Besuch. Im letzten Jahre haben sich 46, ein Jahr früher 42 Mädchen gemeldet. Darum finden wir auch im Bericht folgende Aufforderung: „Es erübrigt nur noch, alle Jnteressirten im East-End, sowohl die Mädchen, die die Schulen verlassen, als auch ihre Eltern, auf die Vortheile des Arbeitshauses aufmerksam zu machen. Dann würden die Mädchen zweifellos diese Anstalt aufsuchen, die ihnen so viele Vortheile bietet in Bezug auf die Entlohnung und die gesunden Arbeitsverhältnisse."

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