Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 282 Dr. Bloch'» Wochenschrift Nr. 15 einige Kleinigkeiten zum Schein als Maaren mit sich führend, imLande herum, um die Mildthätigkeit ihrer Glaubensgenossen in Anspruch zu nehmen. Viele unter den jüdischen Hausirern sind gescheiterte Existenzen, die zum Hausirgewerbe als letzter Zuflucht gegriffen haben. Ein Czernowitzer, der bereits 25 Jahre mit Galanteriewaaren hausirt, erzählte, er sei Soldat gewesen und habe die Feldzüge im Jahre 1864 und 1866 mitgemacht, habe hierauf als Kinderlehrer (Belfer) sein Brot kümmerlich verdient und schließlich, als viele „Chederschulen" eingingen, Hausirer werden müffen. Ein Anderer war Polizeimann, ehe er zum Wandergewerbe griff, ein Zweiter Bedienter. Mehrere, die ehemals Geschäftsleute (Schnittwarenhändler, Greisler, Schänker) waren, gingen, nachdem sie Concurs gemacht oder sonstwie abgewirthschastet hatten, zum Hausirhandel über. Wieder Andere sind ehemalige Commis, die aus verschiedenen Gründen (Mangel an erforderlichem Capital, geringer kaufmännischer Bildung) zu einem selbstständigen Gewerbe nicht gelangen konnten und, da sie geheiratet hatten und eine Familie ernähren mußten, Hausirer wurden. Berhältnißmäßig glänzend gegenüber der eben geschilderten ist im Allgemeinen die ökonomische Lage der mit Galanteriewaaren, Schnittwaaren, Glas- und Porzellanwaaren, Stickereien u. dgl. hausirenden Slowaken, Siebenbürger, Dalmatiner und sonstiger fremder nichtisraelitischer Hausirer. Manche von ihnen besitzen daheim ein kleines Anwesen mit etlichen Grundstücken, 1—3 Joch, einzelne sogar 5 Joch und 1—2 Stück Kühe oder 1 Pferd oder 1—2 Stück Borstenvieh. Manche sind Häusler. Diese hausiren nicht das ganze Jahr, sondern meist nach Beendigung der Frühjahrs-Feldarbeiten und im Spätsommer nach der Ernte bis in den Spätherbst hinein und auch, jedoch seltener, im Winter." Herzzerreißend ist geradezu der Bericht aus Galizien, natürlich vorausgesetzt, daß der Leser selbst für den Hausirer, diesem Stiefkind der modernen Socialpolittk, ein Herz zu haben wagt. „Das Hausirwesen in größeren Städten", wird auf Sette 284 berichtet, „ist eher Bettelei als Geschäft zu nennen. Es sind dies schiffbrüchige Existenzen, oft mit körperlichen Gebrechen behaftet, welche im Hausiren einen Rettungsanker suchen, um doch auf das directe Anrufen der öffentlichen Mildthätigkeit und die Armenpflege nicht angewiesen zu sein. Ein solcher Hausirer erhält des Morgens Früh von irgend einem bekannten Detailisten Maaren (Teppiche, Taschentücher, Tischwäsche, Jägerhemden, Galanteriewaaren, Seifen, Zündhölzer u. s. w.) im Wenhe von 3—10 Gulden und hausirt damit den ganzen Tag. Abends wird abgerechnet und der unverkaufte Rest zurückerstattet. Der Umsatz ist ganz unbedeutend und dürfte der gewöhnliche Verdienst eines solchen Hausirers kaum die Höhe von 30 oder 40Kreuzer per Tag erreichen. Das Hausirwesen auf dem flachen Lande hat einen mehr geschäftsmäßigen Anstrich. Obwohl die Leute unterschiedslos sehr arm sind und die Höhe des Bruttoverdienstes je nach der bereisten Gegend zwischen 40—70 Kreuzern schwankt, wird doch nicht gebettelt, was aber eher durch die Furcht, im Falle der Betretung durch die Gendarmerie die Hausirlicenz zu verlieren, als durch zureichenden Geschäftsgang erwirtt wird. Ein Hausirgeschäft, welches nach Abzug der Kosten für Bequartirung (30 Kreuzer pro Tag) 4—5 Gulden per Woche abwirft, gilt als gut prosperirend. Die beste Saison ist von Juli bis zu den Weihnachtsfeiertagen. In Dörfern wird auch Waare creditirt und gegen Lebensmtttel, die zum Eigenconsum der Hausirer und seiner Familie fetten zum Verkauf bestimmt sind, vertauscht. Dieselbe Ortschaft wird einige Male jährlich besucht. Die meisten Hausirer sind verheiratet. Ihre Familien leben von den Unterstützungen des Hausvaters, von Lohndiensten, Knochen- und Hadersammeln und ähnlichen Arbeiten. Alle Hausirbetriebe hinterlassen den Eindruck der kümmerlich st en Existenz, welche im steten Kampfe mit Hunger und Elend aufgeht." Angesichts dieses Jammers, der von einer, wie bereits hervorgehoben, durchaus nicht hausirerfteundlichen Seite constattrt wird, kann der Menschenfreund die Frage gar nicht unterdrücken,.. wie sich in unserem socialpolitisch angehauchten Zeitalter immer wieder Leute finden, welche geneigt sind, diese Aermsten der Armen zu drangsaliren. Die Antwort wird von jedem Nichtkenner der Verhältnisse schleunigst gegeben. Man muß angeblich den seßhaften Handel gegen den Andrang der Hausirer schützen. Wie steht es nun mit dieser Bedrängniß des seßhaften Handels aufGrundder Ergebnisse des neuesten grundlegender! Werkes? Im Jahre 1862 betrug nach dem Generalberichte die Bevölkerung des cisleithanischen Oesterreichs 19 Millionen, die Zahl der seßhaften Händler 157.357 (0*83 Percent der Bevölkerung), die der Hausirer 12.805 (0°09 Percent der Bevölkerung). „Im Jahre 1890 zählte die Einwohnerschaft 23,708.000, die seßhaften Händler 310.518, die Hausirer 18.233 Köpfe, d. i. die ersteren 131 Percent, die letzteren 0'07 Percent der Bevölkerung. Von 1862 a u f 1890 hat eine relativ starke Vermehrung der feßhaftenHandelsbetriebe stattgefunden. Ob damit eineUebersetz ung im Kleinhändler st and besteht oder nicht, muß dahinge st ellt bleiben. Wir wissen hierüber nichts." So viel steht also jedenfalls fest: Die seßhaften Händler haben sich bis 1890 fast zu ihrer doppelten Zahl und zu einem 1'/,mal so starken Percentsatz vermehrt; dieHausirer sind percentuell zurück gegangen. Seit 1881 vermindert sich auch noch ihre relative Zahl (bis jetzt 16.784), weil die Behörde mit Hausirbewilligungen immer sparsamer vorgeht. Es ist also klar, daß die ansäßigen Händler nichtdurch dieHausirer, sondern durch die Vermehrung ihrer eigenen Zahl bedrängt werden. Andererseits constatirt der Generalbericht, daß es sich bei dem Bettiebe der Hausirer um einen Umsatz von mindestens 18 Millionen Gulden jährlich handelt. Gleichwohl sieht sich der Referent nach Mitteln um, wie man das Hausiren beschränken könnte. Ermuß zugeben, daß nach dem Berichte des st eirischen Referenten-das GrazerHausirverbot nur zu unbefugtem Hausiren geführt hat, daß ferner, nach dem Berichte des Krainer Gewerbe-Jnspectors, nach dem Berichte von Nordböhmen und vielen anderen Referaten das Hausiren für die Consumenten und für die Industrie absolut unentbehrlich iffc Trotzdem bleibt nach seiner Ansicht nichts übrig, als die Fortsetzung des Verfahrens, nach welchem neue Hausirscheine immer weniger ausgestellt werden, wobei zu Gunsten solcher Angehörigen jedes Ortes, welche zu keinem anderen Erwerbe tauglich sind, und zu Gunsten der Angehörigen bestimmter dürftiger Gegenden Ausnahmen zugelafsen werden. Läßt man aber diese Ausnahme zu, dann bleibt es wohl im Allgemeinen beim jetzigen Zustande, denn auch jetzt schon geht Niemand zu seinem Vergnügen hausiren. Auch jetzt schon sind die Hausirer vorwiegend die Angehörigen dürftiger Gegenden oder Leute, welche zu einem anderen Erwerbe unfähig sind. Und darin liegt eben die Frivolität, die unsägliche Herzlosigkeit der leider so modernen Hausirerverfolgung, daß man diese einfache Sache nicht sehen will. In anderen Staaten ist gerade die freie Colportage die volkstümlichste Form des Hausirens, die Rettung aller Rathlosen, die doch nicht betteln oder stehlen gehen wollen. Vollends in Oesterreich, wo der ' Befähigungsnachweis den Wechsel des Berufes so sehr erschwert, was soll da der Arme thun, der durch irgend einen Wechselfall des Schicksals aus seiner bisherigen Berufsstellung verdrängt wird? Das Alles würde man ohne viel Nachdenken von selbst einsehen, wenn es sich nicht um Juden handeln würde. Aber gerade da befindet man sich, tme übrigens uns längst bekannt war, in ein^m großen Jrrthm», und der neue Band des Vereines für Socialpolitik zeigt dies in augenfälliger Weise. Ueberall, in jeder einzelnen Provinz, sondern sich die Verhältnisse der jüdischen und der christlichen Hausirer; die Letzteren sind in einzelnen Bezirken (Krainer, Gottscheer, Slowaken) und in einzelnen Branchen (Verkäufer christlicher Devotionsartikel, Mandolettimänner, Teppichhausirer, Lebensmittel-, Gypsfiguren-, Gefrorenen-, Blumenhändler und -Händlerinnen) alleinherrschend, in den meisten Kronländern in der Mehrheit und besser situirt als ihre jüdischen Berufsgenossen. Man meint den Juden und trifft den Christen. Im westlichen Schlesien beispielsweise (Seite 268) sind die Hausirer der Regel nach Christen. Aber es nützt ihnen nichts, der Judenhaß ist ja nur eine Ausrede, ein Aushängeschild für den crassen Egoismus der seßhaften Händler. Und mit dieser beschränkten Zahl von beschränken Menschen hat Niemand den Muth, ein offenes Wort zu sprechen!