Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr« 15 ■ BlOCh S Jahrgang XVI. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -j B. ft. Poflsparcaffen-Amt iCIe art ngvrrkrhr i -*- J Wien, 14. April 1899. *=---^ Brsugsprei» für Sesterrrich: j Halbjährig 4 fl. — 8 Jtt. | Nr. 810.976. -->>» -» 1- - Einzelexemplare 25 kr. Lednrtion und Administration.- Wien Et-, Untere Augarlenfir. la. | Telephon-Nr. 6539. Erscheint jeden Freitag. ststr'W Ausland: halbjährig 5 fl. 10 £t. -->»»—M«—""*4-— Brief-Adresse: Wien, H., Untere Augartenstraße 1 a. ganzjährig 10 » — 20 „ Anzeigen: Die4mal gespaltene Petit,eile 12 »r. « — - - - K Telegramm-Adresse: Vloch's Wochenschrift, Wien. I k-» Inhalt. Leitartikel: Der Verein für Socialpolitik und die Hausirerfrage. — Die jüdische Armenpflege in London. — Zum Prospekte der jüdischen Colonialbank. — Ernst Schneider als Untersuchungsrichter. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Eine Protestversammlung. Der Eid der Inden. Sabbath und Feiertage — und die Markttage. Heinrich Leo. Racenkunde. — Die Nachoder Excesse. — Gemeindebund der israelitischen Cultusgemeinden Böhmens. — Von Cavalieren abgelegte Kleider. — Aus der Berliner jüdischen Gemeinde. — Ein Sammler und seine Collection. — Correspondenzen: Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde, Wien, Straßnitz, Budapest, Berlin, Paris, Petersburg, Canada, New-Aork, Kloodbyne. — Vermischtes: Wien, Ollersdors, Proßnitz, Neubydzow, Preßburg, Graz, Prerau, Prag, Brünn, Budapest, Essegg, Tarnopol, Zborow, Krakau, Kassel, München. — Feuilleton: Binke, der Divek. — Briefkasten. — Literatur. Der Verein für Sorialpolitik und die Haustrerfrage. Der Ausschuß des Vereines für Socialpolitik hat vor drei Jahren beschlossen, Untersuchungen über Betriebsweise und Bedeutung des Hausirgewerbes anzustellen, und zu diesem Zwecke eine Commission eingesetzt, die das Arbeitsprogramm aufgestellt hat. Das Ziel seiner Arbeit stellt der Verein mit folgenden Worten dar: „Bei dem Hin- und Herwogen der Meinungen über die Zulässigkeit des Hausirgewerbes und die ihm zu ziehenden Schranken kommt es darauf an, Thatsachen festzustellen, die ein sicheres Urtheil über dasselbe erlauben, und die erhobenen Klagen ins rechte Licht zu rücken. Es gibt Ortschaften, in denen die Einwohner vorzugsweise durch Hausirbetrieb sich erhalten; es gibt Industriezweige, die auf einem anderen Wege kaum genügenden Absatz finden, und es gibt Gegenden, die ohne die Hausirer in Verlegenheit um die Befriedigung gewisser Theile ihres hauswirthschaftlichen Bedarfes wären. Diese Zustände, über die man in der Literatur theils nur veraltete, theils gar keine Nachrichten trifft, eingehend zu ermitteln, ist der Wunsch des Vereines für Socialpolitik." Es handelt sich also hier um eine strenge objective Untersuchung, die noch dazu von einem Vereine ausgeht, der durchaus nicht im Verdachte steht, für oie Hausirer voreingenommen zu sein. Von den durch diesen Beschluß des Vereines hervorgerusenen Untersuchungen liegt nunmehr der vierte Band vor, der das Hausirgewerbe in Oesterreich behandelt. Das reiche Material, welches darin vereinigt wird, hat uns nur in dem Eindruck bestärkt, den uns die seit so vielen Jahren fortdauernde Agitation gegen die Hausirer zurückgelassen hat. Der Kampf gegen die Hausirer erscheint hier in seiner vollen Unmenschlichkeit und Zwecklosigkeit, ohne daß der Verein dies im Mindesten beabsichtigt hat, lediglich durch die Sprache der Thatsachen. Man muß lesen, was hier über die Lebenshaltung der Hausirer berichtet wird, um sich über die Niedertracht des Kampfes klar zu werden. Der Berichterstatter für Prag sagt (Seite 138 — 139): „Der tägliche Verdienst des Hausirers ist außerordentlich schwankend. Es gibt Tage, wo fast gar nichts verdient wird; dafür müssen, oder sollen andere den Ersatz bringen. Der reine monatliche Verdienst des Galanteriewaarenhausirers kann im Allgemeinen auf h ö ch st e n s 25 fl. veranschlagt werden. Er verbraucht per Tag höchstens einen Gulden, gewöhnlich aber nicht so viel. Er sucht sich die Kosten auf alle Weise zu verringern. Wo es angeht, verschafft er sich ein unentgeltliches Nachtlager oder schläft im Gasthaus in der Schank st ube, oder im Sommer auf dem Dachboden, wofür er nichts oder wenige Kreuzer vergütet." Der Referent für Nordböhmen berechnet ein Durchschnittseinkommen von 150 fl. bis 200 fl. jährlich, der Wiener Berichterstatter ein Brutto einkommen von 50 fl. monatlich, wovon doch sicherlich nicht einmal die Hälfte Gewinn sein kann. Von der Bukowina wird mitgetheilt (Seite 311 bis 3121: „Hinsichtlich der ökonomischen Verhältnisse der in der Bukowina handelnden Hausirer haben die Erkundigungen dargethan, daß die Israeliten unter denselben sich in der allerkümmerlichsten Lage befinden. Sie besitzen in der weitaus überwiegenden Mehrzahl weder ein bewegliches, noch unbewegliches Vermögen, sie leben ausschließlich vom Hausirgewerbe und, da sie meist zahlreiche Familie haben, so reicht ihr Erwerb kaum aus, ihr und der Ihrigen Leben nothdürftig zu fristen. In der Zeit von Freitag Abends bis Samstag Abends hausiren die Israeliten nicht. Es kommt vor, daß die Frau des jüdischen Hausirers daheim irgend einem Nebenerwerbe nachgeht, einen Kleinhandel mit Geflügel oder eine Greislerei betreibt und daß die Töchter als Schneiderinnen, Modistinnen, Auflegerinnen in Buchdruckereien, oder Blumenmacherinnen einigen Verdienst finden. Auch pflegen in Czernowitz die Frauen der Hausirer Comniis aus kleineren Gefrästen in Quartier und Kost zu nehmen. Die Frau eines Czernowitzer Hausirers ist Hebamme. Von einem Hausirer wurde erzählt, daß die Töchter eines seiner Berufsgenosien in einem Lake chantant Mitwirken und ihren Vater unterstützen. Doch das sind seltene Fälle und solche jüdische Hausirer gehören schon zu den besser fituirten. Ganz vereinzelt findet man solche, die einen kleinen Besitz (ein baufälliges Häuschen, das ihnen nothdürftige Unterkunft bietet) ihr Eigen nennen, oder ein ganz geringfügiges Barvermögen haben. Das sind aber, wie gesagt, seltene Ausnahmen. Die weitaus meistensind blutarmeLeute. Manchem unter ihnen ist der Hausirpaß nur einFeigenblatt, das den nackten Be ttel deckt. DieAermsten der Armen ziehen,