Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 14 Vr. »loch', Wochrnschrifl Sette 379 „Was", schrie der Amtmann, „erlaubt Ihr Juden Euch für Geschichten! Man kennt Eure Schliche. Ich muß schriftlich einen Befehl haben. Seht, daß Ihr hinaus kommt!'' Endlich ließ er sich erweichen. „Ihr, Fischl, seid ja nicht wie die anderen Betrüger, habt schon Manchem der Unserigen Gutes gethan. Auch der Pfarrer schätzt Euch und hat Euch stets gelobt. Ich werde ein Gesuch an die Kanzlei in Wien senden und hören, was an der Sache ist." Trostlos gingen sie nach Hause. Ein Gesuch! Das kann Jahre lang dauern" bis es den Weg wacht. Doch am anderen Tage ließ der Amtmann durch den Schreiber sagen, Rebekka soll das Gesuch unterschreiben, wenn sie schreiben kann. Wie soll der Kaiser, der auf seiner großen Reise so viele Menschen sieht, an irgend ein Judenmädchen denken. Rebekka kam, und ihre Schönheit, die jetzt durch die Trauer noch erhöht war, rührte auch das Herz des Mannes, und weniger schroff, als sonst seine Art war, sagte er: „Ihr sollt den Kaiser an sein Wort mahnen, damit Ihr den Jungen heiraten könnt, steht da. Unterschreibt das". Rebekka überflog dieses Gesuch. Alles was darin stand, war verkehrt und schlecht abgefaßt. Sie sollte das unterschreiben? Lieber weiter dulden. Zitternd stand sie da und große Thräuen flössen ihr aus den Augen. Nun wurde der Amtmann ungeduldig. „Wird's bald?! Euch Juden kann man nie genug thun — gibt man Euch den Finger, dann wollt Ihr die ganze Hand. Schreibt!" herrschte er, „oder es wird gar nicht abgeschickt! Was einem das Judenpack doch immer zu schaffen macht!" Da reichte er ihr die Feder, und sie tauchte sie in das volle Tintenfaß und goß den ganzen Inhalt über das Papier und noch weiter. Da kannte der Zornige keine Grenzen, und wäre nicht der Schreiber gewesen, den das arme Mädchen dauerte, es wäre ihr übel ergangen. Dieser hatte die Thür aufgemacht und sie hinausgeschoben. In derselben Nacht, im tiefsten Dunkel verließen drei Gestalten das Ghetto. Jede nach einer anderen Richtung, damit es nicht auffallen sollte. Alles mußte geheim bleiben. Dann trafen sie einige Stunden von dem Städtchen entfernt, an einem bestimmten Ort zusammen und bestiegen einen Reisewagen, der sie nach Wien führte. Dort augelaugt, begaben sie sich in die Hofburg, wo der Kaiser die Audienzen ertheilte. Jede Woche hatte Alles Zutritt, es hieß der Controlorgang. Da durfte Jeder selbst seine Bitte dem Kaiser vortragen. Die Bittenden bildeten zu beiden Seiten Spalier. Tiefe, erwartungsvolle Stille herrschte, Aller Augen waren der Thür zugewendet, durch welche der Kaiser erscheinen sollte. Am untersten Ende der lange Reihe stand Rebekka mit ihrem Vater und Bräutigam. Sie wagten kaum zu athmen. Da trat der Kaiser ein. Freundlich grüßte er, die Bittschriften da und dort entgegennehmend und mit seiner gewohnten Milde all' die Wünsche anhörend. Endlich kam er in die Nähe unserer Bittenden. Sie standen stumm und tief gebückt und kein Laut kam aus ihrem Munde. Die liebliche Gestalt Rebekka's erhob sich, die Hände ausstreckend, bittend und flehend, ihre schwarzen, thränenumflorten Augen auf den Kaiser gerichtet, rief sie „Gnade!" Sofort hatte sie der Kaiser erkannt, denn sein Gedächtniß war ein außerordentliches. „Was ist Euch geschehen?" Rebekka war nahe daran, umzusinken. Da winkte er. „Kommt hier in dies Gemach." Das Gemach, dessen Thür er selbst öffnete, war für diejenigen Armen bestimmt, die verschämt und allein dem Kaiser gegenübertreten wollten. Nach einiger Zeit trat der Kaiser ein. Rebekka hatte sich erholt. Nun durften sie ja Alles genau dem Kaiser mittheilen, ohne Jemanden anzuklagen. „Euch soll geholfen werden. Bevor ihr zu Hause sein werdet, wird der Befehl schon dort sein. Wie das doch Alles langsam geht", sagte der Monarch noch zu sich, und wie Trauer flog es über sein edles Antlitz. Wer schildert den Dank der Beglückten. „Gott helfe Euch weiter", ich freue mich mit Euch. Nicht immer ist es dem Kaiser vergönnt, glücklich zu machen und Allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber gedenkt dieser Stunde und seid milde, nachgiebig und barmherzig und haltet Frieden mit allen Menschen." — — — Mit Jubel wurden die Reisenden zu Hause begrüßt. Der Narr lief ihnen fast eine Meile weit entgegen, in Lumpen gehüllt, als wär's zu Purim, wie er sagte: „Den Haman haben wir und sachte jetzt die Mütze gezogen vor dem Juden Mordechai." Die Hochzeit wurde in Kurzem gefeiert und nicht nur die ganze Gemeinde, alle Honoratioren des Städtchens, an der Spitze der Herr Oberamtmann, zierten die Tafel. Der Vorsteher Fischl öffnete die Speicher und nicht mir die jüdischen Armen, nein, das ganze Städtchen, Die umliegenden Dörfer. Alle durften theilnehmen an der Freude, Alle wurden reichlich beschenkt. Es hieß im Namen des Kaisers, dessen Wunsch es war, daß Alle ohne Unterschied des Glaubens einig sein sollten in Leid und Freud. Zwei Jahre waren vergangen. Die Fabrik ward erbaut und viele jüdische und christliche Arbeiter fanden ihr Brot und arbeiteten fleißig. Fischl und sein Sohn waren geehrt und geschätzt, und so glücklich. Ihr höchster Wunsch ward ihnen erfüllt. Rebekka bekam einen Sohn. In ihrem Glücke dachten sie zunächst an den unvergeßlichen Kaiser. Ein Bote wurde nach Wien in die Hofkanzlei gesandt, mit der Bitte, ob sie den Knaben „Josef" nennen dürfen nach dem Kaiser? „Da schauen Sie her", sagte der Kaiser zu Rosenberg. „Nun bin ich, den so Manche für einen Ketzer halten, sogar Gevatter bei einem Judenknäblein. Sie kennen ja das Ehepaar. Antworten sie demselben, daß ich ihnen stets gewogen bleibe, ebenso meinem Pathchen. Senden Sie ihm mein Bild und diesen Ring für die Frau Gerbermeisterin." Das Bild des geliebten Kaisers wurde hochgehalten von Geschlecht zu Geschlecht, und ob auch alle Welt noch heute und besonders jetzt, den ach allzu früh Heimgegangenen Kaiser betrauert, der seiner Zeit vorangeeilt, und bei seinem Leben nicht die Anerkennung gefunden. Die Juden ehrten in unendlicher Dankbarkeit den großen Kaiser, den Menschenschützer und erzählen noch allen Geschlechtern von dem Messias, dem Erlöser, dem Befreier von falschen Vorurtheilen von Druck, Verleumdung, gegenseitiger Anfeindung des Glaubens. Und wie Voltaire ihn einst mit Spott „den König von Jerusalem!" nannte, so bleibt doch dem edlen Kaiser, der bei Allen in wahrhaft treuer Erinnerung steht, der Name eines der Unsterblichen, Unersetzlichen. Briefkasten. A. Schorr: In Döbling, Hauptstraße 37, ist eine jüdische Restauration von I. Friedmann. Dr. G. L—nn. Luther sprach nicht immer in so harten Worten von den Juden. Im Gegentheile, als er mit Rom brach,' versuchte er die Juden durch freundliches Entgegenkommen zu gewinnen. Die Mißerfolge, die er jedoch nach dieser Richtung erzielte, erfüllten ilm mit großer Erbitterung gegen die Juden. a. Die angebliche „wissenschaftliche" Thätigkeit des Pfarrer D e ck e r t diente stets rohen, gehässigen Zwecken. Das haben früher die Juden und jetzt die Protestanten erfahren. Freilich schadet ein Teckert mehr der Sache, die er vertritt, als jener, die er angreift. I. H— nn. Die herabgekommene, todtkranke „Deutsche Zeitung" sucht in eigener Weise Hilfe bei den Aerzten. Sie hetzt nämlich gegen die — jüdischen Aerztel Ihr wird es aber nicht helfen und den Aerzten nicht schaden. I. H. Die schamlose, der Wissenschaft und Humanität zur Schmach dienende Art, in der seinerzeit der arische und antisemitische Chefarzt der „Freiwilligen Rettnngsgesellschaft", Dr. v. Vargass y, die antisemitischen Tendenzen vertrat, ist noch nicht vergessen. Die Zeiten wünschen V e r g a n i und W ä h n e r mit Inbrunst zurück. Arthur M. Cicero sagte schon das treffende Wort: „Denen, welche lernen wollen, schadet oft die Autorität der Lehrenden." F. N—nn. In den „Freien Lehrerstimmen" wird Gregorig wegen seiner Aeußerung über den Lehrer P e y r l ein „frecher Verleumder" genannt. Aber er dürfte die Aufforderung des Blattes, er möge, wenn er den Muth habe, klagen gehen, kaum entsprechen. Davon wird ihn nämlich die „christliche Nächstenliebe", die er sonst vermissen läßt, zurückhalten. I. A. Was soll V e r g a n i bei einem Schriftsteller-Congreß? Wenn einmal die Plagiatoren tagen, dann hat er begründete Aussicht, zum Präsidenten ernannt zu werden. Denn solche schamlose plagiatorische Leistungen, wie er, hat kaum ein zweiter aufzuweisen. B. L. Goethe spricht mit grenzenloser Bewunderung von Baruch Spinoza. Einmal ruft er gar aus: „Heiliger Spinoza!"