Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 278 Vr. Bloch'r Wochenschrift Nr. 14 Er winkte ihr, sich zu erheben. „Ich habe einen Wunsch an Dich, Rebekka: Zum Zeichen, daß ich Dein Volk, das Jahrtausende lang mißhandelte und verachtete, werthschätze und liebe, sowie alle meine Unterthanen, zum Zeichen dafür, lass' mich Dir einen Kuß auf Deine reine Stirne drücken — ich will ihn Dir nicht rauben, sondern Du mußt ihn mir aus freien Stücken geben." „Ich will", sagte die Jungfrau und bot ihre Stirn dem Kaiser zum Kuß. „So schnell?" frug der Kaiser. „Du scheinst mir sonst stolz und spröde zu sein." »Ich küsse nicht den Mann, den Menschen, sondern die hohe Gnade des Kaisers." „Da danke ich", lächelte der Monarch. „Du bist gewiß schon verlobt?" „Zu dienen, Majestät." Das war eine Ucberraschung für den Vater sowohl, wie für die ganze Gemeinde — und staunend blickten sie um sich. Alles drängte sich hiezu, um zu hören. „Doch nicht etwa mit einem von diesen hier?" und der Monarch deutete auf die allerdings nicht sehr schönen Gestalten der armen Dorfgeher. Da zeigte sie mit dem Finger auf einen schönen, schlanken, jungen Mann, der ganz im Hintergründe stand und nicht wagte, hervorzutreten. „Wann heiratest Du?" „Wenn es Eure Majestät erlauben werden." „Ich? Wie ist das zu verstehen? Warum soll dies von mir abhängen?" „Weil man meinem Bräutigam die Niederlassung verweigert. Nach dem Gesetz soll ja die Zahl der jüdischen Familien nicht vermehrt werden, sie soll dieselbe bleiben, und mein Bräutigam hat schon einen verheirateten Bruder." „Mein liebes Kind! Du erinnerst mich eben an eine Bestlm^Mß, uns daran zweifeln läßt, ob die Gesetze von Menschen ooZX von Dämonen gegeben werden. Doch sage mir: Ist Dein Bräutigä!:' auch ein Trödeljude? Wie kannst Du Deine Hand einem Menschen geben, der sich mit Schachern und Trödeln abgibt und ehrvergessen sich überall verspotten läßt, nur um einen Gewinn zu erhoffen?" „Das ist's eben", sagte das Mädchc:?- .Mein Bräutigam ist ein Gerber. Er hat das Handwerk im Ausländ erlernt, denn hier zu Lande nahm ihn kein Meister auf, weil Jude ist. Nunmehr schließt ihn wieder die Zunft aus und verwehrt es ihm, sein Handwerk zu betreiben." „Ich aber. gestatte es sofort!" rief der Kaiser. Dann fuhr er lächelnd fort: „Mir ist es bisweilen lieber, Ihr zieht den Ochsen die Häute ab und gerbt ste, als daß Ihr mit dem ehrlosen Schacher den Bauern die Haut abzieht. In all' Eurem rechtschaffenen Thu'n sollt Ihr von mir geschätzt sein und daran denken, daß ich einen Namen aus Eurem Alten Testament führe, daß ich Josef heiße. Ich begrüßte hier Eure Gesetzrollen, ich ehre jedes Heiligthum, das in Wahrheit verehrt wird und keinen Menschen aus Haß verfolgt, weil er nicht in gleicher Weise das Gleiche leistet. Künftighin soll der Religionshaß in meinen Staaten nur durch die Verachtung bekannt sein, die ich dafür hege. Haltet fest an Euren Gesetzen und macht Euch immer mehr fähig, dessen theilhaftig zu werden, was ich für mein ganzes Volk — ohne Unterschied — im Herzen hege." Der Kaiser stieg in den Wagen, und lautlos, stumm vor Ucberraschung, stand die Menge. Dann winkte er seinem Kammerdiener; dieser entnahm dem Wagen einen Beutel und überreichte ihn dem Rabbi. „Dies für die Nothleidenden", sagte der Kaiser, und schon rollte der Wagen aus dem Ghetto. „Der Meffias ist gekommen!" schrie der Narr. „Was steht Ihr Me stumm?! Ruft doch laut: Gelobt sei Gott!" Und er machte einen Purzelsprung. Da endlich kam Leben in die Ueberraschten, und ein Jubel ertönte so laut und freudig, daß, als der kaiserliche Wagen die Höhe erreichte, der Kaiser noch herunter sah und ein sonniges Lächeln sein edles Gesicht umstrahlte. „Eure Majestät haben nun Viele glücklich gemacht", sagte Graf Rosenberg.- Laut weinend fiel jetzt Rebekka ihrem Vater um den Hals. „Verzeih, mein Vater", rief sie. „Nie hätte ich es gewagt, etwas gegen Deinen Willen zu thun — aussichtslos war unsere Liebe, die wir ja uns nicht einmal gestanden haben — ich habe gehofft, Gott wird ein Wunder thun, und Du siehst, Gott hat uns seinen guten Engel geschickt!" Doch der Vater konnte sich nicht damit so einverstanden erklären. Was hatte er für Pläne mit der einzigen schönen Tochter! Der Beste, Gelehrteste, Reichste ward ihm nicht gut genug und mm — ein Gerber! Und nicht einmal ein Bocher! Isaak war der Sohn wenig bemittelter aber sehr braver Eltern. Er hatte viel Geschwister. Der älteste Sohn übernahm nach dem Tode des Vaters das Geschäft, den alten Kleiderhandel. Der zweite, ein starker, kräftiger Junge, hatte keinen Kopf zum Lernen; so ging er nach seinem dreizehnten Jahre in die Fremde und lernte das Handwerk. Er war sonst ein kräftiger Arbeiter und dazu zeigte er Talent. Als Kind schon war er seiner Schönheit und seiner Stärke wegen sehr beliebt gewesen. Rebekka und er waren Nachbarkinder, und die Kleine spielte gern mit ihm. Er trug sie über Stock und Stein und machte ihr alle möglichen Spielereien aus Holz. Als er fort mußte, da war es ihm eigentlich nur so schwer, weil er von dem Kinde scheiden mußte und sie weinten — weinten Beide heiße Thränen beim Abschied. Sie wußten eigentlich nicht warum. „Mußt Du denn fort?" frug sie. „Die Eltern sind todt — ich muß arbeiten — ich will nicht den Sack tragen. Ich bin doch arm — Du bist schön und reich — bald wirst Du mich vergessen." „Nie", sagte das Kind. Als er wiederkehrte — schön, gesund, brav und ganz anders gebildet, wie die Anderen, da stand es fest bei ihr,st sie nimmt nur ihn. Er getraute sich nicht, auch nur annähernd mit ihr zu sprechen. Er kam so selten, nur alle 2—3 Jahre, nach Hause. Sie wurde immer schöner, immer begehrter — wie sollte Isaak es wagen, auch nur mit einem Blicke, sich ihr zu nähern; er, der arme Gerbergeselle ohne Aussicht, jemals als Meister sich irgendwo niederlassen zu dürfen in seiner Heimat, als — Jude. Doch sie sah all' das, fühlte das und schwieg. In ihrem innersten Herzen stand es fest, ihm treu zu bleiben! Hätte sie eine Mutter gehabt, ihr hätte sie vielleicht ihr Herz öffnen dürfen. Den Vater konnte sie nicht kränken! Lieber schweigen und dulden. Da kam mit einem Male das Wunder!-— Der Rabbi gebot Ruhe. Er sah und verstand am besten den Kampf der Beiden.. „Schließt jetzt die Thore. Es ist Zeit zum Abendgebet — — und Ihr, Herr Fischl, kommt jetzt auch mit. Eure Gelehrsamkeit und Wohlthätigkeit hat Gott besonders gewürdigt, indem er ein Wunder geschehen ließ. Ihr seht, der junge Mensch hätte auch nie daran gedacht, die Augen zu Eurer Tochter zu erheben, aber er muß doch ein besonderes Verdienst haben, da er von Gott so begnadigt ward. Unsere größten Gelehrten waren Handwerker. Lernen kann und wird er noch immer — dazu ist es nie zu spät. Ihr werdet sein Vater sein, sein Berather, und ich werde sein Lehrer sein, sagt Maseltow! Glück auf!" Und er nahm die Hände der Beiden und legte sie in die Hand des Vaters. „Segnet sie, mein Freund, wie ich es auch thue nnd mit mir die ganze Versammlung". „Maseltow! Glück auf!" erscholl es einstimmig. Und nun ging's in den Tempel, und die Frauen kehrten in ihre Häuser zurück. Sie fürchteten, es könnte etwas ihr Glück stören, denn draußen herrschte Lärm. Mit Musik, Tanz und Gesang durchzog man im Städtchen die Straßen, um den Tag zu feiern. Der Narr allein machte seine Sprünge und rief: „Seid froh, Herr Vorsteher, daß Rebekkchen mich nicht gewählt! Hoch das Brautpaar! Morgen wird das Geld vertheilt; der Messias ist erschienen!" * * * Monate waren seit dem Ereigniß vergangen — glückliche Tage für das Brautpaar. Doch trübte ein Schatten ihr Glück. Der gute Vater war versöhnt, lernte auch den zukünftigen Sohn schätzen und lieben. Nun sollte ein Platz gekauft werden, um eine Fabrik herzustellen, doch das Verbot war noch nicht ganz aufgehoben und kein Befehl an die Behörden gelangt. Man kam um die Heiratsbewilligung ein. Der Bescheid war ablehnend. Fischl ging mit seinem Schwiegersohn zum Oberamtmann und bat und flehte, da ja doch der Kaiser sein Wort gegeben hatte.