Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 14 Vr. Bloch'» Wochenschrift Seite 277 Feuilleton. Aus den Aufzeichnungen meiner Mutter. Von I. Oppenheim. I. Rebekka. In einer kleinen Judengemeinde unweit von Prag lebte»! die Bewohner des Ghettos unter stetem Druck, einfach und zurückgezogen, — abgeschlossen von der Welt. Von den Mühen und Lasten des Hausirhandels ermüdet, kamen sie am Freitag nach Hause, um das schwer verdiente Geld für den Sabbath zu verwenden und den Ruhetag mit der Familie zu feiern. Ein alter Rabbiner lernte die ganze Woche fleißig mit seinen Schülern, deren er viele hatte, denn er war ein gelehrter und frommer Mann. Die Schüler fanden Unterkunft in den Häusern bei den armen Leuten und die reichen gaben ihnen Freitische. Der Vorsteher der Gemeinde, ein wohlhabender frommer Mann Namens Salomon Fischt, wohnte dem Tempel und der Rabbinatsgemeinde gegenüber. Er war Getreidelieferant und genoß das Vertrauen seiner Auftraggeber. Er bewohnte das schönste Haus im Ghetto, und die höchste Zierde darin war seine einzige Tochter Rebekka. Früh starb ihm die Frau, und da seine Schwägerin, Muhme Behle, ihm die Wirthschast versah und das Kind wahrhaft mütterlich liebte und gut zu erziehen verstand, so heiratete er nicht mehr. Sein Haus war ein gastfreies und er — wohlthätig und freundlich — ein Vater der Armen. Rebekka war der Liebling — nicht nur des Ghettos — des ganzen Städchens. Sie genoß schon eine bessere Erziehung und wurde auch in profanen Gegenständen unterrichtet. S»e galt für eine kleine Gelehrte, und oft hatte der Rabbi gesagt: „Das hätte ein Junge werden sollen!" Der Vater nahm sie oft nach Prag mit, wo sie Verwandte hatten. Allgemein wurde dort ihre geradezu auffallende Schönheit bewundert. Daß sich Viele um die Hand des schönen und wohlhabenden Mädchens bewarben, war selbstredend. Sie war siebzehn Jahre alt und gab Niemandem Gehör. Der zärtliche Vater, dem es unendlich schwer ankam, das theure Kind fortzugeben, ließ ihr vorläufig ihren Willen. Da brach um das Jahr 1782 eine schreckliche Hungersnoth in Böhmen aus. Das Elend war überall groß und es betraf die Juden am meisten. Wie viel auch die reichen Glaubensbrüder thaten, der allgemeinen Noth konnten sie nicht Herr werden. Um diese Zeit besuchte Kaiser Josef ll. das Land und wollte sich mit eigenen Augen überzeugen, wie die Sachen stehen, um der Noch möglichst abzuhelseu. Von Prag aus fuhr er mit seinen Begleitern, den Grafen Rosenberg und Sonnenfeld, mit dem Wagen durch kleine Ortschaften, und da er von der kleinen jüdischen Gemeinde hörte, befahl er, dort sein Kommen für den nächsten Tag anzumelden. Man kann sich die Aufregung der armen Juden denken, als die Nachricht kam. Sie durften ja nicht aus dem Ghetto! Der Kaiser wird zu ihnen kommen, hieß es. Die ganze Gemeinde, an der Spitze der Vorsteher Fischl, versamrnelte sich bei dem Rabbi. „Der allergnädigste Kaiser Josef kommt zu uns, Rabbi, rathet — wie sollen wir ihn würdig empfangen, den Gesegneten des Herrn? Der Pfarrer und die christlichen Männer und Frauen gehen ihm entgegen und Ehrenpforten werden errichtet für den geliebten Herrscher — was sollen wir thun? Ich kann's nicht wagen, ihnen den Vorschlag zu machen, daß wir mit ihnen gehen sollen — ans zwei Gründen nicht: Erstens würden sie uns zurückweisen —" „Ei," rief da der Narr der Gasse dazwischen, „da könnt ihr den zweiten Grund in den Rauchfang hangen!" Alles lachte — auch der ernste Rabbi verzog den Mund. „Wenn sie es uns auch gewähren, sie werden uns doch höhnen und verspotten." „So hört denn meine Meinung," sagte endlich der Rabbi. „Die Gemeinde versammelt sich morgen hier in Feiertagskleidern und kommt in die Synagoge. Dann werde ich weiter bestimmen." Am nächsten Morgen ging keiner der Juden mit seinem Sack über Land, denn es war großer Festtag. In der Synagoge wurden die Gesetzrollen mit Sammet und Brocat umhüllt. Nachdem mehrere Psalmen gesungen, wurden sie den Trägern und dem Vorsteher der Gemeinde übergeben. Als erster trat der Rabbi heraus, die ganze Genieinde hinter ihm. Die Sonne beleuchtete die Kronen aut den Gesetzrollen und die flimmernden Sterne, mit denen sie geschmückt waren. Die Glocken läuteten zum Zeichen, daß der Kaiser an der Grenze angelangt war. So warteten die Juden an der Pforte des Tempels. Gegenüber, an dem Hause des Vorstehers, an der Freitreppe, waren Frauen und Mädchen versammelt, dicht gedrängt, jede wollte den geliebten Kaiser sehen. Da mit einem Male ertönte ein Jubelgeschrei! Der Wagen kommt herangerollt. Der Kaiser sitzt in der Mitte seiner beiden Begleiter. Als der Rabbi seiner ansichtig wurde, hob er die Gesetzrollen in die Höhe und sprach mit lauter Stimme: „Gelobt seiest Du, Gott, unser Herr, König der Welt, der von Seiner Majestät Theil gegeben hat, einem Menschen von Fleisch und Blut." Den Spruch wiederholte die ganze Gemeinde. Der Kaiser ließ sich den Spruch, der hebräisch gesprochen wurde, übersetzen. Als dies geschehen war, nickte er zufrieden, verließ den Wagen und sprach, wie folgt, zu der Gemeinde: „Ich liebe solche Ehrenbezeugungen nicht, — das muß ich ganz offen sagen — denn ich reise nicht durch mein Land, um euch zum Müßiggang zu verleiten, sondern vielmehr, um euch bei der Arbeit zu sehen. Nun allerdings, ihr Juden, habt noch gar wenig nutzbringende Gewerbe, und man verwirft von vielen Seiten euren Kleinhandel, was übrigens ich nicht thue, denn er belebt den Verkehr. Aber wißt ihr, an was ihr euch dabei hauptsächlich halten sollt? Ihr müßt euch eine mehr stetige, minder auf List und Betrug und Ueberredung fußende Thätigkeit zu erwerben trachten und darin sollen euch meine Gesetze schützen. Ich kann jetzt keine Bestimmung darüber treffen, in welcher Weise Jeder selig werde, aber mein Wille ist, daß Jeder nach seiner Fähigkeit glücklich werde und dafür sorge ich nach Kräften, habe auch in dieser Beziehung an euch gedacht. Biele Jahrhunderte lang habt ihr Schmach und Elend erduldet. Das soll in möglichst kurzer Zeit ein Ende haben — in meinen Landen wenigstens. Ihr sollt dann auf keinen anderen Erretter hoffen, als auf den redlichen Lohn ehrlicher Arbeit." Sodann ließ sich der Kaiser in die Synagoge geleiten und sich Alles erklären; und als er aus der Synagoge ging, sagte er, sich an den Rabbi wendend: „Ich wiederhole nochmals, daß ich keinen bürgerlichen Unterschied wegen Glaubensansichten bestehen lassen will. Aber, da möchte ich noch fragen, ob's wahr ist, daß ihr euch noch ftir das allein auserwählte Volk haltet und alle Anderen geringschätzet, weil sie nicht eures Glaubens sind?" „Hoher Herr," erwiderte der Rabbi, „es ist unser Gesetz nur für denjenigen verbindlich, der als Jude geboren ist: wir suchen nie einen andern zu bekehren, und es wäre höchst vernunftswidrig und gotteslästerlich, wenn Juden jenen geringschätzen wollten, der seine eigenen Gesetze noch liebt und unseres nicht will, das auch ihn nicht will." „Ich achte diese Treue, sie ist die höchste Tugend," sagte der Kaiser zufrieden nickend, „und man muß zugeben, daß ihr Juden sie unter tausendjährigen Martern bewahrt habt." Nun gab er das Zeichen zum Aufbruch. Da siel sein Auge auf die Freitreppe des Hauses Fischl, wo dicht gedrängt die Frauen standen. „Nun habt ihr Wünsche? Ihr schweigt?" Diesen Worten folgte ein unbeschreibliches Gedränge, ein Sumrnen und Sausen; keine wagte den Mund aufzuthnn. Da trat Rebekka hervor. Die schöne, edle Mädchengestalt beugte sich tief erröthend und sprach mit vernehmlicher Stimme und festem Tone: „Die höchste Verehrung hat kein Wort." „Ei, mein Kind, Du verstehst zu schmeicheln." Der Kaiser und seine Begleiter waren erstaunt von ihrer Anmuth und Schönheit. „Man schmeichelt der Sonne nicht, wenn man ihr still dankt, daß sie ihr Licht über alle Geschöpfe leuchten läßt." „Wie heißt Du", sagte der Kaiser, gefesselt von dem Liebreiz des Mädchens. „Rebekka, Majestät!" „Und wer ist Dein Vater?" „Ich bin es, Majestät", sagte der Vorsteher Fischl, während Rebekka tief geneigt vor ihr» stand.