Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021292--08734-3033128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 268 Ar. Vloch', »ochrnfchrist Nr. 14 „Sonderbare Deutsche das!" mag Mancher denken. Nun ja, ein wenig oder auch gar sehr sonderbar mögen sie schon sein — oder gewesen sein; denn gottlob, sie sind nicht mehr, obwohl sie Mancher heute noch gern hätte, um an ihnen ein Object seiner gründlichen Verachtung, körperlichen und geistigen Fußtritte zu conserviren. Indessen, wie all' dem auch sein mag, tüchtige Germanisten wollen gefunden haben, daß der deutsche Dialekt der Ghettobewohner so manches edle Gut des älteren Hochdeutsch gerettet haben soll, das dem neuen Schriftdeutsch verloren gegangen ist; und sicher ist, daß in diesem Dialekt sich ein reiches, ethisches Gemüthsleben ausspricht, und auch wobl mehr, als in irgend einem anderen deutschen Localdialekt scharf- und tiefsinnige Diskussionen über methaphysische, ethische, juristische Fragen (gelegentlich auch, wie es heißt, über ungelegte Eier) abgehalten worden sind. Allerdings war dieses Deutsch mit vielen Terminis gemischt, die nicht, wie wir pflegen, dem Latein oder Griechischen, sondern dem Hebräischen entlehnt waren. Neben der Sprache ist vielleicht nichts so charakteristisch für eine Genossenschaft, wie der in derselben umgehende Aberglaube. Nun, Kompert läßt uns in beide tiefe Blicke thun, und die Kenner des deutschen Aberglaubens werden staunen, denselben im Ghetto wieder zu finden. Allerdings zeigen die Juden gerade in dieser Richtung eine staunenswerthe Assimilationskraft; denn die fremden Anschauungen sind dem eigenthümlichen Gedankenbau der Juden so sehr angeeignet, daß sie hier geboren zu sein scheinen. Namentlich ist es jene tiefrührende Art des Aberglaubens, der wir im Ghetto öfter begegnen. In diesem Sinne, nämlich, daß uns Kompert Deutsche kennen lehrt, die wir vor ihm nicht kannten, ist er wirklich ein Mehrer des Deutschen Reiches. Man müßte eine wunderliche Vorstellung von dem Werden eines Dichters haben, wenn man meinen wollte, Kompert habe von Anbeginn seines Auftretens die Absicht gehabt, auf diesem Gebiete sich den Lorbeer zu erringen. Nein, innerer unbewußter Drang trieb chn in das Ghetto, in dem er die Kindheit verlebt hatte, aus dem er heraus getreten war. Hier sind seine ersten literarischen Schritte noch recht unsicher. Die Stoffe sind nicht glücklich gewählt, und sein, dem engen Leben im Ghetto entwachsener. mit unserer Cultur gesättigter Geist findet dem dortigen Treiben gegenüber nicht sogleich das richtige Gleichgewicht: er besitzt noch nicht die Kunst, sich selbst weder vorzudrängen, noch zurückdrängen zu laffen. Doch hierauf kann ich nicht eingehen; an dieser Stelle ist keine ästhetisch-kritische Betrachtung auzustellen. Was ist er der deutschen Nation geworden? Man hat Kompert „Tendenz" vorgeworfen. Als wenn es einen Dichter ohne Tendenz geben könnte! War nicht z. B. der zeitlich erste und für alle Zeit größte Tragiker Aeschylus voll von Tendenz? Jene unglückselige Romantik aber, welche meinte, der Dichter dürfe überhaupt blos nichts wollen (die eigene Nichtigkeit zum Princip erhoben!), scheint immer noch zu spuken. Also Kompert wollte etwas: die Aufhebung der Schranken des Ghetto im Geiste aller Deutschen innerhalb und außerhalb der Ghettogaffen. Und dies, sagt man, habe ihn zur Fälschung, zur Schönfärberei geführt. Wenn Idealismus Fälschung ist, so wollen wir für Kompert keine Lanze einlegen. Wer aber überzeugt ist, daß sich das Leben nicht so schlechtweg abschreiben läßt, weder in Novellen noch in Reisebildern; wer vom Dichter nicht den Schmutz, sondern die Wahrheit und Wirklichkeit fordert: der wird bei Kompert überall von der Wirklichkeit seiner Wahrheit sich überzeugt wissen. Das kann nicht leere, lügenhafte Erfindung sein! — wird er sich durchwegs sagen. Woher aber mag es kommen, dürfte sich Mancher fragen, daß diese Ghetto-Juden und -Jüdinnen Kompert's alle mehr oder weniger liebenswürdig oder bemitleidenswerth sind? Gab es denn im Ghetto keinen Schurken, keinen Wucherer und Halsabschneider? Gab es unter den „Randaren" auf dem Dorfe Keinen, der die Bauern in nichtswürdiger Weise aussog, indem er die Neigung derselben zum Alkohol ausnutzte? Und wenn es dergleichen gab, warum führt sie uns Kompert nicht ebenfalls vor? Emil Franzos (in einem Arttkel in der „Neuen Freien Preffe" vom 8. December, in welchem er auch über den Entwicklungsgang Kompert's bedeutsame Mittheilungen und Bemerkungen macht), gesteht zu (wie wohl Niemand anders können wird), daß „das jüdische Leben in Kompert's Darstellung lichter erscheint, als es tatsächlich ist; nicht etwa deshalb, weil er die Vorzüge übertreibt, nicht weil er' die Schatten und Verkehrtheiten ganz verschweigt, sondern weil er sie nicht so kräftig und nachdrücklich ausmalte, wie die Lichtseiten. Das aber war bei ihm kein Ergebniß berechnender Tendenz, sondern seines künstlerischen Naturells, seines Gemüthes, seiner Eigenart als Mensch; er konnte kein hartes Wort sagen, kein verdammendes Urtheil sprechen; das Schlechte bereitete ihm geradezu eine seelische Pein. Wohl lehrte ihn ein überaus feiner Jnstinct zwischen dem guten und dem bösen Menschen unterscheiden; aber ihm genügte dieser Schutz; er hielt sich den Bösen im Lande ferne, und in der Kunst widerstrebte es ihm gleichermaßen, einen niedrigen Charakter zu zergliedern." Dies muß wahr sein; denn Franzos muß das wissen. Doch möchte ich mir hiezu noch ein paar Bemerkungen erlauben. Wer in Kompert's Sinne die Juden aus dem Geistes- Ghetto zu erlösen, das Ghetto tendenziös schildern wollte, der hätte dasselbe realistisch nach modernstem französischen Rrcepte darstellen müssen und durfte nicht Lust erwecken, in dasselbe zurückzukehren oder darin zu bleiben. Was also führte Kompert's Feder? — Dankbarkeit! Die Liebe des jüdischen Sohnes zu seiner jüdischen Mutter, der Ghetto-Gasse. Diese führte seine Feder, weil sie seinem Geiste den Ort der Kindheit vom hellsten Sonnenlicht umwoben zeigte. Sein Blick haftete nicht an der Enge der Gasse auf dem Boden, sondern er sah vorzugsweise ihre Höhe zum Himmel, aus der ein Glanz strahlte. Wer hat denn in Kompert dieses feine ethische Gefühl entwickelt? Die deutsche Philosophie, und unsere Dichter haben natürlich ihren guten Theil daran; aber wer hat Kompert diese Denker, wer hat ihn Lessing. Schiller und Goethe verstehen machen? Kein Literarhistoriker und Aesthetiker kann sie lehren; was also hat das Verständniß derselben in ihm erweckt? Wirklich das Ghetto! Und dafür war ihm Kompert dankbar. Und nun noch eins. Daß so wenig schlechte Charaktere in den Novellen Kompert's Vorkommen, ist nicht blos für ihn, sondern für das Ghetto selbst charakteristisch. Denn Kompert hat die Stoffe nicht erfunden; dieselben wurden im Ghetto von den Eltern den Kindern erzählt. ' Von schlechten Menschen aber wird dort wenig gesprochen. Sind sie reich, so gewährt man ihnen, was man ihnen in Genossenschaften, welche ihren ganzen Bedarf durch sich selbst, durch die Beiträge ihrer Mitglieder decken müssen, gewähren muß — gewisse Ehrenstellen; aber sonst hält man sich fern von ihnen, man spricht, man erzählt nicht von ihnen. Anders mit den guten Menschen, welche durch Tugend und Gelehrsamkeit hervorragen, in Glück oder Unglück ungewöhnliches Geschick mit ungewöhnlicher Kraft trugen. Was sie sprechen, wird zum fliegenden Wort, ihr Schicksal zum Trost oder zur Warnung — von ihnen erzählt man. So hat Kompert gehört; so hat er als Dichter nacherzählt. Während er als Erzieher in einem gräflichen Hause lebte, der einzige Jude auf mehrere Meilen in der Runde, seit länger als einem Jahr hatte, er keinen Juden gesehen, da, so erzählt er von sich selbst, trat es ihm ins Bewußtsein: „Das Ghetto kam mir so fern, so verschollen vor, als wäre ich Tausende von Meilen, Hunderte von Jahren von ihm entfernt — und aus dieser Empfindung heraus erhielt es plötzlich für mich, zu meiner eigenen Ueberraschung, seine poetische Bedeutung." In jener meisterhaften, tief ergreifenden Erzählung „Der Dorfgeher" (Böhmische Juden, Ges. Werke, Bd. II) schreibt ein — wie Kompert selbst — dem Ghetto ganz entfremdetes Kind, ein Jüngling, an seine christliche Geliebte: „Ju der Seele eines solchen (hausirenden) Juden sieht es dir gar eigenthümlich aus. Stelle dir ein Buch vor, in dem du die schönsten Sachen zu lesen bekommst. Du blätterst weiter, weiter, du bist erstaunt über den herrlichen Klang tiefsinniger Melodien, die dir da entgegentönen, du weißt nicht, woher sie kommen, wohin sie gelangen. Alles gemahnt dich daran, daß du hier urkräftig Menschliches entdeckt hast, schöner und prächtiger, wie du es irgend angetroffen. — Und doch ist es nicht Einfalt und Naivetät, was du hier liest. Du liesest aber weiter — und plötzlich findest du die Blätter verklebt. Die Melodien haben aufgehört, du verlierst die Spur des wunderbaren Glaubensgeäders, du kannst nicht weiter lesen. Die Blätter hat der Schmutz des Lebens aneinander geheftet, der Gemeinheit Kleister hat sie verdichtet. Und das ist das Unheil der Ghettobewohner, daß ihr nur immer an diesen Stellen haften bleibt, weil sie euch auffallen, weil sie euer Tast- und Sehorgan zuerst beleidigen, und weil der Mensch nie gründlich sein will. Tiefer in dem Buche wollt ihr nicht forschen, und das ist euer Schade. Wir leiden nur darunter." Das ist Kompert's