Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 14 (7.4.1899)
- Date
- 1899-04-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 267 die bisher mit ihren Eltern oder Verwandten zusammen lebten, um Landconcessionen nachgesucht und sich selbstständig gemacht, ja vielfach haben sogar Colonisten auf eigene Kosten ihre Verwandten aus Rußland nach Argentinien kommen lassen. Die Colonisten sind bisher überhaupt noch nicht aufgefordert worden, ihre Schulden bei der Gesellschaft abzutragen. Auch hat ihnen Baron Hirsch vor seinem Tode 25% ihrer Schulden geschenkt. Unter solchen Verhältnissen kann es Niemand Wunder nehmen, daß die Gesellschaft heute noch mit Unterbilanz arbeitet. Daraus aber schließen zu wollen, das Unternehmen des Baron Hirsch bedeute einen Fehlschlag, wäre nach Märtens ein ungeheuerer Jrrthum. Selbst für den nur hypothetisch noch denkbaren Fall, daß alle Colonisten mit Hinterlassung ihrer Schulden die der Gesellschaft gehörigen Colonien verlassen sollten, würde die „Jewish Colonisation Association" allein aus der inzwischen eingetretenen Werthsteigerung des Grundbesitzes, ferner aus dem Umstande, daß sie das Land zu einer Zeit kaufte, als das Gold auf 350 stand, während Ende 1898 der Goldcours 270 betrug, und aus der Thatsache, daß ein großer Theil des früher jungfräulichen Bodens der Cultur erschlossen ist, so viel Vortheil ziehen, daß ihr ein Verlust in keiner Weise erwachsen kann. Der Verfasser schildert in eingehender Weise die bahnbrechenden Verbesserungen in der Technik der Organisation, die man dem Wirken der Gesellschaft verdankt, und erklärt schließlich: „Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß die beiden neuen europäischen Auswanderungsgesellschaften, welche sich gebildet haben, in ihrem eigenen Interesse diese Erfahrungen der Hirsch'schen Unternehmung sich zu Nutze machen müßten." Ein schöneres Zeugniß könnte dem Wirken der Baron Hirsch'schen Unternehmung (Betriebscapital gegenwärtig 400 Millionen Francs!) wohl nicht ausgestellt werden. Neue Ausgrabungen der englischen Palästinagesellschaft. Die Gesellschaft wünscht vor Allem die Lage der Philisterstadt Gath festzustellen. Der erhaltene Firman lautet, daß der Palästina-Explorationsfund in dem Gebiet zwischen Tell-es-Safije im Norden und Bet Dschibrin im Süden an mehreren, mit Namen aufgeführten Rniuenstätten Nachgrabungen veranstalten dürfe. Stets muß ein Aufseher der Regierung bei den Arbeiten zugegen sein, alle beweglichen Funde müssen an das Museuul iit Constantinopel eingeliefert werden. Dr. Bliß hat die Arbeiten auf dem Tell-Z rkarja, 8 Kilometer östlich von Tell-es-Safije, im Wadi-es-samt, begonnen. Der Hügel erhebt sich mehr als 100 Meter über den im Halbkreis ihn umgebenden Thalgrund. Seine obere Fläche ist in ansehnlicher Größe künstlich geglättet; an ihrem Nordostrande fällt eine neue Anhöhe in die Augen, die sich als ein altes, ganz auf den Felsen gebautes Kastell mit mehreren vorsvringenden viereckigen Thürmen ausweist. In seinem Innern befinden sich Cisternen, Weinpressen und andere Spuren künstlicher Bearbeitung des Felsens. Der Schutt liegt etwa 4—5 Meter hoch, unter ihm haben sich Mauern, Gräben, Cisternen, namentlich auch viele kleine bewegliche Dinge gefunden, wie Ziegel, Thonscherben, Gefäße. Auf manchen Funden sind auch phönicische Schriftzeichen, ähnlich denen des Mesasteins entdeckt worden. Am Abhang des Hügels sind überall Gemächer in den weichen Kalkfelsen eingehauen worden, gleich denen, die sich in Bet Dschibrin finden. Von den Funden werden Abdrücke und Zeichnungen angefertigt. Ob dieser Hügel wirklich einst die Stadt Gath trug, läßt sich bisher nicht beweisen. Der gegenwärtige Name des Platzes ist nicht alt. Denn eine halbe Stunde nordöstlich, jenseits des Thales, liegt ein kleines Dorf, Zakarja; es ist der nächste bewohnte Platz neben dem Hügel, und dieser hat, wie es scheint, von dem Dorfe seinen heutigen Namen erhalten. Auf Tell-es-Safije zu graben, wird es schwieriger sein. Dort liegt ein Dorf mit kleinen Gärten und vielen aus Steinen anfgeführten Gehegen. Auf der höchsten Stelle, an der das Wichtigste zu vermuthen ist, sind moderne türkische Gräber, dazu ein Makam, d. h. das Grab eines muslemischen Heiligen mit einer Kubbe, die als Moschee dient. Dort werden die Einwohner ebenso wenig wie in ihren Häusern Nachgrabungen gestatten. Der jüdische Adel in Rnstland. Der dirigirende Senat in Petersburg hat jüngst eine Entscheidung, betreffend die Berechtigung von Personen mosaischer Confession zur Erwerbung des erblichen Adels getroffen. Die Frage war an den Senat gelangt, weil die Versammlung der Smolensker Deputation sich geweigert hat, den Collegienrath und Ritter des Wladimirordens 4. Classe Grünkraut in die Listen des adeligen Geschlechtsbuches einzutragen und dieser über diese Handlungsweise beim Senat Klage geführt hatte. Der Senat entschied, daß das Gesetz „den Depntirtenversammlungen nicht das Recht zuerkennt, Gesuche von Bittstellern um Eintragung in das Geschlechtsbuch abzuschlagen aus anderen Gründen, als solchen formaler Natur". Personen jüdischer Confession, die dem russischen Unterthanenverbande angehören, unterliegen den allgemeinen Gesetzen in allen den Fällen, für die keine besonderen Regeln aufgestellt sind. In Bezug auf die Erwerbung des erblichen Adels und das daraus entspringende Recht der Eintragung in das Adels-Geschlechtsbuch, das einzig zu dem Zweck geführt wird, jedem adeligen Geschlechts die Möglichkeit zu gewähren, seine Würden und Titel erblich fortzuführen, sind keinerlei Einschränkungen in Bezug auf die Juden im Ständerecht enthalten. Daher und in Erwägung ziehend, fährt der Senat fort, daß das Recht auf Eintragung in das adelige Geschlechtsbnch zuerkannt ist, und daß zur Verwirklichung dieses Rechtes das Gesetz es dem Bittsteller anheimstellt, nach eigenem Ermessen das Gouvernenlent zu wählen, zu dem er verzeichnet sein will, hat der Senat die in dieser Angelegenheit getroffene Verfügung des Smolensker Adelsconvents für ungerechtfertigt gefunden und bestimmt in Folge dessen, diese Verfügung aufzuheben und dem genannten Adelsconvent vorzuschreiben, in Sachen des Gesuches des Collegienrathes Grünkraut eine neue Verfügung zu treffen. Das Spinozahaus in Rijnsburg. Am 24. März wurde in dem etwa 20 Minuten von Leyden entfernten Dorfe Rijnsburg das kleine Haus, in dem der Philosoph Benedict Spinoza von 1661—1663 nach der Ueberlieferung gewohnt hat, für das Publicum nach Abhaltung einer passeilden Feierlichkeit zur Besichtigung geöffnet. Daß Spinoza gerade in dieses Dorf sich zurückgezogen hat, war die Folge seiner Verbannung aus Amsterdam, denn der große Philosoph war nicht nur bei seinen eigenen jüdischen Glaubensgenossen verhaßt und von ihnen gemieden, sondern auch die strengen Calvinisten sahen in ihm eine Offenbarung der Hölle; das Häuschen, das er hier bewohnte, gehörte ursprünglich einem Frauenkloster, das aber während der Reformation aufgehoben wurde und nach dem Tode der letzten Aebtissin (1620) in den Besitz der Familie des großen Jan de Witt überging. Es ist deshalb nicht unmöglich, daß der auf freisinnigem Standpunkte stehende Rathspensionär dem großen Denker sowie andern „Collegianten" hier eine Freistätte angeboten hat. Da das Testament Spinoza's noch erhalten ist und ebenso das notariell beglaubigte Verzeichniß seiner Nachlassenschaft, so konnte in dem Häuschen auch Alles wieder in den ursprünglichen Zustand hergestellt werden, in dem Spinoza es bewohnt hat. An dem Giebel befindet sich eine Inschrift des Inhalts, daß der Unverstand der Menschen die Erde, die ein Paradies sein könnte, zur Hölle mache; im Innern sieht man zunächst den Bücherkasten, der Spinoza's Bibliothek, meist hebräische Bücher, barg, dann den Schreit Usch, dessen sich der Philosoph bediente, und ebenso soll hier auch das Werkzeug, mit dem Spinoza als Brillenschleifer seinen Unterhalt verdiente, einen Platz finden. Die Festrede hielt der Professor der Philosophie an der Universität Leyden, Bolland, der sein Leben und seine philosophische Bedeutung in kurzen, kräftigen Zügen schilderte; interessant dabei war die Darstellung des Standpunktes, den spätere Philosophen: Leibnitz, Kant, Herder, Jacobi, Schelling und Hegel dem Spinozismus gegenüber einnahmen. Der Banquier G. Rosenthal in Amsterdam hat das Häuschen vor einigen Jahren gekauft, im Stile des 17. Jahrhunderts restauriren lassen und es dem Verein „Spinozahaus" geschenkt. Halm Steinthal über Leopold Rompert*). Die That, wegen der ihm „die Nation" ein ehrenvolles Andenken bewahren wird, ist die, daß er an die Thore des Ghetto's geschrieben hat: Tritt ein! auch hier wohnen Deutsche. *) Aus der in Berlin erscheinenden trefflichen „Wochenschrift", redigirt von Dr. Barth.